Emmanline hatte das Gefühl, gleichzeitig hei? und kalt zu sein. War das gerade passiert? Sie starrte noch lange hinter ihnen her, selbst als der Drache und die beiden Krieger l?ngst verschwunden waren. Irgendetwas stimmte hier nicht. Warum hatte sie ein so beklemmendes Gefühl verspürt, als die M?nner aufgetaucht waren? In ihrer Gegenwart hatte sie sich erdrückt gefühlt... und h?tte er sie nicht bald weggeführt, wusste sie nicht, wie sie reagiert h?tte. Es hatte sie gro?e Mühe gekostet, nichts davon merken zu lassen. Etwas war v?llig aus der Balance geraten. Nur war?
Dieses Gefühl würde Emmanline lange nicht loslassen, bis sie die Ursache gefunden hatte. Ein dunkler Schleier bedeckte sich über ihre Erinnerungen, und in ihrem Geist türmte sich ein undurchdringliches Labyrinth auf. Sie wussten, dass dieses Chaos schon lange existierte... doch erst jetzt konnten sie die Strukturen erkennen. Sie erinnern sich, dass sie dieses Labyrinth selbst geschaffen hatte, als sie noch eine Art gewesen war. Ein Schutzmechanismus, um Erinnerungen zu verbergen, die zu schmerzhaft oder verwirrend gewesen w?ren. überall lauten Sackgassen, Abzweigungen, Irrwege... und hinter jeder Ecke versteckte sich ein Fragment ihrer selbst. Wie sollte Emmanline darin etwas finden, das ihr Antworten geben konnte, ohne von alten Erinnerungen verfolgt zu werden? Sie h?tten aufgeben k?nnen, den Versuch nicht zu wagen... doch das konnte sie nicht. Etwas in ihrem Antrieb sie dazu, die L?sung zu finden, egal, welche Anstrengungen es erforderte.
Zurück in der Gegenwart bemerkte Emmanline die K?lte, die sich pl?tzlich um sie legte. Vielleicht war es nur die Nachtluft. Vielleicht war es einfach, dass der Drache nicht mehr bei ihr war. Seine W?rme fehlte und mit ihr das Gefühl, endlich atmen zu dürfen. Die Erinnerung an seine geflüsterten Worte kam sofort, klar und brennend: ?Warte auf mich. Ich komme zurück und dann mache ich genau da weiter, wo wir aufgeh?rt haben… schlie?lich will ich mir das Anrecht verdienen, nicht wahr, mein kleines V?gelchen?“ Ein leises, raues Lachen hatte in seiner Stimme gelegen. Es war neckend gewesen und gleichzeitig todernst. Nur ein paar einfache Worte und doch fühlt sie sich an wie ein Brandmal, direkt auf ihrer Haut, tief unter dem Herzen. Sie waren nur für sie bestimmt gewesen, ein Geheimnis zwischen seinem Mund und ihrem Ohr, und trotzdem hatte Emmanline eine Macht über sie, die sie nicht verstand. Seine Stimme war warm, vertraut, beruhigend… und zur gleichen Zeit so aufwühlend, dass ihr jetzt noch die Knie weich wurden. Sie hatte mit allem gerechnet. Mit Zorn. Mit Angst. Mit Widerstand. Nicht damit, dass ein einziger Satz von ihm genügte, um sie gleichzeitig schwach und stark zu machen.
Der Drache wusste genau, wie er sie berühren musste. Nicht nur mit H?nden. Sondern mit Worten, mit Blicken, mit diesem einen, leisen ?mein“ , dass sich es anfühlte wie ein Versprechen und ein Fessel zugleich. Und das Schlimmste daran? Es ?rgerte Emmanline nicht. Nicht einmal ein bisschen.
Dieser Mann weckte Sehnsüchte in ihr, die sie vorher nicht gekannt hatte. Allein seine N?he, sein erdiger Geruch... sie reichten aus, um ein Feuer in ihr zu entfachen. Sie wollte ihm sagen, er solle aufh?ren, sie in Ruhe lassen, doch eine tief verankerte Blockade hinderte sie daran. Die Worte der Ablehnung blieben in ihrem Inneren stecken, w?hrend ihr Verlangen wuchs.
