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89. Lucien

  Sollte sich Emmanline je entscheiden, ihn zu w?hlen, würde ihre Bindung nur noch st?rker werden. Je tiefer sie miteinander verbunden w?ren, desto h?rter würde die Verantwortung, und das stand fest. Lucien würde alles tun, sie jederzeit und überall zu beschützen. Niemand… weder Mensch noch Drache… k?nnte ihn dabei aufhalten. Niemals.

  Doch was sollte er tun? Emmanline schien entschieden zu haben, hierzubleiben, und dennoch nagte die Unsicherheit an ihm. Sie waren sich nah, und doch auch wieder nicht. Selbst wenn sie vereint waren, hatten sie sich noch l?ngst nicht gefunden. Zwischen ihnen klaffte ein Abgrund, der bis jetzt unüberwindbar schien. Lucien war nicht gewohnt, zu verzweifeln… und doch war dieser Zustand qu?lend. Wenn Lucien diese Frau wirklich besitzen wollte, würde er sich weiterhin intensiv anstrengen müssen, Emmanline zu überzeugen. Einerseits zermürbte ihn dieses Spiel, andererseits… elektrisierte es ihn. Es gab nichts Aufregenderes als die Jagd… besonders, wenn es darum ging, seiner Seelengef?hrtin nachzujagen. Ein Funke purer Euphorie packte ihn, und ein strahlendes Grinsen breitete sich über sein Gesicht aus. Kein zurückhaltendes L?cheln, sondern eines, das sein inneres Feuer widerspiegelte. Den G?ttern, es musste l?cherlich aussehen, aber es war ihm egal. Dieses Gefühl lie? sein Inneres brennen… st?rker als je zuvor.

  ?Das muss ja etwas Au?ergew?hnliches und Sch?nes sein, wenn es bei dir ein solches Grinsen hervorruft.“ Eine tiefe, starke Stimme hinter ihm lie? ihn abrupt innehalten. Sofort wandte er sich um und blickte in blassblaue, kluge Augen, die alles durchzudringen schienen. Seine kr?ftige, hohe Statur war beeindruckend wie immer. Dazu sein schwarzes, schulterlanges Haar, oben auf dem Scheitel eine schwarze geflochtene Str?hne, die er hinten in einen kleinen Haarknoten zusammengebunden hatte, w?hrend der Rest teilweise offen darunter lag. Eine enge weinrote Robe umhüllte seinen K?rper, lie? die Oberarme frei und machte seine leicht gebr?unte Haut noch intensiver. Allein die tiefe rauchige Stimme verriet ihm, wem sie geh?rte.

  ?Darius.“ Lucien nannte den Namen seines Onkels, des Bruders seines Vaters Raziz. ?Sch?n, dich wiederzusehen.“ Lucien schenkte ihm ein anerkennendes L?cheln… voller Respekt für den Mann, der schon lange Teil seines Lebens war.

  Darius ?hnelte seinem Vater in Statur, Haar und Augen, und doch k?nnten sie unterschiedlicher kaum sein. Raziz war Autorit?t, eine natürliche Führungsfigur… Darius agierte eher im Hintergrund, eigenst?ndig und selbstbewusst. Diese stille St?rke bewunderte Lucien an ihm.

  ?Ich freue mich auch, mein Neffe. Wie ich h?rte… und wie ich jetzt sehe… hast du den Thron bestiegen. Ich wollte es kaum glauben, als man mir davon berichtete... aber offensichtlich bist du endlich deinem Schicksal gefolgt.“ Darius trat auf ihn zu, legte beide H?nde anerkennend auf Luciens Schultern und zog ihn in eine feste Begrü?ungsumarmung, die er hingebungsvoll erwiderte. Es war viele Jahre her, als er ihn das letzte Mal gesehen hatte.

  ?Ich wei?, dass ich davor weggelaufen bin, aber es gab keinen l?ngeren Aufschub mehr“, antwortete Lucien knapp, aber selbstbewusst.

