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60. Malatya/Lucien

  Steif stand Malatya neben dem Bett, ihr kleiner K?rper bebte vor unterdrücktem Zorn und Schmerz. ?Ihr wart nicht da“, flüsterte sie zuerst, so leise, dass es kaum zu h?ren war. ?Keiner von euch.“ Ein ersticktes Schluchzen brach aus ihrer Kehle. ?Emmanline ist gut. Sie ist nicht b?se. Auch wenn ich noch nicht lange wieder zu Hause bin... sie war immer ehrlich. Ich habe es gespürt. Sie hat mir geholfen. Und meiner Drachin. Genau dann, als wir es am allermeisten brauchten.“ Sie biss sich fest auf die Unterlippe, als wollte sie die n?chsten Worte zurückhalten. Doch es gelang ihr nicht.

  ?Was willst du uns damit sagen, Sü?e?“, fragte Lya vorsichtig, fast flüsternd.

  Dann brach es aus Malatya heraus wie ein lang aufgestauter Sturm. ?Ich will damit sagen, dass Emmanline mir mehr gegeben hat als ihr alle zusammen!“ Ihre Stimme wurde lauter, schrill vor Schmerz, fast ein Schrei. Es war ihr egal, wie schockiert die Gesichter um sie herum wurden. Wie sie erstarrten. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, unaufhaltsam. ?Mein ganzes Leben lang hat es mir wehgetan, dass ich mich nicht verwandeln konnte wie ihr. Ich habe euch beneidet. Ich war eifersüchtig. Wütend. Auf euch. Auf alles.“ Ihre kleinen F?uste zitterten. ?Ich habe zugesehen, wie ihr voller Freude in den Himmel gestiegen seid, und in mir war diese riesige Sehnsucht... aber ich konnte sie nie stillen. Nicht ein einziges Mal. Nicht einmal, als ich es am dringendsten gebraucht h?tte.“ Tr?nen liefen ihr über die Wangen, hei? und unaufhaltsam. ?Ich wei?, ich bin aus der K?nigsfamilie. Ich sollte mich beherrschen. Keine Schw?che zeigen. Aber ich habe es so satt!“ Ihre Stimme brach. ?Vielleicht wart ihr physisch da… aber ich habe mich nie wirklich gesehen gefühlt. Nie verstanden.“ Malatya schluchzte auf, wischte sich wütend die Tr?nen weg, nur damit Neue nachkamen. ?Ich habe euch lieb. Ihr seid meine Geschwister. Ich habe mich immer gefreut, euch zu sehen. Aber niemand... absolut niemand... hat je wirklich verstanden, wie es in mir aussah. Nicht einmal Mutter. Nicht einmal Vater.“ Ein weiteres Schluchzen, tiefer diesmal, aus der Seele. ?Emmanline schon.“ Stille. Totenstille. ?Sie wusste es. Ich kann nicht erkl?ren, wie. Aber ich wusste es einfach. Und als sie meinen Geist berührt hat… weil ich ihr die Erlaubnis gegeben habe… da habe ich es endgültig gewusst.“

  ?Wie bitte?“ Entsetzen brach aus mehreren Kehlen gleichzeitig hervor. ?Du hast ihr erlaubt, in deinem Geist herumzuwerkeln?“ Yseras Stimme überschlug sich fast.

  ?In deinem Kopf?“ Ruby sprang halb aus dem Sessel hoch.

  Selbst Alastar richtete sich ein Stück von der Wand auf, die Augen schmal. Lucien starrte Malatya an, als h?tte er sie nie zuvor wirklich gesehen.

  ?Ja, habe ich.“ Trotzig reckte Malatya das Kinn hoch... eine Geste, die so gar nicht zu dem kleinen, scheuen M?dchen passen wollte, das sie sonst immer gewesen war. ?Sie hat mir nie wehgetan. Nie. Sie hat mir nur den Weg gezeigt… wie ich meine Drachin erreichen kann.“ Ihre Stimme wurde ganz leise, fast vertr?umt. Der Kopf sank ein wenig, als k?nnte sie Emmanlines sanfte, liebevolle Stimme noch immer in sich h?ren. ?Sie war so geduldig. So ermutigend. Immer wieder hat sie mir Mut zugesprochen, auch wenn ich schon aufgeben wollte. Sie ist geblieben. Bis zum Ende. Bis ich es geschafft habe.“ Malatya hob langsam die H?nde und betrachtete sie, als l?ge darin noch die Erinnerung an jenen Moment... an die erste Berührung ihrer eigenen Drachenseele.

