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56. Emmanline/Lucien

  Emmanline versuchte vergeblich, das zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Sie konnte es einfach nicht fassen, und doch war dieses Gefühl in ihr überm?chtig. Ihr Herz raste unnatürlich schnell, die Luft schien ihr wegzubleiben. Unwillkürlich folgte sie ihm mit den Augen, als er sich von ihr herunterrollte. Er sah aus, und erschreckenderweise ging es ihr genauso. In ihr brannte ein brennendes, wütendes und unkontrollierbares Feuer. Sie sehnte sich nach etwas, vor dem sie gleichzeitig Angst hatte. Es war unglaublich, aber sie fürchtete sich vor dem, was er mit ihr gemacht hatte. Gefühle, die Emmanline nie zuvor gekannt hatte... überrollten sie mit überw?ltigender Macht. Sie war ihnen v?llig machtlos ausgeliefert. Wie schaffte er das nur?

  Emmanline spürte noch immer seine Küsse auf ihren Lippen, die sanften Bisse, seine Berührungen an ihrer empfindlichsten Stelle. Es pochte schmerzhaft sü? in ihr, und sie sehnte sich verzweifelt nach Erl?sung... danach, dass dieses Feuer endlich nachlie?. Dieser Mann entfachte ein Verlangen in ihr, das sie von innen heraus zu verschlingen drohte. Seine Z?rtlichkeit war ihr fremd und dennoch konnte sie nicht genug davon bekommen. Emmanline wollte, dass er ihr zeigte, wie sich echte Sanftheit anfühlte. Seine liebevollen Worte und die sanften Blicke machen sie atemlos. Es war ihr unangenehm und gleichzeitig empfand sie sich auf eine seltsame, berauschende Weise besonders, fast schon kostbar. Nur in seinen Augen konnte sie das sehen. So oft schenkte ihr diesen Blick, als w?re sie es wert, angebetet zu werden. ?Warum... sagst du mir immer wieder solche Worte?“, brachte Emmanline schlie?lich heraus, nachdem sie ihren Atem einigerma?en unter Kontrolle gebracht hatte.

  Ein L?cheln spielte um seinen Mundwinkel. ?Weil es die Wahrheit ist. Ich will dir zeigen, wie du wirklich bist. Es kommt einfach aus mir heraus.“ Dabei h?rte er nicht auf, ihre Wange sanft zu streicheln.

  Es war merkwürdig. Warum wehrte Emmanline sich nicht gegen seine Berührungen? Ein Teil von ihr sehnte sich danach, doch eigentlich h?tte es sie absto?en müssen. Er war ein Drache und nach allem, was sie erlebt hatte, hatte sie l?ngst Abstand halten müssen. Aber sie konnte es nicht. Etwas in ihr, etwas Fremdes und gleichzeitig zutiefst Vertrautes, sprach auf ihn an. Es machte ihr Angst und wollte gleichzeitig Emmanline es. Ihr K?rper verlangte danach... und, kaum vorstellbar, sogar ihr... Verstand. ?Du verwirrst mich“, gestand sie flüsternd und schloss ihre Finger um die Hand, mit der er gerade ihre Haut streichelte.

  Sein L?cheln erlosch sofort. Mit ernster Miene sah er sie an. ?Ich wei?. Das hier ist neu für dich und ich m?chte dir so vieles zeigen und lehren. Nur ich.“ Sein Tonfall... besitzergreifend, warm, gef?hrlich... raubte ihr erneut den Atem. ?Ich will dir nicht wehtun und ich werde es nie wieder tun. Mehr als meinen Schwur und meine Taten kann ich dir nicht geben. Ich will nur, dass du mir glaubst.“ Seine Stimme senkte sich, als h?tte er pl?tzlich Angst, zu viel preisgegeben zu haben. Er wandte den Blick von ihr ab.

