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51. Emmanline

  ?Wie lange will er mich noch beobachten?“, murmelte Emmanline und spürte, wie sich die feinen H?rchen in ihrem Nacken aufstellten. Sie sah ihn nicht, aber sie wusste genau, wann sein Blick sie fand. Es war, als würde die Sonne pl?tzlich hei?er auf ihre Haut brennen, als würde die Luft selbst sich um sie spannen. Ein unsichtbares Band, das sich jedes Mal enger zog, wenn er in der N?he war. Und doch kam sie jeden Tag hierher... auf diese kleine Bank, halb versteckt zwischen blühenden Büschen und bunten Rosen. Der Duft war berauschend, ja... aber das war nicht der Grund. Emmanline kam, weil sie seinen Blick wollte. Weil er sie lebendig machte... auf eine Weise, die sie sich selbst nicht eingestehen durfte. Erst als die Hitze pl?tzlich verschwand, als h?tte jemand eine Decke weggezogen, drehte sie sich halb um. Das Fenster oben war leer. Sie starrte hinauf, ein seltsames Ziehen in der Brust.

  Vor ein paar Wochen hatte er den Thron bestiegen. Fast nebenbei hatte er es erw?hnt, als w?re es nichts. ?Ich muss jetzt meine Pflicht tun.“ Dann war er K?nig geworden. Der eine, wahre K?nig der Drachen. Und ausgerechnet ihm hatte sie unbewusst etwas gestohlen… etwas, an das sie sich nicht einmal erinnerte. Emmanline war keine Gefangene. Nicht im K?fig... und doch fühlte sie sich gefangen. In seinem Blick, in seinen Versprechen… in dieser Welt, die er ihr Stück für Stück ?ffnete. Dennoch... er hielt Wort. Trotz Thron, trotz Krieg, trotz allem schleppte er sie mit. Zeigte ihr das Reich, als w?re es sein pers?nliches Geschenk an sie.

  Das Meer zum Beispiel. Emmanline hatte noch nie so viel Wasser auf einmal gesehen. Endlos. Wild. Lebendig. Er hatte sie an den Rand geführt, barfu? im warmen Sand und gesagt: ?Nur die Zehen, Emmanline. Keine Angst.“ Und dann hatte er gel?chelt.

  Dieses L?cheln.

  Es hatte sich in sie eingebrannt. Tief. Gef?hrlich... tief. Emmanline hatte zurück gestarrt, unf?hig wegzusehen und für einen winzigen Moment hatte sie gehofft... nein, gebettelt in Gedanken... er würde n?her kommen. Würde sie berühren. Würde die Distanz zerrei?en, die er sonst immer zwischen ihnen zerriss. Der Drache hatte es nicht getan. Ein kleiner, dummer Stich der Entt?uschung war in ihr aufgeflammt und sie hatte ihn sofort erstickt. War sie verrückt geworden?

  Und trotzdem… er hatte sie nicht in die Luft gezerrt. Hatte sie nicht gezwungen, sich auf seinen Rücken zu setzen und über die Wolken zu jagen, wie es jeder andere Drache mit stolzer Ungeduld getan h?tte... mit dem brennenden Drang, seine Welt zu teilen. Gerade das machte Emmanline stutzig. Fliegen war für Drachen alles... Freiheit, Macht... das pure, wilde Herz ihrer Art. Und doch hatte er seine Flügel für sie am Boden gelassen. Hatte Rücksicht genommen. Hatte sie geschützt... vor sich selbst, vor ihrer eigenen Angst. Emmanline hasste das Fliegen.

  Das Meer lag jenseits aller Grenzen, aber er hatte einen anderen Weg gefunden. Schneller. Sanfter. Ein Portal, was auch immer… Hauptsache, sie erstarrte nicht vor Panik. Der Drache wusste es... weil er sie schon zweimal in blinder Panik in die Lüfte gerissen hatte. Aber jetzt... ohne dass sie ein einziges Wort gesagt hatte. Das war das Be?ngstigendste... er sah sie wirklich. Nicht die Diebin, die ihm etwas unersetzlich Wichtiges gestohlen hatte. Nicht die halbe Elfe, das R?tsel, das in ihr schlummerte und das er l?sen wollte. Sondern sie... Emmanline... mit all ihren Schatten. Mit all ihren Narben.

  Emmanline zog die Beine enger an die Brust und vergrub das Gesicht in den Armen. Der Duft der Rosen wurde schwerer, klebrig sü?. Sie durfte das nicht wollen. Durfte ihn nicht wollen... und doch kam sie jeden Tag zurück. Auf diese verfluchte Bank. Wartete auf das Prickeln in ihrem Nacken. Auf die Hitze, die nur er entfachen konnte.

