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86. Emmanline

  Vorsichtig nahm Emmanline den blutroten Rubin in ihre Hand und betrachtete ihn lange, tief in Gedanken versunken, w?hrend etwas in ihr erzitterte... nicht nur wegen des Steins selbst, sondern vor allem, weil Lucien sie so sanft darum gebeten hatte, ihm von ihrem Geheimnis zu erz?hlen. Er wollte es wissen, das spürte sie deutlich, und doch war das Schlimmste... oder vielleicht das Sch?nste... an ihm, dass er sie niemals dr?ngte, niemals forderte, sondern ihr nur gesagt hatte, sie k?nne jederzeit zu ihm kommen, wenn sie wirklich bereit dazu w?re. War sie das? Konnte sie ihm alles offenbaren... wirklich alles, was sie war?

  Seit ihrer Geburt hatte man ihr eingebl?ut, niemals über ihre zweite Natur zu sprechen... absolut niemals, und sie hatte es ihrer Mutter eindringlich versprochen... ein Versprechen, das sie ihr ganzes Leben... seit ihrer Geburt... gehalten hatte, ohne dass je jemand die Wahrheit auch nur geahnt h?tte. Und doch regte sich jetzt etwas in ihr... ein innerer Zug, der immer st?rker wurde, ein Drang... ihm alles zu verraten, den sie kaum noch ignorieren konnte. In diesem Moment erklang die Stimme ihrer Mutter so klar in ihrem Inneren... als stünde sie direkt neben ihr...

  ?Eines Tages wirst du hier herauskommen und frei sein. Du wirst Erfahrungen machen, die dich pr?gen. Etwas Gutes wird für dich bereitstehen, nur für dich allein, und du wirst jemanden finden... dem du alles anvertrauen kannst.“

  Diese Worte waren widersprüchlich in ihrem Ged?chtnis eingebrannt und lie?en sie nicht los, wie alle Worte ihrer Mutter... einerseits das ewige Schweigegebot, andererseits die leise Verhei?ung, dass es jemanden geben würde, dem sie sich ganz ?ffnen durfte. Je l?nger Emmanline darüber nachdachte, desto mehr drehten sich ihre Gedanken im Kreis... bis sie selbst nicht mehr wusste, was richtig oder falsch war und was sie jetzt eigentlich tun sollte.

  Emmanline zuckte leicht zusammen, als sie pl?tzlich eine sanfte Berührung auf ihrer Schulter spürte. Langsam drehte sie ihren Kopf und blickte in wundersch?ne, glühende goldene Augen. Lucien strich z?rtlich über ihre Schulter, schob ihr schneewei?es Haar behutsam zur Seite und hauchte Küsse darauf... sinnlich und sanft zugleich, als wolle er ihr Halt geben, ohne sie einzuengen. Wie sollte sie ihm nur widerstehen? Er musste das Chaos in ihr gespürt haben, denn dieser Mann war auf eine Weise zu gut für all das… selbst wenn er ein Drache war.

  Emmanline lehnte sich zurück an seine felsenharte nackte Brust und lie? ihren Blick erneut auf den Rubin in ihrer Hand sinken. ?Dieser Stein ist ein Seelenstein“, sagte sie leise, ?ein wahrhaftiges Gef?ngnis. Von ihm geht etwas unendlich Trauriges aus… und die Stimmen, die ich h?re, sind qualvoll und einsam.“ Die Farbe des Rubins erinnerte an frisches Blut, und sie wusste inzwischen, dass das keine blo?e T?uschung war... in ihm herrschte der Tod, gen?hrt von gefangenen Seelen, deren Leid weiteres Blutvergie?en verhie?, ganz gleich, ob es gerechtfertigt war oder nicht. ?Ich werde versuchen herauszufinden, wie ich diesen Bann brechen kann“, fügte Emmanline hinzu, ?ihr müsst eure Seelen zurückbekommen.“ Tief in sich spürte sie, dass etwas geschehen würde, je l?nger sie diesen Stein bei sich trug… etwas, das sie nicht mehr aufhalten konnte.

