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Kapitel 19: Die Ruhe vor dem Schmerz

  Sie erreichten einen Torbogen. Von au?en wirkte er unscheinbar – ein kleiner Innenhof, kaum gr??er als der Raum, den sie gerade verlassen hatten. Steinplatten, ein wenig Grün, nichts Besonderes. Aethyrael trat hindurch. Und blieb abrupt stehen. Der Garten… faltete sich auf. Nicht explosionsartig. Nicht spektakul?r. Er dehnte sich aus, als h?tte jemand den Raum daran erinnert, dass er gr??er sein durfte. Wege wanden sich pl?tzlich weiter, B?ume standen in Abst?nden, die zuvor unm?glich gewesen waren, und irgendwo in der Ferne glitzerte Wasser.

  Er blinzelte. ?…das habe ich kommen sehen“, sagte er nach einem Moment. ?Und trotzdem nicht.“

  Vaelthrys trat neben ihn. Für sie schien nichts ungew?hnlich. ?Der innere Garten passt sich an“, erkl?rte sie. ?Er zeigt nur so viel, wie man bereit ist zu sehen.“

  Aethyrael lie? den Blick schweifen. Die Luft hier war anders. Schwerer. Tiefer. Als würde sie Gedanken l?nger festhalten. ?Das ist keine normale Raumdehnung“, stellte er fest.

  Sie gingen weiter. Der Boden wechselte von Stein zu weichem Erdreich, ohne dass es einen klaren übergang gab. Pflanzen, die er nicht benennen konnte, wuchsen neben solchen, die ihm seltsam vertraut vorkamen. Ich wei?, was das ist, dachte er irritiert. Ich wei? nur nicht, woher.

  ?Was bist du?“, fragte er schlie?lich, ohne sie anzusehen.

  Vaelthrys blieb stehen. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Ihre Augen – diese drachische Tiefe – musterten ihn ruhig, ohne Abwehr. ?Ich bin eine Hüterin“, sagte sie. ?Eine von vielen Formen. Meine wahre Gestalt würde dich… ablenken.“

  Er nahm das kommentarlos hin. ?Und meine Mutter“, fuhr er fort, w?hrend sie weitergingen. ?Sie hat dich erschaffen? Oder bist du… ?lter?“

  Ein leises Atmen. Kein Seufzen. ?Wir kennen uns seit langer Zeit“, antwortete Vaelthrys. ?L?nger, als dieser Garten existiert. Aber jünger als die Idee von ihm.“

  Aethyrael verzog das Gesicht. ?Ihr habt wirklich ein Talent dafür, Dinge gleichzeitig zu erkl?ren und zu verschleiern.“

  Die trockene Feststellung brachte ihm tats?chlich ein kurzes L?cheln ein. Nach kurzer Zeit erreichten sie einen kleinen Hügel, von dem aus man den Garten überblicken konnte – oder zumindest den Teil, der sich gerade zeigen wollte. Wasser floss in schmalen Linien durch das Grün, als h?tte jemand es absichtlich geordnet. Aethyrael setzte sich ins Gras. Es fühlte sich real an. Zu real, um eine Illusion zu sein.

  ?Also“, sagte er nachdenklich, ?das Schloss ist innen gr??er als au?en, Bücher entscheiden selbst, ob ich sie lesen darf, und ein Garten reagiert auf meine… Bereitschaft.“ Er sah zu Vaelthrys auf. ?Ist irgendetwas hier nicht lebendig?“

  Sie schüttelte den Kopf. ?Doch. Aber es tut gut daran, es zu verbergen.“

  Er lie? sich zurückfallen, stützte sich auf die Ellbogen. ?Das wird anstrengend.“

  ?Nein“, korrigierte sie sanft. ?Das wird… interessant.“

  Aethyrael betrachtete den Himmel über dem Garten. Er war nicht derselbe wie drau?en. Die limbischen Monde zogen ihre Bahnen in stiller Ordnung, w?hrend die unerbittlichen Sterne funkelnd in stiller Gnadenlosigkeit dem Chaos des Kosmus eine Richtung gaben.

