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62. Emmanline

  Tage und Wochen waren vergangen, seit Emmanline ihn nicht mehr gesehen hatte. Kein einziges Mal hatte er sich blicken lassen. Nicht einmal seinen Schatten hatte sie irgendwo erhaschen k?nnen. Und sein erdiger Geruch... der sie früher st?ndig umhüllt hatte... war vollst?ndig verschwunden. Seit dem Tag, an dem sie all ihren Zorn herausgeschrien und ihn fortgeschickt hatte, blieb er weg. Ganz gleich, wohin sie ging… der Drache war nirgends. Manchmal, in seltenen Momenten, glaubte sie ihn zu spüren, als würde er sie aus der Ferne beobachten… doch selbst dieser Eindruck verflüchtigte sich, wie Rauch im Wind. Hatte er wirklich auf sie geh?rt? Blieb er ihr tats?chlich fern?

  Eigentlich müsste es Emmanline erleichtern. Endlich konnte sie atmen, ohne dass seine blo?e Pr?senz ihr die Luft nahm. Endlich fühlte sie sich nicht mehr von seiner Intensit?t erdrückt. Und ja... k?rperlich ging es ihr leichter. Aber ihr Verstand… war chaotischer denn je. Gedanken schwirrten wie aufgeschreckte V?gel in ihrem Kopf, keiner fand einen Platz, keiner kam zur Ruhe. Es war untypisch für sie, die sonst in sich selbst immer gefestigt war. All das hatte begonnen, als er verschwunden war. Wenn sie glücklich darüber sein sollte... warum war sie es dann nicht?

  Etwas Entscheidendes fehlte ihr. Und dieses Fehlen machte Emmanline krank. Dieser Mann hatte etwas in ihr angerichtet, das sich nicht mehr rückg?ngig machen lie?. Er war wie ein Sturm gewesen, der Steine in ihr aufgewühlt hatte, die nun unaufh?rlich weiterrollten. Er hatte ihr immer wieder Bruchstücke von etwas gegeben… nur um sich im n?chsten Moment zurückzuziehen. Nur um es ihr zu verwehren. Warum tat er das? Warum spielte er mit ihr? Warum war er gekommen… nur um dann zu verschwinden? Und was musste sie tun, damit all das endlich ein Ende hatte?

  Niemand würde glauben, wie oft Emmanline sich gewünscht hatte, der Tod m?ge sie holen. Sie würde ihn mit offenen Armen empfangen. Glücklich w?re sie darüber... erleichtert sogar. Aber diese Gnade war ihr verwehrt... immer. Nichts und niemand konnte ihr den Tod bringen, egal wie viel Schmerz sie ertrug, egal wie oft sie gebrochen wurde. Das war ihr Fluch. Ihre wahre Unsterblichkeit. Andere erhielten Gnade, wenn sie nicht mehr konnten.

  Sie nicht.

  Emmanline war l?ngst am Ende… doch selbst dort blieb sie gefangen. Egal, was sie versuchte... oder andere versucht hatten... sie konnte nicht sterben. Ihr eigenes Wesen hielt sie fest. Ihre Natur, die sie nie abstreifen konnte. Niemand konnte einen Teil seines Wesens abwerfen. Niemals. Und wenn doch? Was würde geschehen, sollte jemand das Unm?gliche tun k?nnen?

  Emmanline brach den Gedanken ab. Weiterzudenken bedeutete, sich selbst noch tiefer in dieses Geflecht aus Schmerz und Sehnsucht zu verstricken. Es war wie ein Labyrinth, und sie stand in einer Sackgasse. Ganz gleich, wie sehr sie sich bemühte... es gab kein Entkommen. Das brachte sie nun zum Anfang zurück. Dieser Mann und Drache brachte ihr inneres, verzerrtes Labyrinth in ungeahnte G?nge und Sackgassen. Manchmal kam Emmanline nicht weiter und stand vor einer Mauer, die so gro? war, dass sie nicht einmal das obere Ende sehen konnte... egal, wie sehr sie den Kopf in den Nacken legte oder die Augen dazu zwang, es zu erfassen. Er zwang sie, all diese verwirrenden und endlosen G?nge zu durchlaufen, nur um eine Erinnerung nach der anderen in ihr zu wecken.

