Kapitel 2 – Der Weg nach vorn
Der Tag des Umzugs ins Wohnheim rückte n?her.
Für Jayden war es ein gro?er Schritt – vielleicht der schwerste seines Lebens. Noch nie war er l?nger als eine Woche von seinen Eltern getrennt gewesen.
Am Morgen des Abschieds standen sie lange in der Tür. Seine Mutter nahm ihn fest in den Arm, sein Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter.
?Alles wird gut, Jayden. Wir sind so stolz auf dich“, sagten sie.
Jayden nickte tapfer, obwohl ihm die Tr?nen in den Augen brannten. Er wollte stark sein – für sie.
Als Jonathan vorfuhr, stellte Jayden seinen Rucksack ab, atmete tief durch und stieg ein. Durch das Autofenster winkte er noch einmal, bis seine Eltern nur noch kleine Punkte in der Ferne waren.
Jonathan warf ihm einen kurzen Blick zu und sah sofort, wie schwer ihm der Abschied fiel.
?Hey“, sagte er leise. ?Egal, was kommt – ich bin da. Immer. Wie ein Bruder, ja?“
Jayden l?chelte schwach. ?Ja. Danke, Jonathan.“
Die Fahrt war lang, aber ruhig. Sie redeten wenig, jeder hing seinen Gedanken nach. Als sie endlich am Wohnheim ankamen, war Jayden nerv?s und aufgeregt zugleich. Nach der Anmeldung holten sie die Kartons aus dem Auto und machten sich auf den Weg zu ihrem Zimmer.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Jayden stolperte auf der Treppe. Die Kartons rutschten ihm aus den Armen, fielen zu Boden, und er stürzte. Sein Knie prallte hart gegen die Stufe.
Er verzog das Gesicht vor Schmerz – doch bevor er ganz zu Boden ging, packten ihn zwei kr?ftige Arme.
Ein junger Mann stand vor ihm. Dunkle Augen, ein freundliches L?cheln, eine ruhige Ausstrahlung. Für einen Moment hatte Jayden das Gefühl, als würde die Welt den Atem anhalten. Sein Herz begann zu rasen, ohne dass er wusste, warum.
?Alles gut?“ fragte der Fremde. Seine Stimme klang warm und tief.
Bevor Jayden antworten konnte, war Jonathan schon bei ihm, stützte ihn und bedankte sich bei dem Unbekannten. Gemeinsam brachten sie Jayden ins Zimmer.
Das Knie sah schlimm aus – aufgeschürft und blutend.
Jonathan rannte los und kam kurz darauf mit Verbandszeug zurück. Vorsichtig reinigte er die Wunde.
?Sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte er. ?Bitte pass auf dich auf, okay? Wenn du dich verletzt, tut mir das auch weh.“
Jayden sah ihn gerührt an. ?Es tut mir leid. Ich bin beim n?chsten Mal vorsichtiger.“
Sie l?chelten sich an – ein stilles Versprechen zwischen Freunden.
Da klopfte es an der Tür.
Jonathan ?ffnete – und vor ihm stand der Student von der Treppe.
?Chen“, stellte er sich vor. In den H?nden hielt er Jaydens Kartons.
?Die lagen unten. Ich dachte, ihr braucht sie vielleicht noch.“
?Danke dir“, sagte Jonathan und bat ihn herein.
Jayden brachte nur ein leises ?Danke“ hervor. Sein Herz schlug schon wieder schneller.
Nachdem sie ausgepackt hatten, schlug Jonathan vor, den Campus zu erkunden. Jayden nickte, und sie gingen los. überall waren neue Gesichter, Stimmen, Lachen. Schnell fanden sie Anschluss zu anderen Erstsemestern.
Doch Jayden war mit seinen Gedanken woanders. Immer wieder tauchte Chens Gesicht vor seinem inneren Auge auf.
Als sie am Sportplatz vorbeikamen, sagte Jayden, er wolle sich kurz ausruhen. Jonathan nickte.
