Langsam fühlte sich Emmanline v?llig orientierungslos. Zusammen mit Malatya hatte sie sich in diesen kleinen, abgelegenen Teil des Waldes zurückgezogen und hier ein Pl?tzchen gefunden, an dem sie endlich wirklich zur Ruhe kommen konnte. Ein Ort, an dem sie weder Drachen sehen, noch von anderen beobachtet werden konnte. Im Schloss oder au?erhalb spürte sie st?ndig Blicke auf sich... nicht immer freundlich. Und Emmanline konnte es den ihnen nicht verübeln. Sie geh?rte hier einfach nicht hin, und wahrscheinlich würde sie es auch niemals. Wenn sie k?nnte, würde sie gehen wollen, doch der Drache lie? es nicht zu.
Bis jetzt hatte Emmanline nie die M?glichkeit gehabt, dem Grund dafür wirklich auf den Grund zu gehen. Sie h?tte sich nicht daran halten müssen, tat es aber aus Rücksicht... weil er eine Position innehatte, die so hoch war, dass sie sich dem nicht entziehen konnte. Und doch verstand sie nicht einmal, warum sie überhaupt Rücksicht auf ihn nahm. Bei jedem Gedanken daran runzelte sie die Stirn, unf?hig, eine klare Antwort zu finden.
Allm?hlich spürte Emmanline, wie etwas in ihr begann, sich zu ver?ndern... langsam, stetig und unaufhaltsam. Das war beunruhigend. Sehr beunruhigend. Was sollte sie nur tun? Sie durfte sich nicht beeinflussen lassen. Jede Regung, jede Entscheidung drohte, sie dem Abgrund n?herzubringen. Was lief nur alles schief? W?re sie damals nicht mitgegangen, dann w?re heute nichts so kompliziert und sie h?tte all diese sch?nen Dinge weder gesehen noch kennengelernt. Es war nicht fair, so viel Sch?nes zu erleben und doch gefangen zu sein.
Emmanline sehnte sich danach, die Welt in freier Wahl selbst zu genie?en, ohne von jemandem abh?ngig zu sein. Ja, der Drache zeigte ihr Wunderbares, doch zu welchem Preis? Sollte sie es einfach genie?en, egal, was sie dafür opferte? Eigentlich durfte sie sich nicht beschweren. Verglichen mit Culebra war alles ein Unterschied wie Tag und Nacht. Niemand rührte sie an oder tat ihr weh... dafür sorgte der Drache, wie er es versprochen hatte... und doch war Emmanline verzweifelt, durcheinander, gefangen zwischen Angst, Neugier und einem wachsenden Gefühl der Abh?ngigkeit.
Ihre Gedanken drifteten zurück zu jenem Moment, als Malatya zum ersten Mal ihre wahre Gestalt angenommen hatte… ein Ereignis, das ihre eigenen Gefühle noch st?rker in Bewegung setzte und sie gleichzeitig nachdenklich und unsicher machte, w?hrend sie auf das Drachenjunge neben sich blickte, das tief und fest schlief.
?Glaubst du wirklich, ich bekomme das hin?“ Die Stimme des kleinen M?dchens zitterte vor Zweifel.