  Des ?fteren tauchten kleine Gedankenfetzen auf, von denen Emmanline gehofft hatte, sie würden nie existieren, oder die sie einfach verdr?ngt hatte. Aber alles war ein Teil von ihr, und das wusste sie. Es gab niemanden, der ihr falsche Erinnerungen oder Gedanken einpflanzen konnte, weil ihr natürliches Wesen es sofort erkennen würde, wenn jemand in sie eindrang. Seit sie hier war, hatten sich ihre Instinkte und Sinne so stark gesch?rft, dass sie überm?chtig geworden waren. Sicher, Emmanline musste vieles verarbeiten und für sich selbst herausfinden, welche Auswirkungen all das auf ihr Leben hatte. Sie konnte das volle Ausma? ihrer Fertigkeiten und M?glichkeiten noch nicht einsch?tzen. Es war kompliziert, und sie war noch lange nicht bereit, alles zu analysieren. Eine Art Zurückhaltung lag tief in ihr verborgen, die sie noch nicht überwinden konnte. Vielleicht würde sie eines Tages dafür bereit sein, aber das war ungewiss. Nur das Unbekannte konnte ihr je Antworten geben und zeigen, was das Beste für sie war.

  Seit einigen Stunden sa? Emmanline wieder im Garten, ohne genau zu wissen, was sie hier tat. Es waren zu viele Eindrücke und Vorstellungen, die auf sie einstürmten. Zum ersten Mal hatte sie sich mehrere Male dabei ertappt, heimlich und ungewollt zu dem Fenster hinaufzuschauen, wo der Drache sie normalerweise beobachtete. Doch er war nicht da. Sie konnte ihn nicht spüren, und er war noch immer verschwunden. Sie h?tte sich dafür verurteilen oder dumm nennen k?nnen, aber… Emmanline vermisste es wirklich. Anfangs war es ihr unangenehm gewesen, doch ihr K?rper und Inneres hatten sich inzwischen daran gew?hnt, dass sie nicht genug davon bekommen konnten... vor allem von seinen z?rtlichen Blicken und Berührungen. Stets schien er darauf zu achten, ihr niemals wehzutun. Doch zuletzt hatte er etwas anderes bewiesen, und irgendwie stimmte das nicht überein.

  Ja, er war sauer gewesen, und Schmerz hatte ihn blind werden lassen. Aber warum konnte sie sich nicht ganz dazu durchringen, dass es vielleicht anders sein k?nnte? Seine Blicke und seine Haltung hatten oft verraten, dass er alles zutiefst bereute und wirklich alles rückg?ngig machen wollte. In seinen Augen spiegelten sich viele Emotionen, die Emmanline nun erschaudern lie?en. Dieser Mann hatte ihr alles gezeigt, doch in dem Moment, als sie ihn so angeschrien hatte, war er kein einziges Mal wütend oder zornig geworden. Das waren Verhaltensweisen, die normalerweise nicht zu ihm passten. Nicht zu seinem Drachen.

  Nein, und Emmanline seufzte ersch?pft auf. In letzter Zeit war sie so energielos, dass sie nicht mehr ein noch aus wusste. So ausgelaugt hatte sie sich noch nie gefühlt. Selbst ein wundersch?ner Sonnenuntergang, der sich ihr gerade bot, brachte sie in keiner Weise zur Ruhe. Sie fühlte sich rastlos und unruhig, als würde etwas in ihr zerren. Sie verspürte einen tiefen Drang. Was geschah mit ihr?

