Erneut stand Lucien am Fenster seines Arbeitszimmers und blickte hinaus. Es war ein stetiger Drang, die Welt da drau?en zu beobachten... natürlich nur aus einem einzigen Grund... die Elfe, die er zurückgeholt hatte. Inzwischen waren fast drei Wochen vergangen, seit sie hier war. Lucien konnte nicht sagen, ob Emmanline sich bereits an ihr neues Leben gew?hnte. Manchmal wirkte sie so gelassen, dass er hoffte, es würde ihr gefallen und sogar guttun. Doch dann gab es wieder Momente, in denen sie angespannt, zurückhaltend und abweisend war. Sie war vorsichtig… und zugleich widersetzte sie sich ihm. Es war verdammt schwer, überhaupt etwas über sie herauszufinden.
Emmanline schlief nicht, a? so gut wie nichts. Immer wieder musste Lucien sie fast zwingen, ein wenig zu sich zu nehmen, sonst h?tte sie gehungert. Sein Drache war darüber alles andere als glücklich. Es gefiel ihm nicht, dass sie sich nicht um sich selbst kümmerte... und dass er es nicht durfte, je nachdem, wie man es betrachtete. Allein schon, weil er wollte, dass es ihr gut ging. Verdammt noch mal, er wollte für sie sorgen. Was war daran falsch?
Manchmal wurde Lucien deswegen frustriert und wütend. Ihm gingen die Ideen aus. Er war es nicht gewohnt, auf diese Weise für eine Frau zu sorgen, und dennoch wollte er Emmanline beschützen. Und doch musste er sich eingestehen... trotz des fehlenden Schlafs und der sp?rlichen Nahrung wirkte sie fit und munter, als br?uchte sie nichts davon.
Ein Ph?nomen.
Lucien hatte viel darüber nachgedacht und Vergleiche angestellt. Mit anderen V?lkern, mit Mythenwesen… doch nichts passte wirklich. Walküren zum Beispiel hatten silberne Augen, wenn sie in emotionalem Aufruhr waren. Emmanlines Augen waren immer silbern. Walküren nahmen keine Nahrung zu sich, mussten aber dennoch schlafen. Die aggressiven Walküren a?en nur, wenn sie Nachwuchs wollten. Emmanline hingegen war nicht aggressiv, und ihre k?rperlichen Bedürfnisse schienen v?llig normal zu sein.
Furien glichen den Walküren, waren jedoch unberechenbarer. Andere Mythenwesen wiesen nur einzelne Eigenschaften auf, die teilweise zu ihr passten. Doch jedes Mal verwarf er die Idee wieder, weil es nie vollst?ndig stimmte.
Eines war für Lucien klar... Emmanline war keine reinblütige Elfe. Davon war er überzeugt... aus einem Gefühl heraus, das ihn noch nie get?uscht hatte. Und sie hatte ihm nie widersprochen, wenn er Fragen stellte.
Wie stellte sie das nur an? Je mehr Lucien Emmanline ausfragte, desto mehr zog sie sich zurück, verschloss sich, blockte sofort ab. Es ?rgerte ihn bis ins Mark. Bei allen G?ttern, er schwor sich, dass sie sich ihm irgendwann anvertrauen würde. Nur dann konnte er sie richtig beschützen. Aber wie sollte er das tun, wenn er nicht einmal wusste, womit er es eigentlich zu tun hatte?
Lucien konnte nur hoffen, das Richtige zu tun... ihr Freiraum zu lassen und ihr gleichzeitig zu zeigen, dass er sich bemühte, ihr einen anderen Eindruck von seinem Volk zu vermitteln. Das Emmanline hier keine Gefangene war. Doch allm?hlich zerrte diese Unsicherheit an seinen Nerven und er seufzte tief.
?Wie lange willst du noch aus dem Fenster starren und vor dich hin seufzen?“ Raidens Stimme schnitt durch den Raum. ?Das ist langsam nicht mehr mit anzusehen. Nimm sie dir doch endlich, wenn du so scharf auf sie bist.“
Lucien knurrte leise und drehte sich um. Sein ?lterer Bruder sa? l?ssig in einem schwarzen Ledersessel vor dem Schreibtisch, die Beine übereinandergeschlagen, die muskul?sen Arme verschr?nkt. Lucien hatte gewusst, dass Raiden ihn die ganze Zeit beobachtete... aber es war ihm egal. Er hatte ihn schlie?lich selbst hergerufen, weil er Pl?ne schmiedete. ?Halte dich daraus.“ Er warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster, die Stirn leicht gerunzelt. Wie sollte er es anstellen, ohne Emmanline zu bedr?ngen? Lucien hatte es noch nicht geschafft und bisher auch kaum die Zeit gefunden, etwas zu ?ndern, obwohl er es versucht hatte.
