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13. Lucien

  ?Och, nun sei doch nicht gleich wieder abweisend und griesgr?mig zu mir. Immerhin hatten wir uns eine lange Zeit nicht mehr gesehen“ , wirkte ihre Stimme gekr?nkt, aber er h?rte diese spielerische Art heraus. Ruby spielte gerne mit ihren verführerischen Reizen und auch kaum das sie ihm geantwortet hatte, gesellte sich ein feuerroter Drache neben ihn. Sie waren kleiner und ihre Augen strahlten einen Rubinrot aus, woher sie ihren eigentlichen Namen besa?. Rubina De la Cruise und doch nannten sie alle Ruby, weil sie es so wollte. Sie war eine weitere Schwester von ihm und das ausgerechnet heute so viele Geschwister von ihm aufsuchten, war wirklich zu viel an einem Tag.

  ?Trotzdem besteht die Frage, was du heute hier willst?“ , überging Lucien ihre spielerische Kunst und wollte eine Antwort auf seine erste Frage. Dabei schaute Lucien auf und konnte seinen Berg in der weiten Ferne sehen. Er war zu Hause und sein Herz schlug gleich viel schneller dabei. Er freute sich sogar ein wenig und er konnte nicht einmal genau sagen, warum. Lag es daran, weil er gleich mit dieser Elfe spielen konnte? Ja, er gierte darauf, aber das er sich gleich darüber freute? Diesmal würde er nichts zwischen sie kommen lassen. Komme, was da wolle.

  ?Nun sei mal wirklich nicht zu mürrisch, Brüderchen“ , kicherte Ruby leise in seinen Gedanken und er konnte nur mit seinen Augen rollen. Seine kleine Schwester hatte sich definitiv nicht ver?ndert. ?Ich habe etwas Interessantes herausgefunden. Was du ja unbedingt wissen wolltest, oder hast du es schon vergessen?“ , knurrte Ruby leise durch die n?chtliche Luft und er spürte ihre angespannte Gereiztheit. ?Ich kann meine Zeit auch sehr gerne sinnvoller nutzen, wenn du mich nicht brauchst.“

  ?Ist ja gut, ich habe es verstanden und ich nehme es zurück. Also, was hast du herausgefunden? Ist etwas an der Sache dran, das die dunklen Fae...“ , was ein verwandter Name für die Feen bedeutete. ?...Intrigen gegen die Nymphen und den hellen Fae planen? Es sollte vielleicht nur Gerüchte sein, aber wir k?nnen es als einen Kunstvorteil betrachten. Wenn sie sich wirklich bekriegen und es bricht einen Krieg aus, würden die Nymphen mit Sicherheit einen niederschmetternden Verlust hinnehmen müssen. Auch die hellen Fae, was für die Dunklen ein gro?er Gewinn w?re. Sie wollen ihr Reich besitzen“ , ging Lucien jedes einzelne Szenario durch seinen Kopf. Die dunklen Fae waren machthungrig, boshaft und trickreich, w?hrend die hellen Fae als wohlwollend und liebenswürdig betrachtet wurden. Aber selbst sie sollte niemand untersch?tzen. Doch das die dunklen Fae ihre Intrigen unter anderen V?lkern schmiedete, war nicht wirklich etwas Neues und doch taten sie es mit einer Gerissenheit, das ihren Ruf unverkennbar machte. Sa? dieses boshafte Volk einmal im Nacken, dann waren sie wie winzig kleine Blutegel, die nicht so schnell locker lie?en. Deshalb war es auch unglaublich schwer, sie im Auge zu behalten und ihnen stetig zu folgen. Viele V?lker verloren sie aus ihrem Visier und das konnte einen Untergang bedeuten.

  ?Und ob sie etwas planen. Nur sind die Nymphen und die hellen Fae nicht ihre einzigen Opfer“ , redete Ruby in einem Ton, als würde sie über das Wetter reden. Kein Wunder, dass sie sich diese Art angeeignet hatte, denn Ruby war eine zerrissene Spionin und niemand konnte ihre Position, in der sie sich offensichtlich fühlte. Lucien hatte es einmal aus Zufall herausgefunden und schwieg über ihre Stellung, nutzte sie aber als seine Informationsquelle. Ruby konnte sich unbemerkt untermischen, ohne dass es jemand bemerkte, und fand es jemanden heraus, war es schon oft zu sp?t. Doch letzten Endes hatte seine Schwester sich antrainiert, ihr eigenes Herz davor zu verschlie?en, gerade weil sie sich selbst schützen musste. Vermehrt machte Lucien sich Sorgen um sie, aber sie bewies ihn immer wieder gegenüber, wie gut sie in ihrem Job war. Seine kleine Schwester war eine hinterlistige Frau, die alle exzellent t?uschen konnte, aber tief in sich drinnen, beschützte sie jeden, den sie liebte. Sie war ganz und gar ein würdiger Drache, die ihrem Volk alle Ehre machte. Seinen Stolz besa? Ruby.

