?G?ttin Seferati.“
Alle Beteiligten erhoben sich wie auf ein unsichtbares Kommando, verneigten sich tief und murmelten ehrfurchtsvolle Worte. Doch Emmanline konnte sich nicht bewegen. Sie kniete noch immer auf dem Boden, unf?hig, ihren Blick von der G?ttin abzuwenden und es wirkte, als k?nne auch Seferati ihren Blick nicht von ihr l?sen.
?Ich habe euch unmissverst?ndlich gesagt, ihr sollt verschwinden.“ Ihre Stimme war nun gnadenlos, ein Schatten ihrer Macht lag in jedem einzelnen Wort. Alle reagierten augenblicklich, als fürchteten sie die Strafe der G?ttin, sollte auch nur einer z?gern und Emmanline zweifelte keinen Herzschlag lang daran, dass dieses Wesen diese Strafe ohne Z?gern vollstrecken würde.
?Ja, meine G?ttin.“ Einer nach dem anderen l?sten sie sich auf, bis Emmanline allein mit der G?ttin zurückblieb. Die Stille, die folgte, war bedrückend. Ihr Herz schlug heftig, fast schmerzhaft gegen ihre Rippen.
Was nun? Was würde diese uralte, unbegreiflich m?chtige Frau mit ihr tun? Wenn Emmanline bisher geglaubt hatte, die vorigen M?chte h?tten sie bereits erdrückt, so war dies nun eine übermacht, die sie vollst?ndig zu zerquetschen drohte.
?Ich kann es nicht fassen.“ Die Stimme der G?ttin trug ungl?ubiges Staunen... und Hoffnung. Mit gerunzelter Stirn stieg sie die Treppe hinab, die vom Podest führte und das Leuchten in ihren Augen lie? es wirken, als s?he sie einen Geist.
Langsam d?mmerte Emmanline, was geschah… Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. ?Ihr… ihr wisst es.“ Ihre Stimme zitterte, zu entsetzt, um zu entscheiden, ob sie panisch oder überrascht war. ?Ihr… ihr wisst, was ich bin.“
?Ja, das tue ich.“ Ihr Blick wurde weich und warm. ?Erhebe dich, mein Kind. Du musst nicht vor mir knien.“ Die G?ttin l?chelte breit, blieb einen Schritt vor ihr stehen. Emmanline kam z?gernd auf die Fü?e, w?hrend sie ihre langgliedrige Finger sanft durch ihr schneewei?es Haar glitten. Die G?ttin betrachtete sie mit unverhohlener Faszination. ?Dieses Haar… so rein.“ Ihre Stimme war voller Ehrfurcht. ?Und diese Augen… silbrig wie das reinste, edelste Licht. So etwas existiert in der Mythenwelt nur unter einer einzigen Art.“ Freude und Bewunderung glitzerten in ihrem Blick. ?Du bist eine von ihnen.“
Emmanlines Unbehagen wuchs mit jeder Sekunde. Niemand durfte wissen, wer oder was sie war. ?Woher…?“, flüsterte sie z?gernd.
?Oh, mein Liebes, du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Dir wird nichts geschehen.“ Die G?ttin wirkte beinahe amüsiert, w?hrend sie langsam um Emmanline herumging. ?Ich bin die G?ttin Seferati und lebe schon, solange die Zeit auf dieser Erde weilt. Ich habe vieles kommen und gehen sehen, was nur m?glich war. Doch nie h?tte ich gedacht, dass noch überlebende deines Volkes existieren.“ Sie konnte nicht aufh?ren, Emmanline zu betrachten... wie ein seltenes, verlorenes Relikt.
?Bedeutet das, es... es gibt niemanden mehr wie... mich?“ Die Worte kamen kaum über ihre Lippen. Sie hatte ihr Wesen immer gekannt, doch diese Frage hatte sie nie ausgesprochen... nicht einmal in Gedanken. Nun stand jemand vor ihr, der ihresgleichen kannte. Und allein der Gedanke an die Antwort jagte ihr eine G?nsehaut über den Rücken.