  Und ich, dachte er, bin der Stern, der scheinbar dazwischen f?llt – und den Preis bezahlt. Und irgendwo in ihm regte sich keine Angst – sondern Vorfreude. Sie gingen weiter, dem leisen Murmeln des Wassers entgegen. Der Garten verengte sich zu einem schmalen Pfad, der von niedrigen, fremdartig leuchtenden Pflanzen ges?umt war. Aethyrael betrachtete die Reflexionen auf den Bl?ttern, als würde der Garten selbst zuh?ren.

  ?Wei?t du“, sagte er schlie?lich, mehr zu sich selbst als zu ihr, ?ich kann mir ein Gespr?ch zwischen dir und meiner Mutter kaum vorstellen.“

  Vaelthrys hob leicht eine Augenbraue. ?Wirklich?“

  ?Ihr würdet beide in R?tseln sprechen“, fuhr er fort, w?hrend sie gingen, ?Antworten geben auf Fragen, die niemand gestellt hat, und am Ende h?tte man mehr offene Gedanken als vorher. Wahrscheinlich würdet ihr euch dabei noch zustimmend ansehen.“ Er hielt inne. Blinzelte. ?…das war gerade laut, oder?“

  Vaelthrys’ Schultern bewegten sich kurz. Ein leises, tiefes Lachen entwich ihr, warm und amüsiert – etwas, das nicht oft geschah.

  ?Sehr laut“, best?tigte sie. ?Und erstaunlich treffend.“

  ?Gut“, murmelte er. ?Dann bilde ich mir das also nicht ein.“

  ?Nein“, sagte sie listig. ?Du gew?hnst dich nur schneller an Dinge, die andere erst nach Jahrhunderten akzeptieren.“

  Sie traten aus dem schmalen Pfad heraus – und standen vor einem Brunnen. Er war alt. Nicht verfallen, sondern bewusst bewahrt. Schwarzer Stein, glatt poliert, mit feinen Gravuren, die sich im Wasser widerspiegelten. Das Wasser selbst war ruhig, fast spiegelnd, und schien tiefer zu sein, als es der Rand vermuten lie?.

  Drei Gestalten warteten dort. Aethyrael spürte sie, noch bevor er sie richtig sah. Silvara stand links vom Brunnen, aufrecht und ruhig. Ihre Augen funkelten scharf, jede Bewegung kontrolliert. Keine Unsicherheit erkennbar – nur absolute Loyalit?t – nicht blind, sondern entschieden. Rechts lehnte eine Gestalt mit einer Selbstverst?ndlichkeit, die fast provokant war. Es war natürlich Thalyra. Ihre Ausstrahlung war weich, einladend, manipulativ – und doch zurückhaltend. Als h?tte jemand eine Klinge in Samt gewickelt. Ihre Augen ruhten einen Herzschlag zu lange auf ihm. Aber nach seinem kleinen Auftritt bei der Prüfung, die nicht für seine Augen bestimmt war, auch nicht verwunderlich. In der Mitte, einen halben Schritt zurück, stand Ceryne ruhig und wachsam. Jeder Atemzug bedacht, jede Regung abgewogen. Ihre Augen musterten ihn nicht neugierig, sondern prüfend – als würde sie ein Gleichgewicht messen.

  Aethyrael blieb einen Augenblick stehen und warf Silvara und Thalyra einen wissenden Blick zu.

  Sieh an, dachte er, auch noch hier.

  Silvara neigte leicht den Kopf. Es war eine respektvolle Geste. Thalyra l?chelte wie immer zu viel – und Ceryne sagte nichts und hielt sich in den Schatten.

  ?Du hast sie bereits gespürt“, stellte Vaelthrys ruhig fest.

