home

search

78. Lucien

  Kaum zu fassen, aber in seinem ganzen Leben hatte es nichts gegeben, das so schmerzlich war wie der Verlust seiner Seelengef?hrtin. Seiner Seele. Seines Herzens. Jetzt konnte Lucien genau nachvollziehen, wie sehr seine Mutter Rhivanna gelitten hatte. Wie stumpf ihr Leben erschienen sein musste… und die Qual nach all den unendlichen Jahren. Kein Wunder, dass sie ihrem Gef?hrten so schnell in den Tod gefolgt war.

  Doch war es nicht dasselbe? Bevor seine Mutter starb, hatte sie zu ihm gesagt… kein Drache würde nach dem Tod frei sein oder bei denen sein, die er über alles geliebt hatte. Es war ein Fluch, den die Drachen tragen mussten… und genau dieser blutrote Rubin war das Artefakt dazu. Gerade weil niemand wusste, dass sie nach dem Tod nie bei ihren Liebsten sein konnten, gingen sie trotzdem in den Tod. Egal, welche Folgen es hatte. Keiner dachte darüber nach… so wie Lucien es auch tat. Dabei wusste niemand, dass dieser Fluch existierte… ewige Verdammnis. Er war nur noch der einzige überlebende mit diesem Wissen. Jetzt fragte er sich… woher kam dieser Fluch überhaupt?

  Sein Drang, Emmanline zu folgen, war überm?chtig. Bei ihr zu sein war der einzige Gedanke, den Lucien jetzt noch hegen konnte. Er wollte bei ihr sein, sie spüren, berühren. Alles an ihr wollte er. Dabei hielt er sie in den Armen… aber nicht so, wie es sein sollte. Nicht, wenn sie so reglos dalag. Nicht eiskalt und bleich. Sie war alles andere als das, was er wollte. Emmanline sollte vor Leben sprühen, ihre Haut zart und weich, ihre Augen offen und klar, ihr Duft rein und sonnig, ihre W?rme und ihre sinnlichen Berührungen. All das hatte Lucien genossen und stets nach mehr gelechzt. Stets hatte er nur darauf gewartet, dass sie zu ihm kam und seine N?he suchte… so wie er es immer bei ihr tat.

  Emmanline hatte diese Anziehung ebenfalls verspürt… eine Anziehung, die st?rker wurde. Eine starke Bindung, die sie unausl?schlich verband. Aber jetzt? Nichts. Absolut nichts. Trauer und Verlust schnürten seine Brust zu. Lucien zog Emmanline fester in seine Arme… so fest, als würde er sie bald zerquetschen. Es war ihm egal. Er hatte alles verloren. Seine Seelengef?hrtin... die sein Leben war. Sein Kopf vergrub sich in ihrem schneewei?en, seidigen Haar, der kaum noch eine Note ihres Duftes von sich gab. Schon lange konnte Lucien seine Tr?nen nicht mehr unterdrücken... sie liefen ihm lautlos über die Wangen. Sein Herz schmerzte unendlich, und eine l?hmende Qual überfiel seinen ganzen K?rper.

  Seit mehr als sechs Tagen sa? Lucien in derselben Position in seinem Bett. Sein Rücken lehnte am Kopfteil, die Beine ausgestreckt, w?hrend er seine Frau verbittert in den Armen hielt. Er lie? Emmanline kein einziges Mal los. Er wollte trauern. Seinen Schmerz herauslassen, der ihn qu?lte. Er wollte leiden… weil er so dumm gewesen war. So blind. H?tte er ihr doch viel früher gesagt, wie wichtig sie ihm war. Was sie ihm bedeutete. Dass sie sein Leben und seine Seele sowie Herz in ihren H?nden hielt… und damit alles h?tte tun k?nnen. Nur ein einziges Wort von ihr w?re kostbarer gewesen als alles andere. Aber nein. Lucien hatte nie in den entscheidenden Momenten den Mund aufgemacht. Nie hatte er ihr wirklich bewiesen, was sie für ihn war: Die alleinige Frau in seinem Herzen.