  Emmanline spürte, dass jedes Wort, das sie jetzt sagen würde, ihn ver?ndern k?nnte. Zum Guten oder zum Schlechten. Vorsichtig l?ste sie ihre Hand aus seiner und legte sie an seine Wange. Die kratzigen Bartstoppeln unter ihren Fingerspitzen fühlten sich fremd an... rau, m?nnlich, aber auf eine seltsame Weise genau richtig. ?Sieh mich an“, flüsterte sie. Es klang fast wie ein Befehl und sie rechnete fest damit, dass er sich dagegen str?uben würde. Doch er tat es nicht. Ohne ein Wort gehorchte er. Ein Drache lie? sich nicht befehlen... aber er tat es und das erschütterte Emmanline mehr als alles andere. ?Ich glaube dir“, hauchte sie und strich mit den Daumen sanft über seine Wangenknochen. Erst einen Herzschlag sp?ter begriff sie, was sie gerade gesagt hatte. Doch es war zu sp?t, die Worte zurückzunehmen... und sie wollte es auch nicht. Sie kamen aus der tiefsten Stelle in ihr, aus diesem brennenden, überw?ltigenden Gefühl, das sie ganz ausfüllte.

  Es war die Wahrheit.

  In seinen goldenen Augen lag keine Lüge. Nur reine, nackte Ehrlichkeit. Ein tiefes, vibrierendes Knurren stieg aus seiner Brust, und seine Züge spannten sich an, als k?mpfe er mit aller Kraft gegen etwas in sich. ?Darf ich… dich in den Arm nehmen?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern. ?Ich m?chte dich einfach nur spüren... dich bei mir haben.“

  Emmanline schluckte, überrascht von der schlichten, fast demütigen Bitte. Dann nickte sie knapp. Das reichte ihm. Im n?chsten Moment zog er sie an sich, als w?re sie schon immer dorthin geh?rt. Und sie lie? es geschehen... lie? sich von seiner W?rme und seiner Kraft auffangen. Es war erschreckend leicht, sich an seine breite Brust zu schmiegen. Sie schloss die Augen und atmete ihn ein... diesen herben, erdigen Duft, der sie ruhig werden lie? wie nichts sonst. Er war einzigartig. Erdend. Als stünde Emmanline zum ersten Mal fest auf der Erde, statt nur darüber zu schweben.

  Seine eine Hand legte sich schützend auf ihren Hinterkopf, die andere tief auf ihrem Rücken, als wollte er sie für immer dort halten. Emmanline schlang die Arme um ihn, zog sich noch enger an ihn, als k?nnte sie sich in ihm verkriechen und endlich sicher sein. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fühlte sie sich nicht verloren. Sie fühlte sich angekommen.

  ?Richtig. Es fühlt sich so verdammt richtig an“, murmelte er in ihr Haar, die Stimme tief, fast abwesend, als spr?che er nicht zu ihr, sondern zu sich selbst, zu einer Wahrheit, die er endlich laut aussprechen durfte. Allein diese Worte lie?en ihr Herz stolpern.

  Emmanline verstand ihn. Sie spürte es genauso... es war richtig. Es musste so sein. ?Warum fühlt es sich so seltsam an…“, flüsterte sie an seiner Brust, ?… wenn du mich in den Arm nimmst? So anders… als alles, was ich kenne?“ Sie fand kein besseres Wort. Es gab keines für das, was er mit ihr machte.

  Seine Finger gruben sich tiefer in ihr weiches langes Haar, sein Arm zog sie fester an sich, nicht schmerzhaft, sondern mit einer pl?tzlichen, fast erschrockenen Intensit?t, als h?tte ihre Frage etwas in ihm getroffen, das er beschützen musste. ?Weil du zu mir geh?rst, Emmanline.“ Seine Stimme war jetzt tiefer, rauer, das Grollen darunter unverkennbar. ?Nur zu mir.“ Das war nicht mehr nur der Mann. Das war der Drache.

  Emmanline wusste, dass beide in ihm wohnten, sich den K?rper teilten, um Vorherrschaft rangen. Früher hatte sie immer genau gewusst, wer gerade sprach. In letzter Zeit verschwammen die Grenzen. Die Stimmen verschmolzen, wurden eins, als würden Mann und Tier sich endlich einigen, endlich harmonieren. Etwas, das eigentlich unm?glich war und doch erkannte sie ihn. Immer. Auch jetzt.