Die G?ttin schüttelte sanft den Kopf. ?Es tut mir leid, Liebes, diese Frage kann ich dir nicht beantworten. Seit abertausenden von Jahren habe ich keine mehr wie dich gesehen. Irgendwann waren sie einfach verschwunden. Du magst kein reines Blut haben, doch in dir steckt mehr, als es den Anschein hat. Kein Zweifel, du bist etwas Seltenes und Einzigartiges.“
Emmanline wusste, dass sie schon immer allein gewesen war... doch zu erfahren, dass sie die Einzige ihrer Art sein sollte, lie? eine tiefere, stechendere Einsamkeit in ihr aufbrechen, als sie jemals zuvor gefühlt hatte. Sie war nicht nur ohne jene Personen, die ihr etwas bedeuteten und denen sie etwas bedeutete. Nein, nun war sie auch ohne ein Volk. Ohne ein Wir. Immer hatte sie gehofft, irgendwo andere zu finden, die waren wie sie. Egel ob die der Elfen oder ihre andere Seite. Doch in diesem Moment zerbrach ihre Hoffnung in tausend scharfe Splitter.
?Ich wei?, das klingt endgültig“, sagte die G?ttin sanft. ?Aber das muss es nicht sein. Vor dir h?tte ich nie daran geglaubt, doch wer sagt, dass es nicht irgendwo noch andere gibt wie dich?“
Emmanline senkte den Blick, doch sie wusste es besser. ?Wenn ihr so alt seid wie die Zeit selbst und es wirklich niemanden mehr von meinem Volk gibt… woher soll ich dann Hoffnung nehmen? Nur, weil ihr es behauptet?“ Ihre Stimme bebte. ?Ich habe mir nie erlaubt zu glauben, dass es noch andere wie mich geben k?nnte. Ihr kennt mein Volk vermutlich besser als ich. Ich wei? nichts.“ Nichts über jene H?lfte, die ihr Leben bestimmte. Nichts über jenes Volk, das sie nie gesehen hatte. Sie trug zwei Blutlinien in sich und keine davon hatte sie je gekannt. Und ihre Mutter… war schon lange kein Halt mehr.
?Irgendjemand muss dich verborgen gehalten haben“, sagte die G?ttin leise, ?Sonst h?tte ich dich l?ngst gespürt. Wo sind deine Eltern? Wer war…“
?Meine Mutter.“ Emmanline unterbrach sie scharf und hob das Kinn. ?Aber das spielt keine Rolle mehr.“ Die G?ttin sah es... und fragte nicht weiter.
?Ich habe geh?rt, dass du eines meiner Kinder gerettet hast“, sagte die G?ttin schlie?lich. ?Dafür danke ich dir. Es war mutig und waghalsig, hier schutzlos aufzutauchen. Und dennoch bin ich… erfreut.“ Es klang, als k?nne die G?ttin selbst kaum glauben, was sie da zugab. ?Ich habe jedes Wort geh?rt, das du mit meinem Rat besprochen hast. Und du verlangst wirklich, dass wir den Drachen freilasse, der dich gefangen h?lt?“
Für ein paar Sekunden starrte Emmanline auf den Boden, lie? die Stille zwischen ihnen schwer werden. ?Ja. Das tue ich.“ Auch wenn es Wahnsinn war. ?Ich wei?, wie unklug das klingt, aber ich habe meine Gründe und ich kann sie euch nicht nennen. Es ist eine Sache zwischen mir und ihm. Ich werde niemanden hineinziehen. Das sind meine Entscheidungen, meine Fehler und meine Verantwortung.“ Dann hob Emmanline ihren Kopf und ihre Stimme wurde fester. ?Sagt mir nur, was ich tun kann. Wie kann ich euch überzeugen, ihn freizulassen?“
Die G?ttin schwieg. Die Zeit dehnte sich... waren es Sekunden? Minuten? Emmanline wusste es nicht. ?Es ist nicht einfach“, sagte sie schlie?lich und der Schmerz dieser Wahrheit brannte in Emmanline wie Eisen auf ihrer Haut. ?Ich k?nnte verlangen, dass du im Gegenzug hierbleibst. Zu deiner eigenen Sicherheit.“ Die G?ttin betrachtete sie lange, ernst. ?Aber du würdest niemals einwilligen.“
