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58. Emmanline/Lucien

  Geschockt und regungslos sa? sie auf der Bank. Emmanline versuchte, noch immer zu begreifen, was gerade geschehen war. Was war nur passiert? Ein neues Gefühlschaos brach über ihr zusammen, und ihre Gedanken überschlugen sich, schneller, als sie sie zu fassen vermochte. Alles war zu rasch, zu erbarmungslos über sie hinweggerollt. In der erdrückenden Stille spielte sich die Szene zwischen ihm und ihr unaufh?rlich in ihrem Kopf ab... wie eine Endlosschleife, der sie nicht entkommen konnte. Er war so wütend gewesen. Sein Blick… voller Zorn, voller unverhohlener Verachtung. Direkt auf sie gerichtet. Dann seine Worte... hart, schneidend, unertr?glich pr?zise. Sie hatten Emmanline tief getroffen. Viel zu tief.

  Wie konnte er ihr so etwas unterstellen? Was hatte sie denn getan, das solch ein Urteil rechtfertigte? Er hatte gesagt, sie sei nicht ehrlich zu ihm gewesen. Sie habe ihn verraten. Sie h?tte offener sein müssen und... Emmanline wusste genau, warum er so fühlte. Er glaubte, sie kenne diese Art von Schmerz nicht? Dieses brennende Gefühl, eine wichtige Person zu verlieren? Doch sie kannte es. Sie kannte es besser als jeder andere. Ihre Mutter war ihr alles gewesen... und auch Emmanline hatte sie verloren. Der Schmerz darüber lag noch immer in ihr, unver?ndert scharf, unver?ndert bohrend. Wie ein Dorn, der sich tief in ihr Herz gebohrt hatte und den niemand herausl?sen konnte.

  Emmanline fühlte sich innerlich zerrissen, schwer wie ein Stein. Ihre Finger krallten sich so fest in ihre Oberschenkel, dass ihre Fingern?gel sich schmerzhaft in die Haut drückten. Sie brauchte diesen realen, greifbaren Schmerz. Wenn sie nichts mehr spürte… würde sie sich endgültig verlieren. Langsam machte sie einen weiteren Schritt nach vorn... innerlich, n?her an den Abgrund, der sich in ihr auftat. Der Sog in ihrem Inneren wurde st?rker, unerbittlicher. Bald würde Emmanline keinen Halt mehr finden. Eine eisige K?lte breitete sich in ihr aus, kriechend und schwer, und sie konnte kaum noch dagegen ank?mpfen.

  Sie würde fallen.

  Vielleicht nicht heute, aber eines Tages würde es so weit sein. Emmanline zwang sich, den Blick zu heben. Sie musste zurück in die Realit?t. Durfte sich nicht noch tiefer in sich selbst verlieren. Diese Dunkelheit… sie war ihr l?ngst vertraut. Zu vertraut. Sie fühlte sich an wie ein zweites Ich, wie ein Schatten, der geduldig wartete. Es fehlte nur noch ein einziger Schritt. Warum lie? er sie nicht einfach gehen? Wenn der Drache sie wirklich loslassen würde, müsste sie ihn niemals wiedersehen. Emmanline k?nnte fortlaufen, so weit, dass selbst die Erinnerung an ihn irgendwann im Nebel verblassen würde. Kein Blick zurück. Kein erneutes Hinfallen. Kein weiterer Schmerz.

  Aber Emmanline wusste es besser. Dieser Drache würde sie niemals freigeben. So zornig, so unberechenbar, so machtvoll er auch war… er würde sie festhalten, koste es, was es wolle. Seine Versprechen fühlten sich an wie Nadeln, die sich mit jeder Silbe tiefer in ihr Herz bohrten. Und seine Worte... diese kalte, arrogante Zusicherung, er würde genau da weitermachen, wo er zuletzt aufgeh?rt hatte... klangen wie eine Lüge. Eine perfide List, erschaffen, um sie zu halten, zu lenken… gefügig zu machen.