  ?Ja“, antwortete er ehrlich. ?Und ich wei? noch nicht, was ich nach dem Theater der Prüfung davon halten soll.“

  Thalyra lachte leise. ?Oh, das beruht auf Gegenseitigkeit.“

  Ein h?rbares Knistern lag in der Luft. Silvara trat erwartungsvoll einen Schritt vor. ?Willkommen im Herzen des Schlosses, Aethyrael.“

  Sein Name klang anders aus ihrem Mund. Er sah gespannt von einer zur anderen. ?Das ist also der Teil“, sagte er langsam, ?an dem ich so tue, als w?re das alles… nicht passiert.“

  Vaelthrys’ Stimme kam ruhig von seiner Seite. ?Nein.“

  Er zog eine Braue hoch.

  ?Das ist der Teil“, fuhr sie fort, ?an dem du lernst, dass Normalit?t hier keine Rolle spielt.“

  Er nickte einmal, knapp. ?Gut“, sagte er. ?Dann lasst uns ehrlich sein.“

  Sein Blick blieb einen Moment l?nger auf dem Wasser des Brunnens liegen, in dem sich sein Spiegelbild brach – Augen, Tiefe und dahinter ein unendlicher Horizont. Wenn das hier mein Anfang ist, dachte er, dann wird er kompliziert. Und seltsamerweise… gefiel ihm das. Einen Augenblick lang sagte niemand etwas. Der Brunnen murmelte leise, als würde er das Schweigen füllen wollen. Dann trat Vaelthrys einen halben Schritt vor, ihre H?rner fingen das Licht ein, die schmalen Runen an ihrer Wange flackerten schwach.

  ?Heute“, begann sie ruhig, ?werden wir deine magische Begabung begutachten.“

  Aethyrael blinzelte. Einmal. ?Begutachten“, wiederholte er. ?Klingt… endgültig.“

  Thalyra grinste schief. ?Alles hier klingt endgültig, Kleiner. Gew?hn dich daran.“

  Ein kurzer, scharfer Blick von Silvara genügte, um sie zum Schweigen zu bringen. Vaelthrys lie? sich davon nicht beirren. Ihr Blick ruhte fest auf Aethyrael, nicht prüfend, sondern suchend.

  ?Bevor du fragst“, sagte sie, ?das ist kein Test, den man besteht oder nicht besteht.“

  ?Schade“, murmelte er. ?Ich bin gut in Dingen, die einem keine Wahl lassen.“

  Sie ignorierte ihn gekonnt und wandte sich dem Brunnen zu, legte eine Hand auf den kalten Stein. Das Wasser reagierte nicht – aber etwas darunter schon.

  ?Magische Affinit?ten“, erkl?rte sie, ?sind nicht gleich Magie.“

  Aethyrael h?rte aufmerksam zu.

  ?Manche sind angeboren“, fuhr sie fort. ?Natürliches Talent. Ein Fluss, der bereits da ist, bevor du ihn bemerkst. Andere wiederum müssen erlernt werden. Sie beruhen auf Geduld, Struktur und Wiederholung.“

  Er verzog leicht den Mund. ?Klingt nervig und nicht besonders effektiv.“

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  ?Ist es auch“, best?tigte Ceryne ruhig. ?Deshalb scheitern die meisten.“

  Vaelthrys’ Stimme blieb ruhig, fast lehrend. ?Runen funktionieren anders. Sie basieren auf Intuition sowie auf Resonanz. Du fühlst sie, bevor du sie verstehst. Du meisterst sie nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung. Sie sind die Sprache des ?thers“

  Aethyrael spürte ein leises Flüstern seiner Runen. Ein best?tigendes Pulsieren in seiner Brust, dort, wo die Linien zusammenliefen – scharf wie ein ferner Schmerz. Beziehung, dachte er. Das Wort blieb h?ngen. Aber war das wirklich schon alles gewesen? Die Intuition konnte er greifen, da er sie bereits gespürt hatte. Mit der Beziehung jedoch wusste er ebenso wenig anzufangen wie mit der allseits gelobten Ordnung. Er wollte eine Frage dazu stellen, doch sie lie? ihn nicht zu Wort kommen und fuhr unbeirrt fort.

