Zum ersten Mal hatte Emmanline echte Freiheit gekostet. Sie hatte M?glichkeiten erahnt, Wege entdeckt, die Welt endlich mit ihren eigenen Augen gesehen. Und sie hatte Gefallen daran gefunden... an der Neugier, am Entdecken, an diesem bittersü?en Gefühl, dass pl?tzlich alles m?glich schien. Jeder Schritt in diese neue Welt hatte ihr Herz ein Stück leichter gemacht. Doch jetzt… jetzt, da ihr bewusst wurde, dass all das vorbei sein k?nnte, kroch ein eiskalter Schauer ihren Rücken hinunter. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, als würde eine unsichtbare Hand sie würgen. Die Luft wurde knapp. Beklommenheit, Schwermut, das l?hmende Gefühl des Verlusts... all das stieg in ihr auf... unaufhaltsam.
Ihre Schultern sanken, als würde eine schwere Last Emmanline hinunterdrücken. Sie konnte nicht anders, als sich innerlich zu ergeben. Denn der Drache hatte etwas ausgesprochen, das jede Hoffnung auf Flucht ausgel?scht hatte. ?Ich hatte nie eine Chance gehabt zu gehen... nicht wahr?“ Die Worte schmeckten bitter, brannten fast auf ihrer Zunge. Ein Teil von ihr wollte seine Antwort gar nicht h?ren... wollte nicht best?tigt bekommen, was Emmanline l?ngst wusste.
?Nein.“ Ein einziges Wort. Kurz und knapp. Endgültig. Kein Raum für Hoffnung. Kein Raum für Widerworte. Er wusste genau, was das für sie bedeutete. ?Ich wei?, was du jetzt denkst“, sagte er leiser, fast weich, als h?tte er Angst, sie zu zerbrechen. ?Aber es wird nicht so sein, Emmanline. Wenn du jetzt mit mir zurückkommst, dann nicht als Gefangene. Das verspreche ich dir.“
Emmanline starrte ihn an, fassungslos, als h?tte er ihr gerade einen schlechten Scherz pr?sentiert. Nicht als Gefangene? Wie l?cherlich das klang. Wie absurd. ?Du behauptest, ich w?re keine Gefangene?“ Ihre Stimme zitterte, irgendwo zwischen Schmerz und blankem Unglauben. Sie wartete nicht auf seine Reaktion... sie brauchte sie nicht. ?Wie kann es keine Gefangenschaft sein, wenn ich gegen meinen Willen zu dir zurückgebracht werde? Selbst wenn ich scheinbar freiwillig mitkommen… muss“ Ein bitteres Lachen entwich ihr, kurz und verletzlich. ?Es ist absurd, so etwas zu behaupten. L?cherlich.“ Ihre Kehle brannte. ?Warum bist du nicht ehrlich zu mir? Du musst mich nicht belügen oder mich mit sch?nen Worten einwickeln. Nicht, wenn ich ohnehin keine Wahl habe.“ Ihre Stimme war scharf, trotzig wie eine aufgerichtete Klinge... doch tief in ihrem Herzen fühlte sie bereits schon, wie die bitteren Tropfen der Wahrheit herabrinnen. Denn seine Worte über seinen Drachen hatten es offenbart... Drachen k?mpften nicht gegen ihren Instinkt. Sie gaben nicht frei, was sie als das Ihre betrachteten. Sie waren Besitz, Macht, Feuer... unbeugsam und unnachgiebig.
Also warum tat er so, als g?be es eine Wahl? Warum spielte er dieses Spiel, tat so, als stünde ihr irgendeine Art von Entscheidung zu? Warum wagte er es, ihr nicht die volle Wahrheit zu sagen? Warum… belog er sie?
