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66. Emmanline

  Emmanline wusste, was sie erwarten würde, wenn sie den Ort erreichte, denn sie kannte es. Sie wusste Bescheid, wenn der Tod um sie herum war. Sie konnte es spüren, und je n?her sie kam, desto schlimmer wurde das Gefühl. übelkeit stieg in ihr auf, und es kostete sie gro?e Mühe, sich nicht übergeben zu müssen. Früher hatte sie hart lernen müssen, gegen all die Gewalt und die Furcht anzuk?mpfen. Es war nie leicht gewesen. Wie oft w?re sie in diesem Moment gerne umgekehrt und w?re vor allem geflüchtet, was auf sie zukam?

  Leid, Kummer und Schmerz erdrückten Emmanline und lasteten schwer auf ihrem K?rper. Es war so überw?ltigend, dass es sie gro?e Anstrengungen kostete, ihren Atem unter Kontrolle zu behalten. All diese Gefühle stürmten auf sie ein, doch ihre Schritte wurden dadurch nicht langsamer. Es war wirklich erstaunlich, welche Leichtigkeit sie beim Laufen verspürte. Es war ein Teil von ihr… genau wie die Natur selbst. Sie fühlte sich frei und voller Energie. Selbst damals, als sie vor dem Drachen geflüchtet war, hatte eine unendliche Freiheit und Energie sie durchflutet, mit der sie zun?chst nichts anzufangen wusste. All das konnte sie jetzt bündeln und endlich das sein, was sie wirklich war.

  Ohne zu wissen, wie lange Emmanline schon gelaufen war, nahm sie pl?tzlich verschiedene Gerüche wahr. Es waren so viele, dass sie nicht jedes Einzelne h?tte benennen k?nnen, doch eines stach überall heraus… Blut. überall verbreitete sich der Geruch von Blut. Metallisch… selbst sie konnte es mit ihrer weniger empfindlichen Nase wahrnehmen. Es graute ihr vor dem, was sie erwarten würde, aber sie kehrte nicht um. Nein, das würde sie nicht tun. Sicher, sie war nicht dazu verpflichtet und h?tte jedes Recht der Welt gehabt, einfach zu gehen, doch sie konnte nicht zurück. Es widerstrebte ihr zutiefst. Schlie?lich k?nnte Emmanline es mit ihrem eigenen Gewissen nicht vereinbaren, all das Leid und den Schmerz einfach zu ignorieren. Immerhin hatte sie sich selbst geschworen, nie wieder davonzulaufen. Nie wieder. Dieses Versprechen musste sie mit allen Mitteln halten, auch wenn es ihr widerstrebte. Wahrscheinlich lag es einfach in ihrer Natur, dass sie nicht anders konnte, als zu helfen. Genau wie der Drache es einst zu ihr gesagt hatte.

  Aus dem Wald rennend, blieb sie am Rand stehen. Vor ihr erstreckte sich ein breiter Pfad, der von hohen Felsw?nden umgeben war. Taumelnd und voller Entsetzen kam sie zum Stehen. Emmanline hatte gewusst, was auf sie zukam, aber es jetzt mit eigenen Augen zu sehen, war schockierend und furchtbar zugleich. Kummer und Klagen erfüllten die Luft. Schmerz und unendliche Wut zeichneten sich in den Gesichtern aller Beteiligten ab. Vor ihr breitete sich ein notdürftiges Lager aus, in dem Verletzte behandelt wurden oder sich ausruhen konnten. Normalerweise heilten sich die Unsterblichen selbst, doch schwerwiegende Verletzungen brauchten Zeit… Zeit, die manche nicht mehr hatten.

  Mit vorsichtigen, kleinen Schritten ging Emmanline weiter. Sie lie? den Blick umherschweifen. Sofort trafen sie Blicke voller Wut, Misstrauen und Vorsicht, doch sie schreckte nicht zurück. Sie suchte die Frau, die sie einfach hatte stehen lassen.

  ?Wer bist du?“ Pl?tzlich war sie von t?dlich wirkenden Kriegern umzingelt, die in ihr eine Bedrohung sahen. Sogar Schwertklingen waren auf sie gerichtet. Sie konnte verstehen, dass sie sie so drohend und misstrauisch ansahen. Immerhin war sie in ein Lager voller Drachen eingedrungen… eine Zufluchtsst?tte.

  ?Rührt sie nicht an!“ Ein Mann stellte sich schützend vor Emmanline. Sein langes kohlrabenschwarzes Haar verriet ihn sofort. ?Verflucht, was habt Ihr hier verloren?“ Er drehte sich grimmig und mit glühenden grüngoldenen Augen zu ihr um. Er war einer der Zwillinge, mit dem sie sich vor wenigen Tagen auf der Gartenbank unterhalten hatte.