  ?Magie hingegen“, sagte Vaelthrys weiter, ?muss gelernt werden. Sie folgt Regeln, selbst wenn sie diese sp?ter bricht. Du hast sie bereits gespürt kleiner Stern. Bei der Prüfung bei der du niemals h?ttest sein dürfen.“ Sie warf ihm einen mahnenden Blick zu und Aethyrael verstand sofort. Er sich ein Grinsen verkneifen bei dem Gedanken an den Eindruck den er hinterlassen hatte.

  Bei dem Wort ?Magie“ regten sich die Runen unter seinen Augen. Einsicht und Gravitation, die beiden eigensinnigsten, flackerten nerv?s, als würde ein Wind durch sie hindurchziehen. Ironischerweise waren es stets diese beiden, die sich sichtbar bemerkbar machten. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in seiner Brust aus, nicht schmerzhaft, aber warnend, wie ein Stich, der andeutete, was kommen k?nnte – als würde der ?ther selbst durch sie hindurchflüstern, dass Magie eine Entweihung seiner Gesetze war. Die Runen verachteten Magie, das spürte er instinktiv. Sie waren in jeder Hinsicht klar überlegen, uralt, intuitiv – Magie war für sie etwas Schwaches, etwas, das Regeln und Ordnung brauchte, um zu existieren. Seine Runen jedoch hatten nichts für Ordnung übrig, und noch weniger für Magie, wie es den Anschein machte. Geboren im Chaos, um Ordnung zu wahren. Und sie machten klar, dass sie keine Konkurrenz duldeten. Sein junger K?rper spürte die Belastung schon jetzt, ein Hauch von Ersch?pfung, der sich wie Blei in seinen Gliedern einnistete – wie S?ure in den Adern, die noch nicht brannte, aber bald brennen würde. Noch kein starker Impuls, aber genug, um zu flüstern:

  Er sah von ihr zum Brunnen. ?Und wo passe ich da rein?“

  Ein Moment Stille folgte. Silvara verschr?nkte die Arme gewohnt l?ssig. Thalyra musterte ihn nach wie vor, weniger verspielt. Ceryne hielt den Blick gesenkt, als lausche sie etwas, das nicht h?rbar war.

  ?Das“, sagte Vaelthrys schlie?lich, ?finden wir heraus.“

  Das Wasser im Brunnen kr?uselte sich zum ersten Mal. Nicht heftig, jedoch genug, um zu zeigen, dass es zugeh?rt hatte. Aethyrael legte den Kopf leicht schief. Na klasse, dachte er. Jetzt bin ich offiziell ein Experiment. Und überraschenderweise… wunderte ihn auch das nicht.

  ?Gut“, sagte Aethyrael schlie?lich und verschr?nkte die Arme locker vor der Brust. ?Dann lass uns das Kind beim Namen nennen.“ Er sah Vaelthrys direkt an. ?Welche Affinit?ten gibt es überhaupt?“

  Vaelthrys’ Blick glitt kurz zu den drei anderen, dann zurück zu ihm. Nicht, um Erlaubnis zu holen – eher, um sicherzugehen, dass sie aufmerksam waren.

  ?Die grundlegenden“, begann sie ruhig, ?sind die klassischen Elemente.“

  Sie hob eine Hand, und über dem Brunnen flackerte ein sanftes Abbild auf.

  ?Feuer. Wasser. Erde. Luft.“

  Die Projektionen waren kontrolliert, beinahe lehrbuchhaft. Aethyrael musterte sie mit h?flichem Interesse.

  ?Und das war’s?“, fragte er. ?Klingt… überschaubar.“

  Thalyra lachte leise. ?Sag das mal jemandem, der von D?monenfeuer verschlungen wurde.“

  Vaelthrys hob leicht die Hand, und die D?monin verstummte augenblicklich.

  ?Daneben“, fuhr Vaelthrys fort, ?existieren spezialisierte Begabungen. Seltenere Str?mungen.“

  Das Licht über dem Brunnen ver?nderte sich.

  ?Naturmagie. Bindung an Wachstum, Verfall, Zyklen.“

  Grüne Linien durchzogen das Wasser.