Kurz nach ihrer Rückkehr ins Schloss hatte er sein Versprechen gegenüber seiner Mutter eingel?st... den Thron bestiegen und den Platz eingenommen, für den er bestimmt war. Lucien hatte Rhivanna abgel?st und in ihren Augen die unendliche Erleichterung gesehen. Es hatte ihm fast das Herz zerrissen. All die Jahre hatte sie gelitten, gezwungen, eine Rolle auszufüllen, die sie niemals gewollt hatte... die Last des Thrones, die Erwartungen ihres Mannes, ihres Gef?hrten. Nun, da sie endlich erl?st war, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihm in den Tod folgen würde. Der Gedanke schnitt wie ein Messer. Weder er noch seine Geschwister konnten sie aufhalten. Am Ende würden sie ihre Mutter gehen lassen müssen, egal wie sehr es ihnen das Herz zerfetzte.
?Doch kommen wir zum Wesentlichen, Raiden.“ Lucien trat an seinen Schreibtisch, lie? sich schwer in den Stuhl fallen, aber Emmanline nicht einen letzten intensiven Blick zugeworfen zu haben. ?Ich will, dass du eine Audienz am Hof der Elfen arrangierst und als mein Botschafter vor deren K?nig trittst. Immerhin w?re das eine deiner Pflichten.“ Lucien lehnte sich zurück, legte die H?nde auf die Armlehnen und fixierte seinen Bruder mit einem kalten, entschlossenen Blick.
?Wie bitte?“ Raiden schnellte in eine aufrechte sitzende Position hoch. ?Das... das ist nicht dein Ernst. Die gew?hren keinerlei Audienz, schon gar nicht einem von uns. Sie haben sich nach dem Krieg gegen die Nymphen vollkommen zurückgezogen. Niemand wei?, wo sie stecken.“
Lucien l?chelte nur dünn. ?Doch. Es gibt welche, die es wissen.“
Raiden starrte ihn an, als h?tte ihn der Blitz getroffen. ?Sag nicht, du geh?rst dazu?“
?Sonst würde ich dich kaum losschicken.“ Lucien blieb gelassen. ?Die Elfen waren schlau, aber nicht schlau genug. Spione gibt es überall, Verr?ter ebenso. Das müsstest du eigentlich am besten wissen.“
Raiden verschr?nkte die Arme, sein Blick wurde finster. ?Selbst wenn ich den Weg finde, sie rei?en mich in Stücke. Ihre Sp?her und J?ger sind t?dlich.“
?Seit wann l?sst du dich von ein bisschen Tod abschrecken?“ Lucien hob sp?ttisch eine Braue. ?Ich dachte, du lebst für den Kampf. Früher warst du an jeder Front der Erste.“
Raiden knurrte tief, ein Grollen, das durch den Raum rollte. ?Ich liebe den Kampf immer noch, aber ich bin nicht lebensmüde. Und ich habe im Moment andere Sorgen.“
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Lucien nickte wissend. Er wusste genau, woran Raiden gerade dachte... an die Frau, den Engel, die vor ihm floh. Seine Seelengef?hrtin. Lucien verstand den Schmerz seines Bruders, aber das ?nderte nichts.
?Du gehst nicht mit leeren H?nden.“ Lucien schob einen schweren, braunen Brief über den Tisch. Das Siegel... ein roter Drache mit ausgebreiteten Schwingen... glühte fast, als wollte es jeden warnen, der es wagte, ihn unberechtigt zu ?ffnen.
Raiden starrte das Schreiben an, als k?nnte es ihn bei?en. ?Erkl?r es mir. Jetzt.“
Lucien atmete tief durch. Dann sprach er... leise, aber mit der K?lte eines K?nigs, der keine Widerrede duldet. Von den dunklen Fae. Von ihren schleichenden Intrigen, den Schattenbündnissen, den Kriegen, die sie entfesseln wollten. Von einer Bedrohung, die alles verschlingen würde, was ihnen lieb war.
Raiden wurde still. Sehr still. Auch er spürte es... der Sturm zog auf und diesmal würde niemand verschont bleiben.
