Raiden musste all seine Beherrschung aufbieten, um nicht endgültig die Kontrolle zu verlieren. Diese Elfe machte ihn wahnsinnig. Ausgerechnet jetzt lie? sie ihn nicht in Ruhe. Was bildete sie sich eigentlich ein, einfach in sein Arbeitszimmer zu platzen, ohne dass er sie hereingebeten hatte? Er hatte jedes verdammte Recht, wütend zu sein.
Lucien hatte ihm einen Auftrag erteilt, und Raiden würde ihn ausführen... nicht, weil Lucien der K?nig war, sondern weil die Sache ihn neugierig gemacht hatte. Sein Bruder wollte einen Brief an den Elfenk?nig überbringen lassen. An die Elfen, die sich seit Jahrhunderten niemandem mehr gezeigt hatten. Woher wusste Lucien überhaupt, wo sie zu finden waren? Es grenzte an Selbstmord, sich ihnen zu n?hern. Keine andere Fraktion h?tte das je geschafft... die Elfen lie?en sich nicht finden, wenn sie es nicht wollten. Genau das weckte Raidens Interesse. Also hatte er sich heute Morgen auf den Weg gemacht.
Bis ein unermesslicher Schmerz ihn wie ein Schlag getroffen und beinahe in die Knie gezwungen h?tte. In diesem Moment hatte er es gespürt... seine Mutter hatte sich das Leben genommen. Nach all den qualvollen Jahren der stillen Trauer um ihren Gef?hrten war sie ihm endlich gefolgt. Jeden Tag h?tte es passieren k?nnen. Heute war es so weit gewesen. Raiden hatte nicht anders gekonnt, als sofort umzukehren. Sp?ter, hatte er sich gesagt. Sp?ter würde er die Mission fortsetzen, weil es sonst sein unausweichlicher Tod gewesen w?re. Nicht jetzt. Nicht in diesem Zustand. Der Schmerz fra? sich durch ihn hindurch wie S?ure... die Trauer machte ihn blind und schwach. Jeder Feind h?tte ihn in Stücke rei?en k?nnen. Dieses Risiko war undenkbar.
Also hatte Raiden gewütet. Hatte die Utensilien von dem Schreibtisch gefegt, Gl?ser zerschmettert, Papiere durch den Raum geschleudert... alles, um den Druck in seiner Brust irgendwie abzulassen, und dann war sie pl?tzlich da gewesen. Die kleine Elfe. Ohne ein Wort, ohne Erlaubnis. Hatte sich einfach hingekniet und angefangen aufzur?umen, als geh?re sie hierher. Raiden hatte gebrüllt, gedroht, sie gepackt... alles, um ihr endlich Angst einzujagen, damit sie verschwand. Aber ihr Blick war kalt geblieben. Ausdruckslos. Wenn diese Elfe überhaupt etwas fühlte, dann verstand sie, es meisterhaft zu verbergen.
Seit sie auf Schloss und Hof war, hatte Raiden sie nicht aus den Augen gelassen. Nicht, weil er diese Elfe begehrte. Auch nicht aus blo?er Neugier. Sondern weil er sicherstellen wollte, dass sie keinen Fehler beging, der seinem Volk schaden k?nnte. Manchmal hatte er sich fast gewünscht, sie würde einen machen. Einen einzigen, der ihm einen Grund gegeben h?tte. Doch sie machte keinen und das Schlimmste daran war... etwas in ihm str?ubte sich dagegen, ihr wehzutun. Seine finstere Seite, die sonst keine Gnade kannte, weigerte sich. Warum also hatte er sie beschützt? Mehr als einmal. Vor seinem eigenen Bruder. Sogar vor seiner Mutter. Natürlich nur, weil sie etwas über Jesaja wusste, redete er sich ein. Eine tote Elfe h?tte ihm nichts genützt. Die Information war alles gewesen.
Aber jetzt, in der Stille seines Arbeitszimmers, gestand er sich etwas anderes ein. Etwas an ihr war anders und ja... da war Neugier. Reine, kalte, berechnende Neugier. Deshalb beobachtete Raiden sie so genau. Er wartete darauf, etwas zu sehen, das den anderen entging. Ein winziges Zeichen. Einen Riss in der Fassade. Am liebsten, wenn Lucien nicht st?ndig wie ein Schatten um sie herumstrich. Das allein war schon l?cherlich. Lucien lief keiner Frau hinterher. Niemals... und doch tat er es jetzt.
