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47. Emmanline/Lucien

  Tiefer in den Bergen wurde Emmanline zunehmend von massivem Fels umschlossen. Die W?nde ragten wie stumme W?chter um sie auf, eng, grau, unbarmherzig. Immer wieder wanderten ihre Blicke zurück... nicht aus Angst vor den Vampiren. Nicht nur. Sondern in der verzweifelten Hoffnung, irgendwo eine M?glichkeit zum Untertauchen zu entdecken. Irgendein Spalt, eine ?ffnung, ein Schatten, in dem sie verschwinden konnte. Es würde nicht leicht werden. Aber irgendwo musste es etwas geben. Eine Chance. Eine M?glichkeit. Doch wie sah Rettung aus, wenn selbst der Berg keine Antworten bot?

  ?Nein, seht euch das an.“ Die Stimme des Vampirs schnitt durch die Schlucht wie kalter Stahl. ?Das kleine Miezek?tzchen versucht sich zu verstecken. Sie denkt wirklich, sie kann sich vor uns verkriechen.“ Sein h?hnisches Lachen hallte zwischen den Felsen wider, vervielfachte sich, wurde zum Echo ihrer Angst. Mit jedem Laut fühlte sie sich kleiner. Schw?cher. Ausgelieferter. ?Aber ich glaube, wir sollten das Spiel langsam beenden.“ Sein Ton wurde heiter... doch die Gier dahinter war messerscharf. ?Langsam bekomme ich wirklich Hunger. Ihr etwa nicht, Jungs?“

  ?Mir geht’s genauso“, knurrte ein anderer Vampir, die Stimme vor Erregung rau. ?Lass uns endlich von ihr kosten. Ich will wissen, wie eine Elfe schmeckt… ich hatte noch nie die Gelegenheit.“ Ein dunkles, hungriges Grollen folgte. ?Das muss k?stlich sein. Wann bekommt man schon die Chance, eine Elfe zu schmecken?“ Zustimmende Laute, tief, animalisch, füllten die Schlucht. Die Gefahr wurde greifbar. Schwer wie Rauch in der Luft. Brenzlig, unmittelbar und t?dlich.

  Pl?tzlich erblickte Emmanline einen Spalt im Boden. Eine schmale, dunkle ?ffnung, kaum mehr als ein Riss... doch vielleicht der Eingang zu einem unterirdischen H?hlensystem. Sie wusste, dass diese Berge von verborgenen G?ngen durchzogen sein k?nnten... sie hatte es oft genug gesehen. Die sicheren, offensichtlichen Zug?nge zu nehmen w?re zwar klüger gewesen, doch genau dort würden die Vampire sie erwarten. Sie kannten jede Ecke, jeden Stein, jede Schattenfalte. Dort w?re sie verloren.

  Aber dieser Spalt… dieser gef?hrliche, unerforschte Spalt… war ihre einzige Chance. Noch w?hrend sich Hoffnung in ihrer Brust regte, tauchte links ein Vampir auf. Ein Weiterer rechts. Zwei Vampire... aber wo war der Dritte? Emmanlines Herz raste. Sie durfte nicht stehenbleiben. Nicht jetzt. Der Spalt lag nur wenige Meter entfernt. Wenn sie schnell genug war, konnte sie... Ein Luftzug. Ein Flackern in der Peripherie. Pl?tzlich erschien der dritte Vampir direkt neben ihr, so nah, dass sie seine kalte Haut h?tte berühren k?nnen. Der Schock schleuderte Emmanline reflexartig zurück, ein ungewollter, panischer Satz aus purem überlebenstrieb. Ein Aufschrei entrang sich ihrer Kehle.

  Laufen. Laufen. Nicht denken. Nur laufen. Schneller.

  Nur noch drei Meter. Drei Meter… Dann... aus dem Nichts... materialisierte ein vierter Vampir vor ihr, so pl?tzlich, dass Emmanline beinahe in ihn hineinrannte. Wo kam der her? Hatte sie ihn übersehen? Oder hatte er sich im Fels versteckt? Ein weiterer Sprung, ein verzweifeltes Ausweichen, riss an ihrer letzten Kraft. Jeder Satz brachte sie dem Abgrund n?her... aber auch ihrer einzigen Chance. Mit einem letzten, alles gebenden Sprung überbrückte Emmanline die letzten anderthalb Meter zur Spalte.

