Es war kein langer Weg, bis sie das Zelt erreichten, in dem der Verwundete auf einem provisorischen Bett lag. Der Lykae k?mpfte mit Kr?mpfen… er w?lzte sich hin und her. Der Mann litt fürchterliche Schmerzen, die von Minute zu Minute qualvoller wurden. Die Parasiten in ihm schienen ihn f?rmlich von innen heraus zu zerfressen. Emmanline versuchte, sich zu ihm vorzuarbeiten, doch sofort wurde sie sanft am Oberarm gepackt.
?Ich gehe vor“, sagte der Drache grimmig und richtete den Blick auf den Lykae. Er war noch immer auf der Hut… skeptisch, dass der Lykae in seinem Rausch sie angreifen k?nnte. Emmanline hielt sich zurück, obwohl es sie dr?ngte, ihm sofort zu helfen. Sie hatte es versprochen. Langsam folgte Emmanline ihm, als er sich der Bettstelle n?herte. Sein K?rper war angespannt… er war jederzeit bereit, anzugreifen. Erneut bemerkte sie, wie bedacht er ihre Sicherheit priorisierte. Es sollte sie ?rgern… seine manchmal grobe… ungehobelte Art… doch auf der anderen Seite empfand sie es als angenehm. Seine Bemühungen waren klar… er wollte nichts anderes, als sie zu beschützen. ?Wir werden dir helfen, Garett“, begann der Drache. Seine Stimme klang wie ein Knurren… zugleich Drohung und Versprechen. ?Wage nur eine falsche Bewegung, und ich schw?re, du wirst es bereuen.“
Ein ver?chtliches… kr?chzendes Schnauben kam von dem Lykae. Seine Lippen waren blutig, als ein Rinnsal an seinem Kinn hinab lief. ?Als… als h?tte… ich jetzt… eine Chance… gegen dich“, hustete er heiser und krümmte sich erneut vor Schmerzen. ?Ich werde krepieren… da musst du mir… nicht drohen.“ Er tat seine Worte ab, als w?re sein Leben bereits verwirkt.
Da reichte es Emmanline. Sie trat um dem Drachen herum. ?Er wird mir nichts tun“, versuchte sie, ihn zu beruhigen. ?Er h?tte mir l?ngst schaden k?nnen, hat es aber nicht getan. Er würde es nicht tun. Nicht wahr?“ Sie blickte den Lykae fragend an. Das lange Schweigen des Lykae best?tigte ihre Vermutung. Es reichte aus, dass sie ihm endlich helfen konnte. Sie wusste… er traute ihr nicht und hegte keinerlei Hoffnung, je geheilt zu werden.
Mit einem kr?ftigen Luftholen legte Emmanline ihre H?nde auf seine Brust… eine Brust, die sich wie glühende Kohle anfühlte. Er hatte extrem hohes Fieber, und es würde schlimmer werden. Dies war ungew?hnlich für ein Mythenwesen. Langsam senkten sich ihre schneewei?en Wimpern über ihre silbernen Augen. Emmanline konzentrierte sich, allein auf ihre Gabe zu heilen. Emmanline bemerkte sofort… eine Krankheit oder etwas Unnatürliches... wie diese Parasiten zu bek?mpfen war vollkommen anders… schwerer… als einfache Verletzungen zu schlie?en. Sie hatte kaum Erfahrung damit und wusste… sie war unbeholfen mit ihrer Gabe. Auch wenn Emmanline ihr vom Blut und von der Natur gegeben war, musste sie erst lernen, sie zu beherrschen. Mehr als versuchen konnte sie nicht. Zuvor war sie so zuversichtlich gewesen, aber jetzt stiegen Zweifel in ihr auf… Zweifel, ob sie es wirklich schaffen würde, obwohl sie es gro?spurig versprochen hatte.
Warme H?nde legten sich auf ihre Schultern, und Emmanline zuckte unter der Berührung zusammen. Sie wusste, wem sie geh?rten… sie musste ihre Augen nicht ?ffnen, um es zu erkennen. Der Mann… der Drache… gab ihr Unterstützung und den Willen, dass sie es schaffen konnte. Es brachte ihren Herzschlag in ein schnelleres Tempo. Mit einem tiefen Seufzen lie? Emmanline sich gehen… in ihrem ganzen Sein. Eine glühende W?rme durchstr?mte sie und riss sie in Wellen mit. Es war fast, als würde sie geleitet. Sie fühlte sich schwerelos, und etwas in ihr ?ffnete sich… etwas, das sie im ersten Augenblick nicht verstand. Doch kurz darauf erkannte sie es… es war nichts anderes als ihre zweite Natur.