Raiden konnte ein dunkles, sp?ttisches L?cheln nicht unterdrücken. Sein Bruder hatte sich ver?ndert. Sie hatte ihn ver?ndert. Auf eine Weise, die Raiden nicht ganz verstand... und genau das machte ihn unruhig. Etwas braute sich zusammen. Hier auf dem k?niglichen Hof. Etwas Gro?es. Er spürte es in den Knochen, wie ein Gewitter, das noch weit entfernt grollte. Nur wusste Raiden nicht, ob es Rettung bringen würde... oder alles in Flammen aufgehen lassen.
Wie hypnotisiert hatte Raiden aus dem Fenster in die Nacht gestarrt. Wütend auf alles und jeden. Auf das Schicksal. Auf seine Mutter, die sie alle verlassen hatte. Auf sich selbst. Nur mit Mühe hatte er den Zorn im Zaum gehalten, ihn nicht an der kleinen Elfe ausgelassen. Dann spürte er es pl?tzlich... sie war nicht mehr im Raum. Ruckartig drehte er sich um.
Leer.
Warum hatte er das nicht bemerkt? War er so tief in seinem eigenen Schmerz versunken gewesen, dass er nicht einmal mitbekam, wie sie lautlos verschwand? Sein Blick glitt über den Schreibtisch. Alles, was Raiden zuvor in blinder Wut heruntergefegt hatte, lag jetzt s?uberlich sortiert da. Papiere gestapelt, Scherben verschwunden, Stifte ausgerichtet und Bücher ordentlich übereinandergestapelt.
Unwillkürlich hob er eine Braue. ?Dumme Elfe“, knurrte Raiden leise, halb wütend, halb verwirrt. W?hrend er die ordentlichen Stapel musterte, fiel sein Blick auf etwas, das dort ganz oben lag... absichtlich platziert, keine Frage. Mit gerunzelter Stirn trat er n?her und hob es auf. Eine kleine, getrocknete Blüte. Zart wei?, mit gelbem Herzen.
Kamillenblüte.
Der Duft stieg ihm sofort in die Nase... mild, beruhigend, fast schon unversch?mt friedlich in all dem Chaos. Wer zur H?lle legte eine Kamillenblüte auf seinen Schreibtisch? Raiden h?tte sie sofort gerochen, wenn sie schon vorher da gewesen w?re. Sein Geruchssinn log nicht. Blieb nur eine M?glichkeit.
Die Elfe.
Aber… an ihr hatte er diesen Duft nie wahrgenommen. Oder doch? Seine Sinne waren heute ohnehin benebelt, vom Schmerz, von der Wut und dann traf es ihn wie ein Blitz. Ein Bild aus der Vergangenheit schoss hoch, scharf und unerwartet. Eine Erinnerung, die er lange begraben geglaubt hatte.
Wie immer sa? Raiden in seinem Arbeitszimmer, von Papieren und Berichten umgeben. Jeder Tag glich dem Vorherigen, eine endlose Kette aus Pflicht und Stille. Eine kalte, schleichende Trostlosigkeit fra? sich immer tiefer in seine Seele. Sein Gemüt wurde schwerer, melancholischer, bis eine l?hmende Gleichgültigkeit sich wie Nebel über alles legte. ?Wenn das so weitergeht…“, knurrte er leise, ersch?pft und frustriert, ?… dann werde ich noch verrückt.“ Und das war keine leere Drohung. Drachen in seinem Alter konnten in eine gef?hrliche Schwermut abrutschen... eine, aus der es selten ein Zurück gab. Dann erwachte der Hunger. Nicht nach Fleisch allein, sondern nach Gewalt, nach Blut, nach Zerst?rung. Ein Rausch, der alles verschlang. Genau das war der Pfad, den Raiden niemals einschlagen wollte. Er wollte nicht zum Sklaven seiner Triebe werden. Einmal in die Raserei abgerutscht, g?be es kein Erwachen mehr. Nur noch der Drache. Nur noch das Tier.