  ?Verflucht, sie will ins H?hlensystem verschwinden!“, hallte eine Stimme über ihr, voller Wut und Hunger.

  Doch Emmanline war l?ngst in die Dunkelheit gestürzt. Fels kratzte brutal an ihren nackten Armen, riss an ihrer Kleidung, brannte in dünnen, feurigen Schnitten über ihre Haut. Der enge Schacht verschlang sie, presste sie hindurch und sie fiel tief... zu tief, um noch zu kontrollieren, wie. Der Schmerz war grell, aber das Adrenalin machte ihn stumpf. Emmanline landete nicht sch?n, aber leicht genug, rollte ab, drückte sich sofort auf die Beine und rannte weiter... tiefer hinein, fort von oben, fort von dem Hunger, der sie verfolgte. Hinein in die Dunkelheit. Dorthin, wo Emmanline hoffte, dass die G?nge sie verschlingen würden… bevor die Vampire es taten.

  ?Verflucht nochmal!“ Der wütende Fluch hallte von oben durch den Spalt, rollte wie donnernde Wellen durch das H?hlensystem. ?Schnappt sie euch!“ Ihre Schritte folgten sofort... scharf, schnell und hungrig. Emmanline h?rte sie nicht nur, sie spürte sie. Jede Bewegung vibrierte durch die Felsw?nde, jagte wie kalte Schauer ihren Rücken hinab. Die Gier der Vampire war greifbar, ein unsichtbarer Griff, der sich immer enger um sie legte.

  Emmanline rannte tiefer in die Dunkelheit hinein, nahm jede Abzweigung, die sich ihr bot, bog ab, sobald ein neuer Tunnel erschien. Der H?hlenboden war uneben, kantig, riss an ihren Fü?en und zwang sie zu hastigen Sprüngen über spitze Steine und schmale Felsbrücken. Sie hoffte, dass das Labyrinth sie verwirren würde... dass die unz?hligen Tunnelschluchten ihre Verfolger t?uschen k?nnten.

  ?Lauf nur!“ Die Stimme jagte hinter ihr her, wie ein Schatten, der sich nicht abschütteln lie?. ?Wir werden dich kriegen! Du denkst, du kannst dich verstecken, aber entkommen wirst du uns nicht.“ Ein leises Lachen. Kalte Vorfreude. ?Wir k?nnen dein Herz schlagen h?ren… dein k?stliches Blut durch deine Adern rauschen h?ren.“ Die Worte klangen nicht wie eine Drohung. Sie klangen wie ein Versprechen. Ein t?dliches, unausweichliches Versprechen.

  Emmanlines Atem brannte in ihrer Brust, schmerzte in ihren Seiten, doch sie rannte weiter. Panik kroch in ihr hoch wie schwarzer Rauch, der ihr Denken vernebelte. Sie wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sie einholten... und dann… Sie wusste sehr genau, was dann geschehen würde.

  Es fühlte sich an, als w?re Emmanline schon Stunden unterwegs, gehetzt, gejagt... zerrissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Und immer wieder h?rte sie die Vampire hinter sich. Mal n?her, mal weiter entfernt, als würden sie bewusst mit ihr spielen. Als w?re sie ein Spielzeug, das sie nicht sofort zerst?ren wollten.

  Spielten sie wirklich nur? Oder warteten sie auf etwas?

  Ein seltsamer Gedanke schoss ihr pl?tzlich durch den Kopf... so unerwartet, so absurd, dass sie fast ins Straucheln kam: Vielleicht wollte sie tief in ihrem Inneren, dass Emmanline freiwillig aufgab. Dass sie einfach aufh?rte. Die Flucht. Die Angst. Die Jagd. Sofort riss sie sich aus diesem Gedanken. Verwarf ihn mit einem inneren Schrei.

  Nein. Nein. Sie wollte leben. Sie würde leben.