  ?H?r auf“, flüsterte Emmanline sich selbst zu. Der Laut war kaum mehr als ein Hauch, ein verzweifeltes Mantra gegen das Chaos, das sich in ihrem Inneren zusammenballte. Sie durfte sich nicht von ihm brechen lassen. Nicht schon wieder. Nicht zulassen, dass er ihr Herz erneut in Ketten legte. Er hatte so viel getan, um ihr eine andere Seite von sich zu zeigen... eine Seite, die Güte vorgab, Verst?ndnis heuchelte. Wie leicht Emmanline sich hatte t?uschen lassen. Wie naiv sie gewesen war. Sie musste stark bleiben. Für sich selbst. Für das, was von ihr übriggeblieben war. Ihre Gefühle froren Schicht für Schicht ein. Ihr silberner Blick wurde leer, unnahbar. Die eiserne Mauer, die sie einst für ihn hatte br?ckeln lassen, baute sie nun Stein für Stein wieder auf. H?her als zuvor. Und h?rter. Wie hatte sie das nur zulassen k?nnen?

  Wütend auf sich selbst erhob Emmanline sich und wandte sich dem Schloss zu. Sie brauchte einen Plan. Einen Ausweg. Einen einzigen Schritt in die Freiheit. Sie konnte nicht l?nger bleiben. Nicht bei ihm. Mitten auf dem Hof blieb sie abrupt stehen. Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Ein kleiner Schatten, leise, fast unscheinbar... und doch spürte Emmanline, wie ihr Herzschlag sich ver?nderte. Beschleunigte. Stockte. Tief in ihr wusste sie l?ngst, wer dort stand. Ein kaltes, schrilles Gefühl jagte ihr die Wirbels?ule hinauf. Ohne zu z?gern, stürzte sie vorw?rts. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Wie hatte sie nur vergessen k?nnen…? Was sie zuvor versprochen hatte.

  ?Malatya.“ Emmanlines Stimme war weich, warm, von echtem Mitgefühl getragen. Erst als das kleine M?dchen unter Tr?nen den Kopf hob, erkannte Emmanline das wahre Ausma? ihrer Einsamkeit... diese stille, bodenlose Verlorenheit in ihren dunklen violetten Augen, die so gar nicht zu dem sonst so lebhaften Kind passte.

  Ohne zu überlegen, ?ffnete sie die Arme. Malatya z?gerte keinen Herzschlag lang. Sie warf sich in Emmanlines Umarmung, als w?re sie der einzige Anker, der sie noch halten konnte. Ihr kleiner K?rper bebte, und Emmanline spürte sofort, wie tief der Schmerz sa?.

  ?Mama.“ Die Stimme war brüchig, kaum mehr als ein Winseln. ?Sie… sie ist nicht mehr da.“ Bitterliche Tr?nen liefen über ihre Wangen. Tr?nen, die viel zu gro? wirkten für ein so kleines Gesicht.

  Emmanline schloss die Arme fester um sie, schützend, haltgebend. Sie legte ihre Wange auf das seidige, dunkelblaue Haar des Kindes, das nach W?rme und Kindheit roch. ?Pssscht…“ flüsterte sie. ?Ich bin hier.“ Drei einfache Worte... und doch alles, was Malatya in diesem Moment brauchte. Die kleinen Finger klammerten sich verzweifelt in den Stoff ihres Gewandes, als fürchte das M?dchen, Emmanline k?nnte jeden Moment verschwinden wie alle anderen und w?hrend sie das Kind hielt, versank ihr eigener Schmerz. Für einen kurzen, stillen Augenblick existierte er nicht mehr. Nur Malatya z?hlte. Nur dieses kleine, gebrochene Herz, das Schutz suchte. Emmanline spürte, wie ihr bewusst wurde, wie sehr sie dieses M?dchen liebgewonnen hatte. Wann war das geschehen? Wann war das Kind in so kurzer Zeit in ihr eigenes Herz hineingewachsen?