  ?Solange du es endlich eingesehen hast, solltest du daran arbeiten. Aber wie ich sehe… tust du es bereits. Ich hatte mich schon gefragt, wann du endlich den Rat einberufst“, erwiderte Darius gelassen und doch mit einer kleinen Note der Ermahnung.

  ?Es gab bisher kaum eine Gelegenheit, den Rat zu rufen. Vieles ist passiert… und genau darüber sollte der Rat Bescheid wissen. Doch lasst uns zun?chst in mein Arbeitszimmer gehen“, schlug Lucien vor.

  ?Eine sehr gute Idee“, erklang eine freundliche, klare Frauenstimme.

  Lucien erkannte sie sofort. ?Saphira“, begrü?te er sie. ?Ich hatte mich schon gefragt, wo du bist.“ Freundlich umarmte er sie.

  Saphira l?chelte und ihre perfekten wei?en Z?hne blitzten hervor. Ihre strahlend blauen Augen schimmerten wie Saphire, woher sie auch ihren Namen hatte. Ihre helle Haut und wohlgeformte schlanke Statur, ihr herzf?rmiges Gesicht lie?en oft viele m?nnliche Wesen in ihren Bann ziehen. Vor allem, wenn sie in ihrer wei?en Robe fast freizügig herumlief. Dazu ihre seidigen, goldblonden, dickgelockten Haare, die sie zu einer… wie immer… komplizierten Flechtkunst gezaubert hatte.

  ?Ich wurde kurz aufgehalten.“ Saphira war eine herzensgute Person, keine mütterliche Figur, aber ein respektiertes Mitglied des Rates. Sie war Darius Seelengef?hrtin doch wie Lucien bemerkte, waren sie noch immer nicht miteinander verbunden… obwohl das Schicksal sie füreinander bestimmt hatte.

  ?Ihr seid also noch nicht... verbunden?“, fragte Lucien irritiert neugierig.

  Lucien erhielt die Antwort erst in seinem Arbeitszimmer, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel. ?Nein, noch nicht“, begann Darius monoton. ?Wir haben uns lange dagegen gewehrt, aber wir mussten einsehen, dass wir Seelengef?hrten sind… bis wir keine Kontrolle mehr über uns hatten. Angesichts unserer gro?en Verpflichtungen haben wir schlie?lich beschlossen, diese Verbindung zuzulassen, aber wir werden diesen Seelenbund nicht vollenden.“

  ?Wir m?gen und sch?tzen uns sehr“, erg?nzte Saphira l?chelnd sanft, ?aber es ist nicht die Art von Verbindung, die uns ewig aneinander binden würde. Es ist nicht die Liebe, die normalerweise Seelengef?hrten auszeichnet. Selbst ohne Bindung werden wir spüren, wenn einer von uns stirbt. Wir sind mehr als Freunde, aber keine ewigen Gef?hrten.“ Lucien überlegte. Es war ungew?hnlich, eine Ungebundenheit zwischen Seelengef?hrten zu erleben. Sie gingen liebevoll und respektvoll miteinander um, doch die Gefühle, die normalerweise diese Bindung ausmachten… fehlten. Das Wissen darüber ver?nderte seine Perspektive… und es würde Konsequenzen haben. ?Mach dir keine Sorgen, Lucien“, sagte Saphira summend. ?Wir werden uns gegenseitig wertsch?tzen und respektvoll miteinander umgehen. Die Verbindung ist da… nur nicht die Liebe, die sonst Seelengef?hrten verbindet. Doch nun sollten wir uns den Problemen unseres Volkes widmen.“ Lucien nickte und stimmte Darius brummend zu.