  Selbst das Buch in ihrer Hand, auf das sie herabblickte, brachte ihr keine Ablenkung, obwohl Emmanline eine kleine Vorliebe dafür entwickelt hatte. Durch Malatya bekam sie Zutritt zu einer Bibliothek, wie diese ihr erkl?rte. Sie hatte einen entsetzten Laut von sich gegeben, als sie von Tausende Büchern umgeben war. Es waren so viele, dass niemand sie z?hlen konnte. Ein riesiger Raum, in dem die Regale sich von unten bis zur Decke erstreckten, alle voll mit Büchern. Es war einfach unglaublich gewesen. Seit diesem Zeitpunkt nahm sie sich immer ein Buch, um es anzuschauen. Emmanline kam damit in den Garten hinaus, bl?tterte darin herum und genoss alles. Aber dennoch… wieder nicht. Egal, wie sehr sie sich anstrengte, sie fand einfach keinen Punkt, an dem sie sagen konnte... endlich. Es war zum Verrücktwerden, und sie war kurz davor zu zerrei?en.

  ?Hallo. Ich hoffe, ich st?re euch nicht.“ Eine monotone Stimme erklang, die dennoch vieles versprach. Emmanline zuckte zusammen, v?llig überrascht, und lie? sogar ihr Buch fallen. Gerade wollte sie sich danach bücken, da tauchten gebr?unte H?nde in ihrem Sichtfeld auf, und sie blickte zu der Person auf. ?Bitte entschuldige. Ich wollte euch nicht erschrecken.“ Sie blickte in freundliche, warme grüne Augen, wie eine saftige grüne Wiese. ?Hier, bittesch?n.“ Der Mann reichte ihr das Buch. Sie erkannte ihn... wenn auch nur flüchtig. ?Ich glaube, ich habe mich noch nicht wirklich vorgestellt“, meinte er und blieb vor ihr kniend. ?Ich bin Cyrill und ein sehr guter Freund von Lucien.“ Sein schwarzes Haar war lang, teilweise geflochten, teilweise offen über seinen Rücken fallend. Sein freier Oberk?rper zeigte schwarze Male, die sie nicht zu deuten wusste. Seine Statur mochte schlanker sein als die von ihm, doch er besa? durchaus Muskeln und eine Kraft, die nicht untersch?tzt werden durfte. In seiner Art konnte Emmanline nichts Abwertendes erkennen.

  ?Danke.“ Sie nahm das Buch von ihm entgegen und behielt ihn weiterhin im Auge. Er hielt einen gewissen Abstand, und sie war sehr froh darüber. Dieser Mann hatte eine Ausstrahlung, die vieles versprach... und er sah auch gut aus. Aber nicht so gut wie… er. Blitzartig schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf. Woher kam er? Genauso pl?tzlich tauchte ein Bild vor ihren Augen auf... der Mann, der sie so mied. Moment mal, woher kam das nun wieder? War sie noch bei Sinnen?

  ?Darf ich mich neben euch setzen?“, fragte der Mann und riss sie in die Wirklichkeit zurück. Kurz z?gerte Emmanline, dann rutschte sie ein gro?es Stück zur Seite. Es war ihr unerkl?rlich, warum sie das überhaupt tat, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass sie nichts zu befürchten hatte... und doch war genau das schon Befürchtung genug. ?Danke.“ Er setzte sich neben sie. Ein kurzes Schweigen legte sich über sie, bis er es brach. ?Darf ich euch Emmanline nennen?“

  The story has been stolen; if detected on Amazon, report the violation.

  überrascht schaute Emmanline ihn an. ?Ihr Drachen neigt doch dazu, das zu tun, was ihr m?chtet, oder nicht? Warum fragst du mich das?“ Sie runzelte die Stirn und versuchte, zu erkennen, was er vorhatte.