Wie ein grelles Licht str?mte es durch ihren K?rper und bahnte sich den Weg in den des Mannes. Als wollte das Licht ihn reinigen. Jetzt verstand Emmanline... die Parasiten nagten sich überall hindurch, und die Helligkeit verschlang alles Ungebetene. Eine einzige, flutende Lichtquelle str?mte aus ihr und fuhr in den K?rper des Lykae. Es ging alles so schnell, dass Emmanline kaum begriff, was sie tat. Mit einem Mal zog sich das Licht... und mit ihm die eingeschlossenen, lebendigen Parasiten... in sie zurück. Ein heftiger Ruck durchfuhr ihren K?rper; sie wurde nach hinten gedrückt. Sie prallte gegen etwas Hartes, und sofort schlangen sich warme Fesseln um sie. Emmanline müsste Gefahr spüren, doch es war das Gegenteil. Wie von selbst schmiegte sie sich in diese festen, warmen Arme des Drachen... sie gaben ihr die Stütze und Kraft, auf den Beinen zu bleiben.
Nachdrücklich wurde ihr Name in eines ihrer spitzen Ohren geflüstert. Erst jetzt ?ffnete Emmanline langsam ihre Lider. ?Oh meine G?tter, Emmanline.“ Nun wurde ihr bewusst, dass er sie in seine Arme gerissen hatte. Es war so tr?stend, so warm, dass sie ein müdes und zufriedenes Seufzen nicht unterdrücken konnte.
Langsam kam Emmanline zur Besinnung. ?Mir... geht es gut“, murmelte sie und schmiegte sich voller wohliger Geborgenheit an ihn... ohne nachzudenken. Doch dann kam sie vollends zu sich und schreckte leicht zurück. ?Habe... habe ich es geschafft?“, fragte sie nerv?s, aber hoffnungsvoll und leckte sich aufgeregt über ihre Lippen.
Er schaute über sie hinweg auf den fremden Mann. ?Dreh dich um und sieh selbst“, schlug er leise vor.
Erst z?gerlich, doch getrieben von reiner Neugierde, drehte Emmanline sich um. Ihr stockte der Atem, und sie wirkte vollkommen erstaunt, als der Lykae sich auf dem Bett aufsetzte. Noch immer verzog er vor Schmerzen das Gesicht zu einer Grimasse. Dennoch war sie sich nicht sicher, ob sie ihm wirklich geholfen hatte. Pl?tzlich hob er den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Emmanline wollte einen Schritt zurückweichen, konnte es aber nicht... eine harte Brust an ihrem Rücken hielt sie auf. Sie war dankbar dafür, dass er hinter ihr stand und sie stützte.
?Du…“, kr?chzte der Lykae. Verwirrt zog er die Stirn in Furchen und musterte sie, als w?re sie eine seltsame Beute. ?Was... hast du gemacht?“
?Dich geheilt“, antwortete Emmanline... und hoffte, dass es stimmte. ?Nur die Schmerzen kann ich dir nicht nehmen. Fühlst du dich besser… oder schlechter?“ Sie musste es wissen. Je l?nger sie unter seiner Beobachtung stand, desto mulmiger wurde ihr, doch sie lie? sich nichts anmerken, wie nerv?s sie eigentlich war. Warum antwortete er nicht? Warum starrte er sie nur stumm an? Kurz hielt Emmanline seinem Blick stand, dann wandte sie sich ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Drachen hinter sich. ?Ihr solltet miteinander reden“, sagte sie. ?Ich gehe zurück und… helfe dort, wo ich kann.“ Sie ging an ihm vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten.