  ?Ich habe sie hierhergebracht, Cyrill“, antwortete Aiden für sie, als er aus dem Dickicht trat und sich neben sie stellte.

  Der Mann vor ihr knurrte Aiden bedrohlich und wütend an. ?Bist du noch bei Sinnen?“, schrie er ihn an. ?Lucien wird dir den Kopf abrei?en, wenn er erf?hrt, dass sie hier ist.“

  Erneut ging es um ihn. Das ?rgerte Emmanline ma?los. ?H?rt auf damit. Alle beide!“, funkelte sie die beiden M?nner wütend an, die sie nun überrascht ansahen. ?Ich bin nicht hierhergekommen, um mir anzusehen, wie ihr euch die K?pfe einschlagt.“ Provokant verschr?nkte sie die Arme vor der Brust. Sie konnte es einfach nicht fassen. Wie konnten sie in diesem Moment nur darüber streiten, was sie hier zu suchen hatte?

  Aiden grummelte neben ihr. ?Wo ist Lya?“, wandte er sich an den Mann. ?Irgendwas ist passiert?“

  Das Gesicht des Mannes verzog sich zu einem leidvollen, mitfühlenden Ausdruck. ?Ian wurde schwer verwundet. Es sieht verdammt übel aus.“ Schmerz und Wehmut schwangen in seiner Stimme mit.

  ?Verfluchte Schei?e“, knurrte Aiden.

  Emmanline war geschockt und stürmte sofort an allen vorbei. Sie musste sie finden. Warum verspürte sie nur diesen starken Drang, diese Frau zu finden? Sie konnte nichts tun. Es war ihr Gef?hrte, den sie über alles liebte… er war schwer verwundet. Diese Frau musste vor Schmerz und Kummer vergehen. Am Ende konnte Emmanline ihr nicht helfen, aber sie musste zu ihr gelangen. Keiner hielt sie auf, und sie war wirklich dankbar dafür. Natürlich waren alle Blicke auf sie gerichtet, die dazu in der Lage waren. Eine Fremde. Hier lagen so viele Schwerverletzte mit unz?hligen Wunden, die ihre K?rper verunstalteten. Selbst Frauen und Kinder waren unter den Opfern, und Emmanline kam aus dem Entsetzen nicht mehr heraus. So viel Leid hing in der Luft, und der Tod wandelte durch dieses Lager, was ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Die Schmerzenslaute und das Weinen verschlimmerten die t?dliche Atmosph?re noch. Wenn ihr niemand half, musste sie eben allein suchen. Sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren.

  Ihr Kopf schmerzte fürchterlich, und Emmanline fühlte sich schrecklich. Sie bekam kaum noch Luft. Was stimmte nur nicht mit ihr? So hatte sie sich noch nie gefühlt. Noch nie so elend. Dieses Bedürfnis, all dem zu entfliehen, war überm?chtig, aber sie konnte nicht gehen. So sehr sie es auch wollte… ihr K?rper schien einen eigenen Willen entwickelt zu haben.

  Mit einem Mal wurde Emmanline am Oberarm gepackt, und sie zuckte zusammen. ?Hier entlang. Ich bringe Euch hin“, sagte der Mann, der eine auffallend h?fliche Ausdrucksweise an den Tag legte, und zog sie in eine andere Richtung. Je weiter sie in das Lager vordrangen, desto mehr Zelte waren aufgestellt, und desto schockierter war sie. Auf das, was sie bis jetzt gesehen hatte, war sie nicht vorbereitet gewesen. Noch mehr Kinder waren von all dem betroffen.

  ?Oh mein Gott. Was… was ist hier… geschehen?“, kam es erstickt über ihre Lippen und wurde zu einem Flüstern, w?hrend sich ihre Augen vor Entsetzen weiteten.

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  ?Sie haben auf ihrem Weg D?rfer zerst?rt und vor nichts haltgemacht“, antwortete er wütend.

  ?Für… all das waren die Lykae verantwortlich? Bei… Kindern?“ Ihr Herz begann zu bluten, denn nichts und niemand durfte unschuldige Kinder anrühren.

  Er musste ihr nicht antworten… Emmanline kannte die Antwort ohnehin… aber warum sollten die Lykae das tun? Dieses Volk war dafür bekannt, niemals Kinder anzugreifen. Sie waren wehrlos und hilflos. Aus diesem Grund verstand sie es nicht. Ihr tat das Herz weh, als sie das Weinen der Kinder h?rte, wie sie vor Angst Schutz suchten oder ihre K?rper zitterten. Sie mussten furchtbare Angst haben, und wenn sie daran dachte, was sie alles hatten mit ansehen müssen, drehte sich ihr der Magen um. Die Erwachsenen taten alles, um sie zu tr?sten und zu beruhigen.