  Nun sa? Lucien hier und weinte Tag für Tag, betete zu den G?ttern, flehte sie an, ihm sein Gegenstück zurückzugeben… doch nichts geschah. Keiner erh?rte ihn. Lucien wusste... je l?nger er mit Emmanline in den Armen dasa?, desto mehr starb er innerlich. Jede Minute ein Stück mehr, bis nichts von ihm übrig blieb. Es würde seinen Tod zur Folge haben. Er wusste genau, was das für sein Volk bedeutete, sollte er sterben. Ein Untergang w?re unvermeidbar. Aber er konnte… wollte… nicht darüber nachdenken. Seine Gedanken galten einzig und allein Emmanline. Ohne sie konnte er nicht leben und so tun, als würde alles besser werden. Das würde es nie. Bliebe er am Leben, w?re er nur eine leere, tote Hülle. Sein K?rper würde existieren, doch Seele und Geist nicht mehr.

  ?Warum?“, wiederholte er dieses Wort… tausendmal schon. Sein Verstand begriff es noch immer nicht. Wollte es nicht wahrhaben, dass er sie verloren hatte. Lucien würde jedes Opfer bringen, wenn er wüsste, dass er sie damit zurückholen k?nnte. Selbst sein eigenes Leben… ohne eine Sekunde zu z?gern.

  Die Muskeln steif und schmerzend, ?nderte Lucien trotzdem nie seine Position. Seit Tagen versuchten seine Geschwister, ihn dazu zu bewegen, etwas zu essen oder zu trinken. Von Hunger oder Appetit war er weit entfernt… er war dazu nicht imstande. Nahrung konnte er nicht zu sich nehmen. Zumal hatte er das Zimmer ohnehin versiegelt. Niemand durfte eintreten und sie so zusammen sehen. Er wollte allein leiden… allein um sie trauern. Sein Besitzinstinkt stellte sich gegen ihn selbst. Nicht einmal seiner jüngsten Schwester Malatya gestattete er etwas… oder h?rte auf sie. Alle sollten ihn in Ruhe lassen. Und das taten sie jetzt anscheinend. Dafür war er wirklich dankbar. Diese Zeit wollte er nur für sich haben … um... um seine Seelengef?hrtin zu trauern. Sein Herz zerriss, sein ganzes Inneres gleich mit. Seine Welt lag in Trümmern… wenn sie es nicht schon vorher getan hatte, dann sp?testens jetzt. Genauso sein innerer Drache, der gebrochen am Boden lag und von dem keine Reaktionen mehr kamen.

  Dabei hatte Lucien einen gro?en Hoffnungsschimmer verspürt, als er an etwas dachte, das Emmanline ihm einmal erz?hlt hatte. Sie hatte erw?hnt, nichts und niemand k?nnte sie t?ten… egal, was gesch?he. Nur schwand dieser Hoffnungsschimmer langsam. Je mehr Zeit verging, desto bewusster wurde ihm… es würde niemals geschehen. Sie h?tte doch l?ngst wieder leben müssen… ihr Herz schlagend in der Brust, ihr Atem str?mend aus dem Mund. Dann ihre wundersch?nen, einzigartigen Augen, die ihn intensiv anblickten. Nur ihn allein.

  Ein paar Mal dachte Lucien an die Situation in seiner H?hle zurück, wo ihm in den Sinn gekommen war, dass Emmanline schon einmal ohne Herzschlag gewesen war. Sie hatte in seinen Armen gelegen… ohne jegliches Leben, eiskalt und kalkwei?. Der bleiche Tod. Damals hatte er aus irgendeinem Grund, in einem tiefen Winkel seines Herzens, gespürt, dass ihr Tod nur ein kleiner Verlust gewesen war. Jetzt war alles anders. Dieser Verlust war viel gr??er als alles andere. Ein klaffendes Loch in seinem Herzen… er blutete innerlich.