?Nein“, flüsterte Emmanline. ?Es... tut mir leid.“
?Das muss es nicht. Ich wei? nur zu gut, dass man ein Wesen wie dich niemals einsperren kann. Du müsstest es freiwillig tun und brechen will ich dich nicht, damit deine Sch?nheit verloren geht“, erwiderte die G?ttin sanft. ?Es ist deine Entscheidung. Also frage ich dich etwas anderes. Was würdest du anbieten? Was würdest du vorschlagen?“
Emmanline erstarrte für einen Herzschlag. Was konnte sie einer G?ttin anbieten? Einer Frau, die ?lter war als die Zeit selbst? Schon der Gedanke schien absurd. Doch sie musste jetzt denken. Schnell. Pr?zise. Sie brauchte Argumente. Gute überzeugende. Etwas, das eine G?ttin nicht mit einem Handwink verwerfen konnte. Das Pochen ihres Herzens hallte in ihrem Kopf, w?hrend sie verzweifelt nach etwas suchte, nach allem, das stark genug war, um die Freiheit des Drachen wert zu sein.
Lucien
Lucien hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, seit man ihn in den Kerker der Engel geworfen hatte. An eine Wand gekettet wie ein r?udiges Tier. Monate waren vergangen... wie viele genau, vermochte er nicht mehr zu sagen.
Als Lucien damals gemeinsam mit Raiden vor den Rat geführt wurden, um der G?ttin Seferati zu begegnen, fragte er sich, ob dies wirklich eine Ehre sein sollte. Ehre. Das Wort fühlte sich in seinem Kopf falsch an, beinahe l?cherlich. Er wollte diese Begegnung nicht.
Seferati war eine G?ttin. Die Erschafferin und oberste Herrscherin des Himmelvolkes. Lucien hatte unz?hlige Geschichten über sie geh?rt, dass sie so alt sei wie die Zeit selbst, dass niemand die wahre Tiefe ihrer Macht kenne. Sie allein hatte das Reich der Engel hervorgebracht, ein eigenes Gefüge aus Licht, Ordnung und unergründlicher Gewalt. Für G?tter war es nicht unüblich, sich eigene Reiche zu erschaffen… doch nur wenige konnten behaupten, ein Volk aus reiner g?ttlicher Essenz geformt zu haben.
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G?tter existierten überall... auf der ganzen Welt, in anderen Dimensionen, auf h?heren Ebenen. Niemand wusste, wie viele es wirklich waren. Und Lucien wollte es auch nicht wissen. Jeder, der bei Verstand war, wusste, dass man sich nicht mit G?ttern anlegte. Der Zorn eines Gottes war unbarmherzig, und jeder, der es dennoch wagte, hatte den Preis dafür bezahlt. Tausende, vielleicht Millionen, waren an dieser Hybris bereits zugrunde gegangen. Die Aufmerksamkeit eines Gottes auf sich zu ziehen, konnte das Ende eines ganzen Volkes bedeuten. Früher geschah so etwas h?ufiger, heute seltener, aber immer noch oft genug, um t?dlich zu bleiben. Und trotzdem gab es immer wieder Narren, die glaubten, sie k?nnten G?tter bezwingen oder gar t?ten.
Ein t?richter Gedanke. Selbst die vereinte Macht aller Spektren der Mythenwesen h?tte keine Chance. Es gab dafür unz?hlige Gründe. Manche V?lker waren friedlich und hatten keine Krieger. Andere fürchteten die G?tter zutiefst. Wieder andere besa?en nicht die Kraft… oder ihre Natur widersprach jeder Form von Kampf. Und viele verehrten die G?tter... aus Respekt, aus Ehrfurcht oder weil sie wussten, dass g?ttliche Launen ganze Welten ?ndern konnten.