Lucien
Lucien atmete leise aus, ein kaum h?rbares Seufzen, bevor er sprach. ?So ist es nicht, Emmanline. Ich belüge dich nicht. Ich trickse dich nicht aus. Dafür gibt es keinen Grund.“
Doch einen Grund gab es sehr wohl, Emmanline bei sich zu behalten. Einen, der ihm erst in den vergangenen zwei Tagen bewusst geworden war. Tage voller Unruhe, endloser Gedankenschleifen. N?chte, in denen sein Drache keine Ruhe gab. Anfangs hatte Lucien nicht verstanden, warum sein inneres Wesen so besessen von ihr reagierte. Warum es ihn dr?ngte, sie festzuhalten. Warum jeder Gedanke an Abstand einen dumpfen, wütenden Schmerz ausl?ste. Doch langsam… langsam nahm die Wahrheit Form an.
Mein Drache will ihr unser Volk mit anderen Augen zeigen.
Nicht als grausam. Nicht als blutrünstig. Nicht als das Monster, das Emmanline in ihnen sah... und das sie allzu oft tats?chlich waren. Er selbst, Lucien, konnte nicht einmal abstreiten, dass er diese Seite seines Volkes ebenso kannte. Zu gut. Die Erkenntnis traf ihn damals wie ein Hammerschlag. Erst unverst?ndlich, widersprüchlich… doch je mehr er versuchte, sie wegzuschieben, desto hartn?ckiger nagte sie an ihm. Schlie?lich war es sein eigenes Schuldbewusstsein, das ihm jede Ausflucht nahm. Emmanline hatte sein Leben gerettet. Ohne Z?gern. Ohne Rücksicht auf sich selbst. Sie hatte Mut bewiesen, Kühnheit, eine Mischung aus Torheit und Ehre... und Lucien hatte es gesehen. Sie hatte mehr getan, als er jemals verlangt h?tte. Und er hatte nichts davon gewürdigt. Nicht eine Spur. Er war wütend gewesen, blind... von verletztem Stolz getrieben. Und sie… sie hatte es mit ihrem eigenen Leben bezahlt und war trotzdem gegangen.
?Ach, und was soll das dann sein?“ Ihre Stimme riss ihn abrupt aus seinen Gedanken, scharf wie eine schneidende Klinge. Ihr Blick hatte sich verfinstert und Lucien spürte, wie etwas in ihm zusammenzuckte.
Lucien hielt ihrem Blick stand. Keine Ausrede. Kein Dr?ngen. Keine Machtspielchen. Nur Wahrheit. ?Du hast viel aufs Spiel gesetzt, um mich zu befreien“, sagte er leise. ?Und ich war zu stolz, zu aufgebracht, um es zu sehen. Das war nicht fair. Eine Entschuldigung reicht dafür nicht. Ich kann es nur mit Taten beweisen... wenn du es zul?sst.“ Er rückte ein winziges Stück n?her. Nicht bedrohlich. Nicht fordernd. Nur… ehrlich. ?Ein De la Cruise l?sst keine Schuld offen“, murmelte Lucien. ?Und ich schulde dir mehr, als du begreifst. Ich will dir zeigen, dass es eine andere Seite meines Volkes gibt. Eine gute Seite. Auch wenn du sie bisher nicht kennengelernt hast… sie existiert.“ Seine Worte waren nicht weich. Nicht besch?nigend... aber sie waren wahr. Vollkommen wahr.
?Das kann ich dir nicht glauben“, sagte Emmanline, ihre Stimme schneidend wie Eis. ?Selbst wenn jemand aus deinem Volk mich aus Culebras Klauen befreit hat, sehe ich keine gute Seite in euch. Tief in euch allen steckt der Drache... und diese Seite macht euch alle gleich... grausam, brutal und t?dlich.“ Emmanline hob das Kinn ein Stück, als würde sie sich gegen eine unsichtbare Macht stemmen. ?In eurer Raserei seht ihr nichts anderes. Ihr zeigt kein Erbarmen... nur, wenn euch jemand aufh?lt.“
Lucien fühlte, wie sich etwas in seiner Brust verkrampfte. Nicht aus Kr?nkung. Sondern aus etwas, das viel schwerer wog. Schmerz, Schuld... und eine wachsende, dr?ngende Frage: Was hat man dir angetan, kleine Elfe, dass du so sprichst?