  ?Licht. Ordnung, Offenbarung, Wahrheit.“

  Ein klares, fast schneidendes Leuchten.

  ?Dunkelheit.“

  Das Licht wurde nicht gel?scht – es wurde… tiefer.

  ?Nicht Abwesenheit von Licht. Sondern Raum. Schutz. Verschweigen.“

  Silvara nickte best?tigend.

  ?Verführung“, erg?nzte Vaelthrys sachlich. ?Einfluss auf Wahrnehmung, Begehren, Entscheidung.“

  Thalyra hob eine Braue. ?Meine Dom?ne.“

  Aethyrael schnaubte leise. ?Das überrascht niemanden.“

  Ein kurzes Zucken ging durch Thalyras Mundwinkel, doch sie sagte nichts.

  Vaelthrys’ Blick blieb auf Aethyrael gerichtet, nun sch?rfer. ?Und dann gibt es Str?mungen, die nicht oft gelehrt werden.“

  Der Brunnen verstummte und das Wasser wurde glatt.

  ?Zeit.“

  Ein kaum wahrnehmbares Zittern in der Luft.

  ?Raum.“

  Die Kanten des Gartens wirkten… weiter entfernt.

  ?Und Gravitation.“

  Das Wort hallte nicht. Es setzte sich.

  In diesem Augenblick antworteten die beiden St?renfriede erneut. Die Runen unter seinen Augen leuchteten hell auf – ein kurzes, fast freudiges Pulsieren, als würden sie endlich etwas h?ren, das ihrer würdig war. Endlich, schien dieses Flackern zu sagen, endlich spricht sie von etwas, das wirklich z?hlt. Für den Bruchteil eines Herzschlags fühlte Aethyrael pure Zustimmung. Dann kam der Schmerz. Ein schneidender, kalter Stich fuhr durch seine Brust, als h?tte jemand eine glühende Nadel direkt in die Runen gerammt. Das Pulsieren verwandelte sich in ein wütendes Rei?en. Die Runen verachteten es. Sie verachteten, dass Gravitation hier als Magie gelehrt wurde. Als etwas, das man lernen, formen, in Regeln pressen musste. Als würde sie einer einfachen Ordnung folgen. Sein Atem stockte. Für einen Moment wurde das Ziehen so scharf, dass er die Z?hne zusammenbei?en musste. Die Runen flackerten noch einmal, diesmal warnend, fast zornig. Ein letzter stechender Schmerz durchzog ihn vom Scheitel bis zur Sohle, machte seine Knie weich, als würde der ?ther selbst durch sie hindurch toben. Als wollten sie ihren Protest und Missmut noch einmal zum Ausdruck bringen. Als würden sie sagen: Unerh?rt, sich mit minderwertiger Magie zu befassen. Die alte Sprache ist klar überlegen, unwissendes Kind.

  Aethyrael ballte seine H?nde vor Anstrengung zu F?usten, unterdrückte ein Keuchen. Seine Finger zitterten noch nach, als der Schmerz durch seinen jungen K?rper hallte. überlegen?, dachte er trotzig. Dann beweist es mir – ohne mich zu zerrei?en. Der trotzige Impuls verebbte so pl?tzlich, wie er begonnen hatte. Der Schmerz wurde ersetzt durch eine angenehme W?rme, die sich wie ein trügerischer Mantel um ihn legte. War es Trost? Oder die Ruhe vor dem Sturm – vor dem Schmerz, den er bald erneut erleben durfte, weil die Runen es so wollten?

  Vaelthrys trat n?her, musterte ihn nun aufmerksam. Sorge lag tief in ihrem Blick verborgen, doch sie lie? sich nichts anmerken. Scheinbar hatte sie seinen inneren Konflikt bemerkt. ?Was du eben gespürt hast“, erkl?rte sie und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter, ?ist nichts, worüber du dich sorgen musst.“ Eine Pause folgte. ?Es ist eine natürliche Reaktion.“

  Aethyrael hob den Blick. ?Auf was?“

  Vaelthrys’ Stimme wurde leiser. ?Auf dich selbst und deine Sturheit natürlich.“ Sie l?chelte ihn gütig an.