  Je l?nger Emmanline in seiner N?he war, desto ruhiger wurde er, beide Teile gleicherma?en. Sie sah es in dem goldenen Funkeln seiner Augen, in der Art, wie sich seine Schultern entspannten, wenn sie nur atmete. Er wusste, dass sie ihn beruhigte. Dass sie ihn heilte, ohne es zu versuchen. Seine Worte waren wie warmer Honig, der sich über sie legte. Sie wollte darin versinken, sich verlieren. Jedes einzelne trug dieselbe stille Botschaft:

  Du bist Mein. Mein Schicksal. Mein Zuhause.

  Für diesen einen kostbaren Moment lie? Emmanline es zu. Für diesen einen Herzschlag nahm sie seine Besitzgier an, hie? sie sogar willkommen, nur um dieses seltene, fast vergessene Gefühl festzuhalten... W?rme. Sicherheit. Geborgenheit.

  Nur dieses eine Mal…

  …log sie sich selbst vor.

  Lucien

  Eine unbekannte Zeit lagen sie einfach so beieinander, w?hrend die Nacht sich langsam über das Zimmer senkte. Lucien hatte jedes Gefühl für Zeit verloren. Alles, was z?hlte, war das leise Gewicht ihres Kopfes auf seiner Brust, ihr ruhiger Atem an seinem Hals. Er h?tte ewig so bleiben k?nnen. Natürlich gab es Dinge, die er sich noch viel intensiver vorstellte, aber das hier... sie in seinen Armen, endlich ruhig... war Belohnung genug. Lucien spürte, wie Emmanline sich ihm Stück für Stück ?ffnete, auch wenn sie selbst das volle Ausma? ihrer Bindung noch nicht begreifen konnte. Ihre Frage von vorhin hatte ihn dennoch überrascht: ein leises, fast schüchternes Eingest?ndnis, dass sie seine N?he suchte, selbst wenn sie sie noch ?seltsam“ nannte. Ein Anfang.

  ?Emmanline“, flüsterte Lucien und strich über ihr seidiges, schneewei?es Haar.

  ?Mmh…?“, kam es schl?frig zurück, als w?re Emmanline in einem warmen Nebel gefangen. Sie schlief nicht... er wusste das... aber sie war so entspannt wie noch nie, seit sie auf dem K?nigshof zurück war. Noch nie hatte sie wirklich geschlafen, nicht richtig. Er verstand den Grund noch immer nicht, doch in diesem Moment war es egal.

  Ein leises Schmunzeln huschte über sein Gesicht. ?Ich würde gern noch eine halbe Ewigkeit so liegen bleiben… aber mein Arm ist gerade eingeschlafen“, sagte Lucien mit ged?mpftem Lachen. Sofort war Emmanline hellwach, wollte sich zurückziehen, doch er lie? sie nicht entkommen. Stattdessen rollte er sich auf den Rücken und zog sie mit sich, bis sie halb auf ihm lag... ihr K?rper weich und warm über seinem. Ein kleiner, protestierender Laut entwich ihr, aber er ignorierte ihn gekonnt. ?Schon viel besser“, murmelte er und konnte endlich wieder direkt in ihr Gesicht sehen. Die neue Position brachte ihre weichen Brüste direkt gegen seine Brust... ihr Herzschlag pochte gegen seinen. Lucien spürte es sofort... und sie spürte ihn. Die R?te schoss ihr in die Wangen, als sie seine unverkennbare H?rte an ihrem Bauch bemerkte.

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  ?Lass mich los“, flüsterte Emmanline und versuchte, sich wegzudrücken, doch es war v?llig aussichtslos. Er hielt sie genau da, wo sie war... sicher, warm und genau richtig.

  Mit einem einzigen Arm hielt Lucien sie fest, als w?re sie federleicht, w?hrend seine freie Hand zart durch ihr Haar glitt und eine Str?hne hinter ihr Ohr schob. ?Keine Sorge, mein kleines V?gelchen.“

  Emmanline erstarrte. ?V?gelchen?“

  Ein leises, unterdrücktes Lachen vibrierte in seiner Brust. Er konnte es nicht ganz verbergen. ?Ich finde, der Name passt zu dir.“

  ?Wohl kaum“, schnaubte Emmanline und funkelte ihn emp?rt an. ?Das klingt, als s??e ich in einem K?fig. In deinem K?fig.“