  Ein leises Lachen. ?Ja, das stimmt wohl. Aber ich neige eher dazu, h?flich zu fragen. Wenn Ihr es nicht m?chtet, werde ich es nicht tun.“ Er blickte sie an und wandte kein einziges Mal den Blick ab.

  ?Nein, ich m?chte das nicht.“ Es w?re ihr zu weit gegangen.

  Verst?ndnisvoll nickte er, und sie spürte, dass er es respektierte. ?Das Buch in Eurer Hand ist ein sehr gutes Buch. Ich hatte es auch einmal zuf?llig gelesen“, deutete er auf ihren Scho?, wo das Buch lag. ?Es wundert mich nicht, dass Ihr genau dieses Buch ausgesucht habt.“

  ?Warum wundert dich das nicht?“ Emmanline war skeptisch und nicht daran gew?hnt, dass man h?flich mit ihr umging.

  Wieder dieses L?cheln. ?Weil es ein Buch aus Eurem Volk der Elfen ist. Es erz?hlt Sagen und Geschichten über Euch. Es steckt voller Geheimnisse und Wahrheiten.“

  ?Wirklich?“ Verwundert starrte Emmanline auf das Buch. Tats?chlich gab es einen Grund, warum sie aus all den unz?hligen Büchern genau dieses ausgesucht hatte. Sie hatte eine Verbundenheit gespürt, als würde das Buch selbst nach ihr verlangen. ?Darum“, flüsterte sie. ?Ich verstehe nur nicht, warum Ihr ein Buch vom Elfenvolk besitzt, obwohl es nicht h?tte sein dürfen.“

  Der Mann neben ihr zuckte nur mit den Schultern. ?Ich wei? es nicht mehr ganz genau. Euer Volk lebt seit Jahrhunderten im Verborgenen, und niemand wei?, wo es sich befindet. Man munkelt viel, doch am Ende sind es reine Vermutungen... und niemand wei?, wo die Wahrheit liegt.“ Er schaute in die Ferne, als würde er über vergangene Zeiten nachdenken.

  ?Was ist passiert? Warum leben sie im Verborgenen?“, wollte Emmanline gerne wissen, auch wenn sie keine direkte Verbundenheit mit den Elfen verspürte. Da fiel ihr auf, dass sie... seit sie wusste, was mit dem Volk der Elfen geschehen war... sich noch nie Gedanken darüber gemacht hatte, warum sie sich ins Verborgene zurückgezogen hatten.

  Jetzt wandte er sich ihr wieder zu, und Emmanline erkannte in seinem Blick, dass er sich nicht wunderte, warum sie dies fragte. Er antwortete ruhig: ?Vor einigen Jahrhunderten herrschte ein Krieg zwischen den Elfen und den Nymphen. Es wird gesagt, dass das Ende grausam gewesen sein muss. Wir Drachen m?gen es vielleicht, eine Waffe zu schwingen oder unsere Natur auszuleben, aber wir würden niemals so skrupellos sein, alles abzuschlachten, was uns in den Weg kommt. Damals w?re dein Volk beinahe ausgerottet worden, wenn sie sich nicht ins Verborgene zurückgezogen h?tten.“ Er machte eine kurze Pause, damit sie die Worte aufnehmen konnte. ?Viele haben mitbekommen, dass die Feindseligkeit dieser beiden V?lker unermesslich war. Die Fae nutzten ihre Chance, mischten sich in den Krieg ein und metzelten alles nieder.“

  Emmanline war entsetzt über das, was er ihr erz?hlte. Sie konnte sich das Ausma? kaum vorstellen... doch vielleicht konnte sie es doch. ?Warum haben sie das getan?“ Sie r?usperte sich, bevor sie sprechen konnte.

