Lucien schaute Emmanline noch einen kurzen Augenblick nach, bis er ihre Pr?senz nicht mehr spürte. Er wollte ihr folgen, sie bes?nftigen, tr?sten. Sie war verwirrt gewesen… und was sie da getan hatte, war schlicht… erstaunlich. So etwas hatte er noch nie gesehen. Um Emmanline hatte eine sonderbare Ausstrahlung geherrscht… er hatte es deutlich gespürt. Seine H?nde hatten auf ihren Schultern geruht, und es hatte ihn wie ein Schlag getroffen, als pl?tzlich eine hei?e W?rme durch seinen K?rper geflossen war. Sein Atem war ausgeblieben, und er hatte gebebt. Es war nichts Unangenehmes gewesen, sondern unbeschreiblich. Eindeutig war sie anders. Etwas Besonderes.
Lucien riss sich von seinen Gedanken los und widmete sich Garett zu. Er trat auf ihn zu, holte aus und verpasste ihm einen harten Schlag mit seiner Faust ins Gesicht. Der Lykae verlor sein Gleichgewicht und flog mit einem dumpfen Ger?usch vom Bett nach hinten. Sicher hatte Garett nicht damit gerechnet… und Lucien verspürte eine kleine… tiefe Zufriedenheit dabei. Aber es war bei Weitem nicht genug. ?Wage es noch einmal, sie zu beleidigen, sie so anzuschauen oder so zu behandeln, und ich schw?re dir… es bleibt nicht bei einem Schlag ins Gesicht“, drohte Lucien knurrend und mit einem m?rderischen Blick. ?Cyrill, folge ihr und hab ein Auge auf sie“, bat er seinen alten Freund, als er sich zu ihm gewandt hatte. Cyrill nickte sofort und verlie? das Zelt. Nun waren nur noch Garett und er hier. Lucien wandte sich wieder dem Lykae zu, der sich das Blut von seinem Mundwinkel wischte und aufrichtete. ?Konntest du ihr nicht einfach die Frage beantworten und sagen, dass sie dir geholfen hat? Oder ihr ein Danke aussprechen?“, fragte Lucien knurrig mit verschr?nkten Armen.
?Verflucht“, brummelte Garett. ?Okay, den Schlag habe ich wohl verdient. Das h?tte ich tun sollen. Aber… mir ist so etwas noch nie begegnet. Man hat mir versichert, nichts und niemand k?nnte mich heilen… und dann kommt diese Frau daher und vollbringt genau dieses Wunder. Ohne Probleme. Einfach so. Wie würde das auf dich wirken?“ Deutete er mit einem ausgestreckten Arm zum Ausgang des Zeltes, wohin Emmanline verschwunden war.
Da musste Lucien ihm ausnahmsweise recht geben. ?Denk einfach an meine Warnung und tu es nie wieder.“
?Ja, ja, ich habe es kapiert“, sagte Garett nur knapp.
?Du kannst froh sein, dass noch niemand über dich hergefallen ist. Alle wissen, dass du hier bist. Es herrscht t?dliche Stille, weil sie glauben, dein Volk sei für die Angriffe verantwortlich gewesen“, berichtete Lucien nur knapp und wie die Lage war.
?Wir haben überhaupt nichts getan“, widersprach Garett. ?Warum sollten wir das tun? Wir sind uns immer aus dem Weg gegangen.“
?Genau das ist auch meine Meinung“, best?tigte Lucien. ?Warum sollten wir euch angreifen, wenn wir uns doch immer aus dem Weg gegangen sind?“
Garetts Blick verfinsterte sich schlagartig. ?Was hat die Elfe damit gemeint, dass wir auf einen T?uschungszauber hereingefallen sind? Und was hat das mit den dunklen Fae zu tun?“
?Schon seit l?ngerer Zeit lasse ich die dunklen Fae ausspionieren“, begann Lucien. ?Sie verbreiten mehr Unruhe in der Mythenwelt als alle anderen. Sie waren für mehrere Kriege verantwortlich… zum Beispiel dafür, dass sich die Elfen komplett zurückgezogen haben. Du wei?t selbst… dunkle Fae legen keinen gro?en Wert auf Zurückhaltung, und sie sind Giftmischer. Es war nicht meine Klinge, die deine Brust durchbohrt hat. Jemand muss sich als mich ausgegeben haben. Ich habe niemals einen Anschlag auf dein Volk geplant. Glaubst du allen Ernstes, ich will unschuldiges Blut an meinen H?nden kleben haben? Wohl kaum.“ Lucien schnaubte ver?chtlich, allein bei dem Gedanken.