  Sie sagte nichts mehr. Worte w?ren unnütz gewesen. Stattdessen hielt sie Malatya... fest, warm, geduldig... w?hrend weitere Tr?nen an ihren Fingern vorbei auf den Boden tropften. Das M?dchen zitterte so sehr, dass es kaum noch stehen konnte. ?Komm mit, meine Kleine.“ Emmanlines Stimme war nun kaum mehr als ein Hauch, aber so sanft und sicher wie eine Decke. ?Wir gehen rein. Ich bleibe bei dir, solange du willst. Ich lasse dich nicht alleine.“

  Malatya nickte, ein kleines, müdes Nicken, aber immerhin ein Zeichen von Vertrauen. Von Hoffnung. Hand in Hand gingen sie zurück ins Schloss. Die G?nge waren leer, ungew?hnlich still... ein Detail, das Emmanline bemerkte, aber nicht hinterfragte. Jetzt war nicht der Moment für Sorgen oder Fragen. Jemand brauchte sie und sie würde da sein.

  Ganz und gar.

  Lucien

  Hei?e Flammen hatten drau?en getobt, hatten den Himmel erhellt und die Luft zum Vibrieren gebracht... doch in ihm fühlte sich nichts besser an. Kein Funke der Erleichterung. Keine Befreiung. Die Leere, der Verlust, der Schmerz... sie lagen noch immer in ihm wie kalte Ketten.

  Entkr?ftet sank Lucien auf die Knie, die F?uste herabsausend gegen die harte, geschw?rzte Erde. Der Boden gab nicht nach. Er gab nie nach. Und selbst der Schmerz, der früher so zuverl?ssig gekommen war, wirkte nun dumpf, fern wie hinter einer Wand. Lucien hatte seiner Wut freien Lauf gelassen. Seinem Feuer. Seiner zerst?rerischen Kraft. Doch warum fühlte er sich schlimmer als zuvor? Warum nagte diese Unruhe, diese brennende Verzweiflung unaufh?rlich an seinem Inneren? Die Trauer brach über ihn herein wie eine Sturmwelle. Lucien lie? einen markerschütternden Schrei in die Nacht hinausfahren, ein Klang aus Schmerz und roher, blanker Qual. Seine Stimme hallte gegen den Himmel, gegen die funkelnden Sterne, die hell leuchteten... viel zu hell. Als würden sie ihn verh?hnen. Als würden sie sagen: Du hast versagt. Musste er sich das gefallen lassen?

  Stunden vergingen. Oder vielleicht waren es nur Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Lucien sa? aufrecht, den Kopf zum Himmel gereckt, unf?hig, seinem eigenen Inneren zu entkommen. Das Adrenalin ebbte ab, sein Feuer erlosch, die Hitze in seinen Adern kühlte. Doch die Leere blieb. Die Schwere blieb. Nichts konnte den Schmerz lindern. Nichts konnte rückg?ngig machen, was geschehen war, und dann kamen die Erinnerungen. Die verdr?ngten Bilder, die er im Zorn beiseitegeschoben hatte, kehrten zurück... scharf, unerbittlich und entlarvend.

  Sein Herz setzte einen Schlag aus. Der Atem stockte. Die Schultern sanken, kraftlos, verloren. ?Oh, ihr heiligen G?tter… was habe ich nur getan?“ Ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch. Worte, die er niemals hatte aussprechen wollen... und doch waren sie herausgebrochen. Was geschehen war, konnte nicht ungeschehen gemacht werden. Lucien h?tte nie geglaubt, zu so etwas f?hig zu sein. Doch nun war der Beweis erbarmungslos klar... er war f?hig. Er hatte seinen Stolz verraten. Seine Ehre verloren. Er hatte das h?chste aller Gesetze verletzt... er hatte seine Seelengef?hrtin respektlos behandelt. Die Worte, die er ihr entgegengeschleudert hatte… Beleidigungen. Beschuldigungen. Haltlose Mutma?ungen, geboren aus Schmerz und Zorn.

  Vorwürfe, die jeder Grundlage entbehrten. Lucien hatte Emmanline verleumdet, von sich gesto?en, obwohl sie nichts getan hatte. Lucien sank weiter in sich zusammen. Sein Herz war schwerer als Stein. Schwerer als alles, was er je getragen hatte. Er hatte ihr erneut einen Grund gegeben, ihn... und alles, wofür sein Volk stand... zu verachten.