Pl?tzlich trank eine eisige Stimme in ihrem Ohr: ?So allein?“ Emmanuelle zuckte zusammen und drehte sich langsam zu der Gestalt um, die aus den Tiefen der Dunkelheit auf sie zukam.
Lucien
Das beklemmende Gefühl, das ihn beschlich, w?hrend feine Furchen im Boden seines Arbeitszimmers entstanden, konnte nur eines bedeuten. Lucien ging unruhig auf und ab, w?hrend seine alten Freunde einen Bericht erstatteten. Da sein ?lterer Bruder Raiden nicht anwesend war... er hatte ihm aufgetragen, eine dringliche Botschaft an den Elfenk?nig zu überbringen... hatte Lucien stattdessen zwei andere Familienmitglieder zu sich gerufen... seine ?lteste Schwester Ysera, die W?chterin des Reiches, und Charia, die als Befehlshaberin einer Eliteeinheit bekannt für ihre scharfe Zunge und ihr Temperament war. Beide mussten erfahren, was in ihrem Reich vorging.
?Warum seid ihr nicht schon eher gekommen?!“, fuhr Charia pl?tzlich auf. Sie war aus ihrem Sessel gesprungen, ihre Stimme bebte vor Zorn. Sie hatten genau dieselben Worte benutzt, die auch Lucien zuvor gebrüllt hatte... Was die Situation eigentlich ironisch machte, w?re die Lage nicht so ernst.
Schweres Schweigen legte sich über den Raum. ?über die Konsequenzen sprechen wir sp?ter.“ Luciens Stimme durchschnitt die Stille scharf. Für einen Moment blieb er stehen und lie? seinen Blick warnend über alle Anwesenden gleiten, bevor er wieder zu seinem ruhelosen Auf-und-Ab kam. Als er am Fenster vorbeikam, verharrte er. Sein Blick glitt in den n?chtlichen Garten. Dank seiner Drachenaugen erkannte er jedes Detail im Dunkeln... doch seine Entt?uschung stach tief. Er hatte gehofft, Emmanline dort zu sehen. Aber sie war nicht da. Nicht mehr , korrigierte er sich. Wo warst du?
Sp?ter würde Lucien sie suchen. Er würde ihrem Duft folgen... diesem sonnigen, warmen Hauch inmitten der kalten Nachtluft. Verführerisch. Herausfordernd. Ein Spiel, das ihn reizte. Und sein Drache scharrte bereits ungeduldig in seinem Inneren, begierig darauf, freigelassen zu werden. ?Ysera.“ Seine Stimme war ruhig und dunkel, w?hrend er den Blick weiterhin nach drau?en richtete und die Arme vor der Brust verschr?nkte. ?Ich m?chte dir eine Aufgabe anvertrauen.“ Seine Schwester hob leicht den Kopf. ?Nimm einige deiner besten Leute mit. Ich will, dass du dir die Lage selbst ansiehst und mir einen ausführlichen Bericht bringt. Ich will Gründe, warum sie pl?tzlich aggressiv geworden sind. Das muss einen verdammten Ausl?ser haben... und den will ich wissen.“ Lucien atmete hart durch. ?Nimm einen unserer besten Spurenleser mit. Jemanden, der Gerüche erfassen kann, die nicht zu unserer Kunst geh?ren.“
"War?" Yseras Stimme klang perplex. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie diese Aufgabe ausgerechnet hatte.
?Ich dachte, du willst eine Herausforderung. Wenn nicht, beauftrage ich jemand anderen.“ Lucien wandte sich um und fixierte seine ?ltere Schwester mit einem coolen Blick.
Ysera knurrte kurz, die Kiefer angespannt. ?Natürlich nehme ich das an. Aber ich will genaue Berichte.“ Sie richtete den Blick auf Cyrill und Arokh, die ohne Z?gern nickten.
?Am besten begleiten wir dich“, schl?gt Cyrill vor.
?Nein.“ Luciens Antwort kam hart und sofort. ?Ihr beide bleibt hier. Ich werde euch für eine andere Aufgabe brauchen... aber das besprechen wir sp?ter.“ Sein Blick wanderte zu Charia. ?Du bleibst an deiner bisherigen Aufgabe. Ich will diesen Bastard in meinen Klauen haben, damit ich ihn in Stücke rei?en kann.“ Seine Stimme vibrierte vor Zorn, goldene Funken tanzten in seinen Augen. Die Luft im Raum wurde schwerer, dicker... als würde die Hitze seinen Drachen gleich hindurchbrechen. In ihm brodelte eine glühende, uralte Wut. Er sah Culebras Gesicht vor sich.