Sie trug Narben... unsichtbare, aber tief eingebrannt. Narben in der Seele, in ihrem Vertrauen, in ihrem Blick, der so kalt sein konnte, dass er selbst einem Drachen die Flügel fror. Er fand keine Antwort. Konnte keine finden. Ja, er kannte Folter. Kannte Schmerz. Aber er kannte auch Licht. Brüder, Verbündete, Augenblicke, in denen sein Volk zu mehr f?hig gewesen war. Familie...
Emmanline hingegen… hatte nichts davon kennengelernt. Ihr ganzes Leben hatte sie hinter Gittern verbracht... als Gefangene, als Objekt, als Beute... und die Welt der Drachen war für sie nur ein Abgrund gewesen.
Emmanline wich seinem Blick aus, als k?nne sie es nicht mehr ertragen, ihn anzusehen, und dann glitt ihr Blick an ihm vorbei, fixierte einen Punkt über seine Schulter, erstarrte dort. Lucien folgte ihrer Blickrichtung. Zuerst sah er nichts. Nur Schatten. Fels. Wind, der über das Gras strich. Doch dann erkannte er, was sie sah und was er st?ndig übersah. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.
Lucien drehte sich zu ihr zurück, sein Gesicht ernst, seine Stimme fest, aber ruhig... fast z?rtlich in ihrer Entschlossenheit. ?Ich kann dir viele solcher Orte und Augenblicke schenken, Emmanline.“ Keine List. Keine Hintergedanken. Nur Wahrheit... unverf?lscht und roh. ?Wenn du es mir erlaubst.“
Emmanline
Im ersten Augenblick wusste Emmanline nicht, wie sie auf seine Worte reagieren sollte. Ihr Verstand str?ubte sich sofort dagegen. Wie sollte sie ihm auch nur ein einziges Wort glauben? All diese guten Seiten, von denen er sprach… Er hatte ihr keine davon gezeigt. Kein einziges Mal.
Von Anfang an war er aggressiv gewesen, hart, ungeduldig, fordernd... genau so, wie sie es von Drachen kannte. Wie Emmanline es gewohnt war. Wie sie es gelernt hatte... Drachen waren gef?hrlich. Drachen waren unberechenbar. Drachen verschlangen jedes Fünkchen Vertrauen, das man ihnen schenkte. Und jetzt sollte sie ihm pl?tzlich… glauben?
Nein. Das konnte sie nicht.
Nicht nach allem. Nicht nach den Ketten, den Drohungen, den Blicken, die sie zerlegt hatten, als w?re Emmanline nichts weiter als eine l?stige St?rung in seiner Welt. In ihrem Inneren regte sich etwas... nicht Hoffnung... nie Hoffnung, dafür war es zu früh, aber etwas Weiches, das sie sofort erstickte. Sie durfte nicht zulassen, dass seine Worte sie erreichten. Nicht jetzt. Nicht, wenn ihre Freiheit so brüchig war wie hauchdünnes Glas. Wenn Emmanline darauf einging… wenn sie ihm nur ansatzweise Glauben schenkt… würde alles wieder von vorne beginnen. Mit neuen Fehlern. Neuen Verletzungen. Neuen Ketten.
Die Stille zwischen ihnen wurde schwerer. Dicht wie Nebel, der einem die Luft nahm. Emmanline fühlte seinen Blick auf sich, fühlte die unausgesprochenen Erwartungen, die Fragen, die er nicht stellte... oder nicht wagte zu stellen. Sie musste weg von diesen Gedanken. Weg von ihm. Ihr Geist brauchte etwas anderes, irgendeinen Halt, egal welchen. Eine Ablenkung. Einen Ausweg. Etwas, das sie nicht unmittelbar zu Fall brachte. Emmanline zwang sich, den Blick zu l?sen, tief einzuatmen und ihre Aufmerksamkeit von seinem Gesicht, seiner N?he, seiner Stimme fortzurei?en... bevor alles wieder in ihr zu beben begann.
Zum ersten Mal seit Stunden nahm Emmanline ihre Umgebung bewusst wahr. Sonst war sie immer aufmerksam, stets auf der Hut... doch diesmal hatte sie alles ausgeblendet. Wie unvorsichtig von ihr. Und was sie nun sah, raubte ihr beinahe den Atem.