  ?Nein“, widersprach Lucien ruhig, w?hrend er seine Arme um sie schlang. ?Wir werden es herausfinden. Gemeinsam. Ich werde dich nicht allein lassen... sondern an deiner Seite stehen. Schlie?lich hat das alles etwas mit uns Drachen zu tun, und du wirst das nicht alleine tragen müssen.“

  Ihre Stimme wurde leiser, beinahe z?gernd. ?Dein Vater hat dir damals diesen Rubin gegeben... weil er vermutete, dass er sterben würde. Er bat deine Mutter, dir nichts davon zu erz?hlen.“

  ?Wie bitte?“ Lucien wirkte schockiert, denn diese Erkenntnis lie? alles in einem neuen Licht erscheinen. ?Diese Situation ist nicht unbedeutend… vielleicht sogar lebenswichtig. Warum?“ Sein Blick wurde ernst. ?Was hat meine Mutter dir noch alles erz?hlt?“ Emmanlines Gedanken glitten zurück zu jenem Gespr?ch mit seiner Mutter, das sie nie vergessen hatte…

  ?Warum gerade... ich?“ Emmanline war ehrlich überrascht, denn die Mutter des Drachen hatte sie aufgesucht, nur um ein Gespr?ch mit ihr zu führen, und sie konnte nicht deuten, weshalb ausgerechnet sie dafür gew?hlt worden war. Eine leise Wachsamkeit hatte sich bereits in ihr ausgebreitet, als w?re etwas an dieser Begegnung nicht ganz richtig.

  ?Ich wei?, dass es dir seltsam vorkommt“, antwortete die Frau ruhig, ?aber ich kann dieses Gespr?ch mit keinem meiner Kinder führen.“

  Emmanline runzelte die Stirn, denn das wollte ihr nicht einleuchten. ?Sie sind Eure Kinder.“

  Ein sanftes, beinahe wehmütiges L?cheln erschien auf dem Gesicht der Drachenmutter. ?Genau deshalb kann ich es nicht tun. So sehr ich sie auch liebe.“ Ihr violetter Blick ruhte einen Moment auf Emmanline, prüfend, wissend. ?Du wei?t, was passieren wird, nicht wahr?“

  Auch wenn es ihr widerstrebte, konnte Emmanline nicht lügen. ?Ja“, sagte sie leise. ?Euer Tod.“

  ?Ja“, best?tigte die sch?ne Drachin ohne Z?gern. ?Heute ist meine Zeit gekommen. Ich kann mich nicht l?nger dagegen wehren. Mit jedem Tag schmerzt es mehr, und nun... da ich mein Versprechen erfüllt habe, wird es Zeit zu gehen. Es wird meinen Kindern das Herz brechen, wenn ich gehe, doch sie werden es eines Tages verstehen. Ich muss meinem Gef?hrten in den Tod folgen.“ Einen Augenblick schwieg sie, bevor sie fortfuhr. ?Darum werde ich dir nun ein Geheimnis anvertrauen.“

  Emmanline riss die Augen auf. Ein Geheimnis? Ihr Herz begann schneller zu schlagen. ?Das solltet... Ihr nicht“, wandte sie hastig ein. ?Ich bin die Falsche… für wichtige Geheimnisse.“

  ?Das glaube ich nicht“, entgegnete die Drachenmutter ruhig. ?Der Rubin hat dich ausgew?hlt, und das allein muss etwas bedeuten, denn er würde sich niemals wahllos an jemanden binden. Du tr?gst etwas in dir, das keiner von uns besitzt. Viele fühlen sich von dir angezogen, auch wenn sie es selbst nicht begreifen.“ Ein wissendes L?cheln lag auf ihren Lippen, und Emmanline wusste in diesem Moment genau, wovon sie sprach. ?Warum siehst du so überrascht aus? Ich bin viel zu alt, um nicht zu erkennen, was in dieser Welt geschieht. Ich habe vieles kommen und gehen sehen... ebenso geh?rt. Anfangs war es mir nicht bewusst, doch… je l?nger ich dich beobachtete, desto klarer wurde es mir. Auch wenn ich von euch noch keinen wirklich zu Gesicht bekommen habe.“ Ihre Stimme wurde sanfter, aber auch eindringlicher. ?Du bist zwar zum Teil eine Elfe, doch du verbirgst etwas Verlorenes in dir, etwas... das l?ngst nicht mehr existiert. Etwas Besonderes. Und genau aus diesem Grund hat der Rubin dich erw?hlt.“ Ihr Blick hielt Emmanline fest. ?Und aus genau demselben Grund habe ich dich ausgew?hlt, um dir dieses Geheimnis anzuvertrauen.“

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  Emmanline sah sie ungl?ubig an. Etwas an dieser Situation fühlte sich falsch an... beinahe bedrohlich, und ihr Inneres zog sich zusammen, weil sie wusste, dass ihr nicht gefallen würde, was nun folgen sollte. ?Ich will es… nicht h?ren“, sagte sie leise abwehrend, obwohl ihr bereits klar war, dass die Drachenmutter es ihr dennoch sagen würde.