?Sag mir eins, Raiden“, fragte Lucien und hielt den Blick seines Bruders fest, ?was würdest du an meiner Stelle tun?“
Raiden knurrte, tief und rau. ?So sehr es mir gegen den Strich geht... ich würde mir Verbündete suchen. Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Es klang wie ein Fluch, aber es war die nackte Wahrheit.
?Genau deshalb haben wir keine Wahl.“ Lucien lehnte sich vor. ?Charia wird die Lykae kontaktieren. Sie kennt ihre Alphatiere besser als jeder andere. Und du, Raiden… du bringst das dem Elfenk?nig pers?nlich. Alarion wird lesen, was darin steht. Und dann wird er entscheiden, ob er weiter blind bleibt... oder ob er endlich k?mpft.“
Raiden schüttelte langsam den Kopf. ?Das ist Wahnsinn. Wir legen ihnen unsere Schwachstellen offen auf den Tisch. Genau jetzt, wo wir kurz vor dem Abgrund stehen, dürfen wir uns keinen Fehler erlauben. Ein falscher Schritt, und jemand sticht uns in den Rücken.“
?Ich wei?“, sagte Lucien ruhig. Die Worte klangen schwer, als h?tte er sie schon tausendmal durchgekaut. ?Aber wir k?nnen nicht l?nger so tun, als k?nnten wir das allein stemmen. Dieser Krieg… mein Gefühl sagt mir, er wird alles verschlingen, was wir je gekannt haben. Schlimmer als alles, was Vater durchgestanden hat.“
Raiden sah ihn an. Lange. Zu lange. ?Ich spüre es auch“, sagte er schlie?lich, fast flüsternd. ?Etwas kommt. Etwas, das wir nicht kommen sehen.“ Die Best?tigung traf Lucien wie ein kalter Schlag. Wenn sogar Raiden... der immer Rationale, wenn andere von Vorahnungen sprachen... dasselbe Unheil witterte, dann war es real.
?Deshalb“, sagte Lucien und richtete sich auf, ?müssen wir handeln, bevor es zu sp?t ist. Wir bieten Schutz. Wir bieten Gleichgewicht. Und wir h?ren endlich auf, uns von Stolz und alter Verbohrtheit l?hmen zu lassen. Vater wollte diese Mauern schon bei seiner Amtszeit einrei?en. Er wurde dafür oft von vielen verachtet und verh?hnt. Ich werde es jetzt tun... ob sie mich dafür hassen oder nicht.“ Lucien stand auf, langsam, mit der ganzen Schwere eines K?nigs, der gerade sein eigenes Todesurteil unterschreiben k?nnte. ?Also, Raiden.“ Seine Stimme war Stahl. ?Wirst du es tun?“
Ein tiefes, raues Knurren rollte durch Raidens Kehle, w?hrend er Lucien mit glühenden Augen anstarrte. Dann, in einer einzigen, geschmeidigen Bewegung, schnappte er sich den versiegelten Brief vom Tisch. ?Wir haben verdammt wenig Auswahl“, knirschte er. ?Mir stinkt das immer noch bis in die Knochen, aber ich werde es versuchen. Sollte unserem Volk dadurch auch nur ein Haar gekrümmt werden, Lucien… dann bete zu allen G?ttern, die dir einfallen. Viele folgen dir noch. Ein weiterer Schlag wie Vaters Tod, und wir zerbrechen endgültig.“ Er lie? die Worte wirken, kalt und schwer wie Eisen. ?Ich bin nicht überzeugt, dass du den Thron wirklich verdienst. Noch nicht. Aber ich werde dich beobachten. Jede Entscheidung. Jeden Atemzug.“ Raiden schob den Brief in die Innentasche seines schwarzen Hemdes, direkt über dem Herzen. ?Ich verschaffe dir deine Audienz... auf meine Weise. Ohne dein Einmischen. Ohne Diskussion.“
Lucien nickte langsam, ohne den Blick zu senken. ?Mehr verlange ich nicht. Tu, was du für richtig h?ltst. Blind vertrauen kann ich nicht erwarten. Ich wei?, dass ich mir jeden Funken Respekt erst erk?mpfen muss. Und genau das werde ich tun.“
Raiden richtete sich auf, die Schultern gestrafft, die Haltung eines Kriegers, der schon zu viele Schlachtfelder gesehen hatte. ?Wir werden sehen, wie lange dein Feuer brennt, kleiner Bruder.“ Ein schmales, gef?hrliches L?cheln zuckte über seine Lippen. ?Den Aufenthaltsort. Jetzt.“
Lucien beugte sich vor, ?ffnete eine schmale, mit Runen gesicherte Schublade und zog ein altes, oft gefaltetes Pergament hervor. Die Kanten waren ausgefranst, als h?tte es schon zu viele H?nde gesehen. ?Hier. Der Ort.“ Raiden nahm es entgegen. Ein einziger Blick, und seine Augenbrauen schossen hoch... Unglaube, dann grimmiges Verstehen. Ohne ein weiteres Wort schob er das Pergament neben den Brief, warf Lucien einen letzten, eisigen Blick zu und war verschwunden. Die Tür fiel ins Schloss wie ein Schwert in die Scheide.
