Warum waren die Drachen immer nur so verflixt vulg?r? Emmanline konnte es noch immer nicht fassen. Dieser Anblick… bei den G?ttern, darauf h?tte sie wirklich verzichten k?nnen. Hatten Drachen denn kein Schamgefühl? Keine Selbstbeherrschung? Oder geh?rte das zu diesen mysteri?sen, unergründlichen Eigenheiten ihres Volkes, von denen niemand sie jemals gewarnt hatte? Und obwohl Emmanline wusste, dass seine… nun ja… k?rperliche Reaktion nicht wegen ihres entstandenen Krieges, musste sie es wirklich mit eigenen Augen sehen? Offenbar hatte der Drache in einer Nostalgie festgesteckt, die viel zu real sein musste. Viel zu intensiv. Sie konnte es mit seinen Augen sehen und wie seine Erinnerungen immer weiter abschweiften. Er und die anderen Drachen waren definitive Brüder, bei ihrer gleichen Art und Weise.
Oh, meine G?tter, am liebsten h?tte Emmanline sich die F?uste immer wieder gegen die Stirn geschlagen, in der absurden Hoffnung, diese Bilder aus ihrem Kopf zu prügeln. Doch das war nicht einmal das Schlimmste. Mit dem Anblick kam eine alte Erinnerung hoch. Dunkel, scharf und bedrohlich klar. Ein bestimmter Augenblick. Eine bestimmte Person. Bin glasklaren See. Der Beginn ihrer Gefangenschaft. Wie Emmanline mit ansehen musste, wie impulsiv ein Mann werden konnte. Wie roh. Wie fesselnd. Wie gef?hrlich. Ebenso... bet?rend, anders konnte sie es vielleicht nicht mehr beschreiben. Es war nicht der Unterschied zwischen nackt und bekleidet, der ihr damals die Luft entraubt hatte. Es waren seine goldenen Blicke gewesen. Diese glühenden, unmissverst?ndlichen Blicke. Sie hatte ihr gegolten. Nur ihr. Von genau dem Mann, der sie hier zurückgelassen hatte.
Emmanline verfluchte sich innerlich selbst, denn genau diese Bilder... diese verführerischen, verbotenen Erinnerungen schossen ihr durch den Verstand und lie?en sie erschaudern von einer W?rme, die sie nicht fühlen wollte. Ihr Herz raste wie ein wild galoppierendes Pferd, das endlich aus seinem Gehege entkommen war. Alles in ihr schmerzte und zum ersten Mal erkannte sie deutlich, was ihr die ganze Zeit schon gefehlt hatte. Etwas… das sie nie zu benennen gewagt hatte und gerade auch nicht wollte.
?Wei?t du, was ich merkwürdig finde?“, fragte der Drache und seine Stimme hatte sich ein wenig normalisiert, ruhig, als er beschlossen hatte, den Vorfall einfach zu ignorieren. Emmanline dankte den G?ttern dafür. Es war traumatisch genug gewesen. Da sie jedoch schwieg, redete er weiter: ?Ich stelle dir eine Frage nach den anderen und ich bekomme am meisten eine Antwort. Aber von dir selbst nehme ich so gut wie keine Fragen wahr. Bist du nicht neugierig?“
Emmanline musste keine Sekunde darüber nachdenken, was sie sagen wollte. ?Das Wort Neugierde trifft es nicht im Mindesten“, antwortete sie und hielt den Blick stur nach vorne gerichtet, w?hrend sie den Weg zurück zum Schloss einschlug. ?Meine Vorgehensweise ist anders als die vieler anderer. Ich stelle lieber so wenige Fragen wie m?glich. Zu viele Informationen k?nnen dich schnell in riesige Schwierigkeiten bringen.“ Oder zu unz?hlbaren Toden. Ihre Schritte wurden fester, h?rter. Ein leichter kühler Wind kam ihr entgegen und brachte ihr wei?es Haar leicht durcheinander. ?Ich schlussfolgere lieber und ziehe meine eigenen Vermutungen. Bis jetzt bin ich damit ganz gut zurechtgekommen.“ Ein flüchtiger Hauch Bitterkeit wehte durch ihre Stimme. ?Au?erdem versuche ich, mich aus allem rauszuhalten. Ich versuche, so gut es geht… unsichtbar zu sein.“
?Scheint nicht sonderlich zu funktionieren.“ Seine Stimme klang amüsiert. Zu amüsiert und er schaffte es mühelos, mit ihrer schnellen Schrittfolge mitzuhalten.