  Dann geschah etwas unerwartetes.

  Sie hob beide H?nde und der Raum antwortete.

  Aus dem Nichts materialisierten sich mehrere Grimoire, eines nach dem anderen, schwebend, schwer wirkend, jedes mit einer eigenen Aura. Sie ordneten sich vor Aethyrael auf dem steinernen Boden an, ohne ein Ger?usch.

  Fein s?uberlich und bewusst platziert.

  Vaelthrys lie? die H?nde sinken.

  ?Das hier“, sagte sie, ?sind keine normalen Bücher zum Lesen. Diese

  Grimoire stammen von Aelthyria pers?nlich“

  Ein verwundertes Raunen ging durch die drei Hexen. Aethyrael beugte sich leicht vor. Die Einb?nde unterschieden sich – nicht im Stil, sondern im Gefühl.

  ?Feuer.“

  Ein Band, warm, unruhig.

  ?Wasser.“

  Ruhig, tief.

  ?Erde.“

  Schwer, best?ndig.

  ?Luft.“

  Kaum greifbar.

  Dann weitere.

  ?Natur.“

  ?Licht.“

  ?Dunkelheit.“

  ?Verführung.“

  Sie lie? einen Moment verstreichen, dann deutete sie auf ein letztes, unscheinbares Grimoire am Rand. Ein dunkler Einband. Still und Fast… widerwillig entgegen jeder Ordnung.

  ?Und dieses“, sagte sie leise, ?ist Gravitation.“

  Aethyrael spürte, wie etwas in ihm reagierte – nicht ziehend, nicht lockend. Etwas schien ihn zu erkennen.

  ?Du wirst nicht jedes beherrschen.“ Sie sah ihm direkt in die Augen.

  ?Aber wir werden sehen, welches dich erkennt.“

  Ein trockenes L?cheln huschte über sein Gesicht.

  ?Also doch eine Prüfung.“

  Vaelthrys’ Mundwinkel zuckten. ?Nein, Aethyrael.“

  Sie trat einen Schritt zurück und verschr?nkte die Arme.

  ?Eine Begegnung. Und nun berühre jedes Grimoire.“

  Er tat wie ihm aufgetragen wurde und wusste: Egal, welches Buch sich ?ffnen würde – es würde nicht nur gelesen werden. Aethyrael trat vorsichtig an die Grimoire heran. Jedes schwebte schwerelos, als h?tte es seinen eigenen Willen. Die Einb?nde glühten kaum wahrnehmbar, pulsierten sanft – oder unruhig, je nachdem, welche Affinit?t sie repr?sentierten.

  Er legte die Hand auf das erste Buch, das für Feuer stand. Kaum berührt, flackerte die Flamme innerhalb des Grimoire kurz auf – dann erstickte sie pl?tzlich, der Rauch zerfiel zu Staub, als h?tte das Element selbst erkannt, dass es sich in Gegenwart von etwas H?herem zurücknehmen musste. Aethyrael hob die Augenbrauen.

  Als er das Buch für Wasser berührte, verdampfte das klare Element augenblicklich. Moleküle zerfielen, als ob das Wasser prüfen wollte, wie es auf seine Pr?senz reagieren sollte, bevor es kapitulierte. Die Stille war eigenartig greifbar.

  Die Erde ?chzte, als er das Grimoire berührte. Steine zersplitterten leise, rissen auseinander, nur um sich in harmonischer Ordnung neu zusammenzusetzen, fast wie ein leiser Hinweis: Hier ist das Ma? der Dinge anders.

  Die Luft verdichtete sich, als er über das entsprechende Buch strich. Ein Druck lag pl?tzlich in der Brust, ein kaum merkliches Zusammenziehen des Raums um ihn. Die drei Untergebenen hielten den Atem an, überrascht von der ungewohnten Reaktion.