  Es kostete Emmanline gro?e Mühe, ihren Blick von der schrecklichen Wahrheit loszurei?en, die um sie herum herrschte. Sie waren stehen geblieben, und jetzt wurde sie ihrer Umgebung erst wieder richtig bewusst, als sie eine Frau vor sich sitzen sah, die bittere, flehende und schmerzvolle Worte von sich gab. Die Tr?nen rollten regelrecht über ihre ger?teten Wangen. Ein Mann lag vor ihr, und er sah sehr schlimm aus. überall Blut, und seine Verletzungen wirkten b?se. Der Mann neben ihr hatte nicht übertrieben. Dieser Mann war übel zugerichtet und zerfetzt… es schien ihm sehr schlecht zu gehen. Emmanline hatte das Gefühl, dass er im Sterben lag. Diese Frau wusste, dass ihr Gef?hrte dem Tode nahe war und sie ihn für immer verlieren würde.

  Emmanline riss sich von ihm los und ging die letzten Schritte zu der blauhaarigen Frau hin, um sich ihr gegenüber hinzuhocken… der Mann lag zwischen ihnen. Aufgel?st schauten sie zwei azurblaue Augen an, mit dunkelblauen und leicht grünlichen Sprenkeln. Eigentlich steckten in ihnen viel W?rme, aber diesmal waren sie gequ?lt und voller Trauer. Emmanline konnte jede einzelne Gefühlsregung dieser Frau spüren und sehen.

  ?Was… was tust du hier, Emmanline? Du darfst nicht hier sein“, flüsterte sie erstickt und schluchzend. Emmanline verstand sie kaum… der starke Gefühlsausbruch machte ihre Worte fast unverst?ndlich.

  ?Ich bin dir gefolgt“, antwortete Emmanline leise, w?hrend sie den Mann vor sich begutachtete. Es sah wirklich nicht gut um ihn aus. Irgendetwas musste sie doch tun k?nnen. Aber was? Emmanline wusste… wenn dieser Mann starb, würde sich vieles entscheidend ver?ndern. Sie alle würden nicht nur ihn verlieren, sondern auch sie. Sie hatte geh?rt, dass Drachenpaare einander in den Tod folgten, wenn der Gef?hrte oder die Gef?hrtin starb… nach einiger Zeit erlosch auch das Leben des Zurückbleibenden. So war es bei der Mutter des Drachen gewesen. Das Schlimmste jedoch… die beiden hatten eine kleine Tochter. Wenn ihre Eltern starben, würde es ihr das Herz brechen. Das konnte Emmanline nicht zulassen.

  Ihr war bewusst, dass die Frau mit den H?nden auf seiner Brust versuchte, ihn... so gut es ihr m?glich war... am Leben zu erhalten. Mit ihrer Gef?hrtenverbindung. Sie klammerte sich an seinen letzten Funken Leben und versuchte, ihm ihre eigene Lebenskraft zu geben, doch es würde nichts nützen. ?Würdest du mir vertrauen?“, fragte Emmanline und schaute erwartungsvoll zu ihr auf. In ihren Augen lagen Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit.

  überrascht und verwirrt blickte die Frau sie an. Sie schien in Emmanline etwas zu erkennen, das sie zum Nicken brachte. ?Ja, das tue ich.“

  ?Halte ihn so lange am Leben, wie du kannst“, sagte Emmanline und stand auf. ?Ich bin sofort wieder zurück.“

  Sie wandte sich ab und rannte davon. Niemand sprach sie an oder hielt sie auf… genau das, was sie jetzt brauchte. Sie konnte es nicht gebrauchen, dass sich ihr jemand in den Weg stellte. Sicher wurde sie verfolgt und im Auge behalten, aber sie ignorierte es. Sp?ter konnte sie sich darum kümmern, wie ver?rgert sie darüber war. Sie konnte ohnehin nicht entkommen.

  Zum Wald zurückgekehrt, suchte Emmanline sich einen ruhigen Platz, der ihr für einen Moment Gelassenheit und Zufriedenheit schenkte. Das brauchte sie jetzt. Sie hatte beschlossen, sich von ihren Instinkten leiten zu lassen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto komplizierter wurde alles, und sie konnte so keine L?sung finden. Etwas anderes blieb ihr ohnehin nicht übrig, als sich einfach leiten zu lassen. Es war einen Versuch wert… und sie hatte das ahnende Gefühl, dass sie etwas bewegen konnte. Ja, sie konnte es.

