Vor der Gartenbank stand Lucien und lie? seinen Blick prüfend über die Umgebung schweifen. Er hatte sich entschlossen, nach Emmanline zu suchen... nicht aus Pflicht, sondern aus einem Drang, der ihn schon den ganzen Vormittag unruhig machte. Etwas in ihm zog ihn zu ihr, ein starkes, unerkl?rliches Gefühl, das er weder ignorieren noch abschütteln konnte. Es war instinktiv, fast archaisch. Er musste in ihrer N?he sein. Lucien musste verstehen, warum sie in ihm etwas ausl?ste, das er nicht benennen konnte. Und bald würde er die Antwort kennen.
Ein W?chter versuchte, ihn aufzuhalten und ihm etwas mitzuteilen, doch Lucien schob ihn mit einem knappen Nicken beiseite. Er konnte sich jetzt nicht mit Belanglosigkeiten aufhalten. Sein Instinkt... oder vielleicht etwas viel Tieferes... übernahm die Führung. Ein vertrauter Duft erreichte ihn. Sü?, leicht, warm wie Sonnenstrahlen auf nackter Haut. Ihr Duft.
Emmanline.
Sein Geruchssinn sch?rfte sich und ohne dass Lucien darüber nachdachte, folgte er der Spur. Es war, als würde er magnetisch angezogen... zwei Pole, die unaufhaltsam aufeinander zustrebten. Doch diesmal mischte sich ein weiterer Duft in die zarte F?hrte. Ein heller, lebendiger Duft, den er nur zu gut kannte.
Malatya.
Seine kleine Schwester war bei ihr und das überraschte ihn zutiefst. Erst vor wenigen Tagen war sie ins Schloss zurückgekehrt. Ihre Mutter hatte ihm erz?hlt, dass sie bei den ?ltesten gewesen war... um erneut zu erkl?ren, warum sie sich noch immer nicht in ihre drachen?hnliche Gestalt verwandeln konnte. So schonungslos es klang... Malatya war ein Drache, der sich nicht verwandeln konnte. Seit ihrer Geburt lastete dieser Fluch auf ihr. Und niemand... weder Heiler noch Gelehrte, noch die ?ltesten und weisesten Drachen ihres Volkes... hatte bisher eine L?sung gefunden. Das war der traurigste Teil. Malatya verbarg ihre Bürde hinter ihrem L?cheln, Lebensfreude und leuchtender Energie. Doch Lucien sah, was andere übersahen. Er erkannte die Enge, die die Kleine im Inneren festhielt, die st?ndige Angst zu versagen, nicht gut genug zu sein.
Als Mitglied des Hauses De la Cruise wusste sie, wie man Haltung bewahrte, wie man St?rke zeigte, selbst wenn man innerlich zitterte. Und obwohl sie noch ein Kind war, trug sie diese Last mit einer Ernsthaftigkeit, die ihm jedes Mal das Herz zusammenschnürte. Ein De la Cruise war stets stark, stolz und unerschütterlich. Aber Malatya… sie war gezwungen, es zu spielen, weil ihre Wahrheit sie verletzlich machte. Genau das wusste sie. Deshalb zeigte sie ihre Gefühle nur selten. Sie wollte keine Last sein, wollte niemanden schw?chen, am allerwenigsten ihren gro?en Bruder. Lucien war ihr Fels, ihr Schutz, ihr sicherer Hafen... und gerade deshalb spürte er für sie einen noch st?rkeren Beschützerinstinkt als für seine anderen Geschwister.
Inzwischen hatte sich das jedoch ge?ndert. Denn es gab nun jemanden, der denselben Instinkt in ihm weckte. Eine Ver?nderung, die ihn tief in seinem Innersten erschütterte… und die er noch immer nicht begreifen konnte.