Seine Muskeln spannten sich schmerzhaft an, als Raiden sich zurücklehnte und mit einer müden Geste durch sein langes, dunkelblaues Haar fuhr. Vor Jahrzehnten hatte er den Posten als Botschafter nur angenommen, weil sein Vater ihn darum gebeten hatte... und weil er gehofft hatte, die innere Leere damit zu füllen. Anfangs hatte es sogar geklappt. Die Reisen, die Verhandlungen, die Gefahr am Rand jedes Treffens. Doch die Leere war zurückgekehrt, schneller und tiefer als zuvor. Vielleicht h?tte alles anders sein k?nnen, wenn sein Vater nicht überall nur Frieden gesucht h?tte. Pakte. Waffenstillst?nde. Kompromisse. Wo waren die alten Zeiten geblieben? Die Kriege, in denen ein Drache sich austoben, seine Krallen und Flammen spüren konnte?
Es wurde Zeit. Zeit, wieder zu jagen. Zeit, sich fallen zu lassen. Heute Nacht würde er fliegen. Würde die Lüfte zerrei?en, Beute hetzen, das Blut in den Adern spüren. Den Wind auf der Haut. Die pure, rohe Freiheit und vielleicht würde Raiden danach nicht allein in sein Bett zurückkehren. Vielleicht würde er sich auch dem anderen Hunger hingeben... dem, der tief in seinen Lenden brannte. Jagd und Lust. Beides oder eins. Vielleicht beides zugleich. Ein dunkles, raues L?cheln huschte über sein Gesicht. Heute Nacht würde Raiden sich nehmen, was er brauchte.
Ein sü?licher, warmer Duft stieg ihm pl?tzlich in die Nase... einer, den er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Raiden schob ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch beiseite, suchte mit dem Blick den Raum ab. Der Geruch war nah. Ganz nah. Zwischen zwei Stapeln, leicht zerdrückt, fand er sie. Eine kleine Blume. Schwarze Blütenbl?tter, weich wie Samt unter seinen Fingerspitzen. Vollkommen schwarz, nur durchzogen von einem feinen lilafarbenen Schimmer, der im richtigen Licht aufleuchtete wie ein geheimer Funke. Sie war wundersch?n und das ausgerechnet er, der sonst keinen Gedanken an Blumen oder Pflanzen verschwendete.
Ein leises, kaum merkliches L?cheln zog an seinen Mundwinkeln. Raiden wusste genau, wem er das zu verdanken hatte. Seine kleinste, jüngste Schwester hatte sich irgendwann zur heimlichen Aufgabe gemacht... nein, mehr noch... zu ihrem ganz pers?nlichen Ritual... in jedem Winkel seines Arbeitszimmers Blumen zu verstecken. überall. Zwischen Büchern, unter Papieren, hinter Rahmen, sogar einmal in seiner leeren Teetasse. Anfangs hatte Raiden es für eine Dreistigkeit gehalten. Für kindischen Unsinn. Hatte sich ge?rgert, wer es wagte, unbefugt in seinen Raum einzudringen und solchen ‘Kinderkram‘ zu veranstalten. Bis er herausgefunden hatte, was dahintersteckte. Seitdem hatte Raiden nie wieder eine Blume weggeworfen.
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Nicht eine einzige.
Einmal hatte er Malatya dabei erwischt, wie sie kichernd und auf Zehenspitzen in sein Arbeitszimmer geschlichen war. Raiden hatte schon den Mund ge?ffnet, um sie streng zurechtzuweisen... schlie?lich hatte er ihr oft genug eingesch?rft, dass dieses Zimmer für sie tabu war. Doch dann war er in der Tür stehen geblieben und hatte sie nur beobachtet. Malatya suchte konzentriert nach einem neuen Versteck, das kleine Gesicht vor Freude ganz hell, die Augen funkelnd, ein leises, glucksendes Kichern bei jedem Schritt. In diesem Moment war jede Strenge aus ihm gewichen.
Malatya war pure Unschuld. Frei, unb?ndig, ein kleines Energiebündel unter all den gro?en, uralten Geschwistern. Kein Wunder... mit ihren zwanzig Jahren war sie unter Drachen kaum mehr als ein Kind, vergleichbar mit einem fünfj?hrigen Menschenm?dchen. Wie h?tte Raiden ihr diese reine, strahlende Freude nehmen k?nnen?