  Pl?tzlich spürte sie eine warme, schwere Hand auf ihrer Schulter. Sie zuckte leicht zusammen, blickte auf... und sah direkt in Raidens Augen. Sein Ausdruck war… anders. Weich. Entschuldigend. Mitfühlend. Etwas, das Malatya bei ihrem gro?en, unnahbaren Bruder noch nie gesehen hatte. ?Niemand wollte dich je verletzen, kleine Blume“, sagte er leise, fast flüsternd. Ein sanftes, echtes L?cheln zog über sein Gesicht... nur für sie. Nur Raiden nannte sie so. Und nur sie wusste, warum. Langsam hob Raiden die Hand und zeigte ihr die kleine, getrocknete wei?e Blume... genau die, die sie heute Morgen heimlich zwischen seine Papiere geschoben hatte.

  Malatyas Wangen f?rbten sich sofort rot. Sie senkte den Blick, verlegen, aber auch ein bisschen stolz. ?Ich… ich wollte dir immer eine Freude machen“, murmelte sie. ?Wenn du wieder so traurig und bedrückt warst. Wenn du gedacht hast, niemand merkt es.“

  Raidens gro?e Hand legte sich sachte an ihre Wange, streichelte einmal ganz vorsichtig darüber. Sein Blick war warm, voller Liebe... der Blick eines gro?en Bruders, der seine kleine Schwester über alles stellte. ?Ja. Das wei? ich“, sagte er sanft. ?Und ich habe mich jedes Mal gefreut. Auch wenn ich dir streng verboten hatte, mein Arbeitszimmer zu betreten.“ Ein leises, raues Lachen. ?Am Anfang war ich wirklich wütend… bis ich verstanden habe, dass du es warst und warum du es getan hast.“ Raiden atmete tief durch, als würde er etwas loslassen, das er lange in sich getragen hatte. ?Mir ist heute aufgefallen, wie sehr ich es vermisst habe, eine neue Blume von dir zu finden.“

  Malatya starrte ihn an... geschockt, überw?ltigt. So offen, so ehrlich hatte Raiden noch nie mit ihr gesprochen. Nie. ?Das… das ist eine Kamille“, murmelte sie schlie?lich und sah ihn scheu an.

  Raiden l?chelte... dieses seltene, echte L?cheln, das sie so liebte und das sein ganzes Gesicht weicher machte. ?Ja, ich wei?.“

  ?Ich habe sie extra für dich ausgesucht“, flüsterte Malatya. ?Weil sie eine Bedeutung hat… eine, die ich dir geben wollte.“

  Verwunderung flackerte in seinen dunklen Augen auf. ?Ach ja? Und welche?“

  Diesmal war es Malatya, die ihre kleine Hand an seine Wange legte... vorsichtig, als w?re er aus Glas. ?Sie soll dir Trost und Hoffnung schenken“, flüsterte sie. ?Emmanline hat mir erz?hlt, wofür Kamille steht… und da wusste ich sofort, dass sie für dich ist. Du warst immer so abwesend. So… trostlos.“ Ein zaghaftes, fast scheues L?cheln huschte über ihr Gesicht. Um sie herum breitete sich eine tiefe, weiche Stille aus. Kein Wort, kein Atemzug st?rte den Moment.

  Malatya wollte etwas sagen, ihn auffordern, endlich zu antworten... doch stattdessen schlang Raiden pl?tzlich die Arme um sie. Fest. Stark. Als h?tte er Angst, sie k?nnte ihm wieder entgleiten. ?Danke dir“, sagte er heiser, die Stimme rau vor Gefühl. Malatya klammerte sich an ihn, vergrub das Gesicht an seiner Brust und spürte, wie sein Herz schnell und heftig schlug.

  Eine weitere Hand legte sich sanft auf ihre Schulter. Sie hob den Kopf... Lucien hatte sich auf die Bettkante gesetzt, so nah wie früher, und l?chelte sie an. Warm. Stolz. Voller Liebe. Genau wie damals, als er zu Besuch gekommen war und sie stundenlang durch die Lüfte getragen hatte. Ihre Augen wanderten weiter... von einem Geschwister zum n?chsten. Ruby, die sonst immer laut und wild war, stand mit Tr?nen in den Augen da. Ysera und Charia nickten ihr kaum merklich zu, die Lippen fest aufeinandergepresst, als wollte sie etwas sagen und k?nnte es doch nicht. Lya l?chelte sanft, z?rtlich, wie eine Mutter. Selbst Alastar, der sonst nie N?he zulie?, hatte den Blick gesenkt... nicht aus K?lte, sondern aus etwas, das fast wie Scham wirkte. Lodan und Taran lehnten nebeneinander auf den Stühlen, die Arme verschr?nkt, aber ihre Augen waren weich. Alle sahen sie an... mit aufrichtiger W?rme, mit Reue, mit Zuneigung. Mit stummen Entschuldigungen, die lauter waren als jedes Wort.