Eines Tages würde Malatya zu den Mütterlichen geh?ren, davon war Lucien überzeugt. Er sah es in ihren grünen Augen... dieses stille Feuer, diese weiche, aber unerschütterliche St?rke. Sie würde eine stolze Drachin werden. Keine Kriegerin der Klingen und Schlachten, sondern eine Kriegerin des Herzens. Eine, die für ihre Liebsten k?mpfte. Für ihr Volk. Für ihr Zuhause. Dafür war Malatya geboren. Vielleicht war genau das der Grund, warum Lucien sich noch mehr um sie sorgte. Denn jede Hoffnung, ihre wahre Gestalt anzunehmen, war ihr bisher entrissen worden. Ein Drache, der sich nicht verwandeln konnte... das war, als n?hme man einem Fisch das Wasser. Langsam, aber sicher entwich ihr die Luft zum Atmen. Es war nie leicht für seine jüngste Schwester gewesen und doch hatte Malatya sich niemals unterkriegen lassen. Trotz ihrer Andersartigkeit war sie nie versto?en worden, denn sie geh?rte zu einem Volk, das zusammenhielt, das seine Schwachen schützte, das füreinander Einstand. Nur deshalb hatte Malatya all die Jahre überstanden. Das wusste Lucien besser als jeder andere.
So oft hatte alle zu den heilenden G?ttern gebetet. Gebetet, dass seine kleine Schwester eines Tages erl?st würde. Dass sie endlich in jene majest?tische Drachenform schlüpfen dürfte, die tief in ihr schlummerte. Niemand auf dieser Welt hatte es mehr verdient als sie. Malatya, seine jüngste, seine zerbrechlichste und gleichzeitig seine st?rkste Schwester. Lucien war verdammt stolz auf sie und er liebte sie mehr, als Worte je ausdrücken k?nnten.
Je tiefer Lucien in den Wald vordrang, desto intensiver wurden die Düfte, die ihn zu ihr führten... eine einzigartige Mischung aus sonniger W?rme und exotischer Blüte. Doch mit jedem Schritt vermischten sich diese vertrauten Noten mit neuen Aromen. überall um ihn herum brachen Blumen aus dem Boden hervor... farbenpr?chtig, lebendig, zahlreicher, als er sie je in diesem Wald gesehen hatte. Jede Einzelne schien sich eigens für ihn zu ?ffnen, als wollte sie ihm den Weg weisen. Ein lebendiger Pfad aus Duft und Farbe... und je weiter Lucien ging, desto deutlicher wurde der Gedanke, der sich zuerst leise, dann mit unentrinnbarer Gewissheit in ihm festsetzte... diese Düfte erinnerten ihn an all die Orte, die er mit Emmanline durchstreift hatte... T?ler, W?lder, H?nge. Als h?tte dieser kleine Wald sich in eine Miniatur ihrer gemeinsamen Erinnerungen verwandelt.
Es gab nur eine Erkl?rung. Dies war ihr Werk. Emmanline... halb Elfe. Und genau dieser Teil ihres Wesens offenbarte sich jetzt in jedem Atemzug der Natur ringsum. Elfen waren tief mit allem Lebendigen verwoben... Wurzeln, Bl?tter, Wind und Licht reagierten auf sie wie auf eine sanfte Berührung. Hier hatte Emmanline, ohne es vielleicht selbst zu bemerken, eine Welt erschaffen, die ihr Innerstes widerspiegelte. Lebendig. Leuchtend. Voller stiller Kraft. Lucien war wie verzaubert.
Dann trat Lucien auf die kleine Lichtung, die er so gut kannte... und erstarrte. Das Bild raubte ihm den Atem. Nicht, weil es seltsam war. Nicht, weil es unerwartet war. Sondern weil es unm?glich schien. Mitten im warmen Gold der Abendsonne lag ein kleiner Drache. Dunkelblau wie der Nachthimmel kurz vor der D?mmerung. Eingeigelt, entspannt, friedlich schlafend. Die Schuppen glitzerten, als w?ren sie mit Sternenstaub bestreut. Ein junger Drache. Viel zu jung. Viel zu klein. Kaum gr??er als eine Hütte. Ein kindlicher Drache... und doch erkannte Lucien sie sofort.