Verr?ter. Monster.
Er würde leiden. Nicht schnell. Nicht nützlich. Langsam. Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte. Für jedes Leid musste das Emmanline übertragen werden. Für jeden Augenblick, den sie seinetwegen verloren hatte.
Charia hielt seinen Blick stand. ?Natürlich bleibe ich dran. Ich lasse keinen Verr?ter frei herumlaufen... schon gar nicht einen, der keine Grenzen kennt.“
Sie wusste, warum ihr Bruder Culebra unbedingt in den Finger bekommen wollte. Vielleicht wusste nicht jeder im Raum Bescheid, aber Lucien machte keinen Hehl daraus. Er wandte sich wieder dem Fenster zu und lie? den Blick über den dunklen Garten gleiten. Noch immer keine Spur von Emmanline. Sein Drache scharrte unruhig in seinem Inneren... dr?ngend, rastlos. Er wollte hinaus, wollte sie finden, wollte wissen, dass sie in Sicherheit war. ?Was ist mit den Mütterlichen in Tarascon?“, fragte Lucien, ohne sich umzudrehen. Seine Gedanken rasten, prüfen jeden Winkel der Lage.
?Sie versuchen herauszufinden, warum die Betroffenen so aggressiv geworden sind“, antwortete Cyrill. ?Sie kümmern sich um sie, so gut es geht. Tarana hat befohlen, dass unbedingt eine L?sung gefunden werden muss. Sie macht sich gro?e Sorgen. Sie sagt, etwas Schreckliches komme auf uns zu.“ Tarana. Ratsmitglied. Eine der Mütterlichen, eine Heilerin. Herz so gro? wie ihr Rosengarten... und eine Intuition, die Lucien niemals untersch?tzt hatte. ?Das h?tte ich fast vergessen.“ Cyrill griff in seine Tasche und zog einen blauen Umschlag hervor. Sofort erfüllte zarter Rosenduft den Raum. Lucien konnte ihn sofort. Tarana und ihre verfluchten Rosen… manchmal hatte er darüber gel?chelt.
Heute nicht.
Lucien nahm den Umschlag entgegen und wog ihn in der Hand. Zu schwer für eine gute Nachricht. Wortlos legte er ihn auf den Schreibtisch. ?Ich lese ihn sp?ter“, murmelte er. ?Allein.“ Jeder im Raum versteht, dass darin Worte stehen, die sonst niemand h?ren durfte. ?Ysera, du brichst morgen bei Tagesanbruch auf... aber vorher kommst du noch einmal zu mir.“ Lucien sah seine Schwester durchdringend an. Sie nickte stumm.
Lucien erz?hlte noch einige Einzelheiten mit seinen Geschwistern, bevor er sie alle entlie?. Nur Cyrill blieb zurück... womit er gerechnet hatte.
?Ich h?tte nicht gedacht, dass du so früh den Thron übernimmst. Dabei hast du dich doch immer davor gedrückt“, begann sein ?ltester Freund, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.
?Wenn ich ehrlich bin, h?tte ich es auch nicht gedacht“, erwiderte Lucien leise. ?Aber die Zeiten ?ndern sich, Cyrill. Ich musste handeln. Es ist meine Pflicht. Es kann nicht ewig so weitergehen, schon meine Mutter zuliebe nicht. Erst jetzt sehe ich, wie sehr ich sie damit belastet habe.“ Die Schuld lastete schwer auf ihm.