Es war… unglaublich.
Die Zeit schien stillzustehen. Jeder Herzschlag klang zu laut, jeder Atemzug zu tief, als würde die Welt selbst den Moment anhalten, um ihr diese eine Szene zu zeigen. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ihre Augen weiteten sich vor Staunen. Emmanline sog jedes Detail auf... jeden Farbton, jedes Lichtspiel, jede Bewegung, die so sanft war, dass sie den Eindruck erweckte, selbst die Natur fürchtete sich, den Zauber zu st?ren. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Nicht in ihren Tr?umen. Nicht in ihren Sehnsüchten. Sie h?tte nicht einmal zu tr?umen gewagt, dass es so etwas geben k?nnte.
Die Nacht war l?ngst hereingebrochen... nach fast neunzehn Stunden wundergleichem Chaos kaum überraschend. Doch trotz der Dunkelheit tanzten Licht und Farben in einer sanften, vollkommen harmonischen Symphonie. Schatten und Natur verschmolzen zu einem Bild von solcher Sch?nheit, dass es unwirklich erschien. Es wirkte wie eine H?hle… und doch war der Himmel offen. Millionen Sterne funkelten in einer Klarheit, als w?ren sie nur eine Arml?nge entfernt. Die Wolken hatten sich verzogen und obwohl der Mond nicht zu sehen war, fehlte sein Licht nicht. Der Ort selbst strahlte mehr, als der Mond je k?nnte. Die Szene war umringt von einer einzigen, gewaltigen Felswand... wie eine eigene, abgeschirmte Welt, in der nichts B?ses eindringen durfte. Ein geheimer Zufluchtsort, abgeschottet und unberührt. In der Mitte lag ein kleiner See, dessen Wasser so kristallklar war, dass es wirkte wie flüssiges Glas.
Doch nicht der See zog ihren Blick zuerst in seinen Bann. Ein Baum ragte aus einer kleinen Insel inmitten des Wassers empor... majest?tisch, uralt und atemberaubend sch?n. Seine Wurzeln tauchten tief ins klare Nass, dick und kraftvoll, als würde er die Welt unter sich festhalten. Weinrote Blüten schmückten seine ?ste, gro? wie Handfl?chen, schwer und üppig. Die dünnen, langen Bl?tter fielen wie ein schimmernder Vorhang herab und verbargen, was sich dahinter verbarg. Als w?re der Baum selbst ein Geheimnis, geschaffen für jene, die noch an Wunder glaubten.
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Mit Mühe l?ste Emmanline den Blick und sah sich weiter um. Rings um den See erstreckte sich ein wilder Garten, voller Blumen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Unterschiedlich in Farbe, Form, Gr??e... manche leuchteten sanft von innen heraus, als trüge jede Blüte ein eigenes Herz aus Licht. Und doch spürte sie keine Magie. Alles wirkte… einfach echt. Rein. Natürlich. Die Luft war warm, lebendig. Selbst die Tiere der Nacht bewegten sich ruhig durch die Szenerie. Ein Reh trank am anderen Ufer. Ein Kaninchen huschte leise durch das Gras. Kleine, schimmernde Wesen... vielleicht Insekten, vielleicht etwas anderes... tanzten zwischen den Blüten und hinterlie?en winzige Spuren ihrer Existenz. Und nun verstand Emmanline auch, woher der sü?e, beruhigende Duft stammte, der sie schon im Schlaf umgeben hatte. Er lag in der Luft wie ein sanfter Mantel, ges?ttigt mit dem Grün der Wiesen, der Farbfülle der Blumen und dem feinen Pl?tschern des Wassers. Das Knistern im Unterholz, das leise Rascheln der Bl?tter im Wind... alles schien in einem vollkommenen Gleichgewicht zu stehen. Als würde der Ort selbst dafür sorgen, dass Frieden herrschte, das Stille blieb.
