Langsam wurde es Emmanline wirklich zu wüst. Was war nur mit diesen M?nnern los? Sie wurde allm?hlich verrückt... falls sie es noch nicht l?ngst war. Sie wussten nicht genau, wann es war, aber sie hatte sich ver?ndert. Früher h?tte sie niemals getan, was sie jetzt tat... sie stellte sich einem Drachen entgegen. Lebensmüde, ja... aber was hatte sie schon zu verlieren? In ihr dr?ngte ein starkes Gefühl... das hier war falsch. Vollkommen falsch. Sie mussten etwas dagegen tun.
Der Lykae hatte Emmanline bedroht, und zu Anfang hatte sie wirklich geglaubt, er würde sie umbringen. Aber schnell war ihr klar geworden, dass er es niemals getan h?tte. Ja, er hatte sie hart zur Seite gesto?en, sodass ihr Kopf gegen etwas Hartes gesto?en war. Benommenheit hatte sie sofort überflutet, doch sie hatte das Geschehen in Fetzen mitverfolgen k?nnen. Einmal hatte sie geschrien, sie sollte aufh?ren... niemand hatte reagiert. Selbst w?hrend des Kampfes hatte der Lykae darauf geachtet, sie nicht zu verletzen. Es musste einen anderen Grund geben. Darum stellte Emmanline sich jetzt einem Drachen entgegen... mit verschr?nkten Armen, finsterem silbrigen Blick und ohne mit der Wimper zu zucken. Was sollte ihr schon noch geschehen sein?
?Ja, vielleicht bin ich verrückt und nicht bei Sinnen“, sagte Emmanline und blickte ihm tief in die t?dlichen goldenen Augen zu. ?Aber ich bleibe bei meiner Vermutung... das alles beruht auf einem gro?en Missverst?ndnis.“ Sie wussten, dass man niemals einem t?dlichen Tier nicht in die Augen schauen sollte... schon gar keiner Bestie. Aber was wusste sie schon?
?Weib“, knirschte der Drache mit zusammengebissenen Z?hnen. Sein K?rper war zum Zerrei?en angespannt. Am liebsten w?re er über sie hergefallen... doch er tat es nicht. Das verblüffte Emmanline für einen Moment, dass er sich trotz allem noch so beherrschte, sie nicht anzurühren. In diesem Augenblick wurde ihr eine weitere Erkenntnis klar... er würde mir wirklich nie etwas antun.
?Er hat mich angegriffen, dich angegriffen, mein Volk angegriffen... und get?tet“, sagte der Drache und kam ihr bedrohlich nahe. Doch sie wich keinen Schritt zurück. Sie durften nicht. Konnte nicht. Nicht, nachdem er Emmanline ausdrücklich in seinem Satz einbezogen hatte. Er verteidigte sie... obwohl er wütend auf sie war.
Ein ver?chtliches Schnauben ert?nte hinter ihr. Sie drehte sich halb um und blickte den nackten blutüberstr?mten Mann an, der von drei Kriegern mit vier Klingen umzingelt war. Jeder von ihnen war t?dlich... sie spürte es. Sie war die Einzige hier, die schwach wirkte.... und schwach war. Ohne Klauen und Rei?z?hne. Doch was Emmanline sah, war nicht das, was wirklich vor sich ging. Der Lykae blickte finster und wütend drein, die Augen noch immer glühendes Goldgrün. ?Angegriffen?“, h?hnte der Lykae. ?Ihr habt uns angegriffen. Habt alles in Schutt und Asche gelegt. Wahllos gemordet.“
?Gar nichts haben wir getan“, verteidigte der Drache sein Volk mit der vollen Autorit?t eines K?nigs. ?Wir haben verdammt Besseres zu tun, als deinesgleichen wie Vieh abzuschlachten. Und schon gar keine Frauen und Kinder.“
?Ach ja?“, h?hnte der Lykae weiter und wollte sich aufrichten... doch sofort legte sich eine scharfe Klinge an seinen Hals.
?Wag es nicht“, knurrte der Krieger mit den langen schwarzen Haaren. Emmanline spürte den Blick des Drachen f?rmlich in ihrem Hinterkopf bohren...