Lucien sank in den Stuhl zurück, rieb sich mit beiden H?nden übers Gesicht. Die Ersch?pfung kroch ihm in die Knochen. Noch keine vier Wochen K?nig, und schon fühlte sich jeder Tag an wie ein Kampf gegen ein ganzes Heer. Jetzt verstand er seinen Vater. Unz?hlige Jahrhunderte hatte der alte Drache dieses Reich zusammengeschwei?t, Stein um Stein, Feuer um Feuer. Lucien wollte nicht nur dessen Erbe verwalten, er wollte es übertreffen. Ein Volk, das zufrieden war, war unbesiegbar. Ein Volk, das Angst hatte, war verloren.
Lucien erhob sich, trat wieder ans Fenster. Unten im Garten bewegte sich eine schmale Gestalt zwischen den Rosenbüschen, silbernes Haar, das im Abendlicht glühte wie flüssiges Mondlicht.
Emmanline.
Ein Stich fuhr ihm durch die Brust, sch?rfer als jede Klinge. Sie ver?nderte ihn. Tag für Tag. Stunde für Stunde. Und das Schlimmste daran... er lie? es zu.
Am Anfang hatte Lucien sich gewehrt, hatte geglaubt, sie h?tte ihn verhext. Doch dann hatte er ihre Magie gespürt, roh, ungeformt, kaum erwacht. Ein Funke, der nie richtig entfacht worden war. Elfen wurden mit Wissen geboren... sie wuchsen in Magie hinein wie Drachen in ihren Schuppen. Emmanline hatte nichts davon je bekommen. Man hatte ihr die Flügel gestutzt, noch bevor sie wusste, dass sie welche besa?. Einmal hatte er sie darauf angesprochen, vorsichtig, fast schuldbewusst. Ihre Antwort hatte ihn getroffen wie ein Faustschlag ins Herz. ?Was soll ich vermissen, wenn ich nie wusste, dass es existiert?“
Seitdem brannte in ihm ein Feuer, das nichts mit Drachenwut zu tun hatte. Es war das Verlangen, ihr alles zu geben, was man ihr gestohlen hatte.
Alles.
Daher konnte Lucien ihr damals nicht widersprechen. Ihre Worte waren ein Messer im Fleisch, das sich langsam drehte. Er hatte alles bekommen... Feuer, Flügel, Wissen und Macht. Nie hatte er etwas vermisst, weil es nie etwas zu vermissen gegeben hatte. Wie sollte er begreifen, was es bedeutete, mit leeren H?nden geboren zu werden? Genau deshalb war Emmanline die erste echte Herausforderung seines Lebens. Zum ersten Mal empfand Lucien keine Ungeduld, keinen Drang, das Problem mit roher Kraft zu zerbrechen. Stattdessen wuchs in ihm eine ruhige, fast unheimliche Geduld. Er würde sie verstehen. Er würde zu ihr durchdringen. Nicht, weil sein Drache sie wollte, sondern weil etwas Tieferes, ?lteres in ihm flüsterte... sie geh?rt zu dir. Finde heraus, warum.
Lucien trat ans Fenster und rechnete damit, die Bank leer zu finden.
Sie sa? dort.
Reglos, die Beine angezogen, das Kinn auf den Knien, das silberne Haar fiel wie ein Schleier über ihre Schultern. Die untergehende Sonne tauchte sie in kaltes Gold. Lucien sah auf die alte Standuhr im Eck. Noch zwanzig Minuten bis zur n?chsten Besprechung. Zwanzig Minuten, in denen das Reich Warten konnte. Er nahm sich diese Zeit. Nicht, um Emmanline zu kontrollieren. Nicht, um sie zu bewachen. Sondern weil er es nicht mehr aushielt, sie nur aus der Ferne zu betrachten. Nur ein paar Minuten. Nur ein paar Schritte n?her. Nur für ihn.