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  Lucien umrundete seinen Schreibtisch und lie? sich auf seinem Stuhl zurückfallen. Darius und Saphira nahmen ihm gegenüber in den gemütlichen Sesseln Platz. ?Es ist viel geschehen“, begann Lucien seufzend. Er schilderte alles… die Bedrohung durch die dunklen Fae, die Gefahr durch Culebra, den vorget?uschten Angriff zwischen Lykae und Drachen. ?Man darf die Augen nicht vor den kleinsten Details verschlie?en. Oft ist es der unscheinbarste Punkt, der einen zu Fall bringen oder einen entscheidenden Schlag versetzen kann.“ Eine drückende, angespannte Atmosph?re legte sich über den Raum. Es war noch l?ngst nicht alles… der Rat musste auch erfahren, dass Arokh... ein Verr?ter war.

  ?Arokh wollte… dich t?ten?“ Saphira schluckte und wirkte entsetzt, was ihren Gesichtszügen einen entt?uschten und wehmütigen Eindruck hinterlie?.

  ?Verflucht noch mal“, knurrte Darius, die F?uste geballt auf den Sessellehnen. ?Das wird Tarana und Volteer überhaupt nicht gefallen. Ist er schon tot?“

  Lucien verzog das Gesicht angewidert. ?Nein, noch nicht. Ich war bis jetzt mit anderen Dingen besch?ftigt. Doch der Tag wird kommen, an dem ich ihn in Fetzen rei?en werde. Egal, wie erstklassig er k?mpft oder dass er Cyrills Zwillingsbruder ist… ich kann ihm das nicht verzeihen und darüber hinwegsehen.“ Sein Blick verfinsterte sich, Abscheu und unendliche Wut spiegelten sich in seinen r?tlichen Augen wider, die leicht ins Goldene übergingen. Gedanken an Emmanlines Tod in seinen Armen lie?en die Erinnerung erneut aufbrechen… ein Moment, den er nie vergessen würde.

  ?Geht es um die Frau, die du schon l?nger bei dir beherbergst? Es macht die Runde, wie verfallen du ihr bist“, bemerkte Darius trocken.

  Lucien konnte es nicht leugnen… unter seinem Volk war es l?ngst das Gespr?chsthema Nummer eins. ?Sie ist nicht irgendeine Frau“, sagte er eindringlich. ?Sie ist meine Seelengef?hrtin.“ Pl?tzlich schien die Anspannung im Raum zu verpuffen.

  ?Deine… Seelengef?hrtin?“ Saphira starrte ihn mit ihren sch?nen saphirblauen Augen ungl?ubig an.

  ?Ja“, best?tigte Lucien ohne Schwanken. Sein Drache brummte innerlich zufrieden. ?Sie ist mir vom Schicksal vorherbestimmt. Auch mein Drache erkennt sie als die Seine an… und das kann ich nicht ignorieren. Sie hei?t Emmanline und sie war es, die mich vor dem Anschlag gerettet hat.“ Erneute Stille breitete sich aus.

  ?Sie hat… was? Ist ihr etwas geschehen?“ Saphira sprach es schlie?lich aus.

  ?Mehr oder weniger“, grummelte Lucien unzufrieden darüber. Auch wenn er Darius und Saphira sehr sch?tzte, gab es Dinge... über die er nicht sprechen konnte und auch nicht wollte.

  Darius bemerkte es sofort, ihm entging selten etwas. ?Gut. Du hast das Richtige getan und den Rat einberufen. Wir haben viel zu besprechen, und es ist das erste Mal, dass wir hier sind, seit du K?nig bist. Es wurde h?chste Zeit, Lucien. Du h?ttest es früher tun müssen, doch das l?sst sich nicht mehr ?ndern. Alles Weitere werden wir morgen in der Sitzung kl?ren und darüber abstimmen, was das Beste und Ratsamste für unser Volk ist.“