  ?Wie meinst du das?“ , schwang Neugierde in seiner gedanklichen Stimme mit.

  ?Sie planen auch andere V?lker in ihre hinterlistigen Spiele hineinzuziehen. Nur der Trick dabei ist, dass sie dafür nicht einmal ihre eigenen H?nde schmutzig machen müssen“, war ihre Stimme hart geworden. Eine gef?hrliche J?gerin, die ihr von Natur aus gegeben wurde. ?Die dunklen Fae s?en die Samen der Zwietracht. Dies soll ihre eigentliche Strategie sein. Sehen wir es so, stochere mal mit einem Stock in einem Nest mit Hornissen und dann gleich noch in mehrere, dann wirst du schmerzhaft merken, was für ein gigantisches Ausma? das haben k?nnte.“

  ?Einen verdammten explosiven Krieg“, fluchte Lucien und hatte ihren Gedanken zu Ende gebracht. Sollte das geschehen, würde es eine katastrophale Auswirkung haben und viele andere V?lker würden mit hineingezogen werden. Vor allem die, die am schw?chsten in der Mythenwelt waren. Selbst sein Volk würde davon nicht verschont bleiben.

  ?Sie werden bei den Aggressivsten anfangen. Wobei sie es schon l?ngst getan haben. Der Beginn sind die Lykae und die D?monen. Sie sind Todfeinde“, was kein Geheimnis war, als Ruby weiter berichtete. Das würde eine absolute Katastrophe werden. Dadurch würde das Gleichgewicht in der Mythenwelt einen gr??eren Schaden nehmen, als es sich vielleicht anh?rte.

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  ?Ich habe geh?rt, dass dieser Krieg schon seit einiger Zeit tobt. Ist es nicht so, dass der K?nig der Lykae, Ragnar, vor Jahren in den Kampf gegen die D?monen zog?“, warf Lucien ein. Die D?monen hatten das Land der Lykae verwüstet, und Ragnar wollte Vergeltung üben für all das, was sie verloren hatten. Seither sa? sein jüngerer Bruder Aegir als Regent auf dem Thron, bis Ragnar zurückkehren würde. Falls er noch am Leben war. Es kursierten viele Gerüchte über sein Schicksal.

  ?Da liegst du richtig. Aegir regiert vorübergehend, doch viele sehen darin eine Einladung zur Schw?che. Niemand macht ein Geheimnis daraus, wie sehr sie die Lykae vernichten wollen. Aegir muss sich behaupten, doch seine Feinde lauern überall“, Ruby segelte in einem Gleitflug neben ihm und sah Lucien ernst an. ?Und hier kommen die dunklen Fae ins Spiel. Seit Jahrzehnten s?en sie Zwietracht zwischen den D?monen und den Lykae. Sie treiben beide Seiten in einen blutigen Konflikt, damit sie sich gegenseitig ausl?schen. Und das Schlimmste? Niemand merkt es, wenn man nicht genau hinsieht. Erinnerst du dich an den Krieg zwischen den Elfen und Nymphen vor fast dreihundert Jahren? Auch damals waren es die dunklen Fae, die im Verborgenen die F?den zogen. Sie hetzten beide V?lker aufeinander. Die Elfen, stolz und traditionsbewusst, empfanden die Nymphen schon immer als Makel und als ein l?stiges Missverst?ndnis, weil sie oft miteinander verwechselt wurden. Die Nymphen wiederum scherten sich nicht um Ehre oder Anstand, sondern folgten ihren eigenen, hemmungslosen Trieben. Sie waren bekannt für ihre sexuelle Ader, fast so schlimm wie die Sukkubi“, verzog Sie angewidert das Gesicht.

  Lucien nickte knapp. Jeder wusste, dass Sukkubi Lebenskraft durch Verführung und Ekstase raubten. Sterbliche würden eine einzige Nacht mit ihnen nicht überleben. Unsterbliche hingegen konnten sich regenerieren, doch der Hunger dieser Kreaturen war uners?ttlich.