  Jetzt musste Emmanline einen Ausgang finden. Irgendetwas, dass sie retten konnte, bevor die Vampire sie erreichten. Sie durfte nicht aufgeben, durfte nicht zulassen, dass die Dunkelheit der H?hlen sie verschlang wie all die verlorenen Seelen vor ihr. Ihre Schritte hallten durch das Labyrinth, w?hrend hinter ihr das Gel?chter der Vampire lauter wurde. Sie konnten sie nur noch von vorne oder hinten angreifen... nur zwei Richtungen. überschaubar… aber nicht weniger t?dlich. Jeder Laut, den sie h?rte, kam n?her. Unaufhaltsam. Hungrig. Grausam.

  Dann... ein Hauch. Ein Hauch frischer Luft. Emmanline riss die Augen auf. Unfassbar. Gerade noch hatte sie sich verzweifelt einen Ausgang gewünscht… und nun wehte ihr die klare, kühle Nachtluft entgegen. Ein Geschenk. Ein Versprechen. Sie war nah. Sie hatte blind Abzweigung um Abzweigung gew?hlt, sich dem Bauch des Berges ausgeliefert... und dennoch führte das Labyrinth sie tats?chlich nach drau?en. Ein silbriger Lichtstrahl brach durch eine Lücke im Fels und fiel ihr entgegen. Der Mond hatte endlich die Wolken durchbrochen und schenkte ihr das erste echte Licht seit Stunden. Emmanline sog die kühle Luft tief ein, ihre Lungen brannten, ihr K?rper bebte... doch sie wollte leben. Sie würde leben.

  Der Ausgang lag direkt vor ihr. Emmanline rannte durch die schmale ?ffnung, stolperte ins Freie... und prallte gegen etwas Hartes. Etwas, das nicht dort h?tte sein sollen. Der Aufprall war wie ein Schlag. Er schleuderte sie zurück, und der Boden riss ihr die Luft aus der Brust, als sie hart aufschlug. Ein dumpfer Schmerz durchfuhr sie, rollte ihre Wirbels?ule hinauf, bis ihr die Sicht verschwamm. Emmanline unterdrückte ein St?hnen, biss es zwischen zusammengepreschten Z?hnen fest.

  Dann h?rte sie ihn. ?Jetzt ist Schluss mit den Spielchen.“ Die Stimme war tief, dunkel, gef?hrlich ruhig... viel gef?hrlicher als Schreien. Emmanline blinzelte gegen das Mondlicht, hob den Kopf… und sah ihn. Ein fünfter... Vampir?

  Er stand vor ihr wie ein Schatten, der von der Nacht selbst geformt worden war. Langes, schwarzes Haar fiel geschmeidig über seine Schultern, als h?tte jede Str?hne ihren eigenen Willen. Seine blutroten Augen glühten im fahlen Mondlicht... scharf, hungrig, unbarmherzig. Der Blick eines J?gers, der seine Beute endlich gestellt hatte. Und Emmanline wusste im selben Moment... Dieser Vampir war anders als die anderen vier. Dieser Vampir war ihr Ende… oder etwas noch viel Schlimmeres.

  The story has been illicitly taken; should you find it on Amazon, report the infringement.

  Hinter ihm tauchten nach und nach die anderen Vampire auf. Einer nach dem anderen l?ste sich aus dem Schatten, bis die gesamte Gruppe in einem Halbkreis vor ihr stand... jede Gestalt ebenso atemberaubend wie t?dlich. Unsterbliche J?ger, geschaffen aus Perfektion, Sch?nheit und absoluter Grausamkeit. Ihre Pr?senz war wie ein Schlag in die Brust.

  ?Ich habe mich nicht get?uscht,“ murmelte einer, sein Blick wanderte langsam über ihren K?rper. ?Sie ist wirklich eine Sch?nheit.“