?Ich kenne dich, Lucien. Und genau deshalb wei? ich, dass du ein verdammt guter K?nig wirst“, sagte Cyrill mit schiefem Grinsen. ?Wei?t du eigentlich, dass dir halb Tarascon nacheifert? Die Jungen sehen in dir ein Vorbild.“
Lucien hob die Brauen. ?Ich? Ein Vorbild?“ Ungl?ubigkeit flackerte in seinen goldenen Augen. ?Das ist nicht dein Ernst. Was bitte soll an mir vorbildlich sein?“
Cyrill lachte leise. ?Du wirst es nicht glauben, aber genau das macht dich aus. Du hast dich in Tarascon bewiesen, mehr als einmal. Viele würden dir ohne zu z?gern folgen. Sie sehen dich l?ngst als ihren K?nig.“
Lucien schüttelte leicht den Kopf. ?Manchmal bezweifle ich, dass ich überhaupt ein guter K?nig sein kann.“
?Rede keinen Unsinn.“ Cyrill trat einen Schritt n?her und legte ihm die Hand auf die Schulter. ?Denkst du, das Volk merkt nicht, wie sehr du dich um sie sorgst? Die Jungen spüren es. Du hast ihnen das K?mpfen beigebracht, Ehre, Stolz. Du hast ihnen zugeh?rt. Immer. Genau das macht dich aus.“
Ein schwaches L?cheln huschte über Luciens Züge. ?Ja… da hast du recht. Sie liegen mir am Herzen.“
Cyrills Grinsen erlosch schlagartig. ?Und die Frau, die vorhin neben dir steht? Liegt sie dir etwa auch am Herzen?“ Er hob eine Braue. ?Ich kenne dich nicht so, Lucien. Früher reichte dir ein L?cheln und ein paar Stunden... mehr wolltest du nie. Und jetzt?“
Lucien wich seinem grünen Blick nicht aus. ?Ja. Sie schon.“ Er fuhr sich mit beiden H?nden durch sein schulterlanges schwarzes Haar, als k?nnte er die Erinnerung damit b?ndigen. Sein Herz schlug schneller, kaum dass er an sie dachte. ?Wenn ich daran zurückdenke, wie alles anfing… ich h?tte nie geglaubt, dass es so enden würde. Ich habe sie zum ersten Mal getroffen, als sie einen Rubin aus meinem Hort gestohlen hat.“ Ein leises, ungl?ubiges Lachen brach aus ihm heraus. Niemandem zuvor war es je gelungen, auch nur ein Staubkorn aus seinem Schatz zu entwenden.
?Gestochen?“ Cyrill starrte ihn fassungslos an. ?Und sie lebt noch?“
?Das hatte ich zu Anfang auch vorgehabt“, gab Lucien zu.
?Wenn sie damals nicht so herrlich ungeschickt gewesen w?re... ein Unsichtbarkeitszauber gewirkt und den Rubin prompt in den See fallen lassen... sie w?re tot gewesen. Sie hat sich standhaft geweigert, ihn herauszurücken. Also habe ich sie erst einmal gefangen gehalten. Bis ich meinen Schatz zurückbek?me, dachte ich.“
Cyrill Grinste Schief. ?Klingt nach einer denkwürdigen Begegnung.“
?Das ist sie“, sagte Lucien leise. ?Sie hat mich danach noch viel ?fter überrascht. Einmal hat sie mir sogar das Leben gerettet.“ Er erz?hlte alles. Wissend, dass Cyrill schwieg wie ein Grab. Er wusste auch, dass sein bester Freund diese Geschichte nicht m?gen würde... Drachen und Engel waren noch immer Feinde, alte Wunden heilten langsam. ?Es war meine Schuld“, Führer fort. ?Ich habe jahrzehntelang einen Engel gefangen gehalten. Und alles fing damit an, dass Emmanline sie befreite.“ Ein flüchtiger Gedanke blitzte auf: Wie zur H?lle hatte diese kleine Elfe eigentlich so mühelos aus seinem Kerker entkommen k?nnen?
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?Emmanline?“, sagte Cyrill nach.
?Genau sterben, so hei?t sie.“ Lucien sprach ihren Namen aus, als w?re er etwas Kostbares. Ein kaum merkliches L?cheln zog über sein Gesicht. ?R?tselhaft. Stur. Au?ergew?hnlich. Am Ende war sie es, die mich aus der Gewalt der Engel befreit hat. Ich war wütend auf sie... von der ersten Sekunde an kalt und abweisend. Dabei hat sie etwas ganz anderes verdient.“
Cyrills Augen verengten sich neugierig. ?Was genau hat sie denn verdient, Lucien?“
Kurz schwieg Lucien, dann sprach er weiter, leiser, aber schwer vor unterdrückter Wut. ?Wenn ich daran denke, wo sie ihr ganzes Leben verbringen musste… k?nnte ich t?ten.“ Seine Augen glühten golden, ein beben lief durch seinen K?rper, als wollte der Drache gleich die Haut sprengen. ?Culebra hatte sie von Geburt an. Ihr ganzes Leben. Wortw?rtlich.“ Er ballte die F?uste so fest, dass die Kn?chel knackten.