  ?Verzeih mir…“ Die Worte kamen rau, brüchig, flehend, und er wusste, wie schwach sie klangen. Wie unzureichend. Wie sollte er das Unrecht wiedergutmachen? Wie konnte er ihr erkl?ren, was in ihm zerbrochen war? Wie sollte er ihr beweisen, dass kein Teil von ihm jemals hatte wollen, dass sie ging? All die Hoffnung, all die Chance, die zwischen ihnen gelegen hatte... zerst?rt in einem einzigen, grausamen Moment.

  Der Verlust seiner Mutter… er war kein Grund. Keine Rechtfertigung. Nur eine Wunde. Aber undenkbar, eine Ausrede.

  ?Du sollst mir nie wieder unter die Augen treten.“

  Worte, die nie h?tten gesagt werden dürfen. Worte, die niemals ernst gemeint gewesen waren. Worte, die jetzt wie Gift in ihm nachwirkten. Lucien wollte Emmanline nicht verlieren. Niemals. Doch es war gut m?glich, dass genau das nun geschehen würde. Reue ergriff ihn mit gnadenloser, erdrückender Kraft... wie eine Hand, die sich um sein Herz schloss und zudrückte, bis jeder Atemzug schmerzte. Er musste zu ihr.

  This story has been stolen from Royal Road. If you read it on Amazon, please report it

  Sofort.

  Jetzt verstand Lucien endlich, warum sein Drache in ihm so au?er sich tobte. Warum das Biest unter seiner Haut gekrümmt, geschrien, gewütet hatte. Selbst der J?ger, das uralte Raubtier in ihm, verlangte nicht nach Rache, nicht nach Feuer, nicht nach Blut... sondern nach ihr. Nach seiner Gef?hrtin. Nach der Einzigen, die sein Innerstes berührte und beruhigte.

  Es wollte Emmanline in die Arme schlie?en, sie schützen, sie an sein Herz ziehen. Lucien wollte knurrend, demütig, schuldig um Vergebung bitten. Sich ihr hingeben. Sich ihr ergeben. Sie war sein Instinkt, sein Atem, sein Leben... und er hatte sie verletzt. Ein nie gekanntes Ziehen entlud sich in seinem Brustkorb. Ein Befehl. Ein innerer Ruf. Ein Muss.

  Lucien sprang auf... nicht elegant, nicht kontrolliert, sondern getrieben. Es war ihm egal, wohin seine Schritte führten. Egal, wer ihn sah, wer ihn aufhalten wollte. Nichts, niemand konnte ihn jetzt hindern. Er musste Emmanline finden. Er musste sehen, ob sie noch da war. Ob sie ihn überhaupt noch h?ren wollte. Lucien rannte los, an Flammenresten und Asche vorbei, an Mauern, die sein Zorn geschw?rzt hatte. Sein Atem ging sto?weise, nicht aus Ersch?pfung, sondern aus purer, unb?ndiger Angst. Angst, dass Emmanline fort war. Ohne auf irgendetwas zu achten... keine Schatten, keine Stimmen, keine Wachen, keine Regeln... folgte er dem Ruf, der lauter wurde mit jedem Schritt.

  Seine Seelengef?hrtin.

  Lucien würde sie finden. Er musste.

  Emmanline

  Emmanline hatte sich mit Malatya aufs Bett gelegt. Sie lehnte an der Rückenlehne, die Beine ausgestreckt, w?hrend Malatyas Kopf auf ihrem Scho? ruhte. Das kleine M?dchen war schon seit l?ngerer Zeit unter Tr?nen und Ersch?pfung eingeschlafen, doch Emmanline strich weiterhin beruhigend durch ihr dunkelblaues Haar. Sie sah so unschuldig aus, dass es Emmanline das Herz brach, dass sie einen solch schweren Verlust erleiden musste. Sie h?tte es ihr gern erspart, aber niemand war vor Schmerz gefeit. Niemand.

  W?hrend Emmanline still dasa? und dem kleinen M?dchen beim Schlafen zusah, kamen ihr immer wieder die Worte des Mannes in den Sinn, der ihr so sehr wehgetan hatte. Nicht mit k?rperlichen Wunden, sondern mit Worten, die brannten. Sie hatte niemals gewollt, dass es so weit kam. Und doch fühlte sie sich genauso verraten, wie er es ihr vorgeworfen hatte. Selbst ein leises Seufzen der Frustration half nicht, die aufgewühlten Gefühle zu ordnen.