  Was sie ebenso verwirrte… als Emmanline vor Wochen zum ersten Mal hierhergebracht worden war, hatte er ihr etwas geschenkt, womit sie niemals gerechnet h?tte. Zuerst hatte sie sein Zimmer teilen müssen. Sein Bett. Doch nun besa? sie ein eigenes... direkt neben seinem, nur eine schmale Zwischentür entfernt. Diese Tür war eine st?ndige Erinnerung an seine N?he… und dennoch bedr?ngte er sie weniger als zuvor. Er hatte behauptet, genau das sei der Grund gewesen, warum er sie nicht schon zwei Tage früher zurückgeholt hatte. Damit hatte er ihre stille Vermutung best?tigt. Es war ihr seltsam vorgekommen, dass er ihr nicht sofort gefolgt war... er, der sonst so oft die gef?hrliche Glut seiner Besitzgier kaum verbergen konnte. Der Drache schenkte ihr einen eigenen Bereich. Einen Raum, der wirklich nur ihr geh?rte. Einen Ort, an den sie sich zurückziehen konnte... wann immer sie wollte oder musste.

  Mit einem leichten Kopfschütteln verscheuchte Emmanline die aufkeimenden Gedanken. Schon wieder dachte sie zu viel darüber nach. Es musste ein Ende haben. Sie durfte sich nicht l?nger hineinsteigern. Denn am Ende würde sie sonst alles verlieren... und das würde sie unweigerlich in den Abgrund sto?en. Viel fehlte wirklich nicht mehr. Es fühlte sich an, als stünde sie auf einer imagin?ren Klippe. Ein einziger falscher Schritt... geistig, emotional, sozial... und sie würde fallen. Tief. Dunkel. Vielleicht war genau das ihr Schicksal. Dort unten w?re nichts mehr von ihr übrig. Dort unten w?re sie gebrochen.

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  Erst jetzt begriff Emmanline wirklich, wie nah sie dem Abgrund bereits stand. Seit sie erfahren hatte, was wahre Freiheit bedeutete, hatten sich ihre Augen für das echte Leben ge?ffnet. Zuvor hatte sie in einer verkehrten Welt gelebt, sich verkrochen, um sich selbst zu bewahren. Ihr Verstand hatte sie vor allem B?sen geschützt... doch nun war alles anders. Alles, was jetzt kommen würde, konnte sie zerst?ren, falls es nicht genau so verlief, wie sie es sich erhoffte. Alles war unwiderruflich. Es gab kein Zurück mehr.

  Und doch fühlte sich alles auf seltsame Weise anders an. Trotz der Enge, die in ihrer Brust lastete, durchstr?mte sie eine unerkl?rliche Gelassenheit. Ein Teil von ihr konnte endlich loslassen... zum ersten Mal seit so langer Zeit... ohne jeden Atemzug überwachen zu müssen, ohne die st?ndige, nagende Angst vor dem n?chsten Schlag. Ja, Emmanline war noch immer in einem Nest voller Drachen. Jeder Schritt wollte bedacht sein, jedes Wort gewogen... und trotzdem… war es anders. überall um sie herum Drachen... in ihrer wahren Gestalt oder in menschlicher Hülle. Ihre Macht lag schwer in der Luft, ihre Pr?senz war unausweichlich. Und dennoch fühlte sie sich ein wenige sicher. Etwas beschützt... als stünde jemand mit weit ausgebreiteten Schwingen hinter ihr, unsichtbar, aber unerschütterlich.

  Warum? Warum empfand sie Sicherheit, wo sie nur Bedrohung sehen sollte? Niemand ?nderte sich so schnell. Niemand stellte sein Wesen innerhalb weniger Tage derart auf den Kopf und doch war genau das geschehen. Wie sollte sie das begreifen? Wie darauf reagieren?

  ?Hallo, Emmanline.“ Eine helle, fr?hliche Stimme riss Emmanline aus ihren Gedanken. Sie zuckte nicht zusammen, doch überraschung huschte über ihr Gesicht. Vor ihr stand ein kleines M?dchen mit strahlenden, violett schimmernden Augen. Das lange, dunkelblaue Haar war zu einem ordentlichen Zopf geflochten. Emmanline erinnerte sich sofort. Sie hatte das Kind vor einigen Tagen kennengelernt. Die kleinste Schwester des Drachen.

  Der Gedanke, dass er eine so zarte, sü?e, unverdorbene Schwester hatte, wollte einfach nicht zu dem Bild passen, das sie sich von ihm gemacht hatte. Es war… irritierend. Fast verst?rend und trotzdem musste Emmanline sich eingestehen, dass das M?dchen liebenswert war. Hinrei?end. Sie konnte nicht anders, als sich auf ein Gespr?ch einzulassen, ihre Gesellschaft zu genie?en. Die Kleine strahlte eine W?rme aus, eine unerschütterliche Anziehungskraft, der man sich kaum entziehen konnte.