Aber der entscheidende Punkt war: Kein einziges Volk würde sich jemals mit anderen V?lkern vereinen. Sie hassten einander viel zu sehr. Jeder trachtete dem anderen nach dem Leben. Noch bevor ein Krieg gegen die G?tter überhaupt begonnen h?tte, würden sie sich gegenseitig zerfleischen. Das war die bittere Wahrheit, sie h?tten niemals auch nur einen Funken einer Chance. Sie würden sich selbst vernichten, lange bevor das eigentliche Spiel gegen die G?tter überhaupt begann. Vielleicht war es sogar gut, dass niemand eine Chance gegen diese uralten M?chte hatte. Lucien empfand es zumindest nicht als falsch. Die G?tter hielten sich für gew?hnlich aus den Angelegenheiten anderer V?lker heraus. Sie erschienen nur dann, wenn es unumg?nglich war, wenn ihr eigenes Volk bedroht war oder wenn das Gleichgewicht der Welten ins Wanken geriet.
Doch genau das war der Punkt, der ihn qu?lte: Warum war die G?ttin Seferati vor ihm erschienen? Lucien hatte ihr niemals einen Grund geliefert, ihn oder sein Volk als Bedrohung anzusehen. Drachen und Engel waren m?chtig und stolz, ja... aber sie wussten ebenso, wann Vorsicht klüger war als Hochmut. Vor allem nach all den Kriegen. Also… was war der Grund?
Diese Frage jagte in endlosen Schleifen durch seinen Kopf, suchte nach einem logischen Zusammenhang, nach irgendeinem Hinweis… doch jedes Mal endete seine Suche im selben frustrierenden Nichts. Irgendwann gab Lucien fluchend auf. Wie sollte er klar denken, wenn er st?ndig abgelenkt wurde? Die Engelsw?chter kamen zu ihm, verspotteten ihn, forderten Bu?e… und er musste es ertragen. All die Folter der letzten Monate durch Titan... Qualen, die sich tief in sein Fleisch gebrannt hatten, wie ?tzende S?ure. Er k?nnte sich jederzeit zur Wehr setzen, selbst wenn es seinen Tod bedeutete. Doch er tat es nicht. Er hatte sich auf diese Strafe eingelassen. Auf die Begleichung seiner Schuld. Selbst wenn er Jesaja niemals gefoltert, sondern sie lediglich in seinem Kerker eingesperrt hatte... es spielte keine Rolle. Alles nur, weil er so unfassbar gedankenlos gewesen war, einen Engel hinter Gittern zu halten.
Und in genau diesem Moment glitten seine Gedanken wieder davon… zurück zu ihr. Zu der Elfe, die in seinen Gem?chern auf ihn wartete. Lucien hatte ihr versprochen, schnell zurückzukehren, und schon damals hatte er geahnt, dass es nicht so kommen würde. Lucien hatte dem Rat unz?hlige L?sungen angeboten, hatte verhandelt, geboten... er hatte sogar Raiden in die Waagschale geworfen. Das mit Absprache, doch es hatte alles nichts genützt. Die Engel blieben stur. Sie bestanden darauf, ihn einzusperren... auf unbestimmte Zeit.
Selbst wenn er die M?glichkeit h?tte zu fliehen, würde er es nicht tun. Wenn Lucien es t?te, würde das Unheil nicht ihn treffen, sondern sein Volk. Er allein würde die Schuld tragen, wenn ein Krieg zwischen Engeln und Drachen entflammte und unschuldige litten. Das konnte und würde er nicht verantworten. Doch eines wusste er ebenso, dieses Spiel mit seiner Gefangenschaft würde nicht ohne Folgen bleiben. Lucien war der rechtm??ige Herrscher der Drachen und dennoch sa? er in einem Kerker wie ein gew?hnlicher Verbrecher. Sein Volk würde das nicht lange akzeptieren. Seine Mutter versuchte bereits, mit dem Rat zu verhandeln, doch bisher ohne Erfolg. Die Geduld der Drachen war nicht unendlich... und dann war da diese Elfe.
