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21. Emmanline

  ?Wach auf“ , sprach eine dringliche Stimme aus der Ferne und hallte in ihrem Kopf weiter.

  Langsam l?ste sich der vernebelte Schleier aus Emmanlines Verstand. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie sich nicht bewegen konnte. Nicht sofort. Wann immer sie aus einem unerkl?rlichen Zustand erwachte, gebot ihr überlebensinstinkt, stillzuhalten. Auch jetzt spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Etwas war anders und fehl am Platz. Au?erdem behielt sie ihren Atem reglos und kontrolliert, lie? ihn im Rhythmus des Schlafes flie?en.

  Sie war nicht allein.

  Die m?chtige Pr?senz des Drachen lag schwer in der Luft, unausweichlich wie ein Sturm. Sein Duft roch wie ein stürmischer Herbsttag, erdig und best?ndig. Es umhüllte sie vollst?ndig. Eine beruhigende Vertrautheit, die sie sich kaum eingestanden hat und doch mochte sie diesen Geruch … vielleicht zu sehr.

  Pl?tzlich eine Berührung, sanft wie ein Hauch, strich über ihre Wange. Es kostete Emmanline all ihre Konzentration, nicht zusammenzucken oder ihr Herz zu erlauben, aus dem Takt zu geraten. Wie ein Flügelschlag eines Schmetterlings auf ihrer Haut rauschte das Gefühl durch ihren K?rper. Also behutsam, als würde befürchtet, sie k?nnte unter seiner Berührung zerbrechen. Warum berührte er sie auf diese z?rtliche Weise? Es folgte ein ersticktes Seufzen, das dumpf und geradezu schmerzlich klang. Dann bewegte sich der Untergrund unter ihr, und die Pr?senz des Drachen wich langsam zurück. Ein leises Klicken ert?nte und durchbrach die Stille. Mit einem Mal war die bedrohliche Ausstrahlung aus dem Raum verschwunden.

  Sofort riss Emmanline die Augen auf. Ihr Atem geht in hastigen, flachen Zügen, w?hrend sie sich ruckartig aufsetzt. Eine Hand legte sich gegen ihre Brust, als sie ihr rasendes Herz beruhigen wollte. War … war gerade passiert? Sie wussten nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Doch jetzt, in diesem Moment, wurde ihr mit schneidender Klarheit bewusst, dass etwas nicht stimmte. Wo warst du? Ein ungebetenes Gefühl legte sich wie ein k?lterer Schatten auf ihr Gemüt.

  Was war das Letzte, woran sie sich erinnern konnte? Angestrengt presste Emmanline beide H?nde an die Schl?fen, als k?nnte sie die Gedanken aus ihrem Kopf ziehen. Ihr Blick wurde starr, so sehr konzentrierte sie sich. Dann wie ein greller Blitz durchzuckten sie die Erinnerungen. Natürlich. Sie hatte sich geweigert, ihn zu begleiten. Mit jeder Faser hatte sie sich gestr?ubt. Er hatte nicht in seiner H?hle bleiben wollen. Nein, er hatte sie mitnehmen wollen, fort, an einen anderen Ort. Drachen waren Wesen der Lüfte, geborene Flieger. Seine einzige M?glichkeit, sie zu transportieren, war in die Luft zu steigen. Panik war in ihr aufgestiegen und hatte Besitz von ihr ergriffen. Alte Erinnerungen waren wach geworden. Erinnerungen, die Emmanline tief vergraben hatte und an die sie nie wieder hatte denken wollen. Sie hatte sich gewehrt, verzweifelt und voller Angst. Und doch … am Ende hatte er sie überw?ltigt. Er musste sie in einen Schlafzustand versetzt haben, um sie gefügig zu machen. Eine Welle hei?er Wut stieg in ihr auf. Was war das nur? Würde sie ihr ganzes Leben, von einem Ort zum anderen geschleift? Ohne ihren eigenen Willen?

  Dieser … Drache.

  So schnell, wie die Wut in ihr aufstieg, so rasch verebbte sie auch wieder. Nichtsdestotrotz war ihr klar, er hatte ihren Schlaf aufgehoben. Unter ihr spürte sie pl?tzlich bewusst den weichen Untergrund. Langsam begann Emmanline, ihr Umfeld wahrzunehmen. Sie lag erneut in einem fremden, riesigen Bett. Ein Blick reichte, um zu erkennen, dass sie sich nicht mehr in seiner H?hle befand. Dieser Raum hier war gebaut worden. Als sie den Blick durch den Raum schweifen lie?, fiel ihr auf, dass hier nur selten jemand war. Alles wirkte verlassen, fast unberührt. Das riesige Bett, in dem locker vier erwachsene Personen Platz gefunden h?tten, war in eine Wandnische eingelassen. Vor ihr befanden sich zwei Türen, eine direkt gegenüber und eine weitere links an der Wand. Abgesehen von einem schlichten Tisch mit zwei Stühlen und einer Kommode war der Raum sp?rlich eingerichtet. Keine Dekoration, keine pers?nlichen Gegenst?nde, nichts, was W?rme oder Leben ausstrahlte. Rechts von ihr zog ein gro?es Fenster die Aufmerksamkeit auf sich, das fast die halbe Frontwand einnahm. Davor befand sich eine tiefe Fensternische, die einladend wirkte, als w?re sie gemacht, um sich dort niederzulassen und einfach nach drau?en zu blicken. Das helle Tageslicht flutete das Zimmer und tauchte es in freundlichen Schein, doch Emmanline fühlte nur Beklemmung. Ihr Blick glitt nach drau?en, wo sich der endlose blaue Himmel spannte. Ihre Stirn legte sich in Falten, als sie angestrengt nachdachte. Und dann, pl?tzlich, weiteten sich ihre Augen. Für einen einzigen, schmerzhaft langen Herzschlag stand ihr Herz still.

  ?Oh nein“, keuchte sie leise, schockiert. Mit einem Ruck war sie auf den Beinen, warf die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Ihre Fü?e berührten kaum den Boden, als sie zum Fenster stürmte. Der Anblick, der sich ihr bot, raubte ihr erneut den Atem. Emmanline wusste sofort, wo sie war. Hoch oben. Unfassbar hoch. Ihr Blick senkte sich in schwindelerregende Tiefe. Doch die H?he war nicht das, was ihr den kalten Schauer über den Rücken jagte. Es war das, was sich dort unten und um sie herum bewegte.

  Drachen.

  Sie waren überall. In der Luft, majest?tisch kreisend, oder auf dem Boden, wo ihre gewaltigen K?rper sich aneinanderdr?ngten. Ihre Flügel gl?nzten im Sonnenlicht, ihre Schuppen funkelten in allen Farben, und aus der Ferne h?rte Emmanline ihr tiefes, vibrierendes Brummen. Sie war im Hauptzentrum der Drachen gelandet. In ihrem Herzstück. Wie … wie sollte sie hier jemals unbemerkt entkommen? Wenn sie auch nur einen falschen Schritt machte, würden sie sie in Sekunden stellen. Sie würde es nicht überleben. Sie konnte es nicht schaffen. Und trotzdem… Tief in ihrem Inneren formte sich eine entschlossene Flamme. Sie musste es versuchen. Sie durfte keinen Weg unversucht lassen. Hier konnte und wollte Emmanline definitiv nicht bleiben.

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  Emmanlines feine Elfenohren zuckten. Ein Ger?usch und rasch flog ihr Blick zur Quelle. Hinter einer der beiden Türen h?rte sie das leise Rauschen von Wasser. Ihr Herz machte einen Sprung. Der Drache, er musste sich dorthin zurückgezogen haben. Ohne nachzudenken, bewegte sie sich. Wie ein Schatten glitt sie zur anderen Tür, legte vorsichtig die Hand auf den Griff und ?ffnete sie lautlos. Dahinter führte ein Flur ins Ungewisse. Sie sp?hte vorsichtig hinaus, erst nach links und dann nach rechts. Niemand. Kein Laut und keine Bewegung. Emmanline schlüpfte hinaus, barfu?, ihre Schritte so leise, dass selbst ihr eigenes Geh?r sie kaum wahrnahm. Sie zwang sich, nicht zu rennen. Sie wusste genau, wenn sie jetzt in panische Hektik verfiel, würde sie sich nur schneller verraten. Also ging sie mit gespannten Sinnen voran, jeden Muskel unter Kontrolle, jede Faser ihres K?rpers auf Alarm gestellt. Rechts von ihr zog sich eine weite Fensterfront entlang, durch die die Sonne strahlend hereinschien, das Licht funkelte wie flüssiges Gold auf den B?den. Links nur eine lange, steinerne Mauer, immer wieder unterbrochen von Türen, die zu anderen R?umen führten. Emmanline betete stumm, dass niemand pl?tzlich aus einem dieser R?ume trat, dass niemand sie bemerkte. Ihre Augen huschten unabl?ssig umher, ihr Atem blieb flach. Jeder Schritt, jedes Ger?usch und jede Bewegung konnte ihr Schicksal besiegeln. Und doch, sie war unterwegs und sie bewegte sich. Solange sie das tat, bestand Hoffnung. Selbst wenn es nur der kleinste Funke war.

  Bei einer Abzweigung, die geradeaus und nach links führte, vernahm Emmanline leise Stimmen. Mit rasendem Herzschlag blieb sie abrupt stehen und sah sich hastig um. Es gab keine M?glichkeit, sich zu verstecken, doch die Stimmen n?herten sich nicht. Kein Schatten, kein Vorsprung und kein Versteck. Nur kalte, nackte W?nde. Wie lange würde das so bleiben? Ihr Blick wanderte geradeaus. Wenn sie diesen Weg nahm, würde sie unweigerlich entdeckt werden. Den ganzen Weg zurück? Vielleicht war der Drache schon hinter ihr und sie würde ihm direkt in die Arme laufen. Eventuell h?tte sie Glück, wenn sie es riskierte. Aber woher wusste sie, dass die andere Richtung sicherer war? Nichts hier war sicher. Absolut nichts.

  Vorsichtig beugte sich Emmanline vor und sp?hte um die Ecke. Wie erwartet, zwei gro?e junge M?nner mit schmaler Gestalt, fast wie Spiegelbilder, standen dort. Sie unterhielten sich mit einer blondhaarigen Frau, die vor Muskelkraft nur so strotzte. Gegen sie h?tte Emmanline keine Chance. Noch weniger, als sich gerade zwei weitere m?nnliche Gestalten dazugesellten. Krieger, das war auf den ersten Blick zu erkennen. Was sollte sie tun? Warten, bis sie verschwanden? Aber wie lange würde das dauern? Diese Zeit hatte sie nicht. Und wenn sie in der Zwischenzeit entdeckt wurde? Vielleicht verstecken und in der Nacht noch einmal versuchen? Nein, dies war ein idiotischer Gedanke. Drachen waren gute J?ger, auch im Dunkeln. Das w?re das Dümmste, was sie tun konnte. Nein, sie brauchte einen Ausweg, und zwar schnell.

  Pl?tzlich spürte Emmanline einen kalten Luftzug in ihrem Nacken und ihre silbrigen Augen rissen erschrocken auf. Das Erste, was sie sah, waren glühende, goldene Augen. In ihnen brannte ein Feuer, doch es war ein kaltes, gnadenloses Feuer. Im ersten Moment dachte sie, er w?re es, doch sie irrte sich gewaltig. Langsam musste sie den Kopf in den Nacken legen, um dem fremden Mann ins Gesicht zu blicken, der wie eine unüberwindbare Wand vor ihr stand. Seine ganze Ausstrahlung war durchtr?nkt vom Schatten des Todes, so intensiv, dass ihr vor Panik die Luft wegblieb. Ein Teil ihres Verstandes schrie: Renn! Renn, als w?re der Teufel hinter dir her! Ein anderer flüsterte: Mach keine hastigen Bewegungen. Kein Fehler jetzt. Aber die Angst war zu stark. Ihr Instinkt übernahm und sie musste fliehen. Sofort. Wieso, bei allen G?ttern, hatte sie ihn nicht bemerkt?

  Ein hektischer Sprung zur Seite und Emmanline rannte, dem Instinkt folgend, so schnell sie konnte. Beine in die Hand nehmen. Weg hier. Jetzt! Aber das war unm?glich. Im ersten Atemzug verstand Emmanline nicht, was geschah. Erst, als sie mit einem harten Schlag auf den steinernen Boden prallte, wurde ihr klar, dass sie nicht entkommen konnte. Schmerz schoss durch ihren Rücken, als ihr der Atem aus der Lunge gedrückt wurde. Vergeblich schnappte sie nach Luft, doch sie bekam keine. Nicht nur wegen des Aufpralls. Er hatte sie am Hals gepackt. Hart und unerbittlich. Ohne Mühe schleuderte er sie zu Boden und drückte sie dort fest. Sein Griff um ihren Hals wurde noch fester, die Welt um Emmanline begann zu flimmern. Deine H?nde klammerten sich an sein Handgelenk, zerrten verzweifelt an den st?hlernen Fingern, die sich wie eiserne Fesseln um ihren Hals schlossen. Er sa? halb auf ihr, nur mit einem Teil seines Gewichts. Es reichte v?llig aus, um sie zu l?hmen.

  ?Wer bist du, und was suchst du hier?“ Seine Stimme war t?dlich, so scharf wie die Klinge eines Schwertes und so kalt, dass sie wie Frost über ihre Haut schnitt. Emmanline spürte es f?rmlich, als ob dieser kalte Klang durch ihre Knochen kroch, als wollte er sie von innen heraus gefrieren lassen. Dieser Mann war der Tod. Er strahlte ihn nicht nur aus, er war der Tod pers?nlich.

  Auch wenn ihre Sicht bereits verschwamm, konnte Emmanline dennoch die gnadenlose Kaltblütigkeit in seinen goldglühenden Augen erkennen. Kein Funken Erbarmen. Kein Z?gern. Dieser Drache k?nnte ihr jetzt, in diesem Moment, mühelos das Leben nehmen. Einfach in dem er den Druck um ihre Kehle noch ein wenig verst?rkte und sie wusste, für ihn war sie der Eindringling. Eine Bedrohung. Eine Gefahr in seinem Reich. Emmanline wollte ihm antworten, wollte etwas sagen und erkl?ren, doch er lie? ihr keine Chance. Keine Luft und keine Worte. Ihre Augen schlossen sich halb, das Licht begann am Rand zu flackern. Ihr Herz schl?gt schw?cher und unregelm??iger. Sie spürte es deutlich, das Leben was aus ihr. Alles in ihr schmerzte, verbrannte und pulsierte. Doch je n?her sie der Bewusstlosigkeit kam, desto schw?cher wurde auch dieser Schmerz. Deine Finger, die sich noch immer um sein Handgelenk gekrallt hatten, verloren ihre Kraft. Langsam, ganz langsam l?sten sie sich, bis ihre Arme schlaff zu Boden sanken.

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