  Vor einem alten Baum kniend, legte Emmanline beide H?nde auf den dicken, rauen Stamm und schaute zur dichten Baumkrone hinauf. Die Bl?tter leuchteten in einem saftigen Grün, das die Sonne besonders zur Geltung brachte. Fest konzentrierte sie sich auf diesen uralten Baum, senkte den Kopf und legte die Stirn an die raue Rinde. Langsam schloss sie ihre Augen, w?hrend sie ihr ganzes Sein ?ffnete. ?Bitte helft mir. Ich brauche eure Hilfe, ihr G?tter der Natur“, flüsterte sie in Gedanken und hoffte inst?ndig, erh?rt zu werden. ?Ich wei?, ich darf eigentlich nicht darum bitten, aber ich muss es tun. Ich brauche das Leben.“

  Einen Augenblick lang glaubte sie, niemand würde sie erh?ren, bis ein Wispern antwortete. ?Du bittest uns darum, dir Leben zu schenken, damit du Leben geben kannst?“ Die Stimme klang hart.

  ?Ja, genau darum bitte ich. Ich muss helfen.“ Vor ihrem inneren Auge erschienen kleine Wesen aus reiner Energie. Ihre Gestalten waren von einem schimmernden, gelben Licht umhüllt und kaum zu erkennen. Sie machte sich keine Mühe, sie genauer betrachten zu wollen.

  ?Was willst du uns bieten, wenn wir dir helfen?“, wisperte eine m?nnliche Stimme.

  Emmanline wusste, dass es nicht einfach werden würde, doch sie konnte nur etwas zurückgeben. ?Ich will heilen k?nnen. Ich spüre in mir, dass ich dazu f?hig bin, aber ich kann es nicht ohne einen Tausch. Die Energie... die kann ich geben.“

  Jemand lachte, und das Echo schallte in ihrem Kopf wider. ?Für eine Elfe bist du sehr unwissend. Natürlich besitzt du die Gabe zu heilen. Jede Elfe kann das.“ Bittere Galle stieg in ihr auf, als sie diese Anspielung auf ihre Herkunft h?rte. Was konnte sie denn dafür, dass man ihr nie die Chance gegeben hatte, dieses Wissen zu erlangen?

  ?Schweig!“, gebot eine herrische Stimme. ?Ich kann aus deinen Gedanken entnehmen, dass du von deinen eigenen F?higkeiten und Gaben keinerlei Ahnung hast. Stimmt das, M?dchen?“ Sie wartete keine Antwort ab, sondern sprach einfach weiter. ?Ich sehe, die Drachen tragen die Schuld daran, und dennoch willst du ihnen helfen? Sie haben es nicht verdient... nicht von dir. Doch ich erkenne deine Entschlossenheit. Warum?“

  ?Ich kann es nicht genau sagen. Tief in mir spüre ich, dass ich es tun muss. Wenn mir die Gabe zu heilen wirklich angeboren ist, dann habe ich sie bisher noch nie angewendet.“ Emmanlines Herz schlug immer schneller. Ein l?ngeres Schweigen breitete sich aus. Eigentlich hatte sie keine Zeit dafür... jemand brauchte sie dringend.

  ?Ich verstehe“, erklang eine neue Stimme. ?Du willst unsere Hilfe nur, weil du Angst hast, einfach zu nehmen. Wir Waldgeister profitieren seit Ewigkeiten von euch Elfen. Nur so k?nnen wir überleben. Ihr schenkt der Natur Leben, und das ist euch heilig. Durch die Kr?fte der Heilung nehmt ihr Energie aus der Natur... und irgendetwas stirbt dabei ab. Doch ihr gebt immer auch einen Ausgleich... Leben nehmen bedeutet zugleich Leben geben. Du hast bereits bewiesen, dass du Leben geben kannst. Du brauchst unsere Erlaubnis nicht mehr, Elfe. Tue, wofür du bestimmt und geboren wurdest.“ Die Stimme verklang, und die Gestalt verschwand.

  ?Eines Tages wirst du wissen, wofür du geboren wurdest. Du bist etwas Besonderes. Denke stets daran.“ Nacheinander verblassten alle Gestalten. Emmanline wollte nicht darüber nachdenken, was sie damit meinten.

  Mit einem Mal riss Emmanline ihre silbernen Augen auf und sprang ruckartig auf... nur um sich blitzartig umzudrehen. Sie h?rte Stimmen, die auf sie einredeten, doch sie konnte ihnen beim besten Willen nicht erz?hlen, was gerade geschehen war. Sie hatte keine Zeit und rannte in Eile zurück.

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