Wie konnte ein einzelner, so abgelegener Ort so viele Eindrücke hinterlassen? So viele, dass Worte niemals ausreichten, sie zu beschreiben? Es war ein Geheimnis. Ein Wunder. Einer jener Orte, die nicht erkl?rt, sondern nur gesehen, gefühlt und bewahrt werden konnten.
?Ich kann dir viele solcher Orte und Augenblicke schenken, Emmanline.“ Die Worte trafen Emmanline wie ein sanfter Windsto?, der sie aus ihrer Erstarrung l?ste. Endlich schaffte sie es, den Blick von der unglaublichen Szenerie zu l?sen und sich der Stimme zuzuwenden, die sie gesprochen hatte. Der Mann... und der Drache in ihm... der so viel Chaos, Schmerz und Verwirrung in ihr ausgel?st hatte… er sprach nun von Orten und Momenten, von denen sie wusste, dass sie ihr Herz nie wieder loslassen würden.
…solcher Orte und Augenblicke…
Ihr Herz schlug unregelm??ig. Der Gedanke an mehr von dieser Sch?nheit war überw?ltigend. Be?ngstigend. Verlockend. ?Es gibt noch mehr... solcher Orte?“ Ihre Stimme klang skeptisch, doch ihre Augen verrieten Emmanline sofort. Ein Funken Neugier glomm darin auf... lebendig, warm, ungeschützt. Fast unbewusst richtete sie sich auf, ohne zu bemerken, wie gebeugt sie zuvor gesessen hatte. Sie war wie in Trance, gefangen zwischen Erstaunen und dem verzweifelten Drang, nicht glauben zu wollen, was ihre Sinne ihr sagten.
?Natürlich.“ Sein Blick glitt über die Landschaft, als k?nne er sie durch blo?es Sehen w?rmer machen. ?Es gibt unz?hlige solcher Orte. Manche… noch sch?ner.“
?Sch?ner?“ Das Wort brannte auf ihrer Zunge. Emmanline konnte es nicht fassen. Wie sollte ein Ort diesen hier übertreffen k?nnen? Ihre Stirn legte sich skeptisch in Falten. ?War.... warum solltest du mir das zeigen wollen?“
Der Drache... der Mann... wandte sich wieder ihr zu. Sein Blick war ruhig, ernst, viel zu offen. ?Weil ich es m?chte“, sagte er schlicht. ?Weil ich will, dass du all das siehst. Und weil ich m?chte, dass du mich begleitest.“
Ihr Misstrauen schoss sofort wieder hoch, hart und gnadenlos wie ein Schild. Natürlich. Ein Haken. Es gab immer einen. ?Das ist Bestechung“, warf sie ihm vor.
Ein schiefes, leicht sp?ttisches L?cheln huschte über sein Gesicht. ?Wenn du es so nennen willst… ja.“
Warum? Warum nur war er so besessen von ihr? Es ergab keinen Sinn. Kein Drache verschwendete derart viel Energie auf jemanden, der nichts zu bieten hatte. Nicht aus freien Stücken. Nicht ohne Grund. Emmanline verstand es einfach nicht und genau das machte ihr Angst. ?Ich wei?, du wirst mich nicht gehen lassen…“ Ihre Worte waren kaum h?rbar, ein leiser Seufzer, der sich wie eine Niederlage anfühlte. Ihr Blick senkte sich, halb von ihren wei?en Wimpern verdeckt, das Licht der H?hle brach sich in ihren Augen. ?…aber was bleibt mir da für eine andere Wahl?“ Ein tiefer Schmerz vibrierte in ihrer Stimme, kaum merklich, aber er war da. ?Woher wei? ich, dass du h?ltst, was du mir versprichst?“ Emmanline hob den Blick nicht einmal. Wozu auch? Wo war der Sinn, wenn er ohnehin schon entschied, wohin ihr Weg führte?
Doch der Drache sah sie dennoch. Jede kleine Regung, jedes Z?gern, jede Unsicherheit, die sie zu verbergen versuchte. Sein Schweigen war nicht leer... es war schwer, gespannt wie die Stille vor einem Gewitter, das nur darauf wartete, loszubrechen.