  Emmanline spürte ihre Blicke wie kalte Finger auf ihrer Haut... musternd, prüfend, hungrig. Sie biss sich hart auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte und zwang, ihre Nervosit?t hinunterzuschlucken. Kein Zittern. Kein Einbrechen. Langsam richtete sie sich auf, ihr K?rper protestierte bei jeder Bewegung. Doch Emmanline kam nur halb hoch. Eine Hand schoss vor, packte sie brutal am Handgelenk und riss sie mit einer solchen Gewalt zu Boden, dass die Welt kurz schwarz wurde. Der Aufprall raubte ihr die Luft, ein stechender Schmerz zuckte durch ihre Rippen. Als ihre Sicht wieder klar wurde, war er über ihr. Der Vampir mit dem langen schwarzen Haar. Sein Schatten fiel über sie... sein K?rper zeigte keine Spur einer Anstrengung. Sein L?cheln war rasiermesserscharf, ein Raubtiergrinsen, das im Mondlicht glitzerte. Die blutroten Augen brannten vor Verlangen... kalt, uners?ttlich. Ein unheilvolles Leuchten, das jede Hoffnung ersticken wollte. Emmanline fühlte, wie die Angst in ihr hochkroch, eine kalte, l?hmende Welle... doch sie zwang sich, ruhig zu atmen.

  Keine Schw?che. Nicht jetzt. Nicht vor ihnen.

  Er packte ihre Handgelenke und presste sie neben ihrem Kopf auf den Boden, so fest, dass Emmanline glaubte, seine Finger würden sich in ihre Knochen brennen. Sie k?mpfte dagegen an, riss an seinen Armen, versuchte, seine Handgelenke wegzusto?en... vergeblich. Er bewegte sich nicht einmal. Als w?re ihre ganze Kraft nicht mehr als ein warmer Windhauch.

  ?Jetzt hat es sich ausgespielt, Miezek?tzchen.“ Sein Ton war verspielt... doch unter dem Spott lag etwas Tiefes, etwas Gef?hrliches. Er lachte leise, ein h?hnisches, gehauchtes Lachen und leckte sich langsam über die ausgefahrenen Rei?z?hne. Speichel gl?nzte in seinem Mundwinkel, reine Lust am Blut, am T?ten... am Jagen. Dann senkte er sich tiefer, Schritt für Schritt, bis sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter über ihrem schwebte. Sein Atem traf ihre Haut... feucht, faul, nach Tod riechend. Ein Würgereiz schoss ihr durch den Hals, doch Emmanline hielt ihr Gesicht vollkommen still. Keine Regung. Keine Bl??e. Er wollte sie brechen. Sie durfte es nicht zulassen.

  ?Ich muss zugeben, es hat Spa? gemacht, dich zu jagen. Eine willkommene Abwechslung.“ Seine Stimme war sanft wie Seide... und genauso kalt wie der Fels unter Emmanlines Rücken. Sie spürte den Drang, den Kopf wegzudrehen. Instinkt. Selbstschutz. Doch genau das wollte er... ihren Hals blo?gelegt, verletzlich und entbl??t. Also hielt sie still. Gegen alles in ihr.

  ?Ich werde mich nicht vor euch fürchten.“ Ihre Stimme zitterte kaum. Kaum. Und Emmanline hoffte, dass es niemand bemerkte.

  Ein h?hnisches Lachen folgte, scharf wie gebrochener Stein. ?Warten wir es ab, Elfe.“ Seine Hand schoss vor, packte ihr Kinn mit brutaler H?rte und zwang ihren Kopf zur Seite. Sein Griff war eisern, schmerzhaft und nun war ihre Kehle ungeschützt. über ihr glühte sein Blick wie ein Versprechen. Jetzt k?mpfte Emmanline heftig und verzweifelt. Sie riss an seinen Armen, stemmte sich gegen seinen Oberk?rper, versuchte, seine H?nde von sich zu l?sen. Doch es war vergeblich. Nicht einmal ein Zucken ging durch seine Muskeln... und selbst wenn sie entkommen w?re… die anderen standen bereit, ausgehungert, ungeduldig.

  Dann geschah alles auf einmal. Die Rei?z?hne durchstie?en ihre Haut. Ein brennender Schmerz explodierte in ihrem K?rper, hei? und scharf wie S?ure. Ihre silbernen Augen weiteten sich. Ihr Atem stockte. Ein Schrei stieg in ihr auf... doch ihr Hals blieb stumm, wie zugeschnürt. Er drückte Emmanline mit seinem Gewicht in den Boden, nahm ihr jede M?glichkeit, sich zu bewegen, lie? sie spüren, wie machtlos sie gegen die übernatürliche Kraft war.