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?Emmanline?“ Eine tiefe Stimme drang in ihre Gedanken... sie hielt am Eingang des Zeltes inne, bevor sie den Stoff zur Seite schieben konnte. ?Danke für deine Hilfe. Und... pass auf dich auf.“
Wie versteinert stand Emmanline da und wog seine Worte in ihrem Geist. Noch einmal drehte sie sich zu ihm um und schaute ihn nur an. Mit einem kleinen Nicken verschwand sie und ging hinaus. Was sie jedoch am meisten überraschte und wunderte, war, dass in seinen Worten kein Funken eines Befehls mitschwang. Er hatte ihr lediglich zu verstehen gegeben, wie sehr er sie sch?tzte. Sie hatte es aus seiner Stimme herausgeh?rt. So etwas Belangloses brachte ihr Herz doch nicht ins Stolpern… oder? Dennoch raste es in einem Dauergalopp.
Emmanline ver?nderte sich... und sie konnte es nicht l?nger leugnen. Sie konnte ihrer Widerspenstigkeit nicht mehr trauen und halten. Je mehr Zeit sie mit diesem Mann verbrachte, desto schwerer fiel es ihr, sich von ihm zu trennen. Zwischen ihnen herrschte eine magische Anziehung... ein Sog, der sie jedes Mal erfasste, wenn sie sich sahen. Je mehr sie sich in die Augen blickten. Mit einer Intensit?t, als w?ren sie zwei Magnete, die nichts anderes konnten, als aufeinander zuzusteuern.
Mitten auf dem Weg zum Lager blieb Emmanline stehen, gefangen in einem wirren Kn?uel aus Gefühlen. Sie wollte nicht... aber sie konnte auch nicht anders. Sie musste es sich wahrhaftig eingestehen... in seinen Armen fühlte sie sich unumstritten wohl und behütet. War er nicht bei ihr, breitete sich eine unsagbare Leere in ihr aus. Sobald er jedoch da war und sie nur anschaute, kribbelte es in ihrem Magen... als würden dort tausende Schmetterlinge flattern. Danach wurde sie nerv?s, und eine Art Vorfreude packte sie schlagartig, die sie am liebsten in seine Arme rennen lie?. Da kam ihr eine Erkenntnis, und sofort glühten ihre Wangen.
Um Gottes willen... genau das habe ich getan. Vor allen Leuten im Lager habe ich mich in seine ausgebreiteten Arme geworfen. Alle haben es gesehen.
Allein der Gedanke daran, wie überm?chtig dieses Gefühl gewesen war… Ein gro?er Drang hatte Emmanline erfasst... sie hatte zu ihm rennen müssen. So viele Eindrücke hatten sie überschwemmt, dass sie schlagartig Trost gesucht hatte. Und sie konnte ihn sich nicht selbst geben. Dann war der Drache da gewesen, und sie hatte nicht anders gekonnt, als zu ihm zu laufen. Seine starken Arme hatten sich ohne Z?gern um sie geschlungen. In seinem goldenen glühenden Blick hatten so viele Emotionen gebrannt, dass es sie beinahe versengt h?tte. All diese Emotionen hatten allein ihr gegolten... das wusste Emmanline. Oder spürte sie, weil nichts anderes in diesem einen kleinen Augenblick ausschlaggebend gewesen war. Es h?tte ihr peinlich sein sollen. Aber warum konnte sie es nicht einfach abtun? Stattdessen fühlte sie sich erw?rmt… und sogar glücklich. Wahrhaftig glücklich. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie, einen kleinen Funken echtes Glück in ihr aufkeimen.
Emmanline hatte fürchterliche Angst. Nicht vor ihm oder den anderen Drachen. Vielmehr vor ihren eigenen Gefühlen... und davor, wie überw?ltigend sie waren. Je weiter diese Gefühle gingen, desto weniger konnte sie sich dagegen wehren. Desto weniger konnte sie sich ihm entziehen. Wie oft hatte sie sich gewünscht, vor ihm fliehen zu k?nnen? Wie viele Pl?ne hatte sie geschmiedet, um zu entkommen? Nach und nach hatte Emmanline sich immer weniger Gedanken darum gemacht. Stattdessen hatte sie alles wie ein Schwamm in sich aufgesogen, was er ihr gab. Es waren keine materiellen Dinge... die waren ihr auch nicht wichtig... sondern etwas viel Kostbareres... der Drache hatte ihr gezeigt, was sie mit eigenen Augen sehen konnte. Das war mehr, als er ihr je wirklich geben konnte.