Dann spürte Emmanline eine sanfte Berührung unter ihrem Kinn. Der Drache hob ihr Gesicht an, gerade so viel, dass sie ihm in die Augen sehen musste. Seine Finger glitten über ihre Wange, behutsam, fast z?gerlich, als würde er fürchten, sie k?nnte ihm entgleiten. Und diese Augen... die sie sonst mit Feuer, Wut und Kontrolle bedr?ngt hatten... blickten nun mit einer Intensit?t auf sie, die sie fast erschreckte. W?rme schimmerte darin, ein seltsames Leuchten, als w?re sie das Zentrum seines gesamten Universums. Dieser Mann, dieser Drache, der so viel Zorn, Wildheit und Macht in sich trug, war auf einmal… sanft. Unerwartet, unnachgiebig sanft. Und es verwirrte sie mehr als jeder seiner Ausbrüche.
?Ich verspreche dir, dass es so ist“, sagte er ruhig, seine Stimme tief und ernst. ?Du wirst so viele Orte sehen, so viel erfahren, dass du nie den Eindruck haben wirst, gefangen zu sein. Das schw?re ich dir beim Mythos.“
Bevor Emmanline antworten konnte, beugte er sich vor und drückte einen sanften Kuss auf ihre rechte Wange. Seine Lippen waren weich, der Kuss z?rtlich... und doch lag darin so viel Nachdruck, dass ihr Atem stockte. Emmanline schloss die Augen, gegen ihren Willen und… genoss den Moment. Nur für einen Herzschlag. Nur für einen einzigen, gef?hrlichen Atemzug. Wie sollte sie ihm das glauben? Wie konnte ausgerechnet er, der ihr so oft Angst gemacht hatte, ihr nun Trost schenken? Und doch wusste sie, wie unerschütterlich die Ehre eines Drachen war. Seine Schwüre waren bindend, st?rker als jedes Metall... st?rker sogar als Eisen, das ihre Lebensenergie fra?.
?Komm mit mir, Emmanline“, flüsterte er. ?Ich werde dich beschützen. Vor allem. Vor jedem.“ Pl?tzlich zog er sie an sich, fest, entschlossen, als wollte er den Moment versiegeln und ihre N?he in sich einschlie?en. Dieses Mal hatte sie nicht die Kraft, sich zu wehren. Sie war müde, ersch?pft... und er war warm. Ihre Stirn sank an seine Brust, ihre H?nde stützen sich kaum merklich an seinem Oberk?rper ab. Sein Duft... erdig, warm, durchdrungen von Rauch und einer Spur von etwas Wildem... umhüllte sie und lie? Emmanline tiefer in seine Arme sinken, als sie wollte. Ein Duft, der beruhigte. Ein Duft, nach dem sie sich, ohne es je zuzugeben, schon so lange gesehnt hatte.
Es machte ihr Angst, wie sehr sie sich nach ihm sehnte. Nach seinen Armen, nach dieser Sicherheit, die sie nie gekannt hatte. Wie tief sie in seinem Halt versank, obwohl ihr Verstand dagegen anschrie. Die Gefühle, die in ihr aufstiegen, waren fremd und überw?ltigend... eine Mischung aus wohltuender W?rme und abgrundtiefer Furcht. Und doch… sie waren wahr. Erschreckend wahr.
Tief in ihrem Inneren wusste Emmanline es. Sie wollte diese N?he, dieses Vertrauen... auch wenn sie es sich niemals eingestehen würde. Auch wenn ihr Herz davonlief und ihr Verstand Mauern errichtete. Mit einem kaum merklichen Nicken gab sie nach. Ein stilles Einverst?ndnis. Sie würde mit ihm gehen. Nicht, weil sie ihm vertraute. Nicht, weil sie seinen Worten Glauben schenkte. Aber weil ein Teil von ihr... ein gef?hrlich neugieriger, lebendiger Teil... wissen wollte, ob er recht hatte. Ob es wirklich etwas gab, das es wert war, gesehen zu werden.