  Pl?tzlich klopfte es an der Tür, und ihr Herz machte einen Sprung. Sie wusste instinktiv, wer drau?en stand. Ein schwacher, erdiger Geruch best?tigte es. Emmanline sagte kein Wort, als die Tür aufging. Genau wie sie vermutet hatte, trat er ins Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich und blieb mit gesenktem Kopf an einer Stelle stehen. Das Senken seines Hauptes bedeutete nur eines: Reue.

  Er zeigte damit, dass er einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte, den er zutiefst bereute. Nie zuvor hatte sie einen Drachen sein Haupt vor jemandem senken sehen... au?er vor Gleichen oder den Eltern, wenn sie wirklich etwas bereuten. Und nun senkte dieser Mann und Drache sein Haupt vor ihr? Emmanline verstand nichts mehr. Was hatte er vor? Wollte er sie weiter t?uschen oder gar beleidigen? Aber niemand senkte sein Haupt so tief, nur um zu t?uschen. Sie musste es besser wissen.

  Darum verstand Emmanline sich selbst gerade am allerwenigsten. Sie tat etwas, das sie vermutlich eines Tages sehr bereuen würde. Mit nur einer einzigen, kaum merklichen Bewegung streckte sie ihren Arm zu ihm hin, die Handfl?che nach oben gedreht. Sie wartete. Er schien diese kleinste, leiseste Geste wahrgenommen zu haben und hob den Kopf. Der Ausdruck in seinem Gesicht war ebenso schockierend wie demütig. Seine feuerroten Augen flehten um eine unendliche Entschuldigung für das, was er getan hatte, etwas, das er niemals ungeschehen machen konnte.

  Trotz allem hielt Emmanline ihre Hand erhoben. Ohne zu z?gern, kam er auf sie zu. Schon nach drei Schritten legte er seine gro?e Handfl?che in ihre. Behutsam setzte er sich auf die Bettkante, so nahe, dass er seine Stirn an ihre legen konnte. Schwermütig lie? er die Luft aus seinen Lungen entweichen. Hatte er etwa die ganze Zeit die Luft angehalten, seit er hereingekommen war?

  Noch immer hielt er ihre Hand fest, führte sie an seine Brust, genau über seinem rasend schlagenden Herzen. Die andere Hand legte er an ihren Nacken, direkt unter dem Haaransatz, w?hrend seine Augen geschlossen blieben. Eine ganze Weile verharrten sie so, bis er endlich die beklemmende Stille durchbrach. ?Ich... ich wei? nicht, wie ich mich bei dir entschuldigen soll“, gestand er mit brüchiger Stimme. ?Ich habe mir tausend S?tze zurechtgelegt, aber keiner reicht aus. Ich habe dir unsagbares Unrecht getan, dich beleidigt, dir Dinge unterstellt und all meinen Schmerz, meine Wut und meinen Zorn an dir ausgelassen. Dazu hatte ich kein Recht.“ Seine Stirn drückte er noch fester gegen ihre, die Augen kniff er noch enger zusammen.

  Emmanline konnte ihn nur schweigend ansehen. Sie fand keine Worte, die seinen gerecht geworden w?ren. Stattdessen sagte sie leise: ?Deine kleine Schwester braucht dich. Du... und ihr alle... habt sie vernachl?ssigt.“ Sie l?ste sich ein Stück von ihm und blickte zu Malatya hinunter. Die z?rtlichen Streichelbewegungen hatte sie unterbrochen, als er hereingekommen war; nun nahm sie sie wieder auf. ?Wie konntet ihr sie nur vergessen?“ Ihre Stimme klang wie eine Anklage, die nicht nur ihn traf, sondern die ganze Familie treffen sollte.

  Er legte eine Hand auf das Haar seiner kleinen Schwester und blickte sie traurig an. ?Du hast recht“, sagte er rau. ?Ich bin jetzt hier, meine Kleine.“ Vorsichtig beugte er sich hinunter und drückte einen sanften Kuss auf ihre Stirn, damit sie nicht aufwachte. ?Ich danke dir, dass du bei ihr warst.“ Dann hob er den Blick zu ihr.