Emmanline blickte zu ihr hinunter. ?Natürlich. Du darfst kein Misstrauen hegen. Dein Drache muss sich wohl und willkommen fühlen. Sie ist ein Teil von dir... und wird es immer sein.“ Sie sah, wie Malatya darüber nachdachte und verstand die Angst nur zu gut. In einer Situation, in der so viel auf dem Spiel stand, konnte jemand leicht den Mut verlieren. ?Du musst ihr nur eine Chance geben.“
?Vielleicht hast du recht. Ich sollte es wirklich versuchen. Ich will es ja auch… aber manchmal habe ich einfach Angst.“ Ihre Stimme klang schwer vor Leid. ?Je mehr mir jemand versucht, zu helfen, desto mehr verliere ich den Glauben und die Hoffnung.“
Emmanline konnte nicht anders, als die Hand auf Malatyas Kopf zu legen und sanft über das seidige dunkelblaue Haar zu streichen. ?Natürlich fühlst du dich so. Dein Drache wird es genauso empfinden. Aber es ist deine Aufgabe, deiner Drachin zu zeigen, welche Freiheit sie haben k?nnte, welche M?glichkeiten auf sie warten. Lausche in dich hinein, Malatya. Finde den Punkt in dir, wo dein zweites Ich verborgen liegt und r?ume ihre ?ngste aus.“ Ihre Stimme war ruhig, eindringlich. ?Wenn du willst, werde ich dich begleiten.“
Malatya schaute sie einen Moment lang stumm an, dann huschte ein kleines, tapferes L?cheln über ihr Gesicht. ?Ich will es versuchen. Für mich… und für meinen Drachen. Ich brauche sie so sehr.“ Ihre Worte waren von qu?lender Sehnsucht durchzogen.
?Und sie braucht dich ebenso“, sagte Emmanline leise.
?Bitte leite mich, Emmanline. Was muss ich tun?“ Die Verzweiflung in ihrer Stimme war jetzt deutlich spürbar... ein Bedürfnis, das sie sonst immer unterdrückte.
?Schlie?e deine Augen und tauche mit deinem ganzen Bewusstsein nach innen. Fühle genau so, wie du es im wachen Leben tust, wenn deine Augen offen sind.“ Emmanline wartete geduldig, bis Malatya die Augen geschlossen hatte. ?Nutze die Ruhe um dich herum. Denke daran, deine Drachin zu finden. Wo fühlst du sie am st?rksten? Wo ist ihre Einsamkeit am gr??ten? Folge dieser Spur.“
Malatya runzelte wiederholt die Stirn, k?mpfte sichtlich mit der Konzentration, bis sich ihr Gesicht endlich entspannte, nur um gleich darauf erneut zu verkrampfen. Die Anstrengung war gewaltig. Schlie?lich ?ffnete sie ihre violetten Augen. ?Ich schaffe das nicht. Es ist so schwer…“ Sie seufzte tief.
Emmanline überlegte kurz, dann sprach sie leise: ?Es gibt eine M?glichkeit, wie ich dich in Gedanken führen k?nnte.“ Sie z?gerte einen Moment.
?Wirklich? Wie?“ Malatyas Stimme klang pl?tzlich hoffnungsvoll, fast aufgeregt.
?Ich wei? nicht, ob das eine gute Idee ist“, begann Emmanline vorsichtig. ?Ich müsste ein Stück weit in deine Gedanken eindringen. Dafür müsstest du mir bewusst Zutritt gew?hren… und das würde bedeuten, dass du mir sehr gro?es Vertrauen schenkst. Vielleicht mehr, als du solltest. Ich k?nnte Dinge sehen, die du eigentlich für dich behalten willst... Erinnerungen, Gefühle, die nur dir geh?ren. Ich würde natürlich nichts davon nehmen oder missbrauchen, das schw?re ich.“
Malatya antwortete ohne das geringste Z?gern: ?Aber ich vertraue dir.“ Emmanline blinzelte überrascht. ?Ich habe einfach das Gefühl, dass ich dir vertrauen kann“, fügte das M?dchen hinzu und ein kleines, absolut ehrliches L?cheln umspielte ihre Lippen, w?hrend ihre violetten Augen voller Hoffnungen funkelten. Wie sollte sie da bittesch?n widerstehen? Verflixt...