?Eines Tages wirst du jemanden finden, dem du wirklich etwas bedeutest. Verschlie?e dich nicht davor, egal, was kommt. Lass dir nicht entgehen, was dir eines Tages alles bedeuten k?nnte. Sei mutig, meine Emma. Es wird jemanden geben, der dich beschützt und gut behandelt.“
Ihre Mutter. Die Stimme aus einer Zeit, die so weit entfernt schien, dass sie fast wie ein Traum wirkte. Die Worte hallten in ihr wider, füllten jeden leeren Raum, jede Narbe, jeden Riss in ihrem Herzen. Und pl?tzlich war da ein Gedanke, leise wie ein Flüstern...
War er dieser Jemand?
Lucien
Lucien konnte es kaum fassen... und doch lie? Emmanline es zu. Sie ergab sich ihm nicht nur, sie schmiegte sich in seine Umarmung, vergrub ihr Gesicht sanft an seiner Brust, als suche sie einen Zufluchtsort, an dem sie wirklich geschützt war. Vielleicht geschah es unbewusst, doch in diesem Moment reichte es ihm vollkommen. Mehr würde er von ihr nicht verlangen... alles andere w?re zu viel für sie.
Seine Arme schlossen sich fester um sie. Lucien verbarg sein Gesicht in ihrem weichen, wohlriechenden Haar, sog ihren Duft tief ein und konnte nicht genug davon bekommen. Seltsam beruhigend wirkte sie auf ihn, als würde sie den inneren Drachen in ihm zur Ruhe bringen. Sein Tier rollte sich zusammen, schloss zufrieden die Augen und brummte leise... ein leises Zeichen, dass sein Drache endlich Frieden gefunden hatte. Seit Ewigkeiten hatte er dieses Gefühl nicht mehr erlebt. Diese Stille war ihm fremd und doch bereitete sie ihm keinerlei Angst. Im Gegenteil... Emmanline lie? ihn nur noch st?rker spüren, dass er sie besitzen wollte, mit allem, was er aufbringen konnte.
Emmanline verstand es nicht, doch Lucien würde es ihr zeigen. Irgendwann würde er auch herausfinden, warum diese Anziehung zwischen ihnen so überw?ltigend wirkte. Noch war er sich nicht sicher, was all das bedeutete... aber er würde es entdecken. Für sie beide.
?Ich habe dir etwas mitgebracht, Emmanline.“ Die Stille, die er noch einen Moment l?nger h?tte genie?en wollen, wurde durch seine Worte unterbrochen. Langsam l?ste sie sich aus seiner Umarmung und blickte zu ihm auf, ihre Augen noch verschleiert von Müdigkeit und einem Hauch von Verwunderung. Was Lucien in diesem Moment sah, brachte ihn fast um den Verstand. Ihre Augen... ein dunkles, leuchtendes Silber... schimmerten wie kein anderes, das er je gesehen hatte. Sie spiegelten unz?hlige Emotionen, jede einzelne klar erkennbar. Au?ergew?hnlich. Einzigartig. Selbst in seinem langen Leben, in dem er schon so vieles gesehen hatte, war nichts Vergleichbares dabei gewesen. Ihre Augen glichen dem Silber auf der Wasseroberfl?che, wenn der Mond das Meer beleuchtet... funkelnd, tief und beinahe hypnotisch. Emmanline hatte eine Macht über ihn, die ihn h?tte erschrecken sollen, doch stattdessen war er wie gebannt. Keine Frau zuvor hatte etwas derart in ihm ausgel?st. Und doch war diese Frau... anders als jede, die er je gekannt hatte.
?Was soll das sein?“ Ihre Worte rissen ihn aus seinen Gedanken.
?Ach ja.“ Lucien wandte sich kurz ab, holte seinen Rucksack und zog ein kleines Bündel hervor. Vorsichtig legte er es auf ihren Scho?. Emmanline hob ihre wei?en Augenbrauchen, zun?chst verwundert, dann ihr Fokus auf das Paket gerichtet. überraschung spiegelte sich auf ihrem Gesicht... und das amüsierte ihn. ?Mach es auf.“
Skeptisch und zugleich behutsam ?ffnete Emmanline das Bündel. Ihr Mund ?ffnete sich leicht, die Stirn runzelte sich, als sie erkannte, was darin lag. ?Du… du hast mir diese Kirschen mitgebracht? Warum?“ Ihre Augen bohrten sich in ihn, aufmerksam, neugierig und wachsam.