Malatya. Seine kleine Schwester.
Zum ersten Mal in mehr als neun Jahrzehnten … hatte sie ihre wahre Gestalt angenommen. Ein Schock durchzuckte ihn. Unglaube, Freude... und tief in seiner Brust... ein Funke aus Hoffnung, der seit vielen Jahren erloschen gewesen war – begann erneut zu glühen.
Dann sah er sie.
Inmitten des schlafenden Drachenk?rpers seiner Schwester lehnte eine zierliche Gestalt mit schneewei?em Haar. Emmanline. Sie sa? dort, die Beine ausgestreckt, die H?nde locker auf den Oberschenkeln, den Kopf leicht zur Seite geneigt, als Lausche sie einem unsichtbaren Lied. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Atem ruhig... und auch sie schien die Abendsonne zu genie?en, genau wie Malatya in ihrer l?ngst ersehnten Drachengestalt.
Lucien stand wie zu Stein erstarrt. Für einen flüchtigen Herzschlag glaubte er, dies müsse ein Traum sein, zu zart, zu rein und zu unwirklich. Doch die W?rme der Abendsonne auf seiner Haut, das leise Schnaufen des kleinen Drachen, das sanfte Rascheln der Blumen, alles war echt. Ein Anblick, der sich in seine Seele brannte wie ein heiliges Mal, geschaffen für die Augen der G?tter. Und in diesem einen Augenblick wusste er... dieses Bild sollte niemals verblassen.
Ein scharfer, stechender Schmerz fuhr ihm in die Brust. Reflexartig presste er die Hand darauf, als k?nnte er den Sturm in seinem Inneren b?ndigen. Sein Herz h?mmerte, viel zu schnell... viel zu laut. Dann traf ihn die Erkenntnis, hart, unbarmherzig... unwiderruflich, w?hrend sein innerer Drache vor purer Freude brüllte.
?Oh, ihr G?tter… jetzt wei? ich es.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein raues, zitterndes Flüstern und doch schien sie den ganzen Wald zu durchdringen. Die Wahrheit war unm?glich und doch stand sie vor ihm. Sein Drache hatte es immer gewusst. Nur Lucien selbst hatte sich geweigert... blind, stur und trotzig. Alle Zeichen hatte er verdr?ngt, weggeschoben... l?cherlich gemacht. Die Anziehung schon vom ersten Moment an. Die N?he, die ihn magisch zu ihr hingezogen hatte, noch bevor ein einziges Wort zwischen ihnen gefallen war. Die Leichtigkeit, mit der sich ihre Gedanken berührten, als w?ren sie seit Anbeginn der Zeit miteinander verwoben. Lucien h?tte es sehen müssen. H?tte es fühlen müssen. Vielleicht hatte sein menschlicher Verstand es l?ngst geahnt und eine Mauer errichtet, um sich vor dem Unausweichlichen zu schützen. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Nicht nach diesem Anblick. Nicht nach dieser Gewissheit. ?Emmanline…“ Sein Atem bebte. ?… meine Seelengef?hrtin.“ Das Wort fiel in die Stille wie ein Schwur. Wie ein Segen. Wie ein Schicksal. Es erkl?rte alles.
Die W?rme, die sie in ihm entfachte. Das Verlangen, ihr überallhin zu folgen, selbst wenn er es sich verbot. Den uralten Drang, sie zu beschützen, schon damals, als er sie noch für eine Diebin gehalten hatte. Sein Drache hatte sich vom ersten Augenblick an zu ihr hingezogen gefühlt... und nun, da die Wahrheit offen vor ihm lag, loderte dieser Instinkt wie ein Feuersturm in seiner Brust.
Emmanline war seine Seelengef?hrtin.