?Bist du dir wirklich sicher?“, fragte Emmanline leise. ?Ich will nichts von dir, das du nicht freiwillig gibst, weder deine Erinnerungen noch deine Gedanken.“ Doch das L?cheln wurde nur weicher und entschlossener. Das genügte. Emmanline nickte. ?Dann schlie?e wieder deine Augen. Gib mir dein Einverst?ndnis, dass ich Zugang zu deinem Geist haben darf.“ Sie legte ihre Hand sanft auf Malatyas Kopf, schloss ebenfalls die Augen und lie? ihren Atem tiefer und ruhiger werden. In ihrem Inneren sammelte sie ihr Bewusstsein, l?ste es von ihrem K?rper und glitt wie ein leuchtender, seidiger Faden in Malatyas Geist hinein. Der Eintritt kam schneller, als Emmanline erwartet hatte. Keine Blockade, kein Widerstand, nur reine, offene Zustimmung. So offen, dass es Emmanline den Atem raubte. Sie fand sich in einem Raum aus strahlenden Farben wieder, einer Art innerem Regenbogen, der vor W?rme und Leben pulsierte. Es war, als bestünde Malatyas Seele selbst aus purem Licht... und dieses Licht streifte Emmanline, durchdrang sie, schenkte ihr Wellen von Freude, Hoffnung und kindlicher Unschuld. Gefühle, die sie kaum ertragen konnte. Zu hell. Zu rein. Fast schmerzhaft ungewohnt.
Emmanline schluckte schwer, zwang sich, die überw?ltigende W?rme für einen Moment auszublenden und klammerte sich an das, was sie eigentlich suchte... die Einsamkeit, den Schmerz, die dunklen Stellen, die nach Berührung und Heilung verlangten. ?Kannst du mich h?ren?“, fragte Emmanline in Gedanken. Ihre Stimme war ein sanfter, warmer Impuls, direkt an Malatyas Bewusstsein gerichtet, ein behütender Flügelschlag, der sagte: Du bist nicht allein.
Malatyas Gedankenstimme klang erstaunt, fast ehrfürchtig. ?Ja… ich kann dich h?ren. Das ist unglaublich. Ich spüre dich... überall… du bist so nah.“
?Unsere Geister sind jetzt miteinander verbunden“, erkl?rte Emmanline ruhig. ?Aber wir müssen uns beeilen. Ich kann diesen Zustand nicht ewig halten.“ Es war das erste Mal, dass sie so tief in ein fremdes Bewusstsein eintauchte. Es kostete unvorstellbar viel Kraft und sie spürte bereits, wie ihre eigenen Grenzen zitterten. Dennoch umhüllte sie Malatyas Geist behutsam mit ihrem eigenen... wie ein schützender, warmer Mantel. Emmanline schickte Mut, Geborgenheit, Entschlossenheit in das vibrierende Licht des M?dchens. ?Konzentriere dich wieder“, flüsterte sie in Gedanken. ?Geh tiefer. Ich bin bei dir, ich führe dich.“ Ein sanfter Impuls, wie eine unsichtbare Hand, die Malatyas Rücken stützt. ?Immer tiefer in dein Innerstes. Sie ist da. Sie wartet schon so lange auf dich.“ W?hrend sie sprach, strich Emmanlines Bewusstsein wieder und wieder beruhigend an Malatyas entlang... gleichm??ig, warm, wie ein zweiter Herzschlag, der leise versprach: Ich lasse dich nicht fallen.
?Ich…“ Malatyas Stimme stockte, Unsicherheit und Staunen zugleich. Doch sie wich nicht zurück.
?Hab keine Angst“, sagte Emmanline sanft, aber mit fester überzeugung. ?Spürst du es nicht? Diese Einsamkeit ganz tief in dir... ich kann sie fühlen. Deine Drachin ist genauso einsam wie du. Ihr teilt eine Seele, einen K?rper, ein Leben. Ihr seid eins. Ihr habt immer zusammengeh?rt.“ Immer wieder gab sie kleine, sanfte Schübe... wie Flügelst??e, die ein junges Vogelküken ermutigen, endlich zu fliegen. Und tats?chlich... Malatya wagte sich weiter, schob den Schleier der Angst Stück für Stück beiseite. Dann, nach einer Ewigkeit aus Atemzügen und Herzschl?gen, erreichten sie etwas Unfassbares. Etwas, das selbst Emmanline den Atem raubte. Eine Pr?senz... gewaltig, uralt und doch so verletzlich. Eine Verbindung, die sich anfühlte wie zwei H?lften eines einzigen, leuchtenden Sterns, die endlich wieder zusammenfanden. ?Kannst du sie spüren, Malatya?“, flüsterte Emmanline, fast atemlos vor Ehrfurcht.