  Vielleicht dauerte es einfach l?nger. Aber diese Hoffnung war so qualvoll. Diesmal empfand Lucien nichts. Eine vollkommene, stille Leere. Sein Leben war nutzlos und leer geworden… nichts hatte mehr Wert. Nicht einmal sein riesiger Hort in der H?hle. Er wollte das alles nicht mehr. Alles Gold der Welt würde ihn und seinen Drachen nie wieder so glücklich machen wie die Gef?hrtin an seiner Seite… die ihm vom Schicksal vorbestimmt war. Wie lange konnte er noch trauern, bis er vollkommen am Ende war? Es war nur eine Frage der Zeit. Und die würde kommen. Früher als sp?ter.

  Pl?tzlich schreckte Lucien auf. Vor Ersch?pfung und Müdigkeit musste er eingeschlafen sein. Kein Wunder… er hatte seit Tagen nicht geschlafen. Stets hatte er sich geweigert, seiner Müdigkeit nachzugeben, doch irgendwann holte sich der K?rper, was er brauchte. Alles kam ihm zeitlos vor. Es gab keine M?glichkeit mehr, die Zeit weiterzudrehen. Für ihn war sie angehalten. Jetzt empfand er die Zeit noch belangloser als zuvor. Stets war sein Leben langweiliger, trostloser und ermüdender geworden. Au?er in den Momenten mit Emmanline… da war alles spannend, interessant und lebenswert gewesen. Sie hatte ihm gezeigt, welchen Sinn das Leben haben konnte. So schnell, wie Lucien diesen Sinn gefunden hatte, so schnell hatte er ihn wieder verloren. In nur einem einzigen Wimpernschlag.

  Langsam aus seiner traumartigen Trance erwachend, spürte Lucien, wie zittrig sein K?rper war. So heftig und wild, dass er keine Kontrolle mehr darüber hatte. Die Augen geschlossen… kein Verlangen, sie zu ?ffnen, weil er wusste, was ihn erwartete… seine tote Gef?hrtin. Er war so unendlich müde. Darum zwang er sich, seinen zitternden K?rper wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch je mehr Lucien es versuchte, desto schlimmer wurde es. Vielleicht sollte er die Augen doch ?ffnen, um sich an einem Punkt zu fixieren… das k?nnte helfen. Kaum hatte er die Lider aufgeschlagen, wusste er… hier stimmte etwas nicht.

  Nicht sein K?rper war es, der so heftig und wild zitterte… sondern der Frau in seinen Armen. Emmanline b?umte sich auf, wandte sich wild hin und her... immer wieder schüttelte es sie durch. Ohne Luft schaute Lucien entsetzt auf Emmanline herab, fühlte und horchte. Ihr Herz… es schl?gt, schoss der einzige Gedanke durch seinen Kopf. Sein eigenes Herz brachte das zum Stillstand. Lucien musste sich versichern, dass er nicht tr?umte… weil er sich genau das wünschte… ein schlagendes Herz.

  ?Emmanline?“, flüsterte Lucien mit kaum h?rbarer Stimme, w?hrend er versuchte, sie festzuhalten. In ihrem K?rper steckte eine Menge Gewalt… es kostete ihn einiges an Kraft, weil er ihr nicht wehtun wollte. Er setzte sich etwas aufrechter hin… er brauchte mehr Spielraum. ?Emmanline?“ Lucien w?re am liebsten in Tr?nen ausgebrochen. Emmanline schien starke Schmerzen zu haben… Kr?mpfe beherrschten ihren ganzen K?rper. Es war genau dasselbe wie damals in seiner H?hle. Genau dasselbe. Kein einziger Schrei kam über ihre Lippen, nur hin und wieder ein leises Wimmern. Ihr Gesicht war vor Qual und Schmerz verzerrt, was sein Herz brechen lie?. Es blutete, tat ihm schrecklich weh, seine Seelengef?hrtin so leiden zu sehen, wissend, dass Lucien ihr nicht helfen konnte. Es stand nicht in seiner Macht, ihr die Schmerzen zu nehmen. Sofort würde er es tun… wenn er nur wüsste, wie. ?Meine Silvahdin… alles wird gut.“ Sanft legte Lucien eine Hand auf ihre Wange und versuchte, Emmanline zu beruhigen. ?Ich bin hier. Komm zu mir zurück, meine Silvahdin.“ Er drückte sie an sich und hauchte Küsse auf ihre Stirn, w?hrend er sie überall behutsam streichelte.