Lucien l?chelte leicht, ein Hauch von W?rme in der sonst so kühlen Miene. ?Weil ich will, dass du etwas isst. Ich wei?, wie skeptisch du bist und dass du sonst kaum etwas zu dir nimmst. Deshalb habe ich dir etwas Vertrautes mitgebracht... etwas, dessen Geschmack dir gefallen hat.“
?Aber ich…“, sanft legte er zwei Finger auf ihre Lippen und hielt sie davon ab, weiterzusprechen.
?Ja, ja, ich wei?. Du brauchst normalerweise keine Nahrung. Aber ich w?re beruhigt, wenn du ein wenig zu dir nimmst. Schlie?lich werde ich mich jetzt um dich kümmern.“ Seine Hand strich eine lose Str?hne aus ihrem Gesicht, behutsam, wie um ihr Ruhe und Sicherheit zu geben.
Langsam wandte Emmanline ihre Aufmerksamkeit wieder der kleinen roten Frucht zu. Lucien beobachtete fasziniert, wie vorsichtig, fast ehrfürchtig sie die Kirsche zwischen ihre Finger nahm. Wie gern h?tte er in ihre Gedanken sehen k?nnen... was ging in ihrem Kopf vor. Sie steckte die Frucht in den Mund und er sah deutlich die überraschung, gefolgt von Genuss. Jede Regung, jede kleine Reaktion an ihr fesselte ihn. ?D... danke.“ Ihre Stimme war leise, fast ein Flüstern. Ein leichtes R?ten stieg auf ihre Wangen und Lucien verspürte das Bedürfnis, ihr diese Scheu zu nehmen, ohne sie zu bedr?ngen.
?Gerne.“ Lucien nickte. ?Aber wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Zurück zum Schloss.“
Für einen Moment hielt er inne, beobachtete ihr Gesicht, suchte nach einem Hinweis auf ihre Gedanken. Dann h?rte er sie: ?K?nnen wir nicht noch einen kurzen Moment bleiben? Ich m?chte diesen Ort so gern auf mich wirken lassen.“
Wie h?tte Lucien ihr das verwehren k?nnen? ?Sicher. Ein wenig Zeit haben wir noch.“ Er wusste, dass bald viel Arbeit auf ihn wartete... und er hatte seiner Mutter bereits etwas versprochen. ?Schau dich um. Wenn du willst, k?nnen wir irgendwann noch einmal hierher zurückkehren.“
Emmanline presste die Lippen leicht zusammen, nickte und legte das Bündel Kirschen neben sich. Drei hatte sie bereits gegessen. Langsam erhob sie sich und ging zum kleinen See hinüber. Dort hockte sie sich an den Rand, lie? ihre Fingerspitzen über die glatte Oberfl?che gleiten und betrachtete das Spiel des Lichts im Wasser.
Lucien folgte jeder ihrer Bewegungen mit unverhohlenem Blick. Jeder Schritt, jede leichte Neigung ihres Kopfes war durchzogen von einer Anmut, die selbst zerrissene Kleidung, Schmutzspuren und kleine Verletzungen nicht mindern konnten. Sie war reine Grazie... trotz allem. Doch es war nicht nur ihre ?u?ere Sch?nheit, die ihn fesselte. In ihr hatte er etwas gefunden, das Lucien nicht hatte kommen sehen. Eine stille Einigkeit. Eine Verbindung, so leise und fragil, dass sie beinahe h?tte zerbrechen k?nnen... und doch fühlte sie sich st?rker an als jedes gesprochene Wort. Ein Augenblick, der nur ihnen geh?rte, getragen von unausgesprochenen Gedanken und einem Gefühl, das wie ein hauchzarter Faden zwischen ihnen vibrierte.