  Emmanline schüttelte den Kopf. ?Nimm sie in deine Arme. Sie wird spüren, dass du da bist. Sie hat bitterlich geweint.“ Sie beobachtete, wie er seiner kleinen Schwester tats?chlich die Arme ?ffnete. Sofort schmiegte sich Malatya an ihn, als h?tte sie nur darauf gewartet. Emmanline konnte hier nicht bleiben. Langsam stand sie auf.

  ?Wo willst du hin?“ Sein Blick schoss hoch, ein Hauch von Panik in der Stimme.

  Ihr Rücken war ihm bereits zugewandt. ?Ich hole ihr etwas Warmes zu trinken. Es wird ihr sp?ter guttun.“ Emmanline log. Es klang glaubwürdig. Ohne ein weiteres Wort verlie? sie das Zimmer.

  Kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, lehnte sie sich dagegen. Der Blick starr zu Boden gerichtet, konnte sie kaum fassen, was gerade geschehen war. Sie verstand nichts mehr. Er war wütend gewesen, zornig, gef?hrlich... Emmanline hatte fest damit gerechnet, dass er über sie herfallen würde, mit der t?dlichen Pr?senz, die in ihm schlummerte. Doch unter all der Wut hatte sie den Drachen nicht gespürt. Er hatte sich zurückgehalten, unruhig zwar, aber beherrscht. Was sie in diesem Zimmer erlebt hatte, raubte ihr noch immer den Atem. Emmanline hatte eine Seite an ihm gesehen, die sie nie für m?glich gehalten h?tte... voller Reue, voller Schuld, seinen ganzen Stolz vergessen. Er hatte sein Haupt vor ihr gesenkt. Um Verzeihung gebeten. Sein Blick hatte geschrien, dass er alles zurücknehmen würde, wenn er nur k?nnte. Was sollte sie davon halten? Was sollte sie tun? Etwas stieg in ihr auf, hei? und drückend, und sie wusste nicht genau, was es war. Nur, dass es nicht mehr lange ruhig bleiben würde. Nicht viel fehlte, und sie würde einen Ausgleich brauchen.

  Mit einem leisen, zitternden Seufzer l?ste sie sich von der Tür und ging den linken Gang hinunter. Ihre Fü?e trugen sie wie von selbst, und sie wusste nicht, wohin. Langsam begriff Emmanline, wohin ihre Fü?e sie trugen, und pl?tzlich war ihr, als fehle ihr die Luft. überall lag diese schwere, klebrige Trauer in der Luft... man konnte sie riechen, schmecken, fast greifen. Jeder hier trauerte um die ehemalige K?nigin und Mutter. Ein leises, ersticktes Schluchzen drang an ihr Ohr. Es kam aus einem kleinen Saal, dessen Tür nur angelehnt war. Emmanline blieb stehen. Durch den Spalt erkannte sie sie sofort... seine Geschwister. Sie verstand selbst nicht, warum sie es tat, aber sie trat einfach hinein. Sofort trafen sie Blicke. Fünf Paar Augen, rotger?ndert. Teilweise irritiert und andere feindselig.

  ?Was willst du hier?“, zischte eine Drachin, die Stimme rau vor Tr?nen.

  Emmanlines Augen wurden schmal. ?Die Frage ist eher: Warum seid ihr hier?“

  Die W?chterin, wie er sie genannt hatte... schoss hoch, ihr Stuhl krachte nach hinten und fiel zu Boden. ?Du hast hier verdammt nochmal nichts zu sagen! Du hast keine Ahnung…“

  ?…was los ist?“ Emmanline beendete den Satz, ruhig, doch mit t?dlicher Sch?rfe. ?Oh doch. Ich wei?, dass eure Mutter ihrem Gef?hrten in den Tod gefolgt ist.“

  Entsetzte, wütende Laute füllten den Raum. ?Wage es ja nicht, so über sie zu sprechen!“, fauchte die Frau wutentbrannt.

  ?Beruhige dich, Ysera“, sagte eine sanfte Stimme... ruhig, fast mütterlich. Es war die Schwester, von der er erz?hlt hatte... diejenige, die immer vermittelte, die alle zusammenhielt. Schon eine einzige Berührung ihrer Hand reichte, und die Schultern der Drachin sackten leicht herab. ?Sie will uns etwas sagen.“

  Emmanline sah sie kurz an, schloss für einen Herzschlag die Augen, dann sprach sie weiter, ruhig, aber jedes Wort wie ein Messer: ?Ihr sitzt hier zusammen und trauert. Aber ihr seid nicht die Einzigen, die sie verloren haben. Es gibt welche, die kleiner sind. Hilfloser. Die ihr einfach vergessen habt.“ Ihre Stimme wurde leiser, dafür umso schneidender. ?Ich dachte, Drachen lassen niemanden zurück. Aber anscheinend doch.“ Emmanline drehte sich um und ging.

  Hinter ihr zuerst fassungsloses Schweigen... dann ein panischer Schrei: ?Malatya!“

  Stühle kippten, Schritte donnerten. Sie stürmten an ihr vorbei. Ein scharfer Stich fuhr Emmanline ins Herz. Ihre Worte waren hart gewesen. Brutal. Aber n?tig. Vielleicht verstand sie die Tiefe ihrer Bindung immer noch nicht ganz... doch in diesem Moment spürte sie sie. Und genau das schmerzte am meisten... dass sie selbst hier nie dazugeh?ren würde.

  Ein lautes Krachen riss Emmanline aus ihren Gedanken. Glas, das zersplitterte. Ihr Puls beschleunigte sich. Am Ende des Ganges brannte Licht in einem offenen Zimmer. Sie trat in den Türrahmen. Dort sa? er... der ?lteste seiner Geschwister.

  War er nicht erst heute Morgen aufgebrochen?, dachte sie noch, weil sie ihn in seiner Drachengestalt gesehen hatte.

  Er hockte am Tisch, die Ellenbogen aufgestützt, das Gesicht in den H?nden vergraben. Der Boden war übers?t mit Scherben, zerknitterten Papieren, umgestürzten Büchern. Dann hob er den Kopf. Seine Augen glühten wie geschmolzene Kohle. ?Was willst du hier, Elfe? Verschwinde“, knurrte er... tief, animalisch, t?dlich. Emmanline presste die Lippen zusammen, erwiderte den Blick. Ein weiteres Seufzen... heute seufzte sie wirklich zu oft. Ohne ein Wort trat sie ein und begann, die verstreuten Bl?tter aufzuheben. ?Ich sagte: Verschwinde!“, schrie er. Er schlug mit beiden F?usten auf den Tisch, dass das Holz ?chzte und splitterte.

  Sie ignorierte ihn. Als Emmanline sich nicht rührte, war er mit wenigen Schritten bei ihr, packte ihr Handgelenk und riss sie hoch. Hart. Sie presste die Bl?tter an ihre Brust und sah ihm kalt in die glühenden Augen. ?Und? Wirst du mir jetzt wehtun? Nur zu.“

  Ein tiefes, gef?hrliches Knurren vibrierte in seiner Brust. ?Dumme Elfe. Was stimmt nicht mit dir?“

  ?Ich hebe auf, was du runtergeworfen hast“, sagte Emmanline ruhig. Provokativ.

  Seine Augen flackerten. ?Ich bin kurz davor, dir wirklich den Hals umzudrehen. Ich bin nicht zu Sp??en aufgelegt. Was. Willst. Du. Hier?“

  ?Du trauerst“, sagte sie nur.

  Für einen Wimpernschlag flackerte Verwirrung in seinem Blick... dann war die Mauer wieder da. ?Das geht dich einen Schei? an.“ Er lie? sie los, wandte sich ab, starrte aus dem Fenster. Seine H?nde ballten und ?ffneten sich... wieder und wieder.

  Emmanline hob schweigend alles weiter auf. Unter den Papieren entdeckte sie etwas, das ihren Blick einen Moment lang festhielt. Er bemerkte es nicht. Gut. Als alles wieder ordentlich auf dem Tisch lag und die Scherben im Eimer nebenan waren, drehte Emmanline sich um und ging, ohne ein weiteres Wort.

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