?Was… ist passiert?“ Emmanline ging besorgt auf die Frau zu.
Ein weiteres Schluchzen erschütterte sie. ?Ich muss zu ihm. Es… es tut mir leid, Emmanline, aber ich muss gehen. Mein Gef?hrte braucht... mich. Oh, ihr heiligen G?tter... bitte nehmt ihn mir nicht.“
Sie trat einen Schritt zurück. Im selben Augenblick sprühten regenbogenfarbene Funken um ihren K?rper, und Emmanline wusste, was geschehen würde. Hastig brachte sie sich au?er Reichweite. Zeit und Herz schienen gleichzeitig stillzustehen. Sekunden sp?ter stand dort, wo eben noch eine wundersch?ne Frau mit meerblauen Haare stand, ein gro?er meerblauer Drache. Ihre azurblauen Augen waren von einer atemberaubenden Sch?nheit… und doch lag in ihrem Funkeln nichts als Trauer und unendlicher Schmerz. Dann stie? sie sich mit voller Kraft vom Boden ab und schoss mit einem immensen Druck in den Himmel empor, was Staub und ihr schneewei?es Haar aufwirbeln lie?. Blitzartig verschwand sie am Horizont.
?Warte doch!“, schrie Emmanline ihr hinterher und setzte ihr nach. Sie kam nur wenige Schritte weit, bevor sich pl?tzlich zwei Arme wie eiserne Klammern um sie schlossen. ?Nein, lasst mich los!“ Sie wehrte sich mit H?nden und Fü?en. Ein brennender Drang wuchs in ihr, unaufhaltsam, zwingend… sie musste ihr folgen. Doch die muskul?sen Arme hielten sie fest, wie Stahlfesseln, denen sie nicht entkommen konnte.
?Es ist verboten, dass Ihr das Terrain verlasst. Auf Befehl von Lucien“, ert?nte hinter ihr eine tiefe, emotionslose brummende Stimme, die sie noch nie zuvor geh?rt hatte.
Augenblicklich erstarrte Emmanline. Eine G?nsehaut kroch über ihren gesamten K?rper. Z?gernd wagte sie einen Blick über ihre Schulter, als ein paar wei?e Str?hnen ihr ins Gesicht fielen. Ein riesiger Mann hielt sie fest. Kahlgeschorenes Haar, breite Schultern, eisblaue kalte Augen. Er war mit Sicherheit über zwei Meter gro?.
Warum mussten alle Drachen immer eine derart anormale K?rpergr??e besitzen? Egal ob in Drachenform oder als Mensch.
Sein K?rper strotzte vor Muskeln, seine Pr?senz verstr?mte blanke Mordlust. Doch was ihr den heftigsten Schauer über den Rücken jagte… und ihn noch gef?hrlicher wirken lie?… war die gekreuzte Narbe in seinem Gesicht. Sie zog sich von beiden Seiten seiner Stirn herab, kreuzte sich über der Nasenwurzel und verlief weiter zu seinen Wangen. Diese Narbe konnte nur aus einem schweren Kampf stammen. Für einen Mann wie ihn war sie kein Zeichen von Unachtsamkeit... sondern von überleben.
Trotz allem zwang Emmanline sich, nicht auf die blasse Narbe zu starren, die sich scharf von seiner dunklen Haut abhob. Stattdessen hielt sie seinen t?dlichen Blick fest, klammerte sich daran, als k?nnte sie ihn damit bezwingen. ?Lass mich los. Ich… ich muss ihr folgen.“ Erst jetzt begann sie sich wieder zu wehren, als h?tte sie sich aus einer l?hmenden Starre befreit. Ihr Blick verh?rtete sich, wurde verbissen und ernst. Der Drang, der Drachin zu folgen, war so überw?ltigend, dass sie bereit gewesen w?re, sich allem entgegenzustellen.
?Ich kann Euch nicht gehen lassen“, erwiderte er im kalten h?flichen Tonfall, der unerbittlich war. Er brauchte keine Anstrengung, um sie zu halten, als w?re sie nur ein kleiner Grashalm. Bei einer falschen Bewegung k?nnte er sie zerbrechen.
?Ich muss!“ Ihre Stimme überschlug sich, wurde hysterischer.
Emmanline sah, wie er die Stirn runzelte und sie prüfend musterte. ?Warum seid Ihr so aufgebracht? Warum wollt Ihr ihr folgen?“ Er stellte die Frage, obwohl er die Antwort offenbar l?ngst kannte.
?Ich wei? es nicht“, presste Emmanline mit zusammengepressten Z?hnen hervor. ?Ich wei? nur, dass ich... ihr folgen muss. Irgendetwas stimmt nicht. Sie war voller Schmerz... und Leid.“ Sie zappelte erneut, doch seine Arme gaben keinen Millimeter nach. ?Bitte“, flehte sie, ?bevor… es zu sp?t ist.“ Sie konnte nicht erkl?ren, woher dieses Wissen kam… nur, dass etwas Schreckliches geschehen würde, wenn sie die Drachin ziehen lie?.