Aufmerksam hatte Garett ihm zugeh?rt. ?Warum sollte ich dir glauben, dass du die Wahrheit sagst? Woher willst du wissen, dass daran etwas stimmt?“
?Weil ich es wei?, Garett. Meine Quellen sind aus erster Hand... es sind l?ngst keine Gerüchte mehr. Dunkle Fae waren schon immer hinterlistig und feige. Sie nutzen die Schw?chen anderer V?lker aus und hetzen sie gegeneinander auf. Für sie w?re nichts einfacher, als andere für sich k?mpfen zu lassen, ohne sich selbst die H?nde schmutzig zu machen. Darum wei? ich mit Gewissheit... wir sind auf sie hereingefallen... ohne es auch nur zu bemerken.“ Seine Augen verengten sich vor Zorn auf diese Bastarde, die versucht hatten, ihn und sein Volk zu t?uschen und zu vernichten... ebenso wie ein anderes Volk.
?Was schl?gst du vor?“, fragte Garett. Er schien alles genau abzuw?gen.
Ein wissendes L?cheln breitete sich auf Luciens Gesicht aus. ?Dass wir zusammenarbeiten und diesen hinterh?ltigen Hurens?hnen alles hundertfach heimzahlen. Lass uns ihnen zeigen, was es bedeutet, sich mit Drachen und Lykae anzulegen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.“ In seiner Stimme schwang gro?e Gewissheit mit, fast wie ein heiliger Schwur. ?Ich will Rache für alles, was sie uns angetan haben und was sie uns genommen haben.“
?Du schl?gst wahrhaftig einen Pakt vor?“ Ein t?dliches L?cheln breitete sich auf Garetts Gesicht aus und es verzerrte sich unheilvoll. ?Gut, lass uns in dieser Zeit einen neuen Friedenspakt eingehen. Und... ich will genauso Rache wie du. Ich will jeden Einzelnen vor mir knien sehen… und wenn sie um ihr Leben betteln, wie die Kinder und Frauen es tun mussten, als sie um Gnade flehten. Sie sollen bü?en, was es hei?t, sich mit Lykae anzulegen. Es wird blutig und grausam sein.“ Jedes einzelne Wort war ein hochheiliger Schwur von Garett. Alle heiligen G?tter waren Zeugen dafür, dass genau das eintreten würde, was hier und jetzt im Zelt besiegelt wurde.
Lucien reichte Garett die Hand, und der Lykae schlug ein. ?Dann lass uns ein paar ?rsche aufrei?en“, sagte Lucien grimmig. ?Aber vorher müssen wir alle anderen beruhigen. Wir müssen unseren V?lkern klarmachen, dass weder Drachen noch Lykae an diesem Leid und Tod schuld sind.“ Garett nickte zustimmend. Es würde eine lange Zeit dauern, bis alle das begriffen… aber Lucien blieb keine andere Wahl. Drachen und Lykae waren hier die Opfer. Niemand wollte weiteren Schaden. Also konnte er nur eine Zusammenarbeit vorschlagen. Es würde ebenso lange dauern, bis sie ein gewisses Vertrauen zueinander aufbauten.
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Wer wei?, ob meine Entscheidung richtig war, dachte Lucien. Aber ich muss das Risiko eingehen. Allein meinem Volk gegenüber.