  ?Weil viele Angst vor dem Volk der Elfen hatten. Sie besitzen Macht, die sie aus ihrer Umgebung sch?pfen k?nnen. Das machte sie unschlagbar, und viele V?lker fürchteten, dass die Elfen eines Tages zu viel Macht an sich rei?en k?nnten. Doch Ihr h?ttet vermutlich niemals etwas Derartiges aus Loyalit?t oder Ehre getan. Euer Volk ist mehr mit der Natur verbunden, als dass es nach wirklicher Macht strebt“, erkl?rte der Mann mit einer Ruhe und Geduld, die sie faszinierte.

  ?Du bist dir so sicher, als würdest du es wirklich wissen.“ Emmanline misstraute ihm ein wenig.

  Ein gezwungenes L?cheln huschte über sein Gesicht. ?Ja, ich wei? es wirklich. Ich bin mir dessen so sicher, weil ich dabei war.“ Emmanline schnappte entsetzt nach Luft. ?Ich habe deinem Volk nie Schaden zugefügt. Ich bin zuf?llig in die Fronten geraten.“ Seine Stimme wurde gefasster, und in seinem Blick konnte sie erkennen, welche Erinnerungen ihn plagten. Es lag so viel Leid in seinen Augen.

  ?Du hast den Elfen geholfen.“ Ihre Feststellung klang mehr wie eine Beobachtung als eine Frage.

  Er hielt das gezwungene L?cheln aufrecht. ?Ja, das habe ich. Ich konnte nicht zusehen, wie Unschuldige und Wehrlose einfach…“ Er schüttelte langsam den Kopf, als k?nnte er so die Erinnerungen abschütteln. ?Das h?tte ich nicht mit meiner Ehre vereinbaren k?nnen. Vor allem nicht mit meinem Gewissen. Krieg führen ist eine Sache, aber Ausrotten eine andere.“ Er seufzte und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. ?Im ersten Moment, als ich Euch das erste Mal sah, dachte ich… eine Elfe? Ich war wirklich verwundert, da Ihr Euch nicht mehr gezeigt habt, als w?rt Ihr komplett aus der Welt verschwunden. Ohne jegliche Existenz. Bis Lucien mir etwas erz?hlte.“ Er blickte sie an. Emmanline hatte sich bei dem Namen dieses Mannes versteift und starrte geradeaus. Wieder hatte er über ihre Herkunft erz?hlt und darüber, was ihr widerfahren war. Konnte er nicht einfach den Mund halten? Wusste er denn nicht, welchen Schmerz er ihr damit zufügte?

  ?Seid ihm nicht b?se, dass er es mir verraten hat. Er meint es nicht b?se. Er tut manchmal Dinge, die er zu voreilig beschlie?t, aber er ist stets bedacht, was er tut.“ Wollte er ihn in Schutz nehmen? Natürlich war es so. Er geh?rte zu ihm... und das missfiel ihr.

  ?Davon sehe ich überhaupt nichts.“ Emmanline sah ihn eisig an. Sie konnte nicht anders. ?Dass er Dinge voreilig beschlie?t, da gebe ich dir recht, aber nicht im guten Sinne. Er denkt überhaupt nicht nach.“

  Für einen Augenblick sah er sie nur an. ?Ich kann verstehen, warum Ihr so wütend auf ihn seid. Er hat Dinge getan, die ihm nicht zustanden oder nicht richtig waren. Lucien ist da sehr eigen, aber das Letzte, was er will, ist Euch wehzutun.“

  Emmanline schnaubte. ?Was soll das hier werden?“ Leicht wütend verengten sich ihre silbernen Augen. Seit wann wirkte sie eigentlich immer so gereizt? ?Willst du mir ins Gewissen reden? Willst du ihn jetzt bei mir gutreden?“, warf sie ihm vor.

  Er schüttelte seinen schwarzen Schopf. ?Nein, ich will Euch nicht ins Gewissen reden. Das ist nicht meine Absicht. Ihr werdet sicherlich selbst bemerkt haben, wie selten Lucien im Augenblick hier ist, nicht wahr?“ Und ob Emmanline das wusste. ?Er ist dauernd abwesend und abweisend. Er hat kaum Zeit, als w?re er an etwas gebunden. Dabei hat er viele Pflichten, denen er nachgehen muss. Wir haben eigentlich keine Zeit, denn es gibt viele Dinge, die verdammt schwierig und wichtig sind. Wir k?nnen sie ohne ihn nicht beeinflussen.“ Er sprach offen und ehrlich mit ihr. Das konnte sie spüren.