?Ja…“, ein leises, zitterndes Schluchzen schwang in der Gedankenstimme des M?dchens mit. ?Sie ist da. Sie ist wirklich da. Ich h?tte nie geglaubt… aber sie ist da.“
Ein letzter, zarter Impuls von Emmanline... wie ein aufmunterndes Nicken. ?Geh zu ihr. Sie wartet nur auf dich.“ Dann zog sie sich behutsam zurück, langsam, damit der übergang nicht riss. Sie ?ffnete die Augen. Malatya sa? noch immer reglos da, die Augen geschlossen, doch etwas hatte sich ver?ndert. Eine tiefe, warme Energie begann von ihr auszustr?men, füllte den kleinen Waldplatz wie unsichtbares goldenes Licht. Ihre Lippen zitterten kaum merklich und ein winziges, ungl?ubiges L?cheln zeichnete sich ab... als h?tte Malatya gerade die sch?nste und gleichzeitig erschütterndste Wahrheit ihres Lebens gefunden. Emmanline hielt den Atem an. Es begann... und dann geschah es.
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Kunterbunte Farben wirbelten um Malatyas kleinen K?rper, flossen wie lebendige Magie, tanzten und verdichteten sich. Die Gestalt eines Drachen nahm Form an... schm?chtig noch, fast zerbrechlich, aber von einer eleganten, raubtierhaften Anmut. Die weiblichen Züge des M?dchens blieben erhalten, nur umhüllt von schimmernden Schuppen und der stolzen Linie eines echten Drachen.
Emmanline trat einen Schritt zurück, gab ihr Raum. Ein leises, fast demütiges L?cheln zog über ihr Gesicht. Es hatte funktioniert. Das kleine M?dchen, das so lange nicht hatte glauben k?nnen, stand nun vor ihr... verwandelt. Befreit. Dieser Moment war mehr als eine Verwandlung. Es war Heilung. Es war der erste Atemzug nach Jahrzehnten unter Wasser. Und dennoch... w?hrend pure Freude durch Emmanlines Brust str?mte... bohrten sich die alten Splitter tiefer. Drachen waren nicht ihr Feind, nicht wirklich. Hass w?re zu einfach gewesen. Es war Schmerz, war Wut, war das bittere Wissen um alles, was man ihr genommen hatte... ihre Freiheit, ihre Mutter, ihre Kindheit. Ein tiefer Teil von ihr würde niemals vergeben k?nnen.
Aber nicht Malatya.
Malatya war rein. Unbelastet. Sie trug keine Vergangenheit aus Blut und Tr?nen in sich. Und genau deshalb war es richtig, hier zu sein. Zu helfen. Zu heilen. Auch wenn Emmanlines eigenes Herz noch immer brannte. Denn etwas ver?nderte sich in ihr... leise, schleichend und unaufhaltsam. Etwas, das sie nicht benennen konnte und vor dem sie sich fürchtete. Wie konnte das sein? Wie konnte sich pl?tzlich alles anfühlen, als k?nnte es eines Tages anders sein, als sie ihr Leben lang geglaubt hatte?
Die meisten sahen Emmanline immer noch als Fremdk?rper. Als Gefahr. Ihre Blicke waren kalt, manchmal ver?chtlich, manchmal voller Furcht. Und doch… gab es diese wenigen. Die wenigen, die l?chelten. Die sie ansahen, ohne zu verurteilen. Die sie behandelten, als w?re sie mehr als das, wofür man sie hielt. Es verwirrte Emmanline. Es brachte sie aus dem Gleichgewicht. Es machte sie Scheu.
Malatya hatte inzwischen ihre volle Drachengestalt angenommen. Langsam ?ffneten sich ihre bezaubernden Augen... leuchtend violett wie tiefe Edelsteine, voller Leben, voller Klarheit. Und gleichzeitig voller ungl?ubigem, überw?ltigendem Glück.