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  Wie h?tte sie je wirklich b?se auf sie sein k?nnen?

  Malatya liebte sie viel zu sehr. Zum ersten Mal fühlte sie sich frei. Frei von dem schweren Druck, der so lange auf ihren kleinen Schultern gelegen hatte. Frei von der Sehnsucht, die wie ein kalter Stein in ihrer Brust gesessen hatte. Zum ersten Mal konnte sie richtig atmen. Tief einatmen und einfach nur sie selbst sein.

  Lucien

  Wie erstaunlich das doch war. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit sa?en all seine Geschwister in einem Raum, und keiner von ihnen machte Anstalten, sich zu weigern oder davonzulaufen. Dieser seltene, fast unwirkliche Moment… er war allein ihr zu verdanken. Emmanline. Schon wieder hatte sie etwas bewirkt, das gr??er war, als sie selbst vermutlich ahnte. Am liebsten h?tte Lucien stolz gel?chelt, doch seine Gedanken verhinderten es. Wie ein Schlag dr?ngte sich ihm die Erinnerung daran auf, was er ihr angetan hatte. Was er gesagt hatte. Wie er sich verhalten hatte.

  Natürlich hatte Lucien um Vergebung gebeten... nein, gefleht... w?hrend er sich ihr mit gesenktem Haupt ergeben hatte. Sein Stolz war ihm in diesem Moment vollkommen egal gewesen. Zum Teufel damit. Wenn er nur einen Weg fand, ihre Vergebung zu erlangen, würde er jeden Preis zahlen. Das Problem war... nichts von dem, was er getan hatte, lie? sich in Worte fassen.

  Als Lucien vor ihr kniete, war es aus echter, tiefer Reue gewesen. Vor seinen Eltern hatte er so gestanden, ja... aber niemals vor jemand anderem. Doch Emmanline war wichtig. Zu wichtig für ihn. Dadurch fühlte sich jeder Atemzug schmerzhafter an, als würde etwas in seiner Brust aufrei?en. Aber sie hatte nichts gesagt. Keine Antwort. Kein Wort, das ihn erl?ste. Als er das Zimmer betreten hatte, war sie still geblieben und hatte ihn nur angesehen. Er hatte ihren Blick nicht gesehen, doch er hatte ihn gespürt... ein Gewicht, das ihm fast die Luft raubte. Diese Stille… er hatte sie gehasst. Diese Stille hatte schwerer auf ihm gelastet als jeder Schlag.

  Dann h?rte Lucien das leise Rascheln ihres Stoffes. Neugierig... und doch mit einer Angst, die ihm die Kehle zuschnürte... hob er den Blick. Und da blieb ihm sein Atem stehen. Emmanline streckte ihm ihre Hand hin. Ihr Blick war unergründlich, weich und doch fest. Kein Vorwurf, kein Triumph. Nur Stille. Nur diese Hand, die sich nach ihm ausstreckte.

  Wie sollte er darauf reagieren? Was bedeutete diese Geste? War es Vergebung? Ein Angebot? Oder eine Prüfung, gr??er als alles, was er bisher erlebt hatte?

  In diesem Moment wusste Lucien nur eines mit absoluter Sicherheit... diese kleine, schlichte Geste seiner Seelengef?hrtin war m?chtiger als jedes Wort, das sie h?tte sagen k?nnen. In ihm stieg nackte Angst auf, doch er konnte ihr nicht zeigen, wie verloren er sich gerade fühlte. Sicher, es w?re ratsam gewesen, ehrlich zu sein, aber die Furcht, Emmanline k?nnte ihn zurücksto?en, war schlimmer als jede scharfe Klinge, die sich in seine Brust bohren k?nnte. Nichts würde so sehr schmerzen wie ihre Ablehnung.

  Verflucht. Diese Frau hatte ihn vollkommen in der Hand… und sie wusste nicht einmal darum. Lucien wusste nicht einmal, ob er darüber jubeln oder v?llig bestürzt sein sollte. Es war zum Verzweifeln, aber er war bestürzt. Emmanline sollte es wissen. Alles sollte sie wissen. Doch wie sollte er es ihr sagen? Ihm gingen die Ideen aus. Was er getan hatte, konnte er nicht mit romantischen Orten oder gut gemeinten Gesten wiedergutmachen. Diesmal hatte er es wirklich vermasselt und steckte bis zum Hals in der Klemme.