?Ich müsste es am besten wissen“, spottete der Lykae voller wütendem Sarkasmus. ?Du willst wissen, wer mich verwundet hat? Was hat dich so vergesslich gemacht, dass du dich nicht einmal daran erinnerst, dass du es selbst warst, Lucien De la Cruise?“ Alle wirkten fassungslos... sogar sie. Emmanline wandte ihren Kopf zu dem Drachen um. Er starrte den Mann auf dem Boden an, und in seinem Gesicht stand nichts als pure Erschütterung.
?Ich... ich war es nicht“, sagte er leise, aber bestimmt.
Ein emotionsloses, bitteres Lachen ert?nte von dem Lykae. ?Du hast es wirklich vergessen. Glaubst du allen Ernstes, ich würde je deine t?dliche Klinge und dein Gesicht vergessen... die Klinge, die du mir in die Brust gerammt hast? Wohl kaum.“ Er r?chelte und spuckte erneut einen Schwall Blut aus.
Emmanline starrte den Drachen vor ihr noch immer an. Er schien wirklich nicht zu wissen, wovon dieser Lykae sprach. Genauso wenig wie der Lykae selbst die Wahrheit ahnte.
Was war hier nur los?
Die n?chsten Worte nahm Emmanline nur wie durch Nebel wahr. In Gedanken versunken, starrte sie den Drachen an und suchte nach einer greifbaren L?sung. Da war etwas, das er ihr einmal erz?hlt hatte. Sie wusste es... sie musste sich nur erinnern. Je mehr Zeit sie bei ihm verbracht hatte, desto mehr hatte er ihr anvertraut. Sie hatte nie richtig verstanden, warum er ihr so viele Dinge offenbarte, obwohl es keine gute Idee war. Einmal hatte sie ihn danach gefragt.
?Ich tue das, weil du mir geh?rst.“
Das waren seine Worte gewesen. Und was sollte sie daraus bitte schlie?en?
?Stimmt es wirklich, was du gesagt hast?“ Eine leichte Berührung riss Emmanline aus ihren Gedanken. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er mit ihr sprach. Hatte sie ihn die ganze Zeit angestarrt?
Schnell versuchte sie, den Faden wiederzufinden, und blinzelte ein paar Mal. ?Was stimmt wirklich?“
Er runzelte leicht die Stirn und trat einen Schritt n?her. ?Was ist los?“ Erneut wollte er ihre Wange berühren, doch diesmal wehrte sie ihn ab.
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?Nicht“, sagte Emmanline und blockte seine Hand sanft, aber bestimmt ab.
Langsam lie? er den Arm sinken und blickte sie forschend an. ?Ich wollte wissen, ob es stimmt, was du mir gesagt hast... dass du in ihm eine Art Gift oder Parasit spürst.“
Schnell kam Emmanline wieder zur vollen Besinnung. ?Ja, es stimmt.“ Sie wandte sich dem Lykae zu, der sie nun anstarrte. ?Ich konnte es spüren, als er mich berührte. Es ist nicht die Wunde, die dich t?tet, sondern der Parasit in dir.“
?Du...“ Er fauchte voller Zorn... das schien seiner inneren Bestie ganz und gar nicht zu gefallen.
?Nein“, schnitt Emmanline ihm sofort hart und eiskalt das Wort ab. Alle schauten sie verblüfft an. ?Er kann es nicht gewesen sein... genauso wenig wie ein anderer Drache“, erkl?rte sie ruhig, aber bestimmt. Sie sprach sofort weiter, bevor jemand unterbrechen konnte. ?Drachen m?gen nicht die Gütigsten sein, aber sie würden niemals Gift oder Parasiten einsetzen. Nicht einmal die Grausamsten und Ehrlosesten unter ihnen.“ Und Emmanline wusste, wovon sie redete. Immerhin hatte sie ein ganzes Leben, unter den Grausamsten von ihnen verbracht.