  ?Kalt… so kalt…“, wimmerte Emmanline leise, und Lucien bemerkte, dass sie ihre Augen einen Spalt ge?ffnet hatte. Sie sah ihn tats?chlich mit ihren silbernen Augen an. Sie gl?nzten und glühten nicht, doch das war mehr als genug.

  ?Komm her“, hauchte er z?rtlich. Lucien zog Emmanline in einen schützenden Kokon. Innerlich rollte sich sein glücklicher Drache in ihm zusammen, als wollte er sie mit seinem Drachenk?rper umwickeln und w?rmen. In ihm brannte das Feuer, er konnte ihr so viel W?rme geben, wie sie brauchte. Sie würde alles bekommen. Zus?tzlich zog er eine Decke heran und wickelte sie teilweise darin ein. Kein Wunder, dass Emmanline fror, ihr K?rper war von einer unnatürlichen K?lte überzogen gewesen. Zuvor hatte Lucien sie nicht mit seiner W?rme erreichen k?nnen, doch jetzt… trotz der starken Kr?mpfe und Erschütterungen, die ihren K?rper noch immer beherrschten, schmiegte sie sich an ihn, als wollte sie f?rmlich in ihn hineinkriechen.

  This tale has been unlawfully lifted from Royal Road. If you spot it on Amazon, please report it.

  ?So warm…“, seufzte Emmanline einmal flüsternd, bevor sie wieder in sich zusammensackte. Im ersten Augenblick blieb ihm das Herz in seiner Brust stehen. Lucien dachte, sie würde erneut aufh?ren zu atmen. Doch dann h?rte und spürte er überdeutlich ihr Herz, das gegen seine Brust wummerte, als schlugen ihres und seines im gleichen Takt. Diesmal seufzte er erleichtert auf.

  Emmanline lebte.

  Unbeschreibliche Gefühle tobten in ihm. Lucien wollte lachen, weinen, jubeln, schreien… alles gleichzeitig. Ein Sturm aus Emotionen brach über ihn herein. Sein Drache wollte ein Triumphgeheul aussto?en und der ganzen Welt verkünden, dass seine Seelengef?hrtin lebte. Doch er zwang sich zur Ruhe, wollte abwarten, wollte bei ihr bleiben.

  Mehrmals erkundigte Lucien sich leise, ob Emmanline noch bei ihm war. Seine Frau war lediglich vor Ersch?pfung eingeschlafen… eingeschlafen? Er wusste, dass sie durch die Schmerzen in diesen Schlaf gefallen war. Also nichts, worüber er sich freuen sollte. Sie schlief sonst nie… nur, wenn sie dazu gezwungen wurde. Sollte ihn das beruhigen oder beunruhigen? Bei ihr wusste Lucien überhaupt nicht, was gut für sie war. Diese Ungewissheit machte ihn nerv?s. Und doch war eine tiefe Ruhe in Emmanline eingekehrt. Er spürte es.

  ?Oh, ihr G?tter…“ Lucien konnte ihr nicht nahe genug sein. Nie wieder würde er seine Silvahdin gehen lassen. Egal auf welche Weise. Jeden einzelnen Tag würde er ihr zeigen, was sie ihm bedeutete, damit es nie wieder Missverst?ndnisse zwischen ihnen g?be, keine Geheimnisse mehr. Nie wieder… das schwor er sich selbst. ?Bleib bei mir. Für immer“, flüsterte Lucien liebevoll in ihr schneewei?es Haar. Diese Frau war etwas Besonderes für ihn. Lucien konnte Emmanline nie wieder gehen lassen. Nicht, wenn sie sein Herz und seine Seele mitnehmen würde.