?Lucien?“, unterbrach Garett seinen Gedankengang. ?Du hattest eben gemeint, wir seien einer T?uschung zum Opfer gefallen, weil die dunklen Fae ihre Finger im Spiel hatten. Sind sie auch für den Krieg zwischen uns und den D?monen verantwortlich?“
Lucien wusste sofort, worauf Garett hinauswollte. Allein sein Blick sprach B?nde… der Hass und Zorn, der in ihm tobte. Er kannte das Gefühl. Garetts ?lterer Bruder Dyade war in den unerbittlichen Krieg gegen die D?monenfraktion gezogen. Noch immer herrschte eine endlose Schlacht. Niemand wusste, wo Dyade sich gerade befand. Kein Wunder, dass nun ein Kampf der Gefühle in Garett wütete. Er selbst w?re an seiner Stelle genauso gewesen… doch Garett war gezwungen, das Reich zu schützen. Lucien würde diese Verantwortung nur wenigen anvertrauen. Unter seinen eigenen Geschwistern vielleicht ein oder zwei.
?Ja, das habe ich gemeint“, antwortete Lucien nach einem Augenblick. ?Ich kann dir nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass sie dafür verantwortlich sind… aber ich würde es ihnen zutrauen.“
?Wie lange wusstest du schon davon?“, knurrte Garett zornig.
?Eine ganze Weile“, gab Lucien zu. ?Ich h?tte es dir früher mitteilen sollen, aber ich hatte selbst viel um die Ohren.“
?Also habe ich noch einen Grund mehr, die dunklen Fae auszul?schen“, sagte Garett voller Hass. ?Das werden sie bitter bereuen.“
Lucien trat auf ihn zu und legte eine Hand auf seine Schulter. ?Wir werden unsere Rache bekommen. Vielleicht kannst du herausfinden, wo dein Bruder sich befindet. Du musst ihm berichten, was hier geschieht. Vielleicht k?nnen wir mehr als nur das hier verhindern.“ Lucien wunderte sich nicht über Garetts überraschten Blick. ?Warum schaust du mich so an? Glaubst du, niemand wei?, dass Dyade in einem nicht endenden Krieg steckt? Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du dich fühlst. Ich kenne das… wenn man gegen eine unendliche übermacht ank?mpfen muss.“
Was Lucien wirklich tat. Vor ziemlich langer Zeit war es ihm und seiner Familie genauso ergangen… ein Angeh?riger war einfach spurlos verschwunden. Es war sein Bruder Alastar gewesen, der wie vom Erdboden verschluckt war. Fast dreihundert Jahre vergeblicher Suche… kein einziger Hinweis darauf, wo er sein k?nnte. Es war ein schmerzhafter Kampf gewesen. Auf einmal, ohne dass sie je damit gerechnet h?tten, stand er vor den Toren des Schlosses. Alle waren überrascht und gleichzeitig überw?ltigt. Doch Alastar hatte sich vollkommen ver?ndert. Er war verschlossen, kalt und abweisend… als w?re er gestorben und gleichzeitig von den Toten auferstanden. Ein komplett anderer Mann. Sein Bruder lebte zwar, aber das Leben schien ihn nicht mehr zu interessieren. Vermutlich würde er in einem sehnsuchtsvollen Todesrausch verfallen, h?tte man ihm keine Aufgabe gegeben. Vater hatte es damals gewusst. Ein J?ger zu sein und Abtrünnige seiner Art zu jagen war ein grausames Unterfangen. Doch es war der einzige Weg gewesen, ihn am Leben zu erhalten. Solange Alastar lebte, würde er auch sein Volk beschützen… das wusste Lucien. Auch wenn er den Tod niemals ausweichen würde. Darum… was hatte Alastar alles erleiden müssen? Was hatte sein Bruder über sich ergehen lassen müssen, dass ein so starker Krieger und Mann seinen Sinn und seinen Mut zum Leben vollkommen aufgab? Dabei hatte Alastar Pl?ne gehabt… doch kein Funke davon war übrig geblieben. Es war traurig, mit anzusehen, wie leblos er durchs Leben ging. Mit kalten Augen, alle Gefühle in einer dicken Eisschicht vergraben. Niemand hatte Zugang zu ihm… nicht einmal Mutter, Lya oder Malatya. Selbst Vater nicht.
Mit einem Kopfschütteln wehrte Lucien die aufkeimenden, düsteren Erinnerungen ab. Solange Alastar einen Grund hatte, am Leben zu bleiben, konnten sie ohnehin nicht mehr tun. Vielleicht würde eines Tages jemand kommen und ihm alles wieder geben, was er verloren hatte. Vielleicht würde jemand seine Lebenslust zurückbringen und seine Seele heilen… auch wenn es nur zu einem Teil war. Hauptsache, er lebte weiter.