?Lass sie los, Segan.“ Eine weitere Stimme erklang. Diese erkannte Emmanline sofort.
Aiden.
Augenblicklich lie? der Mann sie frei. Emmanline drehte sich hastig um. ?Aiden, ich muss…“ Ihre Stimme brach und wurde zu einem Flüstern.
?Was ist passiert, Emmanline?“ Aiden trat n?her und berührte sie federleicht am Oberarm. Ihr stockte der Atem, als sie den feurigen Blick sah, mit dem er sie ansah. Erinnerungen dr?ngten sich ihr auf… an seine Worte, an den Moment in ihrem Zimmer, als er sie bedr?ngt hatte. Wie er gesagt hatte, dass er sie wollte. Dass er sie liebte. Irgendwie hatte sie all das verdr?ngt. Vielleicht, weil sie ihn seitdem kaum noch gesehen hatte. Als w?re er ihr bewusst aus dem Weg gegangen.
?Ich … ich wei? es nicht“, sagte Emmanline leise. ?Aber ich wei?, dass ich ihr hinterher muss. Bitte, Aiden. Ich muss.“ Ihr Blick huschte immer wieder zu der Stelle, an der die Drachin verschwunden war.
?Gut.“ Seine Stimme war fest. Aiden wandte sich an den anderen Mann. ?Segan, kehr zu deinem Posten zurück. Danke. Du hast deine Pflicht erfüllt. Ab jetzt übernehme ich.“ Einen Moment lang blieb der W?chter regungslos stehen, dann nickte er und verschwand wortlos. ?Lass uns gehen.“ Aiden sah Emmanline entschlossen an. ?Ich werde dich nicht allein gehen lassen. Ich begleite dich.“ Es war keine Bitte… es war eine Entscheidung.
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Emmanline h?tte widersprechen k?nnen. Doch erstens wusste sie, dass er sie niemals allein ziehen lassen würde. Eher würde er sie festhalten. Und zweitens hatte sie keine Zeit zu verlieren. Also stimmte sie zu, weil es ihr im Augenblick egal war.
Blitzartig drehte Emmanline sich um und rannte los, als w?re der Teufel pers?nlich hinter ihr her. Sie konnte nicht fliegen… aber am Boden war sie schnell. Sicher, sie h?tte Aiden bitten k?nnen, sie durch die Lüfte zu tragen. Doch das würde sie niemals tun. Das war absolut keine Option für sie. Also rannte sie und rannte. Geradewegs in die Richtung, in der die Drachin verschwunden war, und ihr Gefühl leitete sie wie ein Kompass.
Aiden
Aiden war sprachlos, als Emmanline einfach davonstürmte. Einen Herzschlag lang blieb er stehen, vollkommen perplex über das Tempo, das sie vorlegte… als w?re der Teufel pers?nlich hinter ihr her.
Eigentlich war er nur ins Schloss zurückgekehrt, weil er noch etwas hatte erledigen müssen und Charia gebeten hatte, in seiner Abwesenheit ein Auge auf alles zu haben. Kaum war er hier angekommen, hatte er Emmanlines Stimme geh?rt. Diese zarte, sanfte Stimme, die ihn jedes Mal innehalten lie?. Doch diesmal lag Panik darin. Reine, unverkennbare Angst. Also war er dem Ger?usch gefolgt. Aus einem tiefen, unerkl?rlichen Grund spürte Aiden, dass etwas in Emmanline sie dazu trieb, Lya hinterherzujagen. Und ja… er hatte gesehen, wie die Drachin davongeflogen war. Ebenfalls, als w?re der Teufel hinter ihr her. Die Luft selbst hatte von Panik vibriert. Angst, roh und schneidend. Sie war eindeutig von Lya ausgegangen. Irgendetwas war geschehen. Und es musste schrecklich gewesen sein. Das schien selbst Emmanline zu spüren.
Aiden verlor keine Zeit. Emmanline hatte sich bereits einen betr?chtlichen Vorsprung erarbeitet. Er setzte sich in Bewegung… und musste widerwillig zugeben, dass sie ein beeindruckendes Tempo hatte.
Wie schaffte sie das nur mit diesen schmalen, zierlichen langen Beinen?
Er h?tte ihr diese Geschwindigkeit niemals zugetraut. Ja, Elfen waren schnelle Waldl?ufer… aber das hier? Das war etwas anderes. Faszinierend. Kein Wunder, dass Aiden sie für etwas Besonderes hielt. Alles an ihr war besonders. Eigentlich hatte er ihr aus dem Weg gehen wollen, weil er sich zu viel herausgenommen hatte und weil er ihr Zeit geben wollte. Seine Worte damals waren ehrlich gewesen. Seine Gefühle waren echt. Doch sie h?tte es noch nicht wissen sollen. Nicht zu diesem Zeitpunkt. Jetzt war es zu sp?t. Sicher, irgendwann h?tte er es ihr gestanden. Aber er hatte sich vor ihrer Entscheidung gefürchtet. Vor der M?glichkeit, dass sie ihn zurückweisen würde. Und dennoch… er würde nicht aufgeben. Das konnte Aiden nicht. Er musste sich eingestehen, dass Eifersucht ihn gepackt hatte. Lucien hatte ebenfalls Interesse an Emmanline... und er war genauso hartn?ckig.