Und ganz gleich, was es kosten würde, Lucien würde sie beschützen. Der Wunsch, ihr ein Heim zu schenken, einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit, wurde überm?chtig. All die kleinen Gesten der letzten Wochen, mit denen er versucht hatte, sie sich willkommen fühlen zu lassen, bekamen pl?tzlich einen Namen. Jetzt verstand er.
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Ob Emmanline es auch empfand? Lucien wusste es nicht, aber er hoffte es, mit einer Inbrunst, die ihn fast zerriss. Im Moment verlangte er nichts. Noch nicht. Nur dieses Bild, diesen einen, perfekten Augenblick, wollte er für immer bewahren. Der Moment ist jetzt noch intensiver, noch roher und noch heiliger.
Dann geschah es.... als h?tte sein geflüstertes Wort die unsichtbare Schnur zwischen ihren Seelen berührt, ?ffnete Emmanline die Augen. Silbern, klar und wach. Sie sah ihn sofort, als h?tte sie ihn schon gespürt, lange bevor er die Lichtung betreten hatte. Lucien dachte nicht nach. Nicht einen Herzschlag lang. Er ging auf sie zu, getrieben von etwas Uraltem, dass keine Frage, keinen Zweifel mehr duldete. Sein Blick lie? sie nicht los. Erst direkt vor ihr sank er langsam in die Hocke.
Auge in Auge. Schweigend, atmend, fühlend... und dann hielt er es nicht l?nger aus. Lucien hob die Hand, berührte ihre Wange... kaum mehr als ein Hauch, ehrfürchtig, als k?nnte Emmanline unter seiner Berührung zerspringen. W?rme floss ihm entgegen, lebendig und echt. In ihren silbernen Augen lag Verwunderung, ja... Unsicherheit. Kein Wunder, denn er wusste nun, was sie war: Sein fehlendes Stück. Seine zweite Seele. Anfang und Ende seines Schicksals.
Dieses Wissen traf ihn wie ein Schlag. Wild. Unerbittlich. überw?ltigend. Lucien wollte es nicht... redete es sich zumindest ein... doch Widerstand war sinnlos. Kein Zauber, keine Macht und kein Wille der Welt h?tte diese Bindung noch aufhalten k?nnen. Er hatte so viele verbundene Paare gesehen. Jedes Mal ein leiser Stich. Ein Hauch von Neid. Andere fanden ihre H?lfte, w?hrend er wartete, k?mpfte... und allein blieb. Immer hatte Lucien sich gefragt: Wie wird sie sein? Wer wird die Frau, die meine Seele aufschlie?t?
Nie h?tte Lucien geglaubt, dass das Schicksal ihm eine Elfe schicken würde. Zerbrechlich scheinend, doch voller verborgener Tiefe. Anders. Unergründlich. Mit einem Geheimnis, das er erst langsam zu entschlüsseln begann. In den letzten Tagen hatte er Emmanline nicht bedr?ngt. Keine Fragen. Kein Druck. Er wollte, dass sie freiwillig zu ihm kam... aus eigenem Willen, nicht aus Zwang. Denn alles, was sie von seinem Volk kannte, war H?rte, Brutalit?t und ihr ganzes Leben war zu lange von Wut und Angst gepr?gt worden. Allein der Gedanke an den, der ihr wehgetan hatte... dieser elende Bastard... lie? t?dliches Feuer in ihm hoch lodern. Lucien wollte ihn finden. Ihn zerfetzen. Mit blo?en Klauen und Rei?z?hnen. Doch hinter all der Wut, hinter dem brodelnden Hass erkannte er pl?tzlich, was wirklich z?hlte: Emmanline musste leben. Wohlbehalten und das an seiner Seite. Lucien wollte ihr ein Zuhause schenken. Sicherheit. Geborgenheit. Eine Welt, in der sie niemals wieder an Schmerz, Verfolgung oder Verlust denken musste. Eine Welt, in der sie am Ende sagen k?nnte: Mein Leben war gut. Und jetzt, in diesem einen Moment kristallklarer Gewissheit, verstand er endlich.