  Sein Lachen erstarb sofort. ?Nein“, sagte er ernst, fast eindringlich. ?So meine ich das nicht.“ Lucien suchte ihren Blick, hielt ihn fest. ?Du bist scheu wie ein kleiner Vogel, wachsam, neugierig auf alles, was hinter dem n?chsten Horizont liegt. Aber du bist kein gefangener Vogel, Emmanline. Ich wei?, dass du im Moment nicht einfach wegfliegen kannst… doch ich will, dass du eines Tages deine Flügel ausbreitest. So weit du willst.“ Emmanline sah ihn prüfend an, schwieg einen langen Moment. Lucien spürte, wie sie mit sich k?mpfte. ?Ich habe eine Idee“, sagte Lucien schlie?lich, die Stimme weich und vers?hnlich. ?Wenn du mir erlaubst, dich ab und zu so zu nennen, zeige ich dir einen Ort, den sonst niemand kennt. Einen Platz, an den ich als Junge immer geflüchtet bin, wenn ich Ruhe brauchte. Wenn ich einfach nur… ich selbst sein wollte. Was sagst du?“ Lucien sah es sofort... das Widerstreben in ihrem Blick, die alte Vorsicht… und darunter die kaum zu b?ndigende Neugier. Diese kleine Elfe konnte selten widerstehen, wenn es etwas Neues zu entdecken gab. Es machte ihn glücklich, Emmanline so lebendig zu sehen, und gleichzeitig wütend bis ins Mark, weil er wusste, wie lange man ihr genau das gestohlen hatte.

  ?Du machst das mit Absicht“, murmelte Emmanline schlie?lich. ?Du wei?t ganz genau, dass ich schwer Nein sagen kann, wenn etwas Unbekanntes mich lockt.“ Sie kniff die Augen zusammen. ?Aber… was ist das für ein Ort?“

  Lucien strich ihr eine weitere widerspenstige Str?hne aus dem Gesicht. ?Lass dich überraschen.“ Und tats?chlich, in ihren silbernen Augen flackerte es auf. Kein kalter Stahl mehr, keine scharfe Klinge. Nur noch ein sanftes, warmes Leuchten, als h?tte sie gerade etwas sehr Kostbares wiederentdeckt, das sie l?ngst verloren geglaubt hatte.

  Als Lucien spürte, dass Emmanline sich nicht mehr str?ubte, lie? er seine Hand langsam über ihren Rücken gleiten, w?hrend die andere ihre Wange umfasste. Mit dem Daumen strich er zart über ihre weiche Haut und versank in ihren silbernen Augen. Es fühlte sich so natürlich an, sie zu berühren, als w?re es von jeher sein alleiniges Recht gewesen. Nur er durfte sie so halten... so nah bei sich haben. In den letzten Tagen war ihre N?he für ihn zur Selbstverst?ndlichkeit geworden, und er wollte nichts mehr, als dass sie blieb. Nicht mit Ketten, nicht mit Druck... nur mit dem, was sie am meisten begehrte... einer neuen Welt, die sie endlich selbst entdecken durfte. ?Bitte, Emmanline.“

  Emmanline schwieg einen Herzschlag lang, dann flüsterte sie: ?Dann will ich es jetzt sehen.“

  Ein leises, echtes L?cheln breitete sich auf seinem Gesicht aus. ?Natürlich.“ Mit einer flie?enden Bewegung hob Lucien sie hoch, als würde sie nichts wiegen.

  Ein erschrockener Schrei entwich ihr. ?Lass mich sofort runter!“ Ihre Wangen glühten vor Verlegenheit.

  Lucien lachte tief und warm, setzte sie aber vorsichtig wieder ab. ?Du bist ein Fliegengewicht. Langsam mache ich mir wirklich Sorgen, dass du noch weniger isst als früher.“

  ?Du lügst“, erwiderte Emmanline emp?rt, doch in ihren silbernen Augen tanzte endlich wieder dieses lebendige Feuer, das er so liebte. Und natürlich hatte sie recht... sie war zart, aber keineswegs zerbrechlicher geworden. Er hatte sie oft genug getragen, auch wenn sie jedes Mal protestiert hatte, sie verlor nicht an Gewicht, trotz mangelnder Nahrung.