  Die Natur-Grimoire vertrocknete und verwelkte, als h?tte sie sich ergeben, w?hrend Licht und Dunkelheit – zwei separate Grimoire – in einem leisen Streit pulsierten, als wüssten sie, dass sie beide zu ihm geh?rten. Es war keine gewaltt?tige Reaktion, eher ein leises Feilschen um die Oberhand, ein Z?gern, ein Abw?gen, als wollten die Kr?fte prüfen, ob er ihre Tr?ger sein durfte. Und dann, als er schlie?lich das Gravitation-Grimoire berührte, geschah – nichts. Es segelte f?rmlich an ihm vorbei, reagierte nicht, als w?re es vollkommen zufrieden damit, dass er es berührt, ohne es zu ver?ndern. Ein stiller Beweis seiner Affinit?t – oder der Tatsache, dass die Gravitation für ihn ohnehin keine Grenzen kannte. Doch kaum hatte er die Hand zurückgezogen, schlug der Schmerz zu.

  Zuerst bei Licht und Dunkelheit.

  Ein sü?es, fast z?rtliches Brennen floss durch die Runen auf seinen Armen, als h?tten die beiden Kr?fte ihn angenommen – und gleichzeitig dafür bestraft. Es war wie warmer Honig, der sich in offene Wunden goss: golden, klebrig, verlockend. Für einen Herzschlag genoss er es fast. Dann wurde es bitter. Die Sü?e verwandelte sich in fauligen Schleim, der sich in seine Adern fra? und dort schwarze Blüten trieb. Er dachte, das w?re der Preis. Er dachte, er h?tte es überstanden. Doch die Runen hatten sich noch immer nicht mit dem Gedanken an Magie abgefunden.

  Der Schmerz bei Gravitation kam langsamer. Grausamer.

  Es begann als leises Knirschen tief in seinem Brustbein, genau dort, wo die Hauptlinien zusammenliefen. Dann bohrte sich etwas Feines, Glühendes durch sein Fleisch – ein Splitter aus purem, kaltem Sternenlicht, der sich langsam, best?ndig durch seine Blutbahn fra?. Er spürte, wie er wanderte: von der Brust hinauf in die Schultern, weiter in den Hals, bis er schlie?lich den Sch?del erreichte und sich dort wie ein lebendiger Nagel festsetzte. Metallischer Geschmack explodierte auf seiner Zunge, schwer und rostig, vermischt mit etwas widerlich Sü?lichem – wie Blut, das mit zerquetschten Rosenblüten verrührt worden war. Jeder Herzschlag trieb den Splitter ein Stück tiefer. Der Druck auf der Gravitations-Rune wurde gr??er, immer gr??er, als wollte sie seinen gesamten K?rper in sich selbst zusammenpressen, bis nur noch ein einziger, perfekter Punkt aus Schmerz übrig blieb.

  Aethyrael stand reglos. Kein Zucken. Kein Keuchen und kein verr?terisches Schwanken. Nur das leise, innere Knirschen seiner Z?hne, die sich so fest aufeinanderpressten, dass er das Knacken der Kieferknochen h?ren konnte.

  Da schlie?t sich der Kreis, dachte er, w?hrend ihm kalter Schwei? den Rücken hinunterlief.

  Schmerz ist tats?chlich ein Teil des Weges.

  Und doch war Aelthyria nirgends zu sehen. Dabei hatte sie doch so sehnlichst gewollt, diesen Schmerz mit ihm zu teilen. Hatte sie ihn nicht genau deswegen ?mein Stern“ genannt? Hatte sie nicht versprochen, jede Qual mit ihm zu genie?en?

  Nichts.

  Nur das leise Murmeln des Brunnens und die starren Blicke der drei Frauen. Sein L?cheln wurde schmal, fast boshaft. Von so etwas l?sst er sich nicht unterkriegen. Erst wendet sich sein K?rper gegen ihn.

  Dann seine eigenen Runen. Das konnte er nicht akzeptieren.

  Das wollte er nicht akzeptieren. Schmerz hin oder her – er würde nicht brechen. Niemals. Nicht heute.

  Nicht vor ihnen.

  Und schon gar nicht vor ihr.

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