Cyrill starrte ihn an, fassungslos. ?Das ist nicht dein Ernst. Niemand überlebt Culebra. Niemand. “ Seine Stimme brach schnell. ?Verfluchte Schei?e.“
?Ich erfuhr es erst, als Aiden auftauchte“, sagte Lucien rau. ?Charia jagt diesen Bastard seit Jahrzehnten. Sie fand Emmanline in einer seiner H?hlen... halbtot, aber lebendig. Aiden hat sie rausgeholt. Culebra entkam wieder. Und dann… ist sie mir begegnet.“ Er atmete durch, als allein die Erinnerung ihn ersticken würde. ?Seitdem steht sie unter meinem Schutz.“
Cyrill nickte langsam, noch immer erschüttert. ?Jetzt verstehe ich, warum du sagst, sie verdient mehr. Aber… wie kann sie überhaupt noch atmen? Nach allem, was unsere Art ihr angetan hat? Sie müssten uns hassen. Uns alle. “
Lucien schüttelte den Kopf, schnell z?rtlich. ?Sie hasst. Unendlich. Aber sie zeigt es nicht. Manchmal wünschte ich, sie würde schreien, toben, etwas zerst?ren... nur damit ich wüsste, was wirklich in ihr vorgeht. Aber sie tr?gt es still.“ Ein bitteres, stolzes L?cheln zuckerte über sein Gesicht. ?Ich versuche alles, ihr zu zeigen, dass wir nicht alle Monster sind. Dass auch in uns Licht sein kann. Und dann… dann hat sie es geschafft. Malatya. Sie hat einem kleinen Drachenkind geholfen, sich zum ersten Mal zu verwandeln. Ich stehe da und war so verdammt stolz auf Emmanline, dass mir fast die Worte fehlen.“
Cyrill hob die Brauen. ?Malatya? Das war sie gewesen?“
Lucien nickte langsam. ?Ja. Sie hat Malatya geholfen, sich zu wandeln. Nicht einmal die ?ltesten kamen weiter. Emmanline ist… ein R?tsel. Sie müsste uns hassen, und doch hilft sie. Auf ihre ganz eigene Weise.“
Cyrill pfiff leise durch die Z?hne. ?Langsam habe ich das Gefühl, hier hat sich alles ver?ndert.“
?Alles“, best?tigte Lucien ruhig.
Lange versammelte Cyrill ihn, als er nach einem Riss in der alten Rüstung suchte. Dann hob er die Brauen, ein ungl?ubiges Grinsen zog über sein Gesicht. ?Heilige Schei?e, Lucien… du fühlst etwas für sie, oder?“
Lucien wollte abwiegeln, doch das L?cheln kam von selbst, weich, ehrlich, schnell schüchtern. In seinen goldenen Augen brannte ein Feuer, das kein Drache mehr l?schen konnte. ?Ja“, sagte er rau. ?Verdammt viel sogar.“ Er atmete tief ein, als müsste er das n?chste Wort erst aus den Tiefen seiner Seele ziehen. ?Sie ist meine Seelengef?hrtin.“
Cyrill erstarrte. ?Was?“
Lucien hob den Blick. ?Ich habe sie gefunden. Und es fühlt sich an, als h?tte jemand die Welt neu geschaffen. Sie sitzt so tief in mir, dass ich es erst begriffen habe, als ich l?ngst keine Chance mehr hatte, dagegen anzuk?mpfen.“
Cyrill starrte ihn einen Herzschlag lang an, dann brach ein breites, ehrliches Grinsen durch. ?Du verdammter Glückspilz.“ Er schlug ihm fest auf die Schulter. ?Herzlichen Glückwunsch, Bruder.“ Dann wurde sein Blick sch?rfer. ?Wei? sie es?“ Eine einfache Frage, die schwer wie Blei in der Luft hing. ?Wei? Emmanline, dass sie deine Seelengef?hrtin ist?“