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?Ruf mich an, wenn was ist, okay?“
?Ja, ja, alles gut. Geh ruhig.“
Jayden setzte sich auf eine Bank in der N?he der Tribüne. Die Sonne stand tief, der Himmel f?rbte sich golden. Er dachte an die letzten Stunden – an Chens L?cheln, an den Moment, in dem alles kurz stillgestanden hatte.
Dann bemerkte er ihn.
Ein Stück weiter sa? Chen, den Blick auf das Spielfeld gerichtet. Jayden konnte nicht wegsehen. Chen war gro?, sportlich, ruhig – und doch wirkte er freundlich, fast sanft.
Er spielte Football. Quarterback der Uni-Mannschaft, wie Jayden sp?ter erfahren sollte. Beliebt bei allen – vor allem bei den Studentinnen. Doch er schien kein Interesse an ihnen zu haben.
Als Chen sich umdrehte, trafen sich ihre Blicke.
Jayden err?tete sofort und schaute hastig weg.
Kurz darauf stand Chen auf und kam zu ihm herüber.
?Hey“, sagte er freundlich. ?Geht’s deinem Knie besser?“
Jayden nickte nerv?s. ?Ja… danke. Es tut kaum noch weh.“
Chen reichte ihm eine Wasserflasche. ?Hier. Es ist hei? heute. Trink genug, ja?“
?Danke“, murmelte Jayden.
Noch lange sa? er dort, die Flasche in der Hand, und fragte sich, was gerade mit ihm geschah.
Das Klingeln seines Handys riss ihn aus den Gedanken.
Jonathan.
?Wo bist du?“
?Am Sportplatz. Alles okay.“
?Bleib da, ich hol dich ab.“
Als Jonathan kurz darauf ankam, sa? Jayden auf der Bank und blickte in den Himmel.
?Die Sterne sind sch?n heute“, sagte er leise.
Jonathan grinste. ?Was ist los mit dir? Komm, lass uns was essen.“
Beim Abendessen erz?hlten sie sich, was sie erlebt hatten. Jonathan schw?rmte vom Campus, Jayden h?rte l?chelnd zu – doch in Gedanken war er noch immer bei Chen.
Sp?ter im Zimmer machten sie sich fertig fürs Bett.
?Morgen ist die Willkommenszeremonie“, sagte Jonathan. ?Wir sollten schlafen.“
Jayden nickte. ?Gute Nacht.“
Doch an Schlaf war nicht zu denken.
Jayden lag wach, das Herz schwer und warm zugleich. Er wusste schon lange, dass er auf M?nner stand. Seine Eltern und Jonathan wussten es ebenfalls, und es war nie ein Problem gewesen.
Doch was er heute gespürt hatte, war anders. Neu. Tiefer.
Vielleicht war es Zufall. Vielleicht auch der Anfang von etwas, das er noch nicht verstehen konnte.
Ein leiser Anfang.
Nach der Begegnung mit Chen spürte Jayden eine Ver?nderung in sich. Nicht ?u?erlich – sondern tief in seinem Inneren, als h?tte sich etwas verschoben, das er nicht greifen konnte.
Er wusste nicht, was es war. Lag es an Chen, diesem gut aussehenden, schwer zu durchschauenden Jungen? Oder spielte sein eigenes Herz pl?tzlich eine Rolle, die er nicht verstand?
Was ging gerade in ihm vor?
Er versuchte, das Gefühl zu ignorieren, doch es lie? ihn nicht los. Ein leises Ziehen in seiner Brust, ein ungewohntes Flattern, das immer dann st?rker wurde, wenn er an Chen dachte.
Noch konnte Jayden diese Empfindungen nicht deuten – und er wagte es auch nicht, ihnen Namen zu geben.
Doch irgendwann würde er es tun müssen.
Irgendwann würde er begreifen, dass Chen jemand Besonderes war.
Jemand, der sein Leben auf eine Weise ver?ndern würde, die Jayden sich jetzt noch nicht vorstellen konnte.
Noch nicht. Aber bald.
Mit diesem Gedanken schloss Jayden die Augen.
Und tief in ihm begann etwas zu leuchten –
leise, geduldig, wartend.