Emmanline schnaubte leicht s?uerlich auf. ?Und wessen Schuld ist das?“ Am liebsten h?tte sie laut gest?hnt. Diese Drachen konnten einen wirklich zermürben. Doch sie musste sich etwas eingestehen. Etwas, womit sie selbst niemals gerechnet h?tte. Der Drache, der sie einst hierher verschleppt hatte, schien sich ver?ndert zu haben. Wenn auch nur minimal. Seit ihrer ersten Begegnung war etwas anders geworden. Er versuchte sogar gelegentlich, nett zu sein. Aiden war es von Anfang an gewesen… und nun dieser Drache hier, der ihr folgte... ebenfalls. Er sah bedrohlich aus, seine Ausstrahlung schickte normalerweise jedes normale Wesen in Deckung. Es war eine Aura, die einen eisigen Schauer über den Rücken jagte und instinktiv zum Verstecken dr?ngte. Doch w?hrend Emmanline mit ihm sprach, zeigte er ein anderes Verhalten. Vielleicht unterdrückte er den wahren Teil seines Wesens. Aber ihre Erfahrung mit Drachen sagte ihr, dass sie im Kern anders waren, als sie sich gaben. Tiefer. Komplexer. Erst hatte sie es nicht sehen wollen. Doch je l?nger sie hier war, desto bewusster wurde es ihr.
Aber was brachte es ihr? Alles war für die Katz gewesen. Emmanline war es leid hier zu sein. Leid, gefangen zu sein in diesem goldenen K?fig, der so tat, als w?re er ein Zuhause. Leid, von Dingen umgeben zu sein, die ein normales Leben vorgaukeln, obwohl alles nur Fassade war. Sie war es Leid, immer eine Gefangene sein zu müssen. Manchmal wünschte sie sich wirklich zurück in eine H?hle. Weg von all dem. Weg von dem schmerzhaften Sich-Gew?hnen-Müssen an etwas, das niemals ihres sein würde.
Mit einer abrupten Bewegung blieb Emmanline stehen. Vor ihr stand eine Frau. Nicht irgendeine Frau... eine atemberaubende Erscheinung. Wundersch?n war viel zu schwach.
Glattes, dunkelblaues Haar, so lang und gl?nzend, dass es fast den Boden streifte, floss wie flüssige Nacht über ihren Rücken. Ihre leicht gebr?unte Haut wirkte im Kontrast dazu noch w?rmer, umhüllt von einem schwarzen, seidigen Gewand, das bei jeder ihrer Bewegungen wie Schatten an ihr entlangglitt und ihren K?rper auf sinnliche Weise umschmeichelte. Doch es waren ihre Augen, die Emmanline den Atem raubten. Ein leuchtendes Violett, so intensiv, so unmissverst?ndlich drakonisch, als würde das uralte Wesen in ihrem Inneren direkt aus ihnen herausblicken. Majest?tisch, unnahbar und so durchdringend, dass Emmanline das Gefühl hatte, diese Frau k?nne mit einem einzigen Blick jedes Geheimnis aus ihr herausl?sen. Erst nach der Musterung wandte sie den Blick von ihr ab und richtete ihn auf den Mann neben ihr.
?Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte die fremde Frau oder eher ihre Augen fragten durchbohrend und bewertend.
?Mutter, du bist wieder zurück“, antwortete der Drache neben ihr ehrfurchtsvoll.
Mutter? Na gro?artig. Traf sie jetzt wirklich jedes einzelne Familienmitglied seines Drachenclans? Das Pochen hinter ihren Schl?fen wurde st?rker; alles hier fühlte sich erdrückend an.