Lucien verzog das Gesicht, als ihn ein Schlag traf. ?Nein. Ich habe es ihr noch nicht gesagt.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern. ?Sie würden sofort dichtmachen. Sich noch tiefer vergraben. Vielleicht würde ich sie dann für immer verlieren.“ Er ballte die F?uste, bis die Kn?chel wei? hervortraten. ?Ich wei?, dass es unfair ist. Aber jetzt… jetzt würde sie es nicht ertragen. Eines Tages werde ich es ihr sagen. Wenn sie bereit ist. Wenn sie mir glaubt.“ Ein bitteres L?cheln zuckerte über seine Lippen. ?Ich kann sie nicht gehen lassen. Und ich wei?, dass Culebra sie will. Er hat sie schon einmal besessen. Er wird nicht aufh?ren.“ Ein tiefes, animalisches Grollen rollte durch seine Brust. ?Wenn ihr etwas zust??t…“ Seine Stimme brach. ?Dann ist auch mein Leben vorbei. Ich würde ihr folgen. Ohne zu traurig.“
Cyrill steht reglos da. Dann, ganz langsam, sank er auf ein Knie. ?Bei den alten G?ttern und bei meiner Ehre“, sprach er, klar und fest, ?schw?re ich, Emmanline mit meinem Leben zu schützen. Solange ich atme, wird ihr kein Leid geschehen.“
Lucien zuckerte zusammen, als ihn ein Blitz getroffen hatte. ?Cyrill...“ Doch der Schwur war gesprochen. Unwiderruflich. Langsam trat Lucien vor, legte die Hand schwer auf sein schwarzes Haupt seines Freundes. In seinen goldenen Augen stand etwas, das selten jemand zu sehen bekam... tiefe, aufrichtige Dankbarkeit. ?Steh auf, Bruder.“ Ein warmes, schnelles junges L?cheln brach durch die harte Maske. ?Du hast mir gerade das gr??te Geschenk gemacht, das ein Drache je bekommen kann.“
Cyrill erhob sich. Zwischen lag ihnen nun ein Bund, der st?rker war als Blut... geschmiedet in einem Namen, den keiner von ihnen mehr laut aussprechen musste.
Emmanline.
?Seltsam“, murmelte Cyrill nachdenklich. ?Vorhin, als wir hier kamen… ich habe sie nicht bemerkt. Obwohl sie direkt neben dir stand.“ Er runzelte die Stirn. ?Ich h?tte sie spüren müssen.“
?Vielleicht warst du zu sehr auf die Botschaft fixiert“, sagte Lucien.
?Nein.“ Cyrills Stimme wurde dunkler. ?So unaufmerksam bin ich nie.“ Er z?gerte einen Herzschlag lang. ?Ich habe Dinge gesagt, die ich vor Fremden niemals preisgegeben h?tte.“
Lucien sah ihn ruhig an. ?Vor meiner Seelengef?hrtin gibt es keine Geheimnisse mehr. Wenn ich sie gewinnen will, muss ich ihr alles geben. Die Wahrheit. Mich. Alles.“
Cyrill zog die Brauen zusammen. ?Hast du trotzdem Bedenken, dass Culebra sie zurückwill? Dass sie... bewusst oder nicht... Dinge weitergibt, die ihn st?rken k?nnten? Er l?sst niemals etwas von Wert einfach gehen.“
Luciens Augen flammten kurz auf, golden und gef?hrlich. ?Das ist mir bewusst.“ Seine Stimme war Stahl. ?Aber sie geh?rt zu mir. Und ich werde diese Gedanken nicht einmal in meine N?he lassen.“ Pl?tzlich spürte er es... diesen sanften, aber unverkennbaren Druck eines Blickes. Lucien drehte sich langsam zum Fenster. Da sa? sie.
Emmanline.
Auf der alten Steinbank im Mondlicht, als h?tte sie nur auf ihn gewartet. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Wo zur H?lle war sie gewesen?
?Schneewei?es Haar… silberne Augen?“, fragte Cyrill leise und trat neben ihn. Ehrfurcht schwang in seiner Stimme mit.