  Verhindern konnte Lucien es trotzdem nicht. Auch wenn sie kein Wort sagte, musste er nach ihrer Hand greifen. Sein K?rper bewegte sich von allein, und ehe er sich’s versah, hatte er die kurze Distanz überwunden. Ihre Hand war so klein und zart, dass er sie mit einem einzigen falschen Griff h?tte zerquetschen k?nnen. Doch er war vorsichtig, behutsam. Langsam setzte er sich neben Emmanline aufs Bett und legte seine Stirn gegen ihre. Endlich konnte er Atem sch?pfen, w?hrend er ihren vertrauten Duft einatmete. Wie sehr hatte er ihn vermisst.

  Lucien fand keine Worte. Nichts, was er sagen k?nnte, w?re genug, um das wiedergutzumachen, was er getan hatte. Und Emmanline schwieg weiterhin, kein einziges Wort zu dem, was zwischen ihnen stand. Diese Frau lie? ihn leiden. Dann erhob sich ihre zarte Stimme... doch nicht mit dem, was er erwartet hatte. Seine kleine Schwester brauchte ihn und sie hatte vollkommen recht. Auch dafür h?tte er sich schuldig fühlen müssen. All die Zeit hatte Lucien nur an sich gedacht, seine Wut ausgelassen und vergessen, was wirklich wichtig war. Malatya war noch so klein, so unschuldig, und sie hatte furchtbar darunter gelitten, dass ihre Mutter den Tod gew?hlt hatte. Niemand hatte sich um sie gekümmert... au?er Emmanline, die trotz allem ein gutes Herz hatte.

  Wie konnte Lucien nur behaupten, dass sie keine Gefühle in sich trug? Emmanline wusste, wie es war, jemanden zu verlieren, denn auch sie hatte bereits einen schmerzhaften Verlust erlebt. Sie hatte ihre Mutter verloren... genau wie er. Warum hatte er dann all diese Behauptungen aufstellen k?nnen, obwohl er nichts über sie wusste? Er musste sich schleunigst etwas einfallen lassen, damit Emmanline ihm vergeben konnte. Am besten wollte. Zwingen konnte er sie dazu nicht.

  Auf schmerzhafte und zugleich schockierende Weise zeigte Malatya nun zum ersten Mal, welche Gefühle in ihr schlummerten. Es war ein regelrechter Ausbruch ihrer Emotionen. Jeder im Raum konnte spüren, wie sehr es sie traf. Selbst Alastar... so unnahbar und kalt... offenbarte eine winzige Zurückhaltung seiner Gefühle. Lucien wusste, dass sein Bruder fast nie zeigte, welche Einsamkeit in ihm wohnte. Er war mit der Aufgabe geboren worden, Abtrünnige seines Volkes zu jagen und zu exekutieren. All diese Verantwortung hatte ihn gelehrt, seine Gefühle zu unterdrücken, um nicht selbst daran zu zerbrechen. Dafür zollte Lucien ihm Respekt. Unter allen Geschwistern war sein Bruder am st?rksten von diesem Fluch betroffen. Nur weil jemand ohne Gefühle leben musste, hie? das nicht, dass er seine Familie so behandeln musste. Alastar geh?rte zu ihnen... auch wenn er es nicht zeigte.

  ?Ich muss noch einmal fort.“ Lucien erhob sich, getrieben von einem inneren Drang. Etwas in ihm spürte, dass mit seiner Seelengef?hrtin etwas nicht stimmte. Er musste zu ihr.

  ?Tue das. Ich glaube, du musst eine Menge bei ihr wiedergutmachen.“ Raiden sah ihn an, ruhig, aber mit Nachdruck.

  Ein gezwungenes L?cheln erschien auf Luciens Gesicht, denn die Worte seines Bruders waren untertrieben. ?Ja, das muss ich wohl. Ich werde sp?ter noch einmal vorbeischauen.“ Hoffentlich würde Emmanline dann auch dabei sein. Ohne weitere Worte verschwand er aus dem Zimmer. Raiden hatte ihm noch den Weg gezeigt, doch er h?tte es nicht gebraucht... er wusste ohnehin, wohin sie sich begeben hatte. Allein der Gedanke daran lie? ihn zusammenzucken. Er fühlte sich schrecklich, denn nichts konnte das rechtfertigen, was er ihr angetan hatte. Am liebsten h?tte er sich selbst verflucht.

  Es war nicht so, dass Lucien den Moment hinausz?gern wollte. Doch die Minuten dehnten sich zu einer Ewigkeit. Jeder Schritt fühlte sich an wie Blei, sein Inneres tobte und schmerzte. Doch es gab keinen Ausweg... wenn Lucien Emmanline haben wollte, musste er es tun.

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