  Irgendwie fühlte Lucien sich immer steifer an, doch es st?rte ihn kein Stück. Emmanline anzublicken machte alles wieder wett. Sie war so wundersch?n. Endlich hatte sie wieder etwas Farbe im Gesicht und war nicht mehr so leichenblass wie zuvor. Ihr Atem ging ruhig und regelm??ig… ihr Herzschlag gleichm??ig. Sie schlief seelenruhig, und ihm kam der Gedanke, dass ihr K?rper sich gerade das zurückholte, was er brauchte. Anscheinend kam Emmanline ohne Schlaf sehr gut aus, doch selbst sie konnte in einen tiefen Schlaf versinken. Ihre Energie würde sich so vermutlich schneller erneuern als im wachen Zustand. Sie war wahrlich einzigartig. Es konnte praktisch sein, ohne Schlaf auszukommen… und dennoch faszinierte ihn jede weitere Facette an ihr. Wie viel er noch von ihr lernen wollte… alle ihre Seiten kennenlernen. Sie sollte ein Teil von ihm werden, so wie er es für sie sein wollte.

  Ununterbrochen streichelte Lucien Emmanline, wo immer er konnte, vergewisserte sich immer wieder, dass sie atmete, hauchte ihr zwischendurch einen Kuss auf die Stirn. Lucien konnte es kaum erwarten, bis sie endlich ihre Augen ?ffnen würde. Er konnte es selbst kaum glauben, doch er war voller Vorfreude und Aufregung. Er wusste, sie würde bald erwachen. Sein Herz schlug schnell und kr?ftig in seiner Brust. Er war definitiv verloren… und vernarrt in diese eine Frau. Niemals würde Lucien eine andere anschauen, an sie denken oder sie suchen. Für ihn gab es nur noch Emmanline. Sie war die Einzige, die ihn wirklich glücklich machte.

  Schon einmal hatte Lucien festgestellt, dass er sich bei ihr zu Hause fühlte… etwas, wonach er stets gesucht hatte. Unbewusst hatte er danach verlangt, doch nun hatten er und sein Drache es endlich gefunden. Diesen einen Ort. Er war angekommen. Die Zufriedenheit, die ihn durchstr?mte, lie? ihn glauben, zu Taten f?hig zu sein, die ihm zuvor unm?glich erschienen w?ren. Seine Kraft fühlte sich st?rker an als je zuvor. Die Vorstellung, welche Macht eine Verbindung zwischen ihnen entfalten k?nnte, war in ihrem Ausma? kaum zu begreifen. Lucien war voller Erwartung, voller Vorfreude… wahrhaftig aufgeregt. ?Wahrhaftig… ich bin verloren.“ Lucien nahm alles in Kauf, schloss seine glühenden Augen und legte seine Wange an ihren wei?en Scheitel. Endlich konnte er ihren herrlichen Duft einatmen. Sonnig und sü?, so sehr, dass es seinen Drachen in Aufruhr versetzte. Er schwelgte… badete darin.

  ?Warum... verloren?“ Eine leise Frauenstimme erklang an seinem Ohr und lie? ihn leicht zusammenzucken. Emmanline war erwacht. Allein der Blick in ihre silbernen Augen raubte ihm den Atem. Sie waren noch etwas verschleiert, doch in ihnen lag W?rme… und Leben.

  Mit einem sanften L?cheln blickte Lucien zu ihr hinab. ?Wegen dir bin ich verloren, Emmanline. Du hast mir einen gro?en Schrecken eingejagt.“ Vorsichtig legte Lucien eine Hand auf ihre Wange. ?Wie geht es dir?“

  Emmanline musterte ihn, als wolle sie ihn einsch?tzen. ?Mir… mir geht es gut“, antwortete sie nach kurzem Z?gern. Lucien konnte es nicht vermeiden, auf sie herabzublicken. Hunderte Male hatte er ihren K?rper nach weiteren Verletzungen abgesucht. Die Wunde an ihrer Brust… dort, wo der Pfeil gesteckt hatte… war verschwunden. Dennoch musterte er Emmanline erneut, suchte nach anderen Spuren… vergeblich. Und trotzdem musste er sich immer wieder vergewissern, dass es ihr wirklich gut ging. Immerhin hatte sie schreckliche Kr?mpfe und unertr?gliche Schmerzen erlitten. So etwas konnte er nicht einfach ignorieren. ?Ich bin nur etwas kraftlos, meine Energie muss sich erst wieder auffüllen. Keine Sorge, mir geht es gut.“