?Ja“, flüsterte Lucien. ?Ich habe noch nie eine Elfe wie sie gesehen.“ Sein Blick wurde finster. ?Und sie tr?gt ein Geheimnis tief in sich, das ich versuche zu l?sen.“ Er wandte sich abrupt ab. ?Ich muss gehen. Den Rest besprechen wir sp?ter.“
Als Lucien die Tür erreichte, h?rte er Cyrill hinter sich leise, schnell z?rtlich lachen:
?Mit Leib und Seele verloren…“
Lucien war bei ihr, bevor der Mond sich auch nur einen Fingerbreit weiterbewegt hatte. Der Duft traf ihn zuerst, hell, warm, lebendig, wie flüssiges Sonnenlicht. Dann ihr Anblick. Emmanline sa? auf der alten Steinbank, die Knie angezogen, das wei?e Haar wie flüssiges Silber über ihre Schultern gefallen. Als sie den Kopf hob, trafen ihn ihre Augen wie ein Messer aus Mondlicht. ?Wo warst du?“ Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig.
?Es tut mir leid“, flüsterte Emmanline.
Lucien wollte fragen, wollte die Stirn runzeln, wollte verstehen, doch in genau diesem Moment explodierte etwas in seiner Brust. Ein Schmerz, der nicht seiner war. Ein Schmerz, der tiefer ging als Knochen, tiefer als Blut. Er brach zusammen. Ein animalisches Brüllen riss sich aus seiner Kehle, w?hrend ein zweiter Schrei, fremd und doch vertraut, durch seine Seele hallte. Als würde ein Herz, das nicht seinen Krieg, in Stücke gerissen. ?Nein…“ Ein Flüstern. Dann Lauter. ?Nein… NEIN!“ Lucien verstand. ?Mutter…“ Das Wort war reine Qual. Sie hatte sich dem Ruf ihres Gef?hrten ergeben.
Kein Abschied. Kein letztes Wort. Nur Stille. Endgültig.
Ein Stück von ihm starb mit ihr. Die Leere fra? sich durch ihn hindurch, schwarz, bodenlos, gnadenlos. Er spürte, wie sein Drache sich aufb?umte, bereit, die Welt in Flammen zu tauchen, nur um diesen Schmerz zu übert?nen. Langsam, ganz langsam hob er den Kopf. Emmanline sa? noch immer da. Reglos. Die silbernen Augen ausdruckslos auf ihn gerichtet. ?Du hast es gewu?t.“ Seine Stimme war kaum wiederzuerkennen, rau, geborsten... t?dlich leise. ?Du hast gewusst, dass sie heute geht.“ Er kam auf die Knie hoch, zitternd vor Schmerz und Wut. ?Sag es mir.“ Ein Knurren, das aus der tiefsten H?lle kam. ?Sag. Es. Mir. Ins. Gesicht.“
Die Luft zwischen ihnen knisterte, schwer von Trauer, von Verrat, von etwas, das noch keinen Namen hatte. Emmanline zuckte zusammen... nur einen Herzschlag lang... und nickte. ?Ja.“ Es war kaum mehr als ein Hauch. Doch für ihn war es ein Stich ins Herz. Sie wich seinem Blick nicht aus, und genau das… machte alles schlimmer.
?Ich hatte dir vertraut.“ Sein Atem geht schwer. ?Du hast es gewu?t und mir NICHTS gesagt.“ Seine Stimme überschl?gt sich. ?Du wusstest, dass sie heute sterben würde!“ Der Schmerz verzerrte seine Gesichtszüge, doch der Zorn brach unaufhaltsam hervor. ?Verflucht, ich hatte dir vertraut! Ich habe dir ALLES, was ich geben konnte... und du kannst nicht einmal ehrlich zu mir sein!“ Seine H?nde ballten sich, seine Brust hob und senkte sich unruhig. ?Ich wollte, dass du siehst, dass nicht alle von uns Monster sind. Ich wollte, dass du etwas Gutes in meiner Art findest… aber jetzt…“ Sein Blick wurde kalt, so kalt wie Stahl. ?Jetzt sehe ich, dass es sich nie ?ndern wird.“ Lucien kam einen Schritt auf Emmanline zu. ?Auch wenn du es nicht sagst... du GENIESST es doch. Du willst Vergeltung. Du willst uns leiden sehen. Stimmt es nicht?“ Lucien stand derweil vor ihr, aufgerichtet, voller gebündelter, lodernder Wut. Seine Stimme war nur noch ein Knurren. ?Sag es. Sag mir ins Gesicht, dass du es willst.“
Doch Emmanline rührte sich nicht. Sie wich keinen Zentimeter zurück. Sie starrte ihn einfach nur an, schweigend, unbeweglich... wie jemand, der wei?, dass jede Antwort falsch w?re. Und genau dieses Schweigen… zerbrach etwas in ihm. ?Du bist wütend auf mich, und das verstehe ich.“ Ihre Stimme war leise, brüchig, kaum mehr als ein Hauch. ?Und ich wei?, wie du dich fühlst, aber es...“
?Gar nichts wei?t du.“ Seine Worte schlugen wie ein Peitschenhieb ein. Scharf. Eiskalt. Unnachgiebig. ?Wenn du auch nur ansatzweise fühlen würdest, was ich fühle, dann h?ttest du es mir gesagt.“ Lucien packte Emmeline am Kinn... grob, viel zu grob... und zog ihr Gesicht hoch. Seine Nase war nur noch einen Atemzug von ihnen entfernt. Sein Atem ging schnell, unkontrolliert, ein Sturm, der sich nicht mehr b?ndigen lie?. ?hm, wie ihr Atem stockte. Wie sich ihr K?rper spannte. Doch ihre silbernen Augen … blieben leer. Ohne Flackern. Ohne Schmerz. Ohne Wut.