  ?Dann komm“, sagte Lucien sanft und ging voraus. Emmanline folgte ihm. Er hielt ihr die Tür auf, wartete, bis sie auf den Gang trat, und legte dann sacht eine Hand an ihren Rücken, um ihr den Weg zu weisen. Die G?nge des alten Palastes waren ein tückisches Labyrinth... selbst er hatte sich als Kind hier verlaufen. Doch Emmanline fand sich sofort zurecht, bewegte sich sicher, fast instinktiv. Kein Wunder, dachte er. Wer jahrelang in H?hlen gelebt hatte, lernte schnell, sich in jedem Irrgarten auszukennen.

  Drau?en auf dem Hof führte er sie in Richtung des verborgenen Gartens, als sie pl?tzlich stehen blieb. Lucien hielt inne und folgte ihrem Blick. Der Himmel stand in voller Pracht über ihnen... klar, tiefschwarz, übers?t mit Millionen Sternen, die wie eine leuchtende Stra?e wirkten. Eine dieser seltenen N?chte, in denen das Firmament so rein war, dass man das Gefühl hatte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um die Sterne zu berühren. Manchmal hatte Lucien früher genau hier gestanden und sich gewünscht, diesem Licht einfach zu folgen, weg von allem. Doch es war unm?glich gewesen. Dann hatte ihn die Einsamkeit fast erdrückt. Heute Nacht spürte er nichts davon. Ohne nachzudenken, griff er nach ihrer Hand. Ihre Finger waren kühl, schlossen sich aber sofort um seine. Lucien hob den Blick nicht vom Himmel, doch er spürte, dass Emmanline ihn ansah, als wollte sie etwas sagen. Bevor sie die Worte fand, wehte ihm ein vertrauter Geruch in die Nase. Zwei, um genau zu sein. Schritte n?herten sich über den Kies.

  ?Lange hatten wir Zweifel, dass du je den Thron besteigen und deine Mutter abl?sen würdest“, erklang eine belustigte, tiefe Stimme, die Lucien nur allzu gut kannte. Am liebsten h?tte er den beiden eine verpasst, so sehr st?rten sie diesen einen, perfekten Moment.

  Nicht jetzt.

  Schnaubend erblickte Lucien die beiden hochgewachsenen Gestalten vor sich, die ein paar Meter entfernt im Schatten standen. ?Nimmst du deinen Mund nicht ein bisschen voll, alter Freund?“ Lucien lachte, doch es klang rau und sp?ttisch.

  Die beiden waren nur ein kleines Stück kleiner als er. Kein Wunder. Sie stammten aus dem alten, indianisch gepr?gten Drachenstamm der Südkette. Bronzefarbene Haut, kraftstrotzende Statur, pechschwarzes Haar... teils zu einem langen, kunstvoll geflochtenen Zopf gebunden, der über die Schulter fiel, teils offen wie ein nachtschwarzer Wasserfall. Freier Oberk?rper, um ihre Kultur nicht zu verbergen. Die komplexen, schwarzen T?towierungen zogen sich von den Oberarmen bis über die Brust, uralte Symbole ihres Volkes. Niemals schnitten sie ihr Haar... es war heilig. Und diese smaragdgrünen Augen, die in der Dunkelheit fast leuchteten, verrieten sofort, dass in ihnen ebenfalls ein t?dlicher Drache schlummerte.

  ?Nicht dass ich wüsste“, grinste sein Freund und kam mit offenen Armen auf ihn zu. Die brüderliche Umarmung war kurz, hart und echt, genau wie unter alten Kampfgef?hrten üblich. Arokh schloss sich an.

  ?Was führt euch her, Cyrill, Arokh?“ Die Zwillinge. Kaum auseinanderzuhalten, au?er für die, die sie wirklich kannten.

  Cyrills Miene wurde schlagartig ernst. ?Etwas stimmt nicht, Lucien. In Tarascon ver?ndert sich alles.“

  Luciens K?rper spannte sich sofort an. ?Wie meinst du das... alles ver?ndert sich?“ Ein leiser Druck an seiner Hand erinnerte ihn daran, dass er Emmanline noch immer festhielt. Erst jetzt bemerkte er, wie fest er zugepackt hatte. Er lockerte den Griff, lie? sie aber nicht los.