Emmanline wusste, dass er es tat, weil er sich schuldig fühlte für das, was sie unter den Drachen hatte erleiden müssen. Jeden Tag hatte sie daran denken müssen, was sie durchgemacht hatte. Doch diese Gedanken kamen immer seltener. Stattdessen wollte sie mehr von ihm... und er genauso von ihr. Seine feurigen Augen verrieten ihn immer wieder. Wie glühende Kohlen entzündeten sie ein tobendes Feuer in ihr. Es schmerzte nicht, aber es verlangte. Es verlangte nach diesem Mann... danach, dass er ihr mehr gab und die L?sung für ihr Leiden war. Nur er konnte dieses tiefe, brennende Feuer in ihr stillen. Woher sie das wusste? Sie wusste es einfach... ohne eine wirkliche Antwort darauf zu haben.
Eine kleine Erinnerung aus ihrer Vergangenheit kehrte zurück. Flüsternde Worte in der weichen, warmen Stimme ihrer Mutter hallten in ihrem Kopf wider. Es waren Worte, die sie nun voll und ganz verstand. Das brachte ihr Herz und ihren Atem zum Stocken.
?Eines Tages wirst du jemanden finden, der dir viel bedeuten wird. Verschlie?e dich nicht davor, egal was kommen mag. Verschlie?e dich nicht vor etwas, was dir einmal alles bedeuten k?nnte. Zeige keine Angst und Scheu... eines Tages wird es jemanden für dich geben, der dich beschützt und gut behandeln wird. Sei mutig, meine Emma.“
Das waren die Worte ihrer Mutter gewesen. Emmanline war damals ein kleines M?dchen gewesen und hatte nie verstanden, was sie damit meinte. Aber jetzt? Ihr Verstand setzte alles Stück für Stück zusammen.
Ich werde jemanden finden, der mir viel bedeuten wird. Der für mich mehr als alles andere sein k?nnte. Egal, was kommt, ich soll keine Angst und Scheu zeigen. Mich nicht davor verschlie?en. Der mich beschützt und gut behandelt. All das tut er für mich. Dieser Mann tut alles für mich... und ich versuche, mich davor zu verschlie?en. Ich tue genau das, wovor meine Mutter mich gewarnt hat.
Soll ich es wirklich wagen?
?Eines Tages wirst du hier rauskommen und frei sein. Erfahrungen machen, die dich pr?gen werden. Etwas Gutes wird für dich bereitstehen... nur für dich allein. Und du wirst jemanden finden, dem du alles anvertrauen kannst.“
Soll es das sein, was ich wagen soll? Jemanden finden, dem ich alles anvertrauen kann?
Ihre Gedanken rasten. Angst begann, Besitz von ihr zu ergreifen und ihr Herz beschleunigte sich weiterhin. Emmanline durfte nicht zulassen, dass die Angst siegte. Dabei hatte ihre Mutter genau davor gewarnt... keine Angst und Scheu zeigen. Wenn es wirklich stimmen sollte... k?nnte sie sich ihm anvertrauen?
Es war widersprüchlich. Ihre Mutter hatte immer geraten, niemandem ihre wahre Natur zu offenbaren... und doch wollte Emmanline gleichzeitig, dass sie genau das tat. Sie sollte ihr Geheimnis dem anvertrauen, der ihr mehr bedeuten k?nnte. Der für sie mehr als alles andere auf der Welt bedeuten k?nnte. Am Ende war es dasselbe. Woher sollte sie wissen, ob sie ihm alles anvertrauen konnte?
Emmanline stand allein mit ihrem Gewissen und ihrem Geheimnis da... einem Geheimnis, das sie zu ersticken drohte. Es war schwer genug, ihr zweites Ich immer zu unterdrücken. Es hatte keine Chance zu leben. Dabei hatte sie Malatya einst gro?e Worte gespuckt... niemals seine wahre Natur unterdrücken. Aber genau das tat sie selbst.
Einen Unterschied gab es... sie durfte es wirklich nicht, so sehr sie sich auch danach sehnte. Nach Freiheit.
Nein, Emmanline durfte sich von als den widersprüchlichen Gedanken nicht beeinflussen lassen. Sie musste sich ablenken und einen klaren Kopf bekommen. Sie brauchte nur Zeit und gerade kam es ihr sehr gelegen, im Lager zu helfen. Genau das brauchte sie jetzt.
Ablenkung...