Emmanline. Seine. Seine zweite Seele. Sein Schicksal. Sein Gegenstück.
Bei allen G?ttern... er würde sie als seine Seelengef?hrtin annehmen. Keine Zweifel mehr. Kein Z?gern... und das Bild vor ihm war der endgültige, unumst??liche Beweis, dass es niemals anders h?tte sein k?nnen. ?Was hast du nur getan, Emmanline?“, flüsterte Lucien ehrfürchtig, den Blick auf seine schlafende Schwester gerichtet... eingeigelt in ihrem Drachenk?rper, friedlich wie ein Kind, das endlich nach Hause gefunden hatte.
Emmanline folgte seinem Blick. Noch bevor er etwas sagen konnte, murmelte sie fast entschuldigend: ?Sie war so traurig… ich konnte nicht anders.“ Sanft strich sie Malatya über den schimmernden Kopf, der neben ihr ruhte wie ein übergro?es, lebendiges Juwel.
Theoretisch h?tte Lucien das rühren müssen. Theoretisch. Doch etwas anderes schoss hei? und unvermittelt in ihm hoch... so schnell, dass er innerlich zusammenzuckte. Eifersucht. Rein, brennend und besitzergreifend. Der Mann in ihm… und der Drache in ihm… beide verlangten dieselbe Berührung. Ihre Hand in seinem Haar. Ihre Finger auf seiner Haut. Ihr Vertrauen. Ihre N?he. Der Drang überrollte ihn wie eine Flutwelle, fremd und doch vertraut. Sekunden zuvor h?tte Lucien nicht gewusst, dass dieses Gefühl überhaupt existierte. Jetzt beherrschte es alles... und dennoch... es machte ihm keine Angst. Im Gegenteil. Seit er die Wahrheit erkannt hatte, lag eine tiefe, fast unheimliche Ruhe über ihm. Emmanline geh?rte ihm. So klar wie der Herzschlag in seiner Brust.
?Du hast ihr etwas Unbezahlbares gegeben“, sagte Lucien leise, seine Stimme tiefer, rauer als beabsichtigt.
?Nein“, widersprach Emmanline sofort und wandte den Blick ab. ?Sie hat es allein geschafft. Ich… habe ihr nur einen kleinen Sto? gegeben.“ Ihre Augen wurden pl?tzlich leer, als h?tte jemand das Licht darin gel?scht.
Lucien verstand nicht, wie jemand, der gerade ein Wunder vollbracht hatte, sich selbst so klein machen konnte. ?Genau das ist es doch“, erwiderte er ernst. ?Du warst der Sto?. Wir alle haben es versucht... jahrzehntelang. Heiler, ?lteste, meine Familie... ich selbst. Keiner hat sie erreicht. Ihre Hoffnung wurde so oft zerbrochen, dass wir irgendwann glaubten, sie würde nie fliegen k?nnen.“ Lucien atmete tief durch, als schmerze allein die Erinnerung. ?Und wir standen daneben. Immer nur hilflos und mussten zusehen. Aber du… du hast ihr Herz berührt. Ohne Erkl?rung. Ohne Z?gern.“ Sein Blick brannte sich in ihren. ?Wie, Emmanline? Was hast du getan?“ Noch bevor Emmanline antworten konnte, hob Lucien die Hand und legte sie sanft an ihre Wange. Sein Daumen strich über die warme, sonnenger?tete Haut... ein Hauch, kaum spürbar, als w?re sie aus kostbarem Glas. Sie wich nicht zurück. Sie hielt seinem goldenen Blick stand... und das war gef?hrlicher als alles, was er je gekannt hatte.