?Wir sollten uns jetzt Gedanken darüber machen, wie wir unsere beider V?lker beruhigen k?nnen, bevor alles wirklich zu sp?t ist“, lenkte Lucien von seinen düsteren Gedanken ab.
?Das Beste ist, wenn ich zurückkehre und das fürs Erste unter uns regele… und du unter deinen“, schlug Garett vor.
Lucien musste ihm recht geben. Je l?nger er hier im Lager blieb… wo sie so verwundbar waren… desto eher musste er gehen. Es hatte ihn bereits gro?e Mühe gekostet, Garett so nah ans Lager zu bringen. Das h?tte er nicht tun dürfen... es war ein gro?er Fehler gewesen. Mit Sicherheit würde er Schwierigkeiten bekommen, wenn er vor seinen Leuten trat. Ihre Wut und ihr Zorn würden auf ihn einstr?men. Es würde verdammt schwierig werden, ihnen klarzumachen, was geschehen war. Sie würden es nicht guthei?en… nicht nach allem, was sie verloren hatten. Das würde ihm gro?e Probleme bereiten. Und Garett würde es vermutlich ?hnlich ergehen. ?Umso eher, desto besser“, stimmte Lucien zu. Sie einigten sich, und ihre Wege trennten sich vorerst.
Pl?tzlich… wie ein Blitz… empfing er in Gedanken eine schockierende Nachricht von seinen Sp?hern. Er fluchte lautstark und blickte Garett finster an. ?Hast du eine Garnison aufgestellt, die uns angreifen soll, wenn du nicht zurückkehrst?“, fragte Lucien und musterte ihn grimmig.
Garett schaute ebenso grimmig drein… als wüsste er nicht, wovon Lucien sprach. ?Nein, habe ich nicht. Ich bin allein gekommen.“
?Warum wurde mir dann berichtet, dass eine halbe Armee von Lykae hierher unterwegs ist? Dein Oberoffizier an vorderster Front?“, fauchte Lucien voller Zorn, weil das alles nur noch komplizierter machte.
Garett knurrte und fluchte. ?Verdammt noch mal. Ich hatte Gaias verboten, auch nur einen Finger zu rühren oder mir zu folgen, falls ich l?nger verschwunden w?re.“ Seine Augen verengten sich... er dachte selbst scharf nach. Anscheinend war sein oberster Offizier überzeugt, seinen derzeitigen Herrscher aus den Klauen der Drachen befreien zu müssen. Das gefiel Lucien absolut nicht.
?Du musst sie davon abhalten, Garett“, sagte Lucien mit verfinstertem Gesicht.
?Mit Garantie“, best?tigte der Lykae ohne Widerworte.
Garett stürmte aus dem Zelt, und Lucien folgte ihm sofort. Er musste mitgehen. Je n?her diese Lykae-Armee dem Lager kam… desto schneller würden seine verborgenen K?mpfer sie angreifen. Es war kein ausdrücklicher Befehl gewesen, aber sie würden alles tun, um ihresgleichen zu schützen. Verboten h?tte er es niemals… es war richtig. Schlie?lich ging es um den Schutz ihres Volkes. Daher sandte Lucien ihn eine Mitteilung, sie sollten dazusto?en... aber mit Forderungen. Sonst würde eine Katastrophe passieren. Darum musste Lucien mitgehen... um weiteres Blutvergie?en zu verhindern und seine eigenen Leute zurückzuhalten. Das alles musste aufgehalten werden. Er hoffte inst?ndig, dass sie rechtzeitig kamen.
Lucien schnappte sich einige Krieger, und sie zogen blitzschnell los… keine Zeit zu verlieren. Auch wenn es ihm schwer ums Herz fiel, Emmanline einfach so zurückzulassen. Ohne seinen Schutz. Aber er vertraute Cyrill, den er für ihren Schutz zurückgelassen hatte. Dies war nun einmal wichtig. Es hing viel davon ab… sogar der Schutz von Emmanline. Das musste er sich bewusst machen.