Sie hatte es geschafft.
?Oh, ihr G?tter…“ Ihre Stimme hallte direkt in Emmanlines Geist, rau vor Tr?nen, die sie nicht weinen konnte in dieser Gestalt. ?Ich habe… ich habe es wirklich…“ Weiter kam sie nicht. Ein zittriges, drachenhaftes Schluchzen... halb Lachen, halb Weinen... brach aus ihr heraus und erfüllte den ganzen Wald.
Emmanline stand still, die H?nde ineinander verkrampft, die Augen feucht. Etwas in ihr zerbrach... und wurde gleichzeitig neu geboren. Es kostete Emmanline mehr überwindung, als sie sich je eingestehen würde. Aber sie tat es. Ihre Hand zitterte kaum merklich, als sie sie auf die dunkelblaue, kühle Schnauze des kleinen Drachen legte. Die Schuppen fühlten sich an wie Mondlicht auf Seide.
?Du hast es geschafft, Malatya“, flüsterte sie, die Stimme rau vor unterdrückter Rührung. ?Sieh nur… dein Drache ist wundersch?n. Ihr habt einander endlich gefunden.“ Emmanline konnte den Blick nicht abwenden von diesen lebendigen, violetten Augen, die vor Glück strahlten.
?Ja… das ist sie.“ Malatya schmiegte sich in die Berührung wie ein K?tzchen, das zum ersten Mal gestreichelt wurde. Eine Welle aus purer, kindlicher Dankbarkeit flutete durch die Verbindung, warm und grenzenlos. ?Ich... ich wei? nicht, wie ich dir je... danken soll. Du hast mir etwas geschenkt, das… das ich dir niemals zurückgeben kann.“
Emmanline fehlten die Worte. Diese Dankbarkeit... so echt, so nackt... hatte noch nie jemand ein Wesen wie ihr entgegengebracht. Schon gar kein Drache. Etwas in ihrer Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als w?re dort pl?tzlich zu wenig Platz für all das Gefühl. Ihr Atem stockte... und trotzdem kamen die Worte, bevor sie sie aufhalten konnte: ?Solange du glücklich bist, reicht mir das als Dank.“ Emmanline wusste selbst nicht, woher sie das nahm. Aber es war wahr. Zum ersten Mal seit Jahren war etwas in ihr einfach… wahr. ?Versprich mir nur eins“, sagte sie leise und strich weiter über die glatten, nachtschimmernden Schuppen. ?Bleibt zusammen. Egal, was kommt. Ihr geh?rt zueinander.“
?Ich verspreche es.“ Drei Worte. Leise.... und doch schwer wie ein Schwur, der die Welt ver?ndern konnte.
Emmanline l?chelte... ein kleines, zerbrechliches L?cheln. ?Dann nehmt euch jetzt Zeit. Lernt euch kennen. Spürt einander. Ihr braucht das mehr als alles andere.“
Malatya schloss die Augen. Kein Widerstand, kein Z?gern. Nur ein tiefes, vertrauensvolles Ausatmen. Einen Herzschlag sp?ter sank sie in den Schlaf, eingehüllt in das sanfte, blaue Leuchten ihrer eigenen Aura. Emmanline spürte es genau... In diesen Tr?umen würden sie weiterreden, weiter lieben, weiter zusammenwachsen. Von diesem Moment an waren sie untrennbar. Emmanline blieb noch eine Weile sitzen, die Hand auf der warmen Schnauze und starrte in das schlafende Drachengesicht.
Langsam sickerten die Erinnerungen zurück, weich und tr?ge wie Nebel, der sich über einen stillen See legt. Emmanline lehnte sich vorsichtig an das schlafende Drachenjunges, spürte die warme, gleichm??ige Bewegung ihres Atems unter den Schuppen. Sie schloss die Augen... nicht, um zu schlafen, sondern um endlich einmal nur zu sein. Zu atmen. Die letzten Stunden zu ordnen.