  Allein diese Worte… keine Sorge… lie?en in ihm alles überlaufen. Endlich brach sich seine Angst Bahn und verwandelte sich in Wut. ?Keine Sorge?“ Lucien knurrte, sein Blick dunkel vor Zorn und Verletzung. ?Du hast mir… eine verdammte Heidenangst eingejagt.“ Seine Stimme war lauter, als er beabsichtigt hatte, doch er konnte sich nicht mehr zurückhalten. ?Wei?t du… wie ich mich gefühlt habe, als ich dich mitten… in der Schlacht sah? Wie es war, mit anzusehen… wie ein Pfeil dich traf? Oder wie du in meinen Armen… in den Tod geglitten bist?“ Seine Stimme zitterte leicht, als die Erinnerung ihn einholte. ?Das hat nichts mit keine Sorge zu tun. Ich habe mir unsagbare Sorgen um dich gemacht. Du bist in meinen Armen gestorben.“ Der Moment hatte sich unausl?schlich in ihn eingebrannt. Lucien bekam ihn nicht aus seinem Kopf. Diese Erinnerung würde ihn immer wieder daran erinnern, was er beinahe verloren hatte… und was er jederzeit verlieren konnte. Die Frau, die sein Leben war. ?Mach das nie wieder.“

  Vorsichtig rückte Emmanline von ihm ab. Es missfiel ihm sofort, doch Lucien lie? sie los. Er wollte nicht, dass sie sich bedr?ngt oder gefangen fühlte. Trotzdem wurde sein Drache unruhig. Mit einem leisen Seufzen schüttelte sie den Kopf. Schon ihr Blick verriet ihm, dass sie etwas sagen wollte, das ihm nicht gefallen würde. ?Es ist doch alles wieder gut. Mir geht es gut.“

  Nun war es endgültig vorbei. Wutentbrannt sprang Lucien auf und begann auf und ab zu gehen. ?Verflucht noch mal“, knurrte er laut und unheilvoll. Er wusste, dass Emmanline vor seinem Zorn zurückwich… sah es in ihren silbernen Augen. Doch diesmal war es ihm egal. Sie sollte sehen, wie wütend er war. Sie sollte spüren, was diese Angst mit ihm gemacht hatte. Er würde ihr niemals wehtun. Niemals. Aber sie musste es verstehen. ?Wage es ja nicht, das hier zu verharmlosen.“ Ruckartig drehte Lucien sich zu ihr um, sein goldener Blick glühte vor Wut. ?Ich werde es dir nie verzeihen, wenn du weiterhin so unachtsam bist. Ich habe dich gebeten, im Lager zu bleiben… es war kein Befehl.“ Seine Stimme wurde hart. ?Du solltest in Sicherheit sein.“

  Emmanline schien fassungslos zu sein, fand jedoch schlie?lich Worte. ?Du warst in Gefahr.“

  ?Ach, und du etwa nicht?“ Lucien schnaubte abf?llig. ?Glaubst du, einfach in eine Schlacht zu stolpern und zwischen k?mpfenden Bestien herumspazieren, w?re keine Gefahr?“

  ?Ich wollte dich nur warnen“, antwortete Emmanline widerspenstig.

  ?Natürlich. Und dabei bist du gleich mitten in die Schusslinie gelaufen“, sagte Lucien sarkastisch und voller Hohn, als er auf sie hinab starrte, weil sie wie erstarrt auf dem Bett sa?. Er baute sich mit seiner vollen K?rpergr??e auf. Sein schwarzes Haar wild durcheinander, was ihn noch wütender erscheinen lie?... dazu die Augen seines Drachen... die vor Emotionen glühten.

  ?Dieser Pfeil w?re für dich bestimmt gewesen.“ Nun klang auch Emmanline wütend. Lucien sah es in ihren Augen, die scharf aufleuchteten… kaltes Silber.

  ?Lieber ich als du“, erwiderte Lucien eiskalt.

  ?Dann w?rst du jetzt tot“, fauchte Emmanline zurück, klein und doch voller Zorn.