  Obwohl Emmanline nun schon seit Wochen hier war und fast jeden Tag auf derselben Bank gesessen hatte... gut sichtbar für jeden, der vorbeikam... war ihr das M?dchen in all der Zeit nie begegnet. Bis eines Tages ihr Blick an einer kleinen Gestalt h?ngen geblieben war. Sie hatte es gespürt, dieses leise Kribbeln, beobachtet zu werden und dann das Kind hinter einem Baum entdeckt. Zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Voller Energie. Eine kleine Flamme aus purer Lebendigkeit. Emmanline hatte ihre unbeschwerte Art bestaunt, ihre unb?ndige Freude... all das, was in so schneidendem Kontrast zu ihrem eigenen, mühsam zusammengehaltenen Inneren stand.

  ?Hallo“, antwortete Emmanline sanft und setzte sich richtig hin. ?Du bist aber früh dran. Hattest du keinen Unterricht?“

  Das M?dchen lie? sich neben sie auf die Bank plumpsen. Klein an Statur – sie reichte Emmanline kaum bis zur Brust... wirkte sie dennoch erstaunlich reif, fast majest?tisch in ihren Bewegungen. Sie streckte die Beine aus und baumelte mit den Fü?en. ?Eigentlich schon, aber ich hab mich heute davongestohlen. Es war soooo langweilig.“ Das Wort zog sie in die L?nge, als wollte sie die gesamte Eint?nigkeit des Vormittags darin versiegeln. ?Ich kenne das doch alles schon und Linava wiederholt eh st?ndig dasselbe.“

  ?Vielleicht muss sie das“, sagte Emmanline ruhig. ?Manchmal sind Dinge wichtig genug, dass man sie immer wieder h?ren muss. Nur durch übung wird man wirklich besser.“ Sie hob die Hand und strich dem M?dchen zart über das seidige, dunkelblaue Haar. ?Genau wie du. Du wei?t, warum.“ ?Ja, ich wei?“, murmelte die Kleine. Einen Moment lang arbeitete es sichtbar in ihr, dann hellte sich ihr Gesicht wieder auf. ?K?nnen wir heute wieder üben?“ Ihre violetten Augen funkelten vor Hoffnung... so rein, so vertrauensvoll.

  Emmanline spürte, wie sich etwas in ihrer Brust l?ste, ein letzter, schwerer Stein, der seit Tagen darauf gelegen hatte. Sie konnte unm?glich nein sagen. ?Natürlich“, sagte sie leise.

  Es war etwas ungeheuer Wichtiges, das Emmanline ihr angeboten hatte... etwas, das sie nur wagte, weil Malatya ihr vor einigen N?chten ihr gr??tes Geheimnis anvertraut hatte. Und zugleich ihr tiefstes Leid. Die Offenbarung hatte Emmanline bis ins Mark erschüttert. Sie hatte kaum fassen k?nnen, dass ein so junges Kind eine solche Last trug. Malatya wirkte doch immer frei, verspielt, voller unb?ndiger Lebenslust. Ein Kind, das die Welt beschützen sollte... nicht brechen. Kein Kind verdiente das. Deshalb wollte Emmanline helfen. Auch wenn sie nicht wusste, ob sie überhaupt etwas bewirken konnte. Nichtstun h?tte jede noch so kleine Chance auf Hoffnung erstickt. Also würde sie alles daransetzen, einen Weg zu finden, Malatya zu entlasten. Koste es, was es wolle.

  Ja. Malatya. Der Name glitt ihr inzwischen mühelos über die Lippen, ohne dass Angst oder Unsicherheit in ihr aufflammten. Ohne dass Emmanline über Fehler, Folgen oder m?gliche Konsequenzen nachdenken musste. Es fühlte sich seltsam an... seltsam, aber wie ein leises Aufatmen. In ihren Gedanken war es l?ngst selbstverst?ndlich geworden, diesen lieblichen Namen auszusprechen... Malatya.

  Emmanline unterhielten sich noch ein paar Minuten, Worte leicht wie Sommerwind, bevor sie Hand in Hand in das kleine W?ldchen schlüpften, ihren geheimen Zufluchtsort. Dort, fern von allen neugierigen Blicken, fanden sie Stille. Dort konnten sie einfach sein. Nur sie beide, umfangen von kühlem Schatten, weichem Moos und einer Geborgenheit, die kein Schloss der Welt bieten konnte.

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