Es schmerzte, zu sehen, wie Lucien sich an sie klammerte… als w?ren Frauen für ihn nichts weiter als Mittel zum Zweck. Aiden war selbst kein Unschuldslamm, doch er hatte Frauen stets mit Respekt behandelt. Lucien mochte das vielleicht auch getan haben, aber er nahm sich das Recht heraus zu entscheiden, dass jede Frau nur einmal etwas wert war. Nie ein zweites Mal. Sollte Lucien so mit Emmanline umgehen, würde Aiden ihm ohne Z?gern an die Kehle gehen. Selbst wenn es sein K?nig und danach sein eigener Tod bedeutete. Denn er würde niemals zulassen, dass diese au?ergew?hnliche Frau respektlos behandelt oder wie ein Spielzeug benutzt wurde. In ihrem Leben war Emmanline oft genug herumgeschubst worden. Gedemütigt. Ihrer Würde beraubt. Nie als eigenst?ndiges Wesen gesehen. Nie als jemand, der ein Recht auf ein erfülltes, gutes Leben hatte. Diese zarte Frau war mehr wert als all das. Mehr wert, als sie selbst je geglaubt hatte.
Es dauerte eine Weile, bis Aiden sie einholte. Emmanline konnte mühelos mit seinem Tempo mithalten… wenn nicht sogar besser. Sie schien an Kraft und Ausdauer gewonnen zu haben und wenig Anstrengung davon zu verlieren. Als kostete es ihr keine Mühe. Aiden erkannte ebenfalls, wie sie aufblühte, wie ihr K?rper arbeitete, ohne dass sie auch nur ann?hernd au?er Atem geriet. Eine Leistung, zu der nicht viele f?hig waren.
Aiden wusste durch Charia, dass die Lykae einen Krieg anzettelten. Niemand verstand, warum. Bislang waren sie sich stets aus dem Weg gegangen. Ysera war die Einzige, von der er wusste, dass sie eine Verbindung zu einem Lykae hatte… wenn auch unter au?ergew?hnlichen und komplizierten Umst?nden. Doch selbst das reichte nicht als Grund für ein Schlachtfeld. Charia hatte seinen Bruder gefragt, ob er sie und ihre Leute in der Schlacht dabeihaben wollte. Lucien hatte sofort abgelehnt. Seine K?rpersprache hatte alles gesagt: Er wollte Culebra zwischen seinen Klauen haben.
Aiden konnte das verstehen. Ihm ging es nicht anders. Er wollte diesem verr?terischen Bastard seine scharfen Klauen ebenfalls ins Fleisch treiben, seine Rei?z?hne in dessen Kehle schlagen. Er stellte sich vor, wie er um sein Leben bettelte… wie seine Schreie die Luft erfüllten. Ein grausamer Gedanke. Und doch schmeckte er sü? und befriedigend.
Emmanline rannte in exakt die richtige Richtung, als trüge sie einen inneren Kompass in sich. Aiden musste ihr nichts zeigen. Jedes Mal, wenn er glaubte, sie lenken zu müssen, erkannte er, dass es v?llig unn?tig war. Sie folgte ihrem Instinkt, und dieser Instinkt war unfehlbar. Darin zeigte sich erneut ihre elfische Natur. Elfen waren seelisch mit der Natur verbunden. Man sagte, die W?lder flüsterten mit ihnen… niemand wusste je, ob das wirklich stimmte. Doch als Aiden Emmanline beobachtete, begann er, diese Vermutung ernsthaft zu glauben. In ihr lag pl?tzlich eine Lebenslust, eine Energie, die er zuvor nie an ihr gesehen hatte. Es w?rmte ihn zu wissen, dass sie all das in sich trug.
Emmanline hielt nicht einmal an, wenn Hindernisse ihren Weg kreuzten. Sie sprang darüber hinweg, wich ihnen aus, kletterte empor oder lie? sich in die Tiefe fallen. Nichts schien sie aufzuhalten, und das mühelos. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, elegant… fast t?nzerisch. Er h?tte ihr ewig zusehen k?nnen. Aiden wagte es nicht, sie anzusprechen. Zu fokussiert war sie, zu sehr in ihrem Lauf versunken. Das Einzige, was er tun konnte, war, ihr zu folgen… und herauszufinden, wohin sie dieser unaufhaltsame Drang führte. Ebenso, sie zu beschützen.
Aiden wusste, wo die Schlacht stattfand. Und sie kamen ihrem Ziel schneller n?her, als ihm lieb war. Der Geruch von Tod stieg in seine empfindliche Nase. übelkeit breitete sich in seinem Magen aus und sein innerer Drache regte sich. Blut lag schwer in der Luft… zu viel davon. Grausamkeit und Gewalt hatten sich miteinander vermischt. Eine Kombination, die nichts als Verderben brachte.