  ?Gale, lass uns auch mal ran. Wir haben Hunger.“ Eine zweite Stimme, gereizt, roh.

  Ein tiefes Knurren antwortete an ihrem Hals, was tief in ihr vibrierte... der Anführer. Eine Warnung. Doch die anderen hielten sich nicht zurück. Zwei Vampire packten ihre Arme, kalt und fest wie Eisenklammern. Ihre Finger bohrten sich in ihr Fleisch und bevor Emmanline reagieren konnte, senkten sich weitere Z?hne in ihre Haut. Der Schmerz war alles durchdringend. Ein grelles Aufheulen ihres Nervensystems. Ihr Inneres schrie, w?hrend ihr K?rper gleichzeitig taub wurde. Ihre Glieder wurden schwer, als würde ihre Kraft aus ihr gesogen. Ihr Kopf wurde dumpf, benebelt, als h?tte sich ein Schleier über ihre Sinne gelegt. Emmanline h?rte schmatzendes Saugen, Atemzüge, die zu nah waren, H?nde, die sie festhielten, festhielten, festhie... Die Ohnmacht kroch über sie wie eine dunkle Welle. Die Welt verwischte. Farben verloren ihre Konturen. Ihre Gedanken wurden tr?ge und tief in ihr wuchs die kalte Erkenntnis, dass sie jeden Moment zusammenbrechen würde. Die Vampire nahmen ihr alles... Kraft, Kontrolle und Klarheit. Und Emmanline konnte nichts tun. Nichts, au?er durchhalten.

  Noch. Einen. Herzschlag.

  Dann ert?nte ein Brüllen... so m?chtig, dass die Luft vibrierte. Der Boden unter ihr bebte, Staub rieselte von den Felsw?nden. Ein Laut, uralt und zerst?rerisch, wie das Donnern eines aufbrechenden Sturms. Etwas in ihr reagierte instinktiv darauf... ein uraltes Wissen tief in ihrem Blut erkannte den Klang, doch ihr benebeltes Bewusstsein konnte nicht erfassen, warum.

  Die Vampire zuckten zurück. Z?hne l?sten sich ruckartig aus ihrem Fleisch, kalte Finger wurden von ihren Armen gerissen. Ein panisches Fauchen ging durch die Gruppe, ein scharfes Einatmen, als der Schatten eines gewaltigen Wesens über sie glitt. Emmanline wollte den Kopf heben... nur einen Herzschlag lang sehen, was geschah... doch ihre Muskeln gehorchten ihr nicht. Die Welt verschwamm, vibrierte mit dem Echo des Brüllens, das noch immer in ihrem Brustkorb nachhallte. Ein Funken Erleichterung durchstr?mte sie, kaum mehr als ein warmer Hauch, aber genug, um ihr Herz wieder schlagen zu lassen. Sie war nicht allein. Nicht mehr.

  Metallisches Klirren, ein dumpfer Aufprall, dann Schreie... erst wütend, dann verzweifelt. Emmanline h?rte etwas Schweres gegen Stein krachen, gefolgt von dem unverkennbaren Ger?usch zerbrechender Knochen. Die Vampire schrien, fauchten, rannten, starben. Sie wusste es, ohne es sehen zu müssen. Trotzdem blieb sie gefangen in ihrem K?rper. Jeder Muskel brannte wie in glühende Eisen getr?nkt... ihre Wunden pulsierten wie offene Feuerstellen. Die Welt war ein Strudel aus Schmerz, Dunkelheit und Schwindel. Ihre Finger zuckten, aber selbst das fühlte sich an, als würde jemand ihre Knochen aus Glas ziehen wollen. Und doch… und doch spürte Emmanline ihn. Eine Pr?senz, gewaltig, vertraut und zornig wie ein entfesselter Sturm. Etwas Gro?es landete neben ihr, lie? den Boden erzittern. W?rme umhüllte sie... keine Hitze des Schmerzes, sondern die eines m?chtigen K?rpers, der sich zwischen sie und die Welt schob.

  Jemand war gekommen, um sie zu retten und tief in ihrem benebelten Bewusstsein wusste sie, wer es war... noch bevor ein hei?er Atemzug ihren Nacken streifte und sie von schwarzen, schützenden Schwingen in Schatten gehüllt wurde.