?Was macht sie hier drau?en?“ Ihr Blick schnitt durch die Luft, als h?tte sie ein scharfes Messer gezogen. ?Hatten wir nicht ausführlich mit Lucien darüber gesprochen? Am Tag seiner Abreise?“
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Bevor Emmanline etwas sagen konnte, erklang eine andere Stimme. ?Das war meine Schuld, K?nigin Rhivanna.“ K?nigin? Aiden kam aus dem Nichts. Er kniete sich sofort vor sie hin, den Kopf tief gesenkt... eine Demutsgeste, von der Emmanline nicht wusste, ob sie imponiert oder Angst machte. ?Bitte verzeiht“, sagte er. ?Ich dachte nur, ein Spaziergang hin und wieder k?nnte ihr helfen. Damit sie sich nicht wie eine Gefangene fühlt.“ Einen Moment lang starrte Emmanline ihn an und Aiden schien es zu spüren. Er hob leicht den Kopf, sah sie an, mit einem Blick, der impulsiv und durchdringend war. Als h?tte er etwas gesehen, das sie selbst nicht verstand. ?Ich habe darauf geachtet, dass sie nichts erf?hrt“, fügte er hinzu. ?Nichts, was unserer Sicherheit schaden k?nnte.“
?Eigentlich sollte ich dich bestrafen“, erwiderte die K?nigin. Ihre Stimme war ein kalter Strom, der keinen Zweifel daran lie?, dass sie es ernst meinte. ?Du hast gegen Befehle versto?en und w?re jeder Krieger nicht kostbar in diesen Zeiten, h?tte ich meiner Wut l?ngst freien Lauf gelassen.“ Eine kurze Pause. ?Du wirst diese Aufgabe nicht l?nger übernehmen.“
Emmanline sah, wie Aiden kurz zusammenzuckte. Ein kaum sichtbares Entsetzen huschte über sein Gesicht, obwohl er den Blick wieder senkte, und sie h?tte schweigen sollen. Sie h?tte wirklich schweigen sollen, aber die H?lfte ihrer Elfe kam eindeutig zum Vorschein. ?Ich… finde das übertrieben“, h?rte sie sich sagen. Wieso? Warum überraschte sie sich selbst st?ndig? ?Aiden hat dafür gesorgt, dass keiner mir zu nahe kam. Ich konnte nichts über euch herausfinden. Ist das nicht genau das, was ihr wolltet?“
Stille. Eisige, t?dliche Stille. So viel dazu unsichtbar zu bleiben. Ihr innerer Kommentar hallte bitter in ihr wider. Sie stand mitten im Fokus und jeder Blick fühlte sich an wie ein Gewicht auf ihrer Brust. Und doch... die eigentliche Frage war: Warum setzte sie sich überhaupt für Aiden ein?
?Du solltest deinen Mund nicht aufmachen, Elfe.“ Die Stimme der K?nigin war scharf wie Frost. ?Du kannst von Glück reden, dass du noch lebst und nicht l?ngst in Stücke gerissen wurdest. Schon allein, weil du dich bei Culebra aufgehalten hast.“ Ihre violetten Augen verengten sich gef?hrlich. ?Nichts und niemand kann uns best?tigen, dass du keine Gefahr bist. Also gehen wir kein Risiko ein. Wir beseitigen jeden, der eine Bedrohung darstellt. Und ich verstehe immer noch nicht, warum Lucien dich nicht l?ngst eliminiert hat.“ Ihre Worte trafen Emmanline wie Peitschenhiebe. Nicht laut, nicht brutal ausgesprochen, aber mit einer K?lte, die im Mark brannte. ?Doch das k?nnen wir jetzt nicht mehr ?ndern.“ Ihre Stimme glitt wie ein kalter Dolch durch die Luft. ?Auch wenn du schuld an dieser ganzen Misere bist. Mein Sohn wird dank dir von den Engeln gefangen gehalten. Sie verlangen Vergeltung für das, was er getan hat. Gewiss... es w?re irgendwann so weit gekommen. Aber nicht jetzt. Aufgrund deiner Anwesenheit, deiner… t?richten Verstrickung, rei?en uns die Engel mit einem verbalen Schlag zurück. Und genau deshalb würden sich viele hier nur zu gern auf dich stürzen.“ Die K?nigin atmete tief, doch es war kein Atemzug der Beruhigung... eher ein Z?hnefletschen, das in den Lungen stattfand. ?Nichts von meinen Verhandlungen wirkt. Nichts. Es ist zum Scheitern verdammt. Und niemand wei?, wie lange wir noch haben.“ Mit jeder Silbe spürte Emmanline, wie der Boden unter ihr gefühlt immer dünner wurde, und dennoch hielt sie dem Blick der Drachin stand. Wider besseren Wissens. Wider ihrer Instinkte. Wider all dem, was sie schützen sollte.
?Warum erz?hlt Ihr mir das alles?“, fragte Emmanline schlie?lich. Ihre Stimme war glatt wie Eis. ?Ihr h?ttet mich l?ngst eliminieren k?nnen. Das tut ihr doch so gern.“ Etwas in ihr platzte und mit diesem Riss drang Wut nach oben. Alte Wut. Tiefe Wut. Silbrige Funken tanzten in ihren Augen. ?Aber seien wir realistisch“, fuhr sie fort. ?Euer Sohn h?tte mich erst gar nicht gefangen nehmen dürfen. Ich mag diesen Rubin gestohlen haben, aber ohne mein Wissen.“ Sie zuckte mit den Schultern, als bedeutete es nichts, obwohl es sie innerlich auffra?.