Seit einiger Zeit hatte sie damit angefangen... überall in seinem Arbeitszimmer Blumen zu verstecken. Mal eine einzelne Margerite hinter einem Bilderrahmen, mal eine andere Blüte zwischen alten Akten, mal nur ein einzelnes Blütenblatt unter seiner Tastatur. Er hatte nie gefragt, warum. Raiden wollte es gar nicht wissen... noch nicht. Aus Angst, dass sie aufh?ren k?nnte, wenn er es ansprach.
Raiden nahm die neu entdeckte schwarze Blume vorsichtig zwischen zwei Finger, drehte sie einmal im Licht und betrachtete den lilafarbenen Schimmer. ?So verrückt“, murmelte er mit einem leisen, warmen Schmunzeln.
Dann stand Raiden auf und ging zum Bücherregal. Unz?hlige B?nde reihten sich dort aneinander... ein Leben lang gesammelt, aus allen Ecken der Welt, aus allen erdenklichen Bereichen. In der Mitte zog er ein schlichtes, rein wei?es Buch hervor. Er schlug es auf. Die Seiten bl?tterten sich fast wie von selbst, als h?tten sie nur auf ihn gewartet. Es war ein altes Hüterbuch, vor vielen Jahren erworben... damals ohne konkreten Zweck. Heute wusste Raiden, wofür es gedacht gewesen war. Zwischen den Seiten, sorgf?ltig gepresst und erhalten, lag seine heimliche Sammlung... jede einzelne Blume, die Malatya ihm je hinterlassen hatte. Eine stille, wachsende Galerie ihrer Liebe. Wie h?tte er diese kleinen Geschenke seiner Schwester je missachten oder gar wegwerfen k?nnen?
Niemals.
Nicht eine einzige Blüte h?tte Raiden übers Herz gebracht zu entsorgen. Jede von ihnen war ein stummer Beweis ihrer Liebe, ihrer kindlichen, bedingungslosen Verbundenheit... das Kostbarste, was er besa?. Etwas, das er mit allem, was er hatte, beschützen würde. Malatya war die Jüngste. Das Nesth?kchen. Das letzte helle Licht in einer Familie, die zu viele Schatten kannte. Raiden liebte sie. Wie er alle seine Geschwister liebte. Aber bei ihr… bei ihr war es anders. Rein. Unverf?lscht.
Vorsichtig, fast ehrfürchtig, legte er die neue schwarze Blume zwischen zwei leere Seiten zu den anderen. W?hrend das Buch offen vor ihm lag, stiegen ihm die verschiedenen, zarten Düfte entgegen... ein leises, buntes Flüstern vergangener Tage. Rosen, Lavendel, Vergissmeinnicht, wilde Wiesenblumen und nun diese samtschwarze Sch?nheit. Niemand au?er ihm konnte das Buch ?ffnen. Ein alter, m?chtiger Zauber schützte es. Nicht einmal Drachenfeuer h?tte die Seiten versengen k?nnen... ein Hinweis auf die uralte Kraft, die darin ruhte. Woher es genau stammte, hatte er nie herausgefunden. Raiden hatte recherchiert, gefragt, gesucht. Irgendwann aufgegeben. Es spielte keine Rolle. Wichtig war nur, wofür er es heute benutzte.
Einen langen Moment lang lie? er den Anblick auf sich wirken... all die gepressten Blüten, jede eine kleine Geschichte, jede ein Stück von Malatyas Herz. Dann schlug Raiden das Buch behutsam zu, schob es zurück an seinen Platz zwischen den anderen B?nden und strich mit den Fingerspitzen ein letztes Mal über den wei?en Einband. Als wollte er sagen... Ich habe es verstanden, Kleine. Ich liebe dich auch.