Emmanline war der Grund, warum er nun in diesen Mauern verrottete. Wer wusste schon, wie lange noch. Oft dachte Lucien daran, was er mit ihr tun würde, wenn er sie endlich wiedersah... und was er mit ihr tun wollte. Und genau das, was er wirklich wollte, machte ihn rasend. Er wollte sie in seine Arme rei?en, dort weitermachen, wo er immer wieder unterbrochen worden war. Je l?nger Lucien von ihr getrennt war, desto dr?ngender und intensiver wurde dieses Ziehen in ihm... eine Sehnsucht, die nach ihm rief, die ihn kaum noch atmen lie?. Es irritierte ihn und es machte ihn wütend, dass er dieses Bedürfnis nicht abschütteln konnte.
Sein innerer Drache streifte unruhig in seinem Geist umher, suchte verzweifelt nach einem Weg, sie wiederzusehen. Doch die Stahlketten, so dick wie seine Oberarme, hielten ihn fest. Tief in die Wand eingelassen, verst?rkt mit einem m?chtigen Zauber, der seine Verwandlung in einen Drachen unterdrückte. Er hatte Hunderte Male versucht, sich zu befreien... vergeblich. Au?er blutigen Handgelenken hatte es ihm nichts eingebracht. Nicht selten verfiel Lucien in Raserei und brüllte, bis die Mauern erzitterten. Sein Drache schrie nach Freiheit, nach dem Himmel unter seinen Schwingen, und es gab keine schlimmere Folter, als die Bestie in seinem Inneren einzusperren. Und das schon seit Monaten.
Verdammt sollte alles sein.
Mit einem Mal h?rte Lucien ein Klicken und die Tür ?ffnete sich. Mühsam hob er den Kopf und starrte wutentbrannt die beiden W?chter an, die auf ihn zutreten. Vier Weitere standen hinter ihnen, die Arme verschr?nkt, ihr Flügel eng an ihren Rücken gelegt und die Blicke angewidert. Die beiden vorderen W?chter begannen, seine Ketten zu l?sen, nur um ihm gleich darauf Handfesseln anzulegen... selbstverst?ndlich mit einem Zauber belegt, der jede Verwandlung und jede Regung in ihm blockierte.
?Was habt ihr vor?“, knurrte Lucien.
?Uns wurde befohlen, dich zum Ratssaal zu bringen“, antwortete einer monoton.
Misstrauen stieg in ihm auf. ?Warum?“ Doch es kam keine Antwort. Egal, wie oft er nachfragte. Zwei W?chter packten ihn und schleiften ihn durch die tristen G?nge, w?hrend die vier anderen hinterherliefe... bereit, ihn sofort niederzustrecken, sollte Lucien versuchen zu entkommen. Was ging hier vor sich? Und vor allem, wer war es, der ihn holen lie??
Ein magischer Kreis erschien vor ihnen, und pl?tzlich fand sich Lucien im Ratssaal wieder, genau dort, wo er zuvor verurteilt worden war. Mit einem harten Sto? wurde er auf die Knie geworfen, der Boden schlug knallend gegen seine Gelenke. Er knurrte gef?hrlich und riss an seinen Fesseln.
?Meine G?ttin, hier ist der Gefangene, wie ihr befohlen habt,“ sprach einer ehrfürchtig. Dann verbeugten sich alle übrigen und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.
Lucien hob den Kopf und blickte sich um. Der Ratssaal war leer – bis auf eine einzige Gestalt, die ihm den Rücken zuwandte. ?Mit meinen über zweitausend Jahren auf dem Buckel fühle ich mich doch gleich noch mehr geschmeichelt, der G?ttin Seferati so bald wieder zu begegnen. Wie komme ich nur zu dieser Ehre?“ Sein sarkastisches Grinsen war unverkennbar, die Stimme triefte vor Ironie.
?Du bist noch immer ein Narr, Lucien De la Cruise,“ lachte die G?ttin leicht h?hnisch und drehte sich langsam zu ihm. ?Ich h?tte gedacht, deine Vernunft und Klugheit w?ren nach deinem Aufenthalt in meinem Kerker gewachsen.“
?Meine Dankbarkeit h?lt sich in Grenzen. Nichts für ungut, aber ich bevorzuge die Freiheit,“ konterte Lucien trocken.