  Lucien grunzte abwertend. ?Ich bin unsterblich. Ich h?tte es überlebt.“

  Etwas in ihrem Blick ver?nderte sich. Er konnte es nicht genau deuten. Betroffenheit? ?Bin ich auch. Viel mehr als du“, entgegnete Emmanline leise. ?Du w?rst jetzt tot. Das versichere ich dir.“ Ihre Stimme senkte sich, ebenso ihr Blick. ?Dieser Pfeil war nicht harmlos. Er war in Gift mit Parasiten getaucht. Dasselbe Gift, das in diesem Werwolf war. Es h?tte dich von innen heraus aufgefressen.“ Sie schluckte hart, er sah es. ?Ich habe es gefühlt.“ Es war kaum mehr als ein Flüstern.

  Entsetzt starrte Lucien Emmanline an. Wenn das stimmte… und alles in ihm sagte ihm, dass es so war… dann hatte es keinen Unterschied gemacht. Sie war in Gefahr gewesen. Lebensgefahr. ?Genau das meine ich.“ Seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut. ?Du bist so selbstlos, dass du dabei egoistisch wirst. Du denkst nicht an die, die zurückbleiben. Du hast andere in eine Situation gebracht, die sie ihr Leben lang verfolgen wird.“

  Emmanline stie? einen emp?rten Laut aus. ?Was ist bittesch?n dein Problem?“ Ihre Stimme hob sich, beinahe schrie sie. ?Ich wollte dir helfen! Und langsam… nein, eigentlich schon viel zu oft… habe ich das Gefühl, dass du auf alles und jeden wütend wirst, sobald man versucht, dir zu helfen.“

  Da konnte Lucien mühelos mithalten. ?Was mein gottverdammtes Problem ist?“ Seine Stimme überschlug sich fast. ?Das hier ist mein Problem! Was passiert ist!“ Er fuhr sich aufgebracht durch seine schwarzen Haare. ?Immer und immer wieder sehe ich dieselbe Szene vor mir. Wie du durch all diese K?mpfenden und T?tenden gerannt bist, als w?ren… sie nicht da. Wie du den Arm nach mir ausgestreckt hast, verzweifelt versucht hast, mich zu erreichen.“ Seine Stimme brach beinahe. ?Und dann dein Blick… mir ist das Herz in die Hose gerutscht, weil ich mit allem gerechnet habe… au?er damit, dich zu verlieren.“ Lucien atmete schwer. ?Ich hatte dich fast erreicht. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit… und dann...“ Er schluckte hart. ?... bohrte sich ein Pfeil in deine Brust. Mitten ins Herz.“ Seine Kraft verlie? ihn spürbar, als seine starken, breiten Schultern nach unten sackten. ?Was glaubst du also… was mein Problem ist?“ Seine Stimme war nun heiser. ?Ich hatte eine Heidenangst um dich. Ich habe dich angefleht… bei mir zu bleiben.“ Er senkte den Blick. ?Du bist… du bist in meinen Armen… gestorben.“ Er hob seine gro?en Handfl?chen und starrte darauf, als sehe er es noch vor sich. ?Und ich… ich konnte nichts tun.“ Ersch?pft fuhr Lucien sich müde mit der Hand über das Gesicht, lie? die Schultern weiter h?ngen. Er ertrug es nicht mehr, Emmanline anzusehen, und wandte sich ab. Sein Herz schmerzte… blutete für diese Frau. ?Sechs Tage“, murmelte Lucien tonlos, ?habe ich dich in meinen Armen gehalten. Sechs Tage habe ich die G?tter angefleht, sie sollen dich mir zurückgeben, weil ich es nicht ertragen konnte, dich verloren zu haben.“ Seine Hand suchte Halt am Tisch neben ihm. ?Du bist in meinen Armen gestorben.“

  Eine erdrückende Stille senkte sich über den Raum. Emmanlines N?he machte alles nur schlimmer. Lucien wollte fort… brauchte Luft, Abstand, irgendetwas, dass diesen Schmerz d?mpfte. Gerade machte er einen Schritt nach vorn… da schlangen sich pl?tzlich zwei Arme von hinten um ihn.

Recommended Popular Novels