Die K?nigin lachte. Ein Ger?usch, das mehr an zerrei?endes Metall erinnerte als an Heiterkeit. ?Wie naiv du bist. Glaubst du, jemand will deine Ausreden h?ren?“
?Nein“, schmetterte Emmanline zurück. ?Und das ist mir auch vollkommen egal.“ Die Luft vibrierte. Die Krieger ringsum hielten unmerklich den Atem an. Aiden spannte sich neben ihr. Der Drache, der sie herbegleitet hatte, trat kaum sichtbar n?her, als wolle er dazwischengehen... oder es zumindest versuchen.
?Du scheinst darauf aus zu sein, dass man dir an die Kehle geht“, spie die K?nigin. ?Mir ist es gleich, was dich angeblich dazu verleitet hat. Aber du wirst noch dafür bü?en. Daran werde ich dich erinnern. Die Frage ist nur… ob meine Mühe es wert sein wird?“
Emmanline hob das Kinn. Ihr Herz raste, aber ihre Stimme schnitt wie Eissplitter. ?Wisst Ihr…“ die silbrige Glut in ihren Augen flammte heller. ?Ich muss mir weder euer Geschw?tz noch eure Drohungen anh?ren. Tut, was ihr wollt. Es ist mir egal. Von mir aus k?nnt ihr untergehen. Mir sollte es vielleicht recht se...“ Der Schlag kam so schnell, dass Emmanline ihn nur als pl?tzlichen, stechenden Schmerz wahrnahm. Ein peitschendes Ger?usch, ein glei?ender Blitz über ihrer Haut und dann verlor der Boden unter ihren Fü?en den Halt. Sie w?re hart aufgeschlagen, h?tte Aiden sie nicht im letzten Moment aufgefangen. Sein Arm schlang sich schützend um ihre Taille, seine andere Hand stützte ihren Rücken, w?hrend seine Kehle ein gef?hrliches, tiefes Grollen formte.
?Meine K?nigin…“ sagte Aiden heiser und stand gleichzeitig kurz davor, selbst die Beherrschung zu verlieren.
Emmanlines Wange verbrannte, als h?tte jemand Feuer darauf gelegt. Die Augen der Drachin, violett und kalt, funkelten wie Drachenschuppen im Mondlicht. ?Du kleines Miststück. Der n?chste Satz, Elfe...“, sagte sie leise, ihre Stimme war ein einziges, bebendes Donnern. ?... w?re dein Todesurteil gewesen.“ Jetzt hatte Emmanline es endgültig getan. Sie hatte den Zorn der Drachenk?nigin selbst auf sich gezogen. In ihren Augen loderte ein Inferno, so hei? und gewaltig, dass die Luft zwischen ihnen flimmerte. Wut... reine, ungefilterte und uralte Drachenwut fra? sich durch ihre Pupillen wie Feuerglut. ?Deine eigene Dummheit wird dir wirklich einen Tag dein Leben kosten. Dafür sorge ich. Du wei?t überhaupt nicht, wo du dich befindest oder mit wem du dich anlegst. Du beschw?rst den Zorn meines gesamten Volkes auf dich. Und glaube mir, Elfe... im Vergleich dazu ist das, was du bisher erlebten hast, nichts weiter als ein laues Lüftchen. Ich frage mich mittlerweile, ob du ihre Wut absichtlich provozierst.“ Das Knurren in ihrer Kehle war von t?dlicher Natur.
Doch bevor sich die K?nigin auf sie stürzen konnte, trat ihr Sohn mit einem einzelnen Schritt vor... ein Schritt, der eine unsichtbare Barriere zwischen Mutter und Gefangenen errichtete. "Murmeln." Seine Stimme war knapp, kontrolliert, aber geschnitten fest. ?Es reicht jetzt.“
Die K?nigin funkelte ihn an, als h?tte er sie pers?nlich beleidigt. Aber sie hielt inne... nur einen Herzschlag lang, aber lang genug. Emmanline war jedoch l?ngst über den Punkt hinaus, an dem sie sich zurücknehmen konnte. Innerlich kochte sie vor eiskalter Wut. Der Schlag. Die Drohungen. Die st?ndige Erniedrigung. Alles in ihrem schrei danach, sich zu wehren, wegzulaufen... etwas zu tun, nur nicht mehr stillstehen.
Emmanline rei?t sich abrupt von Aidens Griff ab. Seine Finger schnitten kurz durch die Luft, als wollte sie sie zurückhalten... doch sie entzog sich ihm vollst?ndig.
?Emman...“, setzte Aiden an.
?Bring mich zurück.“ Ihre Stimme war scharf wie eine Klinge und lie? keinen Raum für Widerwort, w?hrend sie sich umdrehte und fortging.