Raiden kehrte langsam in die Gegenwart zurück. Diese Erinnerung... eine der wenigen wirklich warmen in seinem langen Leben... verblasste nur widerwillig. Seit Langem hatte Malatya ihm keine Blume mehr hinterlassen. Kein Wunder... er war st?ndig unterwegs, gefangen in den Pflichten seines Amtes und auch sie war monatelang fort gewesen. Dass Malatya jetzt, ausgerechnet jetzt, wieder eine für ihn versteckt hatte, fühlte sich an wie ein leises, tr?stendes Geschenk inmitten all des Schmerzes. Als die kindlichen Gesten irgendwann aufgeh?rt hatten, hatte Raiden es nicht wahrhaben wollen. Doch tief drinnen hatte es ihm gefehlt. Mehr, als er je zugegeben h?tte. Die Erinnerungen waren in den Hintergrund gedr?ngt worden... bis heute. Das Bild des kichernden kleinen M?dchens, das sich auf Zehenspitzen in sein Zimmer schlich, brachte ein flüchtiges L?cheln auf seine Lippen. Doch es erlosch sofort wieder.
Abrupt stand er auf und verlie? das Arbeitszimmer. Seine Schritte hallten durch den leeren Gang... schnell, zielstrebig, getrieben von einer pl?tzlichen Unruhe. Vor einer Tür blieb Raiden stehen. Dahinter leise Stimmen. Vertraute Stimmen. Ohne anzuklopfen, trat er ein. Malatyas Zimmer... und sie waren alle da. Wirklich alle... seine Geschwister
Selbst Alastar, der schweigsame, gef?hrliche Bruder, der sich sonst von der Familie fernhielt, lehnte mit verschr?nkten Armen an der Wand... finster, in sich gekehrt, wie immer.
Ruby, die lebhafte, unverwüstliche Schwester, lümmelte in einem weichen Sessel, der mit bunten Blumen bestickt war. Als sie Raiden bemerkte, hob sie sp?ttisch eine rote Braue, w?hrend sie mit ihren langen feuerroten Haaren spielte. ?Na? Wurdest du auch zusammengestaucht?“
Raiden lie? seinen Blick langsam über die Anwesenden gleiten. ?Nein. Warum?“ Einen Moment dachte er nach. ?Von wem überhaupt?“
?Sie hat uns nicht zusammengestaucht“, widersprach Lya sanft und schüttelte den Kopf. Sie sa? auf der Bettkante, dicht bei Lucien, der die schlafende Malatya schützend im Arm hielt. ?Sie hat uns nur auf etwas aufmerksam gemacht, das wir fast vergessen h?tten.“ W?hrend sie sprach, strich sie der Kleinen z?rtlich über das dunkelblaue Haar.
?Ihr meint die Elfe?“ Raiden runzelte die Stirn. ?Sie war zwar bei mir, aber sie hat nichts…“ Er brach ab. Unbewusst hatte er den Arm gehoben. In seiner Hand lag noch immer die wei?e Blume. In diesem Augenblick verstand er. Diese Elfe hatte es getan. Wortlos. Heimlich. Ein kurzer, scharfer Stich der Ver?rgerung durchzuckte ihn... und etwas anderes, das er nicht benennen wollte. Mehr, als er sich eingestehen mochte.
?Redet nicht so beil?ufig von ihr, als w?re sie ein Thalon“, knurrte Lucien drohend. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Thalon waren die Niedrigsten der D?monen... wilde, schattige schwarze Wiesel von zwei Spann Schulterh?he, die mit blinder Raserei k?mpften. Diese Wildheit passte so gar nicht zu ihr.
?Merkt ihr eigentlich nicht, dass wir zum ersten Mal seit einer Ewigkeit alle zusammen in einem Raum sind?“, fuhr Lucien fort, die Stimme leiser, aber eindringlich. ?Wann war das letzte Mal?“ Schweigen. Dann wanderten die Blicke von einem zum anderen. Erkenntnis flackerte auf.
?Er hat recht“, murmelte Ysera schlie?lich, halb verlegen, halb wütend auf sich selbst. ?Ich komme mir vor wie eine Idiotin. Reingelegt.“
Zum ersten Mal meldeten sich die Zwillinge. ?Dumm und reingelegt ist zu hart“, sagte Lodan ruhig. ?Wir wissen alle, dass wir Emmanline seit ihrer Ankunft beobachtet haben. Niemand sollte leugnen, dass wir sie alle im Auge behalten.“ Er sah jeden Einzelnen an... langsam, durchdringend.
?Wir glauben, dass sie gar nicht wei?, was sie da wirklich tut“, stellte Taran fest.