?Durch Zuspruch“, sagte Emmanline leise. ?Irgendwann muss etwas ihre Drachin so sehr erschreckt haben, dass sie sich tief in ihr Herz zurückgezogen hat. Sie brauchte jemanden, der ihn dort fand. Der ihr zeigte, dass der Weg noch da ist. Aber gehen musste sie ihn alleine.“ Ihr Blick blieb fest. ?Vor ein paar Tagen hat sie mich beobachtet. Ich habe sie angesprochen. Hinter ihrem L?cheln war nur Trauer. Sie vermisste einen Teil von sich selbst so sehr… es hat mich überrascht, wie stark ich das gespürt habe.“ Ein kaum merkliches Seufzen. ?Ich habe ihr diesen Vorschlag gemacht. Sie sagte, sie habe nichts mehr zu verlieren. Alles hing von diesem einen Moment ab... und trotzdem konnte ich nicht aufh?ren, ihr zu helfen. Etwas in mir… wollte es... musste es tun.“
Lucien hielt den Atem an. Verstand Emmanline eigentlich, wie viel sie ihm gerade schenkte? Wie viel von sich selbst sie ihm offenbarte... Dinge, die sonst niemand je zu sehen bekam? Langsam, fast and?chtig hob er beide H?nde, umfasste ihr Gesicht und sah ihr tief in ihre wundersch?nen Augen. Seine Stimme war nur noch ein raues, ehrfürchtiges Flüstern: ?Emmanline…“ als würde allein ihr Name die Welt für einen Herzschlag anhalten. ?Du hast etwas Unglaubliches getan. Du hast meiner kleinen Schwester ihren Lebenssinn zurückgegeben. Trotz allem, was du von meinem Volk erleiden musstest… hast du dich für sie eingesetzt.“ Er schluckte hart.
Emmanline starrte ihn an, sprachlos, als h?tte sich der Boden unter ihr aufgetan. ?Sie… tat mir einfach nur leid“, flüsterte sie, die Augen halb geschlossen. ?Sie ist doch noch... ein Kind.“ In ihrer Stimme schwang etwas so Reines, so Unverf?lschtes mit, dass es Lucien wie ein Messer ins Herz traf... das instinktive, fast schmerzhaft tiefe Wissen darum, dass Kinder niemals leiden dürfen. Er spürte ihre Aura, hell und kraftvoll, geformt aus eigener Erfahrung, aus dem unstillbaren Drang, genau dieses Leid zu verhindern.
Langsam neigte Lucien sich zu ihr. Er hatte so oft widerstanden. Jetzt konnte er es nicht mehr. Seine Lippen fanden ihre... vorsichtig, suchend und fast fragend. Emmanline zuckte zusammen, die silbernen Augen weit aufgerissen, einen Herzschlag lang wie erstarrt vor überraschung. Dann spürte er, wie ihre zarten Finger sich z?gernd, fast scheu in den Stoff seines schwarzen Hemdes gruben. Ein zarter Griff, kaum mehr als ein Hauch und doch brannte er sich durch ihn hindurch wie flüssiges Feuer. Jeder Muskel in seinem K?rper spannte sich an. Die Hitze seiner Erregung war schneidend, fast schmerzhaft. Diese Frau, diese Elfe, hatte Macht über ihn, wie Lucien sie nie gekannt hatte. Ein uraltes, brodelndes Feuer stieg aus seiner Tiefe auf, verschlang jede Kontrolle, die er je besessen hatte. Er, der immer Herr seiner selbst gewesen war, unerschütterlich, eiskalt, stand nun in Flammen... und doch jagte ihm ein anderer Gedanke noch gr??ere Angst ein: Verlust.
Emmanline, seine Seelengef?hrtin.
Allein der Gedanke, dass jemand versuchen k?nnte, sie ihm zu entrei?en, lie? t?dliche K?lte durch seine Adern rauschen. Wer auch immer es wagen würde, Lucien würde ihn zerrei?en. Langsam. Ohne Gnade.