  ?Am Anfang war noch alles normal“, begann Cyrill leise. ?Dann wurde die Unruhe spürbar. Drachen... vor allem Krieger und die Jungen... werden aggressiv, ohne erkennbaren Grund. Erst Einzelf?lle. Jetzt jeden Tag mehr. Selbst die ?ltesten stehen ratlos da. Es ist, als… als würde etwas in ihnen wach, das wir nicht kennen. Etwas Dunkles.“

  Lucien spürte, wie das Gold in seinen Augen aufflammte. ?Warum zur H?lle seid ihr nicht früher gekommen?“ Seine Stimme war ein tiefes, gef?hrliches Knurren. ?Ich h?tte es wissen müssen!“ Die Luft um ihn herum knisterte vor unterdrückter Wut. Ihm war egal, dass Cyrill ihn missbilligend ansah. Wenn es um sein Volk ging, h?rte bei Lucien jeder Spa? auf. Emmanlines Finger schlossen sich fester um seine, als wollte sie ihn allein mit diesem kleinen Druck daran erinnern, dass er nicht allein war. Lucien fixierte Arokh scharf. ?Was hast du dazu zu sagen?“

  Arokh antwortete nicht sofort. Seine smaragdgrünen Augen glitten langsam an Lucien vorbei und blieben an Emmanline h?ngen. Zu lange. Zu intensiv. Ein tiefes, warnendes Knurren rollte aus Luciens Kehle. Blitzschnell trat er einen Schritt vor, schob Emmanline hinter seinen Rücken und breitete kaum merklich die Schultern aus, als wollte er sie mit seinem ganzen K?rper abschirmen. Erst jetzt schien Cyrill die Elfe überhaupt wahrzunehmen. Seine schwarzen Brauen hoben sich überrascht. Lucien ballte eine Hand zur Faust, w?hrend die andere behutsam Emmanlines Hand warm umschlossen hielt. ?Redet“, befahl er eisig.

  Arokh riss den Blick endlich los. ?Wir wollten es zuerst allein kl?ren“, sagte er mit dieser dunklen, schweren Stimme, die immer klang, als k?me sie direkt aus der Erde. ?Ohne dich hineinzuziehen. Aber es wird schlimmer. Viel schlimmer.“ Er sah sich kurz um. ?Wir sollten woanders sprechen. Ohne… ungebetene Zuh?rer.“

  Lucien spürte, wie sich Emmanlines Finger aus seinen l?sten. ?Wir reden sp?ter ausführlich“, knurrte er den Zwillingen zu. ?Nehmt euch jeweils ein Zimmer, ruht euch aus. Ihr seht aus, als h?ttet ihr seit Tagen nicht geschlafen.“

  ?Aber…“, setzte Cyrill an.

  Lucien hob nur die Hand. Schweigen. Er drehte sich halb zu Emmanline um. Sie stehen bereits zwei Schritte entfernt, den Kopf leicht schr?g gelegt... diese kleine, stolze Geste, die ihn jedes Mal innerlich umhaute. ?Geh ruhig“, sagte sie leise, aber bestimmt. ?Es ist wichtig.“

  ?Bist du sicher?“, fragte Lucien.

  ?Ja.“ Ein kaum merklicher Ausdruck auf ihrem Gesicht. ?Ich kann warten.“

  Der Abstand zwischen ihnen fühlte sich an wie ein Abgrund. Lucien überbrückte ihn mit einem einzigen Schritt, schlang den Arm um ihre Taille und zog Emmanline fest an sich. Der Kuss war alles andere als zahm... tief, besitzergreifend, ein stummer Schwur vor den Augen der beiden M?nner. Er atmete ihren Duft ein, als müsste er ihn für die n?chste Stunde in sich einschlie?en. Dann senkte Lucien den Kopf, bis seine Lippen ihr spitzes Elfenohr streiften, das sofort nerv?s zuckte. Er liebte diese kleine Reaktion inzwischen viel zu sehr. Er flüsterte ein paar Worte, so leise, dass nur Emmanline sie h?ren konnte. Ihre Wangen glühten, ihre Augen wurden gro? und weich zugleich.

  Nur ?u?erst widerwillig lie? Lucien sie los, drehte sich um und ging mit langen, entschlossenen Schritten auf Cyrill und Arokh zu. Die Zwillinge warfen sich einen kurzen, vielsagenden Blick zu, dann folgten sie ihm schweigend ins Schloss. Emmanline blieb allein unter den Sternen zurück.

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