  ?Soll das etwa bedeuten, es sei meine Schuld, dass Ihr in solch einer Lage steckt?“, konnte Emmanline nicht glauben. Machten sie ihr erneut Vorwürfe für Dinge, für die sie nichts konnte?

  ?Um der heiligen G?tter willen, nein. Das ist nicht Eure Schuld, sondern allein seine. Es ist seine Pflicht, für all das zu sorgen, nicht Eure. Er muss seiner Verantwortung nachkommen.“ Er schüttelte den Kopf.

  ?Dann verstehe ich eins nicht. Warum sagst du mir das alles?“ Emmanline verstand ihn nicht ganz.

  Ein Schulterzucken von ihm deutete auf das Ungewisse hin. ?Weil ich glaube, dass er etwas für Euch tut. Er m?chte niemandem erkl?ren, was er macht oder vorhat. Lucien wirkt so, als w?re er nur auf eines konzentriert, das ihn einfach nicht losl?sst... seit Wochen schon. Ihm scheint etwas verdammt wichtig zu sein, und eins wei? ich... es kann nur für Euch sein.“ Sein grüner Blick glühte und war ernst.

  Emmanline konnte gerade nicht fassen, was er ihr da sagte. Es w?re nur für sie? Unm?glich. Ja, sie hatte ihn lange nicht gesehen, aber das lag schlicht daran, dass er ihr aus dem Weg gegangen war. Anders konnte sie es sich nicht erkl?ren. Sie vermutete, dass sein Stolz es nicht zulie?, dass sie ihn zuvor abgewiesen hatte. Er war mit Sicherheit wütend und musste sich nun irgendwo abreagieren... so wie er es an ihrem Ort getan hatte. Er hatte alles in Flammen aufgehen lassen. Seit dem Vorfall und der Auseinandersetzung mit ihm war sie nicht mehr an diesem Ort gewesen. Sie konnte einfach nicht in den Wald gehen, denn ein Gefühl des Verlustes würde sie einfangen. Sie konnte es schlichtweg nicht. ?So ein Unsinn. Warum sollte er das wegen mir tun?“ Emmanline schüttelte den Kopf, was ihr schneewei?es Haar in Welle fallen lie?.

  ?Es ist kein Unsinn. Ich will ehrlich und offen zu Euch sein. Ihr seid ihm sehr wichtig, und ich wei?, dass er Euch niemals aufgeben wird.“ Welchen Grund er ihr nicht nennen konnte. ?Es liegt in seiner Natur, dass er bei Euch sein muss.“ Was sollte das nun wieder bedeuten? Was lag in seiner Natur, dass er bei ihr sein musste? Allein die Formulierung brachte Fragen in ihr auf. ?Schaut mich nicht so fragend an. Ich kann Euch nicht verraten, warum.“ Er blockte ab.

  ?Wie scherzhaft. Erst sagst du mir das, und auf einmal kannst du es mir nicht verraten?“

  Leicht verzog er das Gesicht. ?Es steht mi…“

  ?Ihm steht es nicht zu.“ Eine drohende Stimme knurrte hinter ihnen, und der Mann neben ihr wurde unterbrochen. Es klang mehr nach Tier als nach Mensch.

  Emmanline wusste genau, wer hinter ihnen stand, doch sie traute sich nicht, sich umzudrehen. Es konnte nur der Drache sein. Allein sein Knurren und seine Anwesenheit deuteten auf alles hin. Seine Energie umhüllte sie wie ein m?chtiger Mantel, überw?ltigend und vollkommen.

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