Pl?tzlich verstand er seine Mutter. Wie hatte sie es überlebt, nachdem man ihr den Gef?hrten genommen hatte? Welche Qual hatte sie durchgestanden, ohne daran zu zerbrechen? Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Die Verantwortung, Emmanline zu schützen, legte sich wie ein eiserner Ring um seine Brust... aus Pflicht, aus Liebe und aus Zorn.
Lucien sah tief in ihre Augen. Halb geschlossen, ruhig und doch voller Leben. Sie hielten Welten in sich, die er noch nicht einmal erahnte. Die Frau vor ihm, die Seine, besa? eine Anmut, die alles übertraf, was er je gesehen hatte, und eine St?rke, die selbst die m?chtigsten Krieger seines Volkes in den Schatten stellte. Emmanline selbst schien es nicht zu bemerken, doch diese Kraft glühte in ihr... still, unzerst?rbar und unausl?schlich. Sie war ein Geschenk des Schicksals.
Egoistisch, Emmanline als sein Eigen zu betrachten, und doch konnte und wollte Lucien es nicht anders. Er würde sie behalten. Koste es, was es wolle.
Selbst wenn Himmel und H?lle sich gegen ihn stellten. Der Kuss, die Angst, die Besitzgier, die Ehrfurcht... alles war jetzt noch spitzer, noch greifbarer, noch dr?ngender.
Gerade als er die Stille brechen wollte, kam Emmanline ihm zuvor. ?Du solltest jetzt gehen.“ Ihre Stimme war leise, aber unmissverst?ndlich fest. ?Du h?ttest nicht hier sein dürfen.“ Mit beiden Handfl?chen drückte sie ihn sanft, doch entschieden von sich. Lucien lie? es zu, trat einen Schritt zurück. Die Zurückweisung traf ihn wie ein kalter Hieb mitten ins Herz, jetzt, da er wusste, was sie war, brannte sie tiefer als je zuvor. Er biss die Z?hne zusammen, schluckte den ersten, hei?en Impuls hinunter und zwang sich zur Ruhe. Geduld. Emmanline brauchte Zeit. Das war alles, was er ihr im Moment geben konnte und alles... was sie von ihm annehmen würde. ?Deine Schwester…“, begann sie und senkte den Blick, ?… wird bald aufwachen. Sie m?chte sicher nicht, dass jemand sie so sieht. Sie will es euch selbst zeigen. Aus eigener Kraft.“
Lucien schwieg einen Herzschlag lang. Nicht irritiert von ihren Worten, sondern von der zarten, fast schmerzhaften Rücksicht, die darin lag. ?Danke, Emmanline.“ Mit dem Rücken seiner Finger strich er ein letztes Mal über ihre Wange, kaum spürbar, als wollte er sich diese Berührung für immer einpr?gen. Worte waren nicht n?tig... sie verstand. Ein kaum merkliches, warmes L?cheln huschte über sein Gesicht, das erste seit Langem, das echt war. Dann beugte Lucien sich vor und hauchte ihr einen sanften, fast scheuen Kuss auf die andere Wange, direkt neben ihr spitzes Ohr, wo ihr Duft am st?rksten war. Einen Atemzug lang blieb er noch so, als müsste er sich losrei?en. Dann tat er es. Schweren Herzens wandte Lucien sich ab und verlie? die Lichtung. Jeder Schritt fiel ihm schwerer als der vorige, doch er wusste... sie hatte recht. Es w?re nicht fair gewesen, weder Malatya noch Emmanline gegenüber.
Heute hatte das Schicksal ihm mehr geschenkt und abverlangt, als ein einziger Tag je tragen sollte. Die Wahrheit war zu gewaltig, die Gefühle zu roh und um sie sofort zu fassen. Langsam, w?hrend der Wald sich wieder um ihn schloss, wurde ihm klar... sein ganzes Leben stand auf dem Kopf und Lucien würde es, Stück für Stück, neu bauen.
Um Emmanline herum.