  Lucien fuhr sich müde über das Gesicht. ?Ich wei?, es ist sp?t. Auch dafür werde ich mich verantworten müssen. Uns steht eine neue Zeit bevor, ob wir es wollen oder nicht.“ Einen Moment schwieg er, dann hob er seinen Blick und blinzelte einmal. ?Hat man euch ein Zimmer zugeteilt?“

  Saphira antwortete ihm, doch ihre Stimme klang gedankenverloren, ebenso wie die seines Onkels. Lucien konnte es ihnen nicht verdenken, sie alle standen vor Entscheidungen, die schwerer wogen als alles zuvor. Manche Dinge lie?en sich nicht allein entscheiden, dafür brauchte es den Rat, egal wie sehr er sich danach sehnte, alles selbst unter Kontrolle zu halten.

  Pl?tzlich erhob sich Saphira. Ihr Blick ruhte direkt auf Lucien. ?Ich werde mich schon einmal zurückziehen.“ Sie neigte knapp ihren hübschen goldblonden Kopf und verlie? den Raum, so abrupt… dass er einen Moment brauchte, um zu begreifen, was geschehen war.

  ?Ich habe sie darum gebeten zu gehen“, erkl?rte Darius ruhig und riss ihn aus seiner überraschung. ?Wir sollten unter vier Augen sprechen. Nicht als Ratsmitglied und K?nig, sondern als Onkel und Neffe.“ Dabei lehnte er sich zurück, die Haltung entspannt, doch seine klugen blassblauen Augen verrieten Wachsamkeit.

  Lucien gefiel das ganz und gar nicht. ?Sollten wir das wirklich?“

  ?Mir ist einiges zu Ohren gekommen, und ich erwarte Ehrlichkeit von dir“, verlangte sein Onkel von ihm, und es lie? keinen Raum für Ausflüchte.

  ?Und was genau ist es, das du geh?rt hast?“, meinte Lucien, und seine Augen verengten sich leicht dabei.

  Ein schmales L?cheln erschien auf Darius’ Gesicht, verschwand jedoch ebenso schnell wieder. ?Man erz?hlt vieles über dich. Ich freue mich aufrichtig, dass du deine Seelengef?hrtin gefunden hast und sie anerkennst. Doch ebenso habe ich geh?rt, woher sie kommt. Sie stand unter Culebras Hand?“

  Luciens Blick verh?rtete sich schlagartig und sein Herz machte einen stolpernden Satz. ?Ich wei?, was du denkst, Onkel, aber ich versichere dir, sie ist nicht so.“

  ?Bist du dir dessen wirklich sicher?“ Darius Stimme blieb ruhig, doch jedes Wort traf gezielt. ?Jemand, der gro?e Geheimnisse in sich tr?gt, kann mehr sein, als er zeigt. Manchmal ist man alles andere als das, was man zu erkennen glaubt. Du solltest ihr nicht zu viel Freiraum lassen und ihr nicht erlauben, sich überall frei zu bewegen.“

  Ein tiefes Knurren entwich Lucien, als er sich abrupt aus seinem Stuhl erhob und vor dem Fenster auf und ab ging. Wie so oft blieb sein Blick drau?en h?ngen, suchte unbewusst nach ihr, nach einem Zeichen. Es war l?ngst zur Gewohnheit geworden. ?Glaubst du… ich wüsste das nicht?“ Seine Stimme vibrierte vor innerer Unruhe. ?Selbst Emmanline hat mir geraten, sie nicht in alles einzuweihen. Und dennoch ist es nicht so einfach. Ich will es, bei allem, was ich bin, aber mein Inneres sagt mir, dass ich keine Geheimnisse vor meiner Seelengef?hrtin haben darf. Mein Drache sieht es genauso. Zu viel ist geschehen, und wenn ich daran denke… w?re ich jetzt tot, wenn sie nicht gewesen w?re. Sie hat für alles bezahlt.“ Sein Schritt wurde schneller, seine Gedanken lauter, und die Unruhe in ihm lie? sich nicht mehr verbergen.

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