Luciens Stimme klang ernst, unerschütterlich. ?Natürlich wei? sie das nicht.“ Raiden fragte sich, ob sein Bruder überhaupt bemerkte, wie besitzergreifend er wurde, wenn es um Emmanline ging. Er verteidigte sie in jeder Situation, mit einer Heftigkeit, die Raiden ins Grübeln brachte. Irgendetwas steckte dahinter. Etwas Tieferes. ?Emmanline…“, setzte Lucien erneut an und senkte den Blick auf die schlafende Malatya in seinen Armen. ?… sie hat eine Art an sich. Sie kann nicht anders. Es liegt in ihrer Natur zu helfen. Seht euch nur unsere Kleine an.“ Seine Stimme wurde weicher, fast ehrfürchtig. ?Sie kann sich wieder in ihre Drachengestalt verwandeln... etwas, das wir nie zu hoffen gewagt h?tten. Wir wissen alle, wie sehr Malatya darunter gelitten hat, wie sie sich selbst gehasst hat, weil sie es nicht konnte. Als ich sie das erste Mal als Drache sah… ich traute meinen Augen nicht.“ Lucien hob den Kopf und sah jeden Einzelnen an. ?Emmanline war die Einzige, die das m?glich gemacht hat und das, obwohl sie jedes Recht h?tte, uns zu hassen. Uns wegzusto?en. Aber sie tat es trotzdem. Aus einem guten Grund.“
?Und was soll das für ein Grund sein?“ Alastars Stimme schnitt durch den Raum... eisig, scharf wie ein Gletscherbruch. Sein bohrender Blick heftete sich auf Lucien. ?Wollt ihr euch von dieser Elfe t?uschen lassen, nur weil sie ein einziges Wunder vollbracht hat, zu dem sonst niemand f?hig war?“ Jede Silbe triefte vor Verachtung. ?Dann seid ihr dümmer, als ich dachte.“
?Treib es nicht zu weit, Alastar.“ Luciens Antwort kam sofort, messerscharf und drohend. Die Luft im Raum schien sich zu verdichten.
?Sie hat es wegen Malatya getan.“ Lyas warme, z?rtliche Stimme durchschnitt die gespannte Stille wie eine sanfte, aber pr?zise Klinge. Sie sprach ruhig weiter, ohne die Augen von der schlafenden Kleinen abzuwenden. ?Lucien hat recht. Emmanline muss sich uns nicht verpflichtet fühlen. Sie schuldet uns nichts. Und doch… seit sie hier ist, habe ich gesehen, wie sehr Malatya ihre N?he sucht. Als würde etwas in der Kleinen sie erkennen. Als würde Emmanline genau das sein, was sie braucht.“
?Und was, wenn sie sich unser Vertrauen nur erschleichen will?“ Alastar gab nicht nach. Sein Hass auf die Elfe war greifbar, giftig, wie eine dunkle Wolke im Raum. ?Was dann?“
?Nein.“ Ein einziges Wort, leise, aber bestimmt. Es schnitt durch jede Andeutung, jeden Zweifel. Malatya war aufgewacht. Langsam richtete sie sich auf, das kleine Gesicht ernst, die gro?en Augen wach und klar. Kein Hauch von Schl?frigkeit.
?Hey, meine Kleine…“ Lya streckte instinktiv die Arme aus, wollte sie an sich ziehen, wie immer. Doch Malatya wich zurück. Nicht scheu, nicht ?ngstlich... entschieden. Sie rutschte ein Stück von Lucien weg, zog die Knie an die Brust und musterte ihre Geschwister einen nach dem anderen mit einem Blick, der nichts Kindliches mehr hatte. Verbissen. Fast anklagend. Sprachlos starrten alle sie an.
?Was ist nur los mit dir?“, fragte Lucien leise, vorsichtig und hob die Hand, um ihr über die Wange zu streichen. Malatya zuckte zurück, als h?tte er sie geschlagen. Ihre kleinen H?nde ballten sich zu F?usten. Die Luft im Raum schien pl?tzlich schwerer zu werden.
Raiden spürte es als Erster... ein feines, instinktives Ziehen in der Brust. Sein Drache regte sich, wachsam. Etwas stimmte nicht. Etwas war anders.