Lucien
Lucien konnte einfach nicht fassen, was Emmanline da tat. Gerade in diesem Augenblick verteidigte sie nicht nur ihn, sondern sein ganzes Volk. Er war vollkommen fassungslos. Bis eben war er noch verdammt wütend auf sie gewesen... h?tte sie am liebsten durchgeschüttelt, damit sie zur Vernunft kam. Aber jetzt… jetzt k?nnte er sie in die Arme rei?en und sie bis zur Atemlosigkeit küssen. Wild und voller Verlangen.
Da niemand sprach, redete Emmanline einfach weiter. ?Keiner von euch beiden scheint zu wissen, wovon der andere spricht.“ Sie schaute ihn mit durchdringenden Augen an. ?Du wei?t nichts davon, dass in seinem Reich Zerst?rung angerichtet wurde.“ Dann wandte sie sich Garett zu. ?Und du wei?t nicht, dass in seinem Reich dasselbe passiert ist. Das ist alles verwirrend und merkwürdig... und da fragt ihr euch nicht, was daran komisch ist?“ Sie zuckte einfach mit ihren zarten Schultern, als würde sie über etwas Belangloses reden. W?re nicht kurz ein entschlossenes Aufblitzen in ihren silbernen Augen gewesen, h?tte er ihr das wom?glich geglaubt.
?Wer soll es sonst gewesen sein?“, zischte Garett durch zusammengebissene Z?hne und starrte Lucien hasserfüllt an. ?Ich habe es gesehen, sein Gesicht... wie er mir sein Schwert in die Brust rammte und andere t?tete. Glaubt ihr, das bilde ich mir ein?“
?Verflucht noch mal, ich habe dich nicht angegriffen und niemanden deiner Art get?tet“, fuhr Lucien ihn an. ?Was h?tte ich davon gehabt?“
?Woher soll ich das wissen?“, fauchte Garett wutentbrannt zurück.
?Ruhe. Alle beide.“ Emmanlines Stimme schnitt hart durch die Luft... mit einem mahnenden, fast herrischen Nachklang. ?Merkt ihr denn nicht, wie sehr ihr euch gegenseitig anstachelt? Keiner von euch wei? etwas vom anderen. Vielleicht war es keiner von euch beiden. Vielleicht wart ihr gar nicht auf beiden Seiten anwesend.“ Sie machte eine kurze Pause. ?Mir kommt ein Gedanke... ihr seid auf einen T?uschungszauber hereingefallen.“ Es wurde vollkommen still. Niemand gab auch nur den kleinsten Laut von sich. ?Du…“, sagte Emmanline und blickte zu ihm auf. ?… hast mir Dinge anvertraut, die du mir eigentlich niemals h?ttest sagen dürfen. Dennoch tust du es. Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich glaube nicht nur... ich bin überzeugt... dass ihr auf eine T?uschung hereingefallen seid. Zurzeit herrscht gro?e Unruhe in der Mythenwelt. Ein Volk bekriegt das andere, obwohl bei vielen eigentlich übereinkünfte bestanden. Du hast selbst einmal zu mir gesagt, dass im Augenblick die gr??ten Feinde die dunklen Fae sind.“
In diesem Augenblick fiel es Lucien wie Schuppen von den Augen. ?Wie... wie konnte ich das... nur übersehen?“ Ihm stockte der Atem... er kam aus der Fassungslosigkeit nicht mehr heraus. Trotz all der Male, in denen er von den hinterlistigen Intrigen der dunklen Fae gesprochen hatte... war er selbst auf ihre Spielchen hereingefallen?
?Wenn sie wirklich recht beh?lt, Lucien“, kam Cyrill zu Wort, selbst fassungslos... wie jeder hier, vermutete er. Au?er Emmanline, die ihn geradeheraus anschaute. ?Dann sind wir wahrhaftig von einem T?uschungszauber get?uscht worden.“
?Die dunklen Fae haben die Mittel dazu, andere t?uschen zu lassen“, mischte sich Ian ein. ?Aber dass sie so weit gehen würden?“
Ein ungl?ubiges Schnauben ert?nte von Aiden. ?Diese kleinen, gierigen Bastarde haben nie einen Hehl aus ihren hinterlistigen Intrigen gemacht. Sie halten es gut versteckt, damit sie sich die Finger nicht dreckig machen müssen... aber am Ende haben sie die F?den in der Hand. Es würde einiges erkl?ren, wenn keiner von uns wei?, was hier eigentlich los ist.“
Am liebsten h?tte Lucien sich einem Wutausbruch hingegeben, doch der feste Blick der einzigartigen Frau vor ihm hielt ihn am Boden. Ihre silbernen Augen bannten ihn... scharf wie eine Klinge, die tief in seine Brust schnitt. Diese Frau hatte Macht über ihn. Das konnte er nicht mehr bestreiten.