Eine Weile verging in wohltuender Stille. Dann spürte Emmanline... ihn. Ein vertrautes Ziehen, kaum wahrnehmbar, wie ein leiser Ruf tief in ihrem Inneren. Ihr Name, geflüstert von einer Stimme, die sie gleichzeitig fürchtete und herbeisehnte.
Z?gernd ?ffnete Emmanline die Augen. Der Drache stand genau dort, wo sie ihn erwartet und doch nicht erwartet hatte. Gro?, dunkel und… ver?ndert. Seine Augen ruhten auf ihr mit einer Intensit?t, die sie fast verbrannte, als h?tte er gerade ein R?tsel gel?st, das ihn sein Leben lang gequ?lt hatte. Nur... welches R?tsel war es?
Pl?tzlich bekam Emmanline Panik. Schiere, atemraubende Panik. Der Drache trat n?her, ging langsam vor ihr in die Hocke, bis sie auf Augenh?he waren. Dann… berührte er sie. Nicht fordernd. Nicht besitzergreifend. Einfach nur… sanft. Ihre Augen weiteten sich. Am ganzen K?rper breitete sich eine G?nsehaut aus. Seine Finger strichen über ihre Wange, als w?re sie aus hauchdünnem Glas, das jeden Moment zerspringen k?nnte. Die Berührung war so vorsichtig, so unertr?glich liebevoll, dass Emmanline zusammenzuckte. Ihr Verstand schrie: Weg! Rückzug! Gefahr!
Seltsam... ihr K?rper jedoch lehnte sich in die W?rme, als h?tte er schon immer genau dorthin geh?rt. Die Rauheit war fort. Die alte Wildheit, die Grobheit... alles wie weggeblasen. Stattdessen diese ruhige, fast ehrfürchtige Z?rtlichkeit, die sie mehr erschreckte, als jeder wütende Blick je gekonnt h?tte. Dazu seine sanften Worte, wenn er jetzt mit ihr sprach. All das überforderte sie und sie bekam kaum noch Luft zum Atmen. Je mehr er sprach, so unwirklicher wurde alles.
Dann hauchte er ihren Namen auf eine Weise, dass Emmanline erstarren lie?. ?Du hast etwas Unglaubliches getan“, sagte er leise, mit einer Stimme, die wie Samt über ihre Nerven strich. ?Du hast meiner kleinen Schwester ihren Lebenssinn zurückgegeben. Trotz allem, was du von meinem Volk erleiden musstest… hast du dich für sie eingesetzt.“
Emmanline wollte widersprechen... es war doch nur ein kleiner Ansto? gewesen... aber viele Worte blieben ihr im Hals stecken. Dann beugte er sich vor. Seine Lippen streiften ihre, kaum mehr als ein Hauch, und doch explodierte ein Feuerwerk in ihrem Blut. Ein Funke, der sich rasend schnell ausbreitete, jede Faser ihres K?rpers in Brand setzte. Sie schloss halb die Augen, unf?hig, sich zu wehren, unf?hig, überhaupt etwas zu tun, au?er stillzuhalten und zu spüren. Er flüsterte etwas an ihrem Mund... Worte, die Emmanline nicht verstand, aber fühlte. Worte voller Erstaunen, voller Bewunderung, der nicht fordernd, sondern flehend klang.
Als der Drache sich schlie?lich l?ste, nur wenige Zentimeter, sah er sie an, als h?tte er gerade die Antwort auf jede Frage gefunden, die er je gestellt hatte. Als w?re sie das Kostbarste, das er je in seinen H?nden gehalten hatte. Als würde er sie nie wieder loslassen... und genau in diesem Moment spürte Emmanline das leise Zucken unter ihrer Hand... Malatya bewegte sich im Schlaf, ihre Flügel zuckten sacht, sie war im Begriff aufzuwachen. Ein scharfer Stich durchfuhr Emmanlines Brust.
Nein. Nicht jetzt. Nicht so.