  ?Manchmal gibt es Situationen, in denen man seinem Instinkt folgen sollte, egal wie schlecht oder unerquicklich dieser Gedanke auch sein mag“, begann sie ruhig, w?hrend ihr dunkelblaues, langes, glattes Haar weich in der n?chtlichen Luft wehte. ?Ich gebe es ehrlich zu, mir behagt das alles nicht, doch ich werde es trotzdem tun. Unsere Begegnung war nicht die sch?nste, aber gerade solche Begegnungen sind es meist… die einem am l?ngsten im Ged?chtnis bleiben. Findest du nicht?“ Dem konnte Emmanline absolut nicht zustimmen, doch sie schwieg. ?Darum“, fuhr die Drachenmutter fort und atmete einmal tief durch, ?darfst du diesen Rubin niemals verlieren. Er ist ein zentraler Punkt im Leben der Drachen, selbst wenn du uns nicht ausstehen kannst. Seit Tausenden von Jahren lastet ein Fluch auf uns, und wir wissen weder, wer ihn ausgesprochen hat, noch aus welchem Grund. Derjenige muss ungeheuer m?chtig gewesen sein, denn ein ganzes Volk zu verfluchen ist kein kleines Werk.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. ?Dass sowohl der Grund als auch der Urheber dieses Fluchs in Vergessenheit geraten sind, ist etwas... das ich bis heute nicht begreifen kann.“

  Und um ehrlich zu sein, Emmanline ebenfalls nicht. Wie konnte so etwas jemals vergessen werden? Es erschien ihr unm?glich. ?Das ist nicht nachvollziehbar“, sagte sie schlie?lich. ?Wie kann so etwas einfach in Vergessenheit geraten?“

  ?Es gibt nicht viele M?glichkeiten“, antwortete die Frau ruhig. ?Entweder wurden all jene get?tet, die davon wussten, oder aber das Wissen wurde so streng gehütet, dass es niemals an die ?ffentlichkeit gelangte.“ Ihr Blick wurde ernster. ?Letzteres kann ich durchaus verstehen, denn wir haben es über Generationen hinweg genauso gehandhabt. Wir entschieden, dass es besser so sei. Es sollte keine Unruhe geben... keine Machtk?mpfe. So, glaubten wir, k?nnte ein Volk bestehen. Denn niemand würde es verstehen, nach dem Tod nicht ins Heilige Land überzugehen.“ Sie sah Emmanline eindringlich an. ?Wei?t du, was das bedeuten würde?“

  Emmanline wusste es. ?Das Volk stünde kurz vor der Ausl?schung“, sagte sie leise. ?Vor allem, wenn Feinde von diesem Wissen erfahren würden. Doch in einem Punkt stimme ich Euch nicht ganz zu. Es g?be keine Machtk?mpfe… vielmehr würde Panik das Volk auseinanderrei?en. Die Einheit und Zusammengeh?rigkeit würden zerbrechen.“

  ?Da irrst du dich“, entgegnete die Drachenmutter ruhig, aber bestimmt. ?Machtk?mpfe entstehen immer dann, wenn jemand die Kontrolle über ein Volk an sich rei?en will.“ Ihr Blick verengte sich leicht. ?Das solltest du am besten wissen. Schlie?lich bist du unter jemandem aufgewachsen… der nach Macht giert.“ Dieser Gedanke traf Emmanline unerwartet. Daran hatte sie lange nicht mehr gedacht. Doch die Frau hatte recht. Dieses Wissen w?re eine Waffe gewesen… zum Erpressen… zum Herrschen. ?Du bist nicht dumm, Kleine“, sagte die dunkelblauhaarige Frau und trat auf sie zu, bis sie direkt vor ihr stand. Sanft betrachtete sie Emmanline, die keinen Blick von ihr abwenden konnte, w?hrend der Handrücken der Frau leicht über ihre Wange strich. ?Es ist nicht fair, das von dir zu verlangen, doch ich bitte dich… als ehemalige Herrscherin, die ihr Volk schützen will… und als Mutter, die ihre Kinder liebt.“ Ihre Stimme wurde weicher. ?Du hast mit all dem nichts zu tun und h?ttest jedes Recht, uns ins Verderben zu stürzen. Aber ich bitte dich… tue es nicht. Dein zweites Wesen würde meinem Volk guttun, selbst wenn du einfach nur existierst.“ Ein sanftes L?cheln erschien auf ihren Lippen. ?Vor allem Lucien.“ Was hatte das alles jetzt mit ihm zu tun? ?Nun kannst du entscheiden, welchen Weg du einschlagen willst“, sagte die Drachenmutter sachlich. ?Den friedlichen… oder den gewaltt?tigen. Alle, die so sind wie Culebra, führen nichts Gutes im Sinn, und genau das soll verhindert werden. Du wei?t genau, wie schrecklich ein solches Dasein sein kann. Niemand sollte jemals den Gedanken hegen müssen, keine Chance zu bekommen, seine Liebsten wiederzusehen… oder jemals wiedergeboren zu werden. Alle glauben daran, und nur die G?tter allein m?gen wissen, was wirklich geschieht.“