?Kann mir verflucht noch mal jemand erkl?ren, was dieser ganze Schei? mit T?uschung und hinterlistigen Intrigen bedeuten soll?“, knurrte Garett ungeduldig.
Nur schwer konnte Lucien den Blick von ihr l?sen. Er sah zu dem Lykae hinab, der sich kaum regen konnte... die scharfen Klingen lie?en ihm wenig Spielraum. ?Senkt eure Schwerter“, befahlen. Ungl?ubige Blicke richten sich auf ihn, doch niemand widersprach. Die Krieger lie?en die Klingen sinken und traten einen Schritt zurück. Sicher steckt sie die Schwerter nicht weg... jederzeit bereit, erneut anzugreifen, wenn es um das Leben ihres K?nigs geht. Aus dem Augenwinkel bemerkte Lucien eine kleine Bewegung... Emmanline entfernte sich von ihm... in Richtung des Lykae. Reflexartig griff er nach ihrem Oberarm und hielt sie zurück. ?Das wirst du sch?n bleiben lassen“, sagte Lucien Finster. Er konnte sie mittlerweile gut genug... sie konnte nicht anders, als anderen zu helfen. ?Garett“, wandte er sich an den Lykae. ?Wir sollten beide ein paar Worte wechseln... über das, was unsere V?lker betrifft. Es liegt in unserem beiderseitigen Interesse.“ Dann gab er den Befehl: ?Bringt ihn in eines der Verpflegungszelte au?erhalb des Lagers und versorgt ihn. Ich werde so schnell wie m?glich dort sein.“
Lucien spürte, wie Emmanline protestieren wollte und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. Er ertrug es nicht l?nger. Ohne ein weiteres Wort zerrte er sie hinter sich her, zurück ins Lager... in eines der leeren Zelte. Er musste jetzt mit ihr allein sein. Mitten im Raum blieb er stehen, den Rücken zu ihr gekehrt. Er spürte ihren bohrenden Blick im Nacken. Die Stille lag schwer in der Luft... sie gab keine Laute von sich. Auf dem Weg hierher hatte sie sich weder gewehrt noch widersprochen. Das kam ihm seltsam vor.
Langsam drehte Lucien sich zu ihr um und blickte Emmanline aufmerksam an. Ihm wurde etwas sehr Starkes bewusst, als er sie so anschaute... ein Gefühl, das seinem Herzen einen stolpernden Schlag versetzte. Das Adrenalin war durch seine ganzen K?rper geschossen, als er dem Lykae gegenübergestellt hatte. Emmanline war seine einzige Sorge in dieser Situation gewesen, und es hatte ihn in Panik versetzt. Sie h?tten schwer verletzt... oder schlimmer... get?tet werden k?nnen. Darum konnte er jetzt nicht anders... er musste sie berühren. Alles in allem, wo er nur konnte, um sich zu vergewissern, dass es keine weiteren Verletzungen gab au?er der an ihrer Stirn. Seine Finger berührten erst ganz sanft ihre weichen, rosigen Wangen. W?hrend sein Blick seinen H?nden folgte, hatte sie sich versteift... als befürchtete sie das Schlimmste. Ein Fluch kam über seine Lippen. ?Oh ihr heiligen G?tter.“ Er fasste sich selbst ans Herz. Dann, ohne jede Vorwarnung, rei?t Lucien Emmanline in eine stürmische Umarmung. Sie gaben einen überraschten Laut von sich. ?Dir... dir geht es gut. Den G?ttern sei Dank“, murmelte er und vergrub sein Gesicht in ihrem wohlduftenden, sonnigen schneewei?en Haar.