Nichts.
?Wenn du es fühlen würdest“, knurrte Lucien, ?dann würdest du mich nicht so gefühllos ansehen.“ Sein Blick gl?nzt feurig. ?Du hast keine Ahnung, was es bedeutet, jemanden zu verlieren, der einem wichtig ist. Weil du niemanden hast.“ Lucien stie? Emmanline von sich weg. So pl?tzlich, dass sie zurücktaumelte und sich mit den H?nden abfangen musste, damit sie nicht von der Bank fiel. ?Bleib allein. Lass niemanden an dich ran. Es ist besser so... sicherer, wirkungsvoller. Dann kann dich niemand jemals treffen.“ Seine Stimme brach fast, doch er presste die letzten Worte hervor wie Gift: ?Sei dankbar dafür. Denn ohne Bindungen hast du keine Schw?chen.“ Ein letzter, bitterer Atemzug. ?Wehe, du kommst mir noch einmal unter die Augen.“
Damit verschwand Lucien in der Dunkelheit. Fort. Weg von ihr. Weg von dem Ort, der ihn zu ersticken drohte. Lucien rannte fast… nicht k?rperlich, sondern innerlich. Weglaufen vor einem Schmerz, der tiefer ging, als er je für m?glich gehalten hatte. Emmanline hatte ihm alles bedeutet … und sie hatte ihn verraten. So glaubte er.
War alles nur Lüge gewesen? Alles nur eine Falle? Ein Spiel?
Die Wut in ihm wuchs, ein schwarzer, klauenbewehrter Schatten, der sich in seiner Brust grub. Lucien wollte etwas zurücknehmen. Irgendetwas. Egal war. Aber sie hatte doch nichts. Nichts, was ihr wichtig war.
Oder…?
Ein Gedanke schoss ihn durch den Kopf. Ein dunkler, grollender Gedanke, der in ihm hallte wie Donner. Seine Fü?e setzen sich in Bewegung. Schneller. Zielgerichtet. Hungrig. Lucien konnte nicht mehr klar denken, konnte nicht mehr zwischen richtig und falsch unterscheiden. Sein Drache versuchte durchzubrechen. Versuchte zurückzukehren... zu ihr . Der Instinkt brüllte, dr?ngte, flehte. Sein Drache wusste, was diese Frau war. Wollte sie schützen. Wollte sie halten. Wollte sie beruhigen. Doch für Lucien fühlte sich das an wie ein weiterer Verrat.
Wie kannst du sie noch wollen? Wie kannst du sie noch als unsere Gef?hrtin akzeptieren, nachdem sie uns das angetan hat!?
Lucien dr?ngte den Drachen zurück, tiefer und tiefer, bis nur noch Stille blieb. Kalte, unbarmherzige, rot glühende Stille. Er ging in die entgegengesetzte Richtung. Weg von ihr. Weg von seinem Instinkt. Weg von der Wahrheit. Nur die Rache blieb. Nur der Schmerz. Nur der Wunsch, dass sie endlich verstehen sollte, was Verlust wirklich bedeutete.
Es war an der Zeit, ein Exempel zu statuieren.