?Du solltest aufpassen, mein Lieber.“ Seferatis Blick glitt schneidend über ihn hinweg. ?Dein Vater zeigte mehr Courage und Einverst?ndnis. Und du willst eines Tages dein Volk regieren?“ Sie schnaubte, funkelte ihn offen an. ?Dann musst du lernen, Kompromisse zu schlie?en und deinen Kopf zu benutzen, wenn du nicht willst, dass Kriege die Folge sind. Du solltest weitr?umiger denken.“
Lucien knurrte tief, ein Laut, der eher nach Drache als nach Mann klang. ?Lass meinen Vater daraus. Ich habe meine eigenen Ansichten und Vorgehensweisen.“
?Oh, das hast du wahrhaftig.“ Ihr L?cheln war messerscharf, ihre Augen verengt zu goldenen Schlitzen. ?Doch du solltest dich glücklich sch?tzen.“
?Glücklich?“ Er lachte kalt. ?Wegen der Gefangenschaft? Wegen der Folter? Ich lach mich schlapp. Und warum sollte ich?“
?Ich zeige Gnade“, sagte die G?ttin hochn?sig.
?Gnade?“ Lucien zog sp?ttisch eine schwarze Braue hoch. ?Davon sehe ich bislang nichts. Je l?nger ich hier bin, desto wütender wird mein Volk. Sie wollen meine Freiheit... ich bin ihr Anführer. Das sollte euch bewusst sein.“
?Noch bist du es nicht. Sollte es so weit kommen, wei?t du, dass wir kein Erbarmen zeigen. Unsere beider V?lker sind m?chtig und stolz. Niemand wird aufgeben, bis der Letzte vernichtet ist. Keine leeren Drohungen.“ Sie sprach ohne jede Regung. Lucien biss die Z?hne fest zusammen. Sie hatte Recht. G?tter mischten sich nur selten ein und meist nur, um das Gleichgewicht zu wahren. Strafen jedoch konnten sie sehr wohl verh?ngen. ?Ich werde dich freilassen, Lucien de la Cruise.“
?Was?“ Sein Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er sich verh?rt?
?Aber unter Bedingungen,“ sagte sie ohne Umschweife und ignorierte seine Frage. Misstrauisch funkelte er sie an. Vorsicht war bei G?ttern immer angebracht. ?Jemand hat mich an etwas erinnert. Jemand verlangte deine Freilassung.“ Sie lachte, als w?re es ein schlechter Scherz.
Lucien wollte fragen, wer dieser Jemand sein k?nnte, doch pl?tzlich stieg ihm ein vertrauter Duft in die Nase. Ein Aroma, das er seit kurzem kannte, das ihn w?rmte wie die Sonne selbst. Sein Herz schlug schneller, sein innerer Drache wurde unruhig. ?Das kann nicht sein…“ Sein Atem stockte. Doch dann erschien sie. Hinter der G?ttin.
Emmanline.
?Emmanline?“, kr?chzte Lucien, unf?hig zu glauben, was er sah.
Emmanline musterte ihn ausdruckslos. Ihr schneewei?es Haar fiel in sanften Wellen über Schultern und Rücken, ihre Augen schimmerten leicht silbrig. Ihr K?rper schmiegte sich an die enge Kleidung, die jede Bewegung betonte. Sie war noch sch?ner, noch beeindruckender als in seinen Erinnerungen. Wie hatte er nur glauben k?nnen, sich an alles so genau zu erinnern, wie sie zuletzt gewesen war? Emmanline war lebendiger, faszinierender... ein Magnet für seinen Blick, ein Sturm aus Verlangen in seinem Inneren.
?Was tust du hier?“, brachte Lucien schlie?lich kr?chzend hervor. Sein Blick haftete an ihr, unf?hig, sich zu l?sen. Die G?ttin hielt ihn zwar mental gefangen, doch er wollte sie nicht aus den Augen verlieren. Zu stark zog sie ihn in ihren Bann.