Malatya sollte ihren gro?en Moment haben. Sie sollte selbst entscheiden, wann und wie sie ihrem Bruder oder irgendwem sonst gegenübertrat. Nicht ertappt werden, w?hrend er … w?hrend sie beide… Widerwillig, mit einer Anstrengung, die ihr fast k?rperlich wehtat, richtete Emmanline sich auf. Ihre Stimme war rau, als sie flüsterte: ?Du solltest jetzt gehen.“ Beharrlich wiederholte sie: ?Du h?ttest nicht hier sein dürfen.“ Dabei drückte sie ihn sacht, aber bestimmt von sich fort.
Er war nicht glücklich damit, fortgeschickt zu werden. Emmanline sah es in seinen Augen... ein kurzes, dunkles Aufblitzen von Wut, sofort gefolgt von etwas, das fast wie Verletztheit aussah. Das verwirrte sie mehr als jeder offene Zorn. Warum verstand er nicht, dass sie Malatya nur diesen einen reinen, ungest?rten Moment schenken wollte? Emmanline erkl?rte es ihm mit wenigen, leisen Worten. Sofort ver?nderte sich sein Blick. Erkenntnis. Verstehen. Kein Widerstand mehr. Der Drache nickte kaum merklich, trat noch einmal ganz nah an sie heran und strich mit zarten Lippen ein letztes Mal über die empfindliche Stelle neben ihrem spitzen Ohr. Emmanline keuchte leise auf... ein winziger, unwillkürlicher Laut, als wollte er sich ihren Geschmack und ihren Geruch für immer einpr?gen. Dann verschwand er lautlos zwischen den B?umen.
Emmanline blieb zurück, die Haut brennend von seinen Berührungen. Das Prickeln war überall... auf ihren Wangen, auf ihrem Mund... tiefer. Es wanderte weiter, wurde hei?er, schwerer, sammelte sich in ihrem Unterleib wie ein Gewitter, das sich nicht mehr aufhalten lie?. Ein Verlangen, das sie gleichzeitig schw?chte und auffra?. Emmanline spürte, wie ihr K?rper sich dagegen wehrte und sich gleichzeitig danach sehnte, endlich loszulassen, sich fallen zu lassen, sich diesem Feuer ganz hinzugeben... und genau davor hatte sie Angst. Fliehen oder bleiben? Weglaufen, wie sie es immer getan hatte, oder endlich stehen bleiben und spüren, was geschah, wenn sie sich nicht mehr wehrte?
Die Stille ringsum war so vollkommen, dass ihre Gedanken wie Schreie klangen. ?Mutter…“ flüsterte Emmanline fast lautlos in den Himmel hinauf, der immer mehr einen n?chtlichen Schein annahm. ?Ich... ich wei? nicht, was ich tun soll.“ Natürlich kam keine Antwort. Ihre Mutter war fort. Für immer. Sie lebte nur noch in einem kleinen, verborgenen Winkel ihres Herzens und manchmal, in N?chten wie dieser, glaubte Emmanline, dass selbst dieser Winkel langsam zerbr?ckelte. Aber tief in sich kannte sie die Antwort bereits. Emmanline hatte sich geschworen, nie wieder davonzulaufen. Nicht vor den Drachen. Nicht vor dem Schmerz. Nicht vor sich selbst. Auch wenn es sie zerst?ren würde.
Wenn Emmanline dieses Mal blieb, wenn sie sich stellte, allem, was kommen wollte, dann würde es kein Zurück mehr geben. Sie wusste, dass mit einer Klarheit, die ihr den Atem raubte. Dann würde sie k?mpfen, bis nichts mehr von ihr übrig war. Bis ihr K?rper noch stand, aber ihre Seele l?ngst in tausend Scherben lag. Bis sie nur noch eine leere Hülle war, die atmete, weil sie es nicht lassen konnte. Emmanline hatte diesen Punkt schon einmal fast erreicht. Damals hatte ihre Mutter sie noch festgehalten. Heute war niemand mehr da.
Emmanline schloss die Augen, ballte die H?nde zu F?usten, bis die N?gel sich in ihre Handfl?chen gruben. Sie würde nicht fliehen. Nicht dieses Mal. Auch wenn es ihr Ende bedeutete.