  ?Das ist nicht fair“, entgegnete Emmanline scharf. ?Gerade dieses Argument einzubringen.“ Wut flackerte in ihr auf, denn es klang beinahe wie eine Erpressung, auch wenn sie wusste, dass die Frau in gewisser Weise recht hatte. Sie wollte um alles in der Welt nie wieder durchmachen, was sie einst erlebt hatte. Emmanline hatte zwei Seiten der Drachen kennengelernt… ihre Grausamkeit ebenso wie ihre F?higkeit zu lieben. Und wenn sie schon unter ihnen leben musste, dann würde sie die liebevolle Seite w?hlen. Die Entscheidung fiel ihr dennoch schwer, denn wirklich frei war sie nicht. ?Ich wei? nicht, ob ich das jemals kann“, gab sie leise zu.

  ?Ich habe es dir bereits gesagt“, antwortete die Frau sanft. ?Es reicht aus, dass du da bist. Allein deine Anwesenheit genügt. Sei einfach du selbst.“ Pl?tzlich wusste Emmanline nicht mehr, was sie sagen sollte. Sollte das wirklich genügen? Sie bezweifelte es zutiefst… denn was konnte sie schon Gro?artiges bewirken? Nachdenklich senkte sie den Blick, und je l?nger sie darüber grübelte, desto st?rker pochte der Schmerz hinter ihrer Stirn. ?Ab heute hast du eine Aufgabe, für die du auserkoren wurdest… die einer Hüterin“, erklang die Stimme der Drachenmutter, in der ein leises, beinahe hallendes Lachen mitschwang. ?Es ist dein Schicksal, vergiss das niemals. Und auch Luciens Schicksal ist es, dir zur Seite zu stehen, denn ihr geh?rt zueinander. All das wird eure Prüfung sein.“

  Erschrocken blickte Emmanline auf… und erstarrte. Ohne dass sie es bemerkt hatte, war die Drachenmutter verschwunden, als w?re sie von der Finsternis selbst verschlungen worden. Ganz gleich, wie sehr Emmanline sich umsah, sie blieb allein zurück. In diesem Moment wusste sie, dass die Frau niemals zurückkehren würde… und ebenso, dass dies der Beginn einer schweren Zeit war. Nichts würde je wieder so sein wie zuvor. Doch eine Hüterin? Das konnte unm?glich wahr sein… nur weil ein Stein sie ausgew?hlt hatte? Wie sollte Emmanline etwas hüten, dessen Bedeutung sie kaum verstand, ohne ihrer eigenen Aufgabe wirklich bewusst zu sein?

  Damit beendete Emmanline ihre Erinnerung an die Begegnung mit Luciens Mutter. Sie hatte viel zu viel Zeit gehabt, um immer wieder darüber nachzudenken, und doch war sie bis heute zu keinem wirklichen Entschluss gekommen.

  ?Das hat meine Mutter zu dir gesagt?“ Luciens Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Für einen Moment fragte sie sich, ob sie ihre Erinnerungen laut ausgesprochen hatte, doch so wie er sie nun ansah, musste es genau so gewesen sein.

  ?Ja“, antwortete Emmanline leise, mehr brachte sie nicht über ihre Lippen.

  ?Und wirst du es tun?“ Er z?gerte einen Augenblick, bevor Lucien fortfuhr. ?Ich meine… eine Hüterin zu sein?“ Seine Vorsicht war deutlich spürbar.

  Lange sah Emmanline ihn an… in seine sch?nen goldenen Augen, als suche sie in seinem Gesicht nach einer Antwort, die sie selbst nicht finden konnte. ?Habe ich denn eine… Wahl?“

  ?Ja“, entgegnete Lucien ruhig. ?Die hast du. Ich werde dich zu nichts zwingen.“

  Diese Worte genügten ihr. Sanft legte sie ihre Hand an seine Wange, ihr Blick wurde weich und ruhig. ?Wenn du mich so ansiehst, kann ich nichts dagegen tun“, sagte Emmanline leise irritiert. ?Ich kann und will mich nicht l?nger verstecken oder davonlaufen. Ich kann und will nicht mehr allein sein. Ich m?chte irgendwo dazugeh?ren.“ Sie atmete tief durch, als müsse sie sich zu den n?chsten Worten überwinden. ?Bei den Elfen kann ich es nicht… bei dem anderen Volk ebenso wenig, weil… weil ich niemals vollkommen bin.“ Einen Moment schwieg Emmanline, dann hob sie den Blick erneut zu ihm. ?Wenn ich mein ganzes Leben unter euch Drachen verbracht habe… geh?re ich dann auch… dazu?“

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