  ?Nach dem Krieg mischten sich die dunklen Fae erneut ein. Sie unterstützten die Nymphen und sorgten dafür, dass die Elfen den Krieg verloren. Was von ihnen übrig blieb, verschwand spurlos von der Bildfl?che. Niemand wei?, wo sie heute sind und die Nymphen konnten sich beruhigt von dem Krieg erholen. Und jetzt?“, machte Ruby einen Satz nach oben, weil sie eine leichte Windb?e nahm. ?Jetzt sind die Lykae und die D?monen an der Reihe. Bald wird von beiden nicht viel übrig sein. Und dann... dann kommen sie vielleicht zu uns.“

  Luciens Drachenk?rper verspannte sich. ?Zu uns Drachen.“

  Ruby nickte langsam. ?Genau.“

  Luciens Gedanken rasten und er ging alles durch, ebenso was er aus dieser komplizierten Lage machte. Ruby hatte damit Recht, irgendwann würde es das Volk der Drachen erreichen und wenn sie es still hinnehmen würden... Sie würden in diese Machtspiele mit hineingesponnen werden und dazu hatte er keine Lust, weil ihre Sicherheit oberste Priorit?t besa?.

  Gerade landete Lucien sicher vor dem Eingang seiner H?hle, seine Schwester direkt neben ihm. Die gewaltige Gr??e ihrer Drachenformen zeichnete sich in der Dunkelheit ab.

  ?Kannst du sie weiterhin im Auge behalten?“ Seine goldenen Drachenaugen funkelten, als er auf Ruby herabblickte. ?Ich habe das starke Gefühl, dass wir nicht verschont bleiben. Wir haben ohnehin schon genug Feinde“ , ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Brust, w?hrend er durch die N?chte schnaubte.

  ?Natürlich werde ich sie beobachten“ , erwiderte Ruby und legte nachdenklich ihren Drachenkopf schief. ?Aber wir k?nnten das Ganze auch als Vorteil nutzen. Wenn wir die Lykae vorwarnen, st?rkt das vielleicht unser Ansehen. Drachen gelten nicht gerade als kooperativ, doch es w?re klug, sich m?gliche Verbündete zu sichern, falls wir sie eines Tages dringend brauchen. Wir m?gen stark sein, aber wir k?nnen nicht gegen mehrere V?lker gleichzeitig k?mpfen. Sie würden uns überrollen, sollte es hart auf hart kommen.“

  Lucien h?rte ihr schweigend zu. Ihre Worte hatten Gewicht. Es w?re eine überlegung wert, den Vorschlag beim n?chsten Treffen mit seiner Mutter und dem Rat vorzubringen. Manche Entscheidungen konnten er eigenst?ndig treffen, doch nicht diese.

  ?Ich muss nur noch ein paar genauere Informationen einholen, bevor wir handeln, aber ich werde...“ , Rubys Stimme erstarrte abrupt.

  Lucien bemerkte ihren fragenden Blick auf sich gerichtet. Sie hatte seine Unruhe bemerkt.

  Irgendetwas stimmte nicht.

  Mit einem lautlosen Ruck verwandelte sich Lucien zurück in seine menschliche Gestalt. Die kalte Nachtluft biss auf seine nackte erhitzte Haut, doch er achtete nicht darauf. Sein Blick war starr auf den dunklen H?hleneingang gerichtet.

  ?H?rst du das, Ruby?“, fragte er leise, die Stirn in Falten gelegt.

  Seine Schwester trat neben ihm, ihre Gestalt wandelte sich ebenfalls. Eine hochgewachsene, schlanke Frau mit flammend rotem Haar steht nun dort, ihre rubinroten Augen glühten in der Dunkelheit. Ihre eleganten Gesichtszüge waren von faszinierender Sch?nheit, doch in ihrem Blick lauerte stets eine Spur Tücke. Trotz ihrer dreihundert Jahre galt sie als jung, aber niemand konnte ihre Talente leugnen.

  Ruby lauscht in der Stille. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf. ?Ich h?re nichts.“ Sie schnupperte sogar geprüft in der Luft. ?Kein Geruch, keine Anzeichen von Leben in deiner H?hle. Nur die üblichen Waldbewohner.“

  Doch genau das war es, was Lucien Stützig gemacht hat. Dieses absolute Nichts .

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