  Lucien

  Lucien schoss in Drachengestalt wie ein schwarzer Blitz durch die Nacht. Wohin sie geflohen war, wusste er nicht... er spürte es nur. Ihren Geruch hatte der Wind l?ngst weggerissen, aber das war gleichgültig. Er brauchte keinen Duft. Sein Instinkt war ?lter, sch?rfer, unbarmherziger als jede F?hrte. Tief jagte er über die Baumkronen, so knapp, dass die Wipfel unter seinen Schwingen bebten. Jeder Flügelschlag war ein Peitschenknall, jeder Atemzug ein Suchen nach dem winzigsten Riss in der Welt, der ihn zu ihr führen würde. Zwei Tage hatte er gewartet. Zwei Tage eiserne Beherrschung, w?hrend die Wut in ihm wie flüssiges Eisen geglüht hatte. Jetzt war sie frei.

  Ein Schmerz explodierte in seiner Brust, so grell und schneidend, dass Lucien für einen Herzschlag die Flugh?he verlor und beinahe in die Baumkronen gekracht w?re. Der zweite Schlag folgte sofort, tiefer, als h?tte jemand eine Klinge zwischen seinen Rippen gedreht. Sein Drache brüllte, ein Grollen, das die Nacht zerriss. Kein Feind. Keine Waffe... und doch schrie jede Faser seines Seins dasselbe Wort...

  Emmanline.

  Derselbe Schmerz wie damals, als Lucien sie für tot gehalten hatte. Dasselbe unsichtbare Band, das sich jetzt wie glühendes Eisen um sein Herz schlang und ihn nach Osten riss. Sein Flug wurde rasend. Die Luft knallte unter seinen Schwingen, Wald und Hügel verschwammen. Angst, kein blo?er Zorn mehr, brannte in ihm.

  Blut. Ihr Blut. Der Geruch traf ihn wie ein Hammerschlag, metallisch, warm, berauschend. Lucien stürzte tiefer. Dann sah er sie. Eine zerklüftete Lichtung. Fünf Vampire, eng zusammengedr?ngt wie Hy?nen über einem Kadaver. Und dazwischen wei? wie frisch gefallener Schnee, von Rot besudelt... ihr Haar.

  Ein Brüllen brach aus seiner Kehle, das selbst die Sterne erzittern lie?. Noch im Sturzflug wechselte Lucien die Gestalt. Schwingen wurden Arme, Schuppen Haut, und er landete bereits rennend, barfu? auf schartigem Fels. Die Wut war ein lebendiges Tier in seiner Brust. Der erste Vampir, noch über ihrem Hals, hatte nicht einmal Zeit, die F?nge richtig zurückzuziehen. Lucien packte ihn am Genick, riss ihn hoch und weg. Die Z?hne l?sten sich mit einem schmatzenden Ger?usch von ihrer zarten Haut. Er sah die zwei kleinen L?cher... das Blut, das heraus perlte und etwas in ihm zerbrach endgültig.

  ?Du hast sie angerührt.“ Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. Ein kurzer Ruck. Der Kopf des Vampirs l?ste sich vom K?rper, flog in hohem Bogen gegen einen Felsen und zerplatzte dort wie eine reife Frucht. Die anderen vier z?gerten eine Sekunde zu lange. Lucien l?chelte, langsam, t?dlich. ?Wer ist der N?chste?“ Sie griffen gleichzeitig an, vier Schatten mit roten Augen und entbl??ten F?ngen. Er lie? sie kommen. Der Erste erreichte ihn, Klauen ausgestreckt. Lucien trat einen Schritt zur Seite, packte das Handgelenk, drehte es herum, bis Knochen splitterten und rammte dem Vampir den eigenen Arm durch die Brust und riss sein Herz heraus. Der Zweite sprang von hinten, Lucien duckte sich, wirbelte, trat ihm die Beine weg und trat ihm ins Genick, als er fiel. Ein dumpfes Knacken. Still. Die letzten beiden kreisten ihn ein, fauchend, verzweifelt. Lucien breitete die Arme aus, als wollte er sie willkommen hei?en. ?Kommt schon“, sagte er leise. ?Ich habe noch nicht einmal angefangen.“

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