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17. Emmanline

  Ihr K?rper fühlte sich wie Blei an und alles in ihr schmerzte. Ein Nachhall der durch sie hindurchstr?mte, aber Emmanline konnte leichter aufatmen. Noch viel ist es ihr schwer, ihre Augen zu ?ffnen, w?hrend sie langsam ihr Bewusstsein wieder erlangte. Emmanline konnte sich noch kaum an etwas erinnern, au?er an diesen immensen Schmerz und dieser eisigen K?lte. Doch für einen Augenblick hatte sie gedacht, der Drache würde sie in ihren Armen halten und sie liebevoll behandeln. Er würde sie mit sanften Augen betrachten, worin Sorge und Hilflosigkeit stehen. Sie wussten, alles war nur ein Traum oder ein Trugbild ihrer selbst, weil ihr Verstand einen Streich spielte und somit von ihrer Qual ablenken wollte. Was unglaublich für sie war, sie hatte es sich gestattet, diese unwirkliche Berührung hinzugeben. Seine Hand war in ihrer Fantasie warm und wohltuend gewesen, w?hrend er versuchte, ihre Linderung zu bescheren. Seine Haltung hatte nicht mehr bedrohlich gewirkt, sondern eine beschützende Wirkung, als würde er niemand in ihre N?he lassen wollen. Dazu seine beruhigende Stimme, der tiefe und heisere Klang. Dieser Drache versprach ihr, alles würde gut werden und er w?re bei ihr sowie er ihr gerne die Schmerzen würde. Ebenso wie z?rtlich er sie in seinen Armen hielt, war das komplette Gegenteil und da es ohnehin nur ein Traum war, weil ihr Gehirn etwas vorgaukelte, hatte sie ihm alles geglaubt. Nur für einen kurzen Augenblick konnte Emmanline diesen schrecklichen Schmerz entkommen, je l?nger sie in seinen intensiven goldenen Augen blickte. Danach traf sie eine Welle aus Schmerz und sie verlor das Bewusstsein, woraufhin sie sich gesehnt hatte.

  Als Emmanline langsam bemerkte, wie ihr Bewusstsein sich an die Oberfl?che drückte und der Schleier des Nebels in ihrem Kopf aufleuchtete, registrierte sie nach und nach mehr. Es kostete sie viel Mühe, weil ihr K?rper sich unglaublich schwer anfühlte, sodass sie eine Regung in ihren Gliedern bekam. Ihr Zittern war, den G?ttern sei Dank, verschwunden und konnte sich auf ihr ?u?eres Umfeld konzentrieren. Nacheinander erlangte sie ihre Sinne zurück. Je n?her sie ihrer Aufwachphase kam, umso ungew?hnlicher wurde es. Nicht nur das Emmanline eine extreme Hitze unter sich verspürte, was auf sie beruhigend wirkte. Sie kostete diese W?rme sogar noch für einen Moment des Genusses aus, bevor das N?chste auf sie einprasselte.

  Ihr Untergrund fühlte sich hart an und doch ging davon eine Sanftheit aus, wovon die W?rme ausstrahlte. Sie waren neugierig, aber rümpfte ihre Nase dabei, weil ein ekliger Geruch davon ausging. Es lie? ihren Magen leicht umdrehen und weil sie die Quelle dieses übels erfahren wollte, ?ffnete Emmanline langsam ihre Augen. Es kostete sie einige Anstrengungen und war dankbar dafür, dass ihr Umfeld nicht grell in ihren Augen erstrahlte. Es war sanft und dezent.

  Pl?tzlich regte sich etwas unter Emmanline und genau das war etwas, was sie irritierte. Ihr Herz flatterte in einem schnellen Tempo und mit einem Ruck riss sie ihre Augen v?llig auf. Ihr Atem stockte vor Panik, weil ihre Gedanken rasten und sie nicht wusste, wo sie sich befand. Leicht betastete sie ihren Untergrund und es durchfuhr sie wie ein elektrischer Schlag. Schlagartig versteifte sie sich bei diesem Gefühl und z?gerte leicht, als sie einen Blick nach oben riskierte. Emmanline lag auf einen K?rper, das lie? keine Zweifel zu und dazu diese stahlharten Muskeln, die in eine weiche Haut verpackt waren.

  Ein tiefes Knurren vibrierte durch die Luft und Emmanline sah in goldglühende Augen, die intensiv dreinschauten. Es war er und wie er sie anschauten. Ihre Augen wurden schmerzhaft gr??er und sie wollte aufspringen, aber dieser Drache verhinderte es gekonnt. Mit einem entsetzten Laut kam sie auf seiner harten Brust wieder auf und presste ihre Luft aus ihren Lungen. Dieser Gestank...

  ?L...lass mich... los“, war ihre Stimme kr?chzend leise. War das wirklich ihre Stimme? Nichts geschah und die Stahlfesseln l?sten sich nicht um ihren K?rper. Emmanline versuchte, sich zu winden wie ein Aal, aber sie hatte keine Chance. Was sollte das?

  ?Du solltest noch liegen bleiben und dich ausruhen“, klang er befehlend und nicht anders. Seine Arme waren wie Drahtseile und er erdrückten sie, was sie weiter in Panik versetzte. Es wurde enger und erdrückender, w?hrend sie dem ekelhaften Duft n?her kam und ihre Nase darin getaucht wurde. Sie würgte angeekelt und bekam noch weniger Sauerstoff, als zuvor. Ihr Bewusstsein geriet in einem panischen Fluchtzustand und alles in ihr schrie, genau dem nachzukommen.

  ?B... bitte lass m... mich los...“, wimmerte Emmanline flehend, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, voller Schmerz und Verzweiflung. Noch einmal versuchte sie, sich aus seinen stahlharten Fesseln zu winden, auch wenn ihre Kr?fte kaum reichten. Hoffnung, so brüchig sie auch war, trieb sie an, vielleicht doch entkommen zu k?nnen. Ein leises Knurren antwortete ihr. Diesmal war es nicht beschwichtigend, sondern gereizt. Doch dann, unerwartet, lockerten sich seine Arme. Kaum spürbar zuerst, dann entschlossener.

  Emmanline z?gerte keinen Moment. Sie nutzte die Gelegenheit, riss sich los und sprang aus dem Bett, als h?tte sie sich verbrannt. Doch kaum berührten ihre Fü?e den Boden, schwankte alles um sie. Ein Schwindelgefühl überkam sie, der Raum kippte gef?hrlich zur Seite. Keuchend und mit zitternden Fingern griff sie nach dem n?chstbesten Halt, dem Bettpfosten, und klammerte sich daran, um nicht zu stürzen. Ihre Augen presste sie fest zusammen, das pochende Herz verfehlte einen Schlag, als sie gegen das l?hmende Gefühl ank?mpfte. Sie war zu schnell gewesen.

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  ?Ich hatte dich gewarnt, du sollst noch etwas liegen bleiben“, war seine Stimme kalt wie Eis, berechnend und scharf wie eine Klinge. Natürlich. Wie sollte er auch anders sein? Gleichgültigkeit schien den Drachen in die Wiege gelegt worden zu sein. Eine Arroganz, die ihnen wie ein Erbe anhaftete.

  Emmanline spürte, wie sich in ihr etwas aufb?umte. Zorn. Ablehnung. Ersch?pfung, nicht nur k?rperlich, sondern auf einer viel tieferen Ebene. Sie wollte das nicht mehr. Nicht diese N?he. Nicht diese Machtspiele. Nicht diese kalte Dominanz, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgt hatte. Mochte sie auch leiden. M?gen sie sie bestrafen. M?gen sie versuchen, sie zu brechen, was machte es schon aus? Sie konnte nicht sterben. Nicht wirklich und genau deshalb würde sie sich nie wieder beugen. Nie wieder blind folgen. Nie wieder zu einer ihrer Marionetten werden. Die Drachen mochten sich selbst für Herrscher halten, doch sie war keine Untertanin mehr.

  Jetzt, wo Emmanline seinen blutroten Rubin, ein Juwel, das ihm offenbar sehr viel bedeutete, nicht nur gestohlen, sondern auch noch aus Versehen in einen tiefen See hatte fallen lassen, h?tte sie sich am liebsten selbst geohrfeigt. Ausgerechnet jetzt musste sie tollpatschig sein und ausgerechnet bei einem der gef?hrlichsten Raubtiere. Sie hatte sich so sehr bemüht, jeder noch so kleinen Gefahr aus dem Weg zu gehen. Doch nun hatte sie nicht nur einen Drachen bestohlen, sondern ihn.

  Diesen Drachen...

  Der Drache mit dem h?chsten Rang, wie man sich in den Schatten der Flure zuraunte. Ein künftiger Herrscher, Anführer einer ganzen Sippe und ein Wesen, das in Macht geboren und in Stolz erzogen worden war. Seine Arroganz war nicht gespielt. Sie war Teil seines Wesens.

  Und sie…

  Sie h?tte es besser wissen müssen. Emmanline biss sich auf die Lippen, konnte es kaum fassen, wie sehr sie ihre eigenen Regeln missachtet hatte. Regeln, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen waren. Regeln, die sie ein Leben lang begleitet hatten, vor allem eine Stimme, die sie nie verga?.

  ?Pass auf, meine kleine Emma. Du musst immer unsichtbar bleiben und keine Aufmerksamkeit erregen. Das ist sehr wichtig, meine Kleine. Wenn sie wissen und herausfinden, was du bist, werden sie dich bis aufs Blut jagen. Sie werden nicht eher ruhen, bis sie das haben, was sie wollen. Ich wei?, du verstehst vieles noch nicht, und es ist nicht leicht… aber eines Tages wirst du es verstehen. Und ich verspreche dir, du wirst deine Freiheit bekommen. Das verspreche ich dir. Doch vorher darfst du niemandem vertrauen.“

  Die Stimme ihrer Mutter war glasklar in ihrem Kopf. Liebevoll, warnend und unendlich schützend. Als würde sie diese Worte jeden Tag erneut flüstern und vielleicht tat sie das auch... in Emmanlines Erinnerung. Solange, bis sie ihr entrissen wurde. Grausam und endgültig. Doch die Erinnerung blieb so lebendig, dass sie sich an jedes einzelne Wort erinnern konnte, als w?re es direkt in ihrer Seele gebrannt. Diese Worte waren ihr gr??ter Schatz. Nicht aus Gold. Nicht aus Edelsteinen. Sondern aus W?rme. Aus Liebe. Aus Vergangenheit. Und trotz des Schmerzes, der damit verbunden war oder gerade deshalb, würde sie diesen Schatz niemals hergeben. Nie . Selbst wenn dieser Schmerz tief in sich verborgen liegt.

  Nur letzten Endes hatte Emmanline klar gesagt und genau das Gegenteil war eingetroffen. Aus ihrer Unsichtbarkeit wurde eine Sichtbarkeit. Wie konnte man sich eigentlich einrichten? Wenn sie bedachte, wie lange sie erst auf eigenen Beinen stand und ihre Freiheit zu leben versuchte hatte...

  Drei Monate. Bei den G?ttern, drei ganze Monate, das ist doch ein riesiger Fortschritt für mein erstes Mal. Ein Rekord... , lachte Emmanline in ihrem Kopf, ein hohles h?hnisches Lachen, das bitter in ihrer Brust nachhallte. Wie l?cherlich diese Worte doch klingen. Und doch... keine Ironie. Es war nicht einmal Sarkasmus. Nur die schlichte Erkenntnis, dass sie sich selbst belogen hatte. Wem wollte sie hier eigentlich noch etwas vormachen? Sie war nicht dafür geboren, frei zu sein. Aber wenn das stimmt, warum dann dieser verzweifelte Kampf? Warum bemühte sie sich so sehr? Wofür? Für welche Hoffnung?

  Hoffnung...

  Was für ein t?richtes Wort. In ihrer Welt gab es so etwas nicht. Nicht für jemanden wie sie. Am Ende war Emmanline nur ein Gegenstand. Ein nützliches Werkzeug. Etwas, das man von links nach rechts schieben konnte und wenn es seinen Zweck erfüllt hatte? Dann stellte man es einfach und ohne jegliche Emotionen beiseite. Sie hatte ihn nicht einmal ansehen müssen, Emmanline wusste, was sie für ihn war. Nur ein Mittel zum Zweck. Ein Schlüssel zu seinem wertvollen Rubin und was er noch gedacht, mit ihr anzustellen. Wenn er alles erst hatte? War dann? Würde er sie dann fortwerfen, wie alle anderen?

  Vielleicht und sehr wahrscheinlich würde er genauso handeln. Und dann schlich sich ein neuer Gedanke ein. Einer, den sie kaum zu denken wagte, warum k?mpfte sie dann überhaupt noch? Warum ergab sie sich nicht einfach gleich? W?re doch alles viel leichter.